weiter geht´s!

12. September 2014

Die Sommerferien sind wie jedes Jahr verflogen, der Alltag hat uns bereits wieder.

Mögliche Themen in nächster Zeit:

- das neue Dach

- Heimatliebe “Von vorn betrachtet sieht ein Haus …”

- Heimatliebe “über´m Rhein”

- Herbstliebe samt Federweißer und Zwiebelkuchen (mit Lieblingsrezept)

- ein neuer, großer Garten

- Warum Kinder in Zeltlager fahren müssen/Warum Jungen ins Zeltlager fahren müssen

- mal wieder Catcontent

- Genähtes, Gesticktes, Weihnachtsmarktvorbereitungen

- zwei, drei Sachen mehr.

 

Ob es für jeden Tag reicht, das weiß ich nicht. Aber ich bin noch da, es geht mir gut und: immer die Ihre.

 

Eins noch: ich hab´s mir zu Herzen genommen, die Aufforderung “Wenn du facebook so doof findest, dann lass es doch.” Ich lasse es. Im Moment jedenfalls.

Vor fünf Jahren fiel uns auf, dass meine Schwiegermutter immer mehr nuschelte. Sie begann Laute zu schleifen, lallte, Worte kamen ihr nur schwer über die Lippen. Komisch war das und ich ertappte mich dabei, dass ich ihr hinterherschnupperte, weil ich dachte, sie habe getrunken.

Sie trank nicht, die verwaschene Sprache war ein erstes Symptom für ALS. Amyotrophe Lateralsklerose.  Sie verlor innerhalb von zwei Jahren die Fähigkeit zu sprechen, zu kauen und dann zu schlucken. Letztlich ist sie verhungert, Sondenernährung lehnte sie ab.

Wir haben hilflos zugesehen, wie die vitale, schöne Frau zu einem Schatten ihrer Selbst wurde. Um ihre Würde zu wahren, kauften wir ihr Tücher, die den Speichelfluß auffingen, suchten nach Warmhaltetellern, die auf ein niedliches Babymotiv verzichteten. Die Kinder waren am Unbefangensten. “Oma, lass mich das grad mal wegwischen.”, sagten sie und wischten Eingespeicheltes, Halbgekautes aus dem Mundwinkel. Als sie nicht mehr sprechen konnte, schrieb sie Zettel. Lehrte meinen Schwiegervater, wie man kocht, wie man Wäsche wäscht, wie man das Klo putzt. Wie man ohne sie überleben kann. Sie unternahmen gemeinsam lange Ausflüge, fuhren dorthin, wo sie schon immer mal hin wollten und an die alten Plätze aus der Kindheit. Als sie immer schwächer wurde, gingen sie hier spazieren.

Meine Schwiegermutter starb, als sie zu schwach wurde, ihre Würde zu wahren. Am 13. Geburtstag der Tochter, kurz nach unserem Besuch bei Oma und Opa. Wir hatten ihr alle noch Tschüss gesagt.

ALS ist grausam.

*****

In den Staaten begann sie, die Ice Bucket Challenge. Prominente und Semi-Prominente und solche, die es sein wollen oder irgendwann mal waren, lassen sich einen Eimer Eiswürfel