Und jetzt?

24. Juni 2010

Danke für Ihre Anteilnahme und Ihre Ratschläge.

Es ist schwer in Worte zu fassen, wie es  mir geht, was hier passiert. Zu leicht lassen sich geschriebene Worte missdeuten, können Dinge interpretiert wert, die dessen nicht wert sind oder in die falsche Richtung laufen.

Die Polizei war heute morgen da, zweimal, denn beim ersten Mal wurde die Tür nicht geöffnet. Mein RTL-geschultes Hirn gaukelte mir Menschen in Blutlachen vor, in der Realität gab´s wahrscheinlich einen ganz anderen, weniger dramatischen Grund.

Meine Hauptsorge gilt nach wie vor den Kindern. Eltern erziehen mit verschiedensten Methoden, das wissen wir alle. Schwer ist es für mich auszuhalten, wenn Erziehung auf Schreien und Schlägen beruht, doch ich muss das akzeptieren. Den Kindern geht es gut, ich glaube das beurteilen zu können. Es gibt einen Unterschied zwischen “schlagen” und “misshandeln”, wo auch immer die Grenze zu ziehen ist.

Die Eltern hingegen … man sagt hier “die geben sich nichts”. Er schlägt sie, sie reisst ihn an den Haaren. Er boxt, sie bedroht ihn mit dem Messer. Eine Menge Alkohol scheint im Spiel zu sein, das ließ sich jedenfalls nicht überriechen. Sie war gestern das Opfer, ich öffnete ihr die Tür und versuchte zu helfen. Morgen ist er es vielleicht, dem ich helfe. Ich versuche nicht zu (ver)urteilen, versuche einen neutralen Blick zu behalten.

Und hoffe inständig, dass nicht nur ich mich um die Kinder sorge.

Was wirklich dort passiert, das kann ich nur erahnen. Verständigen konnten wir uns nicht, sie spricht kaum deutsch. Einer der größeren Söhne dolmetschte die wichtigsten Dinge. Es schien mir nicht angebracht, detailierter nachzuforschen, mit dem Kind als Sprachrohr.

So eine Scheissgeschichte.

*****

Und was wirklich ganz grässlich ist, ist diese Gratwanderung zwischen besorgter und gaffender Nachbarin. Diese Sorge, sich in eine Tratsche zu verwandeln. “Na, sie haben ja auch direkt gebloggt”, können Sie mir jetzt ganz richtig vorwerfen. Habe ich, ja. Ich habe auch sofort zwei Freundinnen angerufen, den besten Vater meiner Kinder natürlich auch und als die Hausfrisörin zum Kinderhaarschneiden kam, war ich heilfroh, dass ich´s NOCHMAL erzählen konnte. Wissen Sie, ich bin/war echt durch den Wind. Ich muss es erzählen, immer wieder. Weil ich muss es loswerden. Und brauchte tatsächlich Tipps, was ich tun kann, an wen ich mich notfalls noch wenden kann. Es ist ein kleiner Schock. Und wenn es mich schon so mitnimmt, wie, um Himmels Willen!, wie fühlen sich erst die Kinder?

16 Kommentare zu “Und jetzt?”

  1. IneS. sagt:

    Nicht falsch verstehen, die Hintergründe hab ich Dir vielleicht schon mal erzählt, ich weiß es nicht mehr…

    … aber möglicherweise nimmt es die Kinder nicht so sehr mit wie Dich, weil sie es (vermutlich) nicht anders kennen und mit dieser Situation und den Lebensumständen aufgewachsen sind…

    … Kinder sind sehr anpassungsfähig und stecken viel weg. Was ihnen im Laufe der Jahre angetan wurde, begreifen sie erst im Erwachsenenalter, manchmal sogar erst, wenn sie selbst Kinder haben…

    So traurig das klingt, es ist wahrscheinlich so, dass Aussenstehende (mit intakten Familien) wesentlich schockierter und mitgenommener sind als die Betroffenen selbst.

  2. Sunni sagt:

    Liebe Frau…äh…Mutti,
    was Sie gemacht haben, und zwar aus echter Anteilnahme und dem Gefühl:ich muss da helfen und eingreifen…ist richtig. Und lassen Sie sich von mir als bald 60-jähriger sagen:Man muss manche Dinge aussprechen, reden darüber oder schreiben, sonst wird man krank und zwar selbst, und das hilft auch keinem.
    Ich rate Ihnen Kontakt mit den Sozialbehörden aufzunehmen, auch wenn man oft vernimmt, dass die nicht reagieren. Machen Sie es ganz einfach für das Gefühl etwas getan zu haben für die Kinder. In die Familie selbst würde ich mich an Ihrer Stelle nicht weiter einmischen, das führt zu nichts,außer dass vielleicht Sie oder Ihre Kinder angegriffen werden. Wenn akut Not ist, wird man immer wieder aktiv werden, das ist selbstverständlich, aber wo Alkohol im Spiel ist, da kann man so und von “nebenan” nicht helfen, das gehört in die Hände von Ärzten, Sozialarbeitern und leider auch Behörden.
    Sie haben in der Situation das Ihnen Mögliche getan, das war und ist gut. Heute ist Ihre eigene Familie wieder dran, auch wenn die Gedanken noch bei dem Erlebten sind. Herzlich grüße ich Sie Sunni, die in Ihrem Blog so gern liest….

  3. Anja sagt:

    Ich kann sie so gut verstehen.

    Es ist eine seltsame Mischung aus Mitleid, dem Wunsch zu helfen und einer Prise Gaffen (auch wenn man noch so tapfer versucht, es zu unterdrücken).

    In meiner Ausbildung wohnte ich in einem Sozialbau. Fast lauter ältere Leutchen und direkt neben mir eine Familie mit 4-5 Kindern. ich weiß bis heute nicht so genau, wieviele es waren. Beide Eltern arbeitslos, nachts fuhren sie oft mit der Taxe weg um sturzbetrunken wiederzukommen.

    Die Kinder allein, nahmen dann auch gerne Wohnung auseinander. Ihr Wohnzimmer direkt neben meinem Schlafzimmer, ich lag oft nachts wach und habe atemlos dem Treiben gelauscht.

    Manchmal habe ich all meinen Mut zusammengenommen und bin rübergegangen um den wutentbrannten Vater darauf hinzuweisen, daß ich am nächsten Morgen sehr früh aufstehen muß und nachst um drei unter der Woche einfach keine laute Party stattfinden sollte. Irgendwann wollte ich kllingeln und an der Tür war ein Blutfleck.

    Es war auch so eine Mischung – ich hätte so gerne geholfen, aber die Kinder waren auch schon so abgestumpft, ich hatte das gefühl, ich erreiche sie garnicht.

    Was sie wohl heute machen?

  4. Ellie sagt:

    Liebe Frau Mutti,
    normalerweise, wenn ich in Ihrem Blog lese, bin ich erheitert. Diesmal schockiert. Wenn ich, so weit weg, mich schon so mies fühle und das alles nur gelesen habe, wie miserabel müssen SIE sich dann fühlen, da sie es erleben mussten?!
    Ich wuchs mit einem die Mutter prügelnden Stiefvater auf. Sie hat auch die Prügel auf sich genommen, die mir galten – er hätte mich wohl totgeschlagen… Meine Mutter fand mit vier Kindern die Kraft zu gehen. Aber sie hatte eine wie Sie an der Seite.
    Heute bin ich sehr dankbar, dass meine Mutter diese Frau hatte und wir Kinder den Rest unserer Kindheit friedlich genießen konnten. Ganz sicher ist auch Ihnen dieser Tage jemand dankbar!

  5. DasNordlicht sagt:

    Sie haben genau das richtige getan!
    Und ich glaube, Sie erzählen es nicht um des Tratschens willen, sondern um es selbst zu begreifen und \etwas daraus zu machen\ => einen guten Weg zu finden, damit umzugehen.
    Ich drücke Sie einmal aus der Ferne und wünsche Kraft und Mut!

  6. Heike sagt:

    Hallo,
    Du bist kein “Gaffer”, es ist unsere Pflicht, aufmerkam zu sein und auf unsere Mitmenschen aufzupassen – ganz besonders wenn Kinder im Spiel sind. Nichts ist schlimmer als “wegschauen” und Anonymität. Ich kann mich dem Rat nur anschließen und Dir raten, mit den Jugendamt Kontakt aufzunehmen damit den Kindern geholfen werden kann – leider wirst Du das wahrscheinlich mehrfach tun müssen. Die Kinder müssen aus der Situation genommen werden, ihnen muss geholfen werden. Es geht um deren Zukunft und ihre Chance im Leben. Ich wünsche Dir viel Kraft in der nächsten Zeit und schäme Dich nicht, aufmerksam zu sein und zu reden.

  7. Fiona sagt:

    ich bin vorsichtig geworden was behörden angeht, die shleichen gern auf mittelwegen rum, ich rede hier ganz klar vom jugendamt, das habe ich um hilfe gebeten und die haben die situation eher verschlimmert, früher wuste ich nicht das es auch andere institutionen gibt, das wäre zb. die familienhilfe der caritas, die helfen auch den erwachsenen und sicher haben die da auch leute, die sich ohne dolmetscher verständigen können, kirchen haben auch ganz oft solche anlaufstellen

  8. Ev sagt:

    Liebe Frau Mutti,

    Sie waren aus eigenem Entschluss da! Punkt. Aus. Ende!!!
    Ich wünsche Ihnen nach wie vor ganz viel Kraft und alles Gute!

    Die armen Kinder – in solchen alkoholisierten Verhältnissen aufzuwachsen, das reicht, um ein heranwachsendes Rückgrat mehr als einmal mental mehrfach zu brechen … sehr traurig … aber ich stimme Sunni ansonsten in allem zu!

    Liebe Grüße,
    Ev

  9. Ilana sagt:

    Für die Kinder: Kinderschutzbund – die bieten auch einiges an Hilfe an – sowohl für Sie zum reden, als auch für die Familie und ist zum einen nicht gleich das Jugendamt, zum andern kommt es beim Jugendamt immer sehr darauf an wie die zuständigen Mitarbeiter da sind

    Für die Eltern: eventuell nach Hilfe bei Gewalt in der Familie mit Migrationshintergrund suchen – da manche ausländischen Menschen (grade mit Sprachproblematik) sich eher auf jemanden einlassen können, der ihre Kultur kennt und versteht (evt. in der nächsten psychiatrischen Ambulanz oder beim Sozialpsychiatrischen Dienst oder Gesundheitsamt zu erfragen) – einfach die Nummern bereithalten und anbieten – im Endeffekt müssen sie dann den Weg selbst gehen – aber wenn schon mal ein paar Nummern von Ansprechpartnern da sind – hilft es manchmal dann in dem entscheidenden Moment den Mut zu haben.

    Mehr können Sie da nicht tun.

    Und Danke – dass Sie sich da überhaupt einen Kopf machen – das ist leider nicht selbstverständlich.

  10. Noga sagt:

    Sie schreiben von Sprachschwierigkeiten. In Berlin gibt es ein muslimisches Seelsorgetelefon. Mit der Zeit sollen neben deutsch und türkisch noch andere Sprachen dazukommen. Vielleicht wäre das eine Möglichkeit:
    http://www.mutes.de

  11. Stevie sagt:

    Liebe Frau äh Mutti,
    wenn es Menschen wie Sie nicht geben würde hätten wir alle ein echtes Problem!!!
    Bestünde unsere Gesellschaft nur noch aus pöbelnden, gaffenden, sich als etwas Besseres aufspielende Menschen
    – es würde noch mehr hilflose Menschen in schlimmen Situationen geben.
    Wenn man nur mit dem Finger auf jemanden zeigt und nichts tut ist mann nicht besser als die die zuschlagen…die haben es vielleicht unter Alkoholeinfluss getan…welche Ausrede haben die Gaffer?
    Naja, wenn man andere lautstark nieder macht fällt der eigene Gestank nicht so auf.
    Bitte halten sie durch und ändern sie sich NICHT.
    Liebe Grüße
    Stevie

  12. Carny sagt:

    es ist normal, dass man sich solche erlebnisse von der seele reden muss. ein teil davon ist sicher der wunsch nach “absolution”; man hat das Gefühl, man hätte es schon viel früher mitbekommen sollen und eingreifen müssen, und braucht den Zuspruch der Menschen um sich, dass man nicht früher handeln konnte. Dieses “Schuldgefühl” ist ganz schön hinterlistig, weil es klar ist, dass man vorher nichts machen konnte.

    Der andere Teil ist, dass schlimme Erfahrungen *raus*müssen. Man muss sich mitteilen, und ist auf die Antworten angewiesen, dass eben nicht jeder solche Gewaltsituationen gutheisst (der gesunde Menschenverstand sagt es uns ;) aber unter Drucksituationen ist der der erste mit einem Maulkorb), dass man das richtige tut, dass es *gute* Menschen auf der Welt gibt.

    Suchen Sie einen Vermittler, evt in der nächstgrößeren Stadt eine Hilfsorganisation für “Immigrantinnen”, die bei der Sprach- und auch Emotionsbarriere helfen. Und ganz wichtig: egal wie es weitergeht… wenn Ihre Hilfe nicht angenommen wird oder nicht fruchtet: keine Schuldgefühle aufkommen lassen! Es ist hart, aber … manchmal kann man einfach nichts machen ausser die Hand reichen.

    Viel Glück, egal wie es ausgeht.

  13. M.-K. sagt:

    Hallo Frau…äh…Mutti,
    aus eigener Betroffenheit kann ich Ihnen sagen, es ist gut, wenn Menschen, Nachbarn sich einmischen, sich Gedanken machen und nicht wegschauen. Das man über das Erlebte/Gesehene/Gehörte reden und/oder schreiben muss, ist ein natürlicher, gesunder! Prozess, um nicht selbst krank zu werden.
    Sie fragen sich (und damit vielleicht auch die Lesenden), an wen man sich noch wenden kann.
    Gute Erfahrungen haben Bekannte gemacht mit dem Weißen Ring/Opferschutzinitiative. (einfach googeln) Das ist keine Behörde wie ein Jugendamt, sondern kümmert sich um die Betroffenen, da könnten möglicherweise sowohl die Kinder (event. die Eltern) und auch Sie Unterstützung finden.
    Ansonsten gibt es Beratungsstellen wie Wildwasser, Zartbitter, etc., die zwar oft auf sexuelle Gewalt spezialisert sind, sicher aber auch hierbei nicht einfach die Augen (und Ohren) verschließen werden und wieder auch allen Beteiligten (eben auch Ihnen) Unterstützung gewähren werden, wieder auch keine staatliche Institution, denn die sind, so wie ich es lese, ja schon eingeschaltet.
    Alles Gute.

  14. eva sagt:

    frau mutti,
    das ist doch klar, dass eine solch patente frau wie sie das mitnimmt. das hat doch nichts mit tratschen zu tun. jeder braucht seinen kanal. polizisten gehen auch zu seelsorgern, feuerwehrmänner ebenso und psychologen müssen auch auffe couch.
    ich find das gut, es braucht mehr von solchen “echten” menschen wie dich! hinterher sind immer alle betroffen.
    sie schrieben ja schon einmal von den nachbarn…
    herrjeh, das ist schlimm.
    lg eva

  15. sandrachen sagt:

    Den Worten von M.-K.
    ” aus eigener Betroffenheit kann ich Ihnen sagen, es ist gut, wenn Menschen, Nachbarn sich einmischen, sich Gedanken machen und nicht wegschauen.”

    ..kann ich mich nur anschließen. Und zwar als Betroffene. Das was Ines im 1. Beitrag schreibt ist, zumindest was uns Geschwister angeht, einfach nicht wahr.
    Meine beiden Geschwister und ich wurden als Kinder immer wieder Opfer von Gewalt durch meinen Vater, meine Mutter ebenso.

    ALLE Nachbarn haben weg geschaut. Und alle haben gewusst, was bei uns los war, wir wohnten in einem Reihenhaus. Wie oft habe ich mir gewünscht, dass irgendjemand diesem Schwein eins in seine Fr…haut, ihm Grenzen aufzeigt.

    PS: Und Sie liebe Frau Mutti haben alles richtig gemacht.

  16. Rona sagt:

    Danke für das Mitteilen.
    Danke für den Mut, die Öffentlichkeit zu informieren.
    Danke für die Zivilcourage.

    Schreiben ist wie eine Therapie. Die Finger tippen, die Seele, das Unbewusst diktiert.

    Ich für meinen Teil sende Heilungsenergie in Richtung Nierstein.

    Rona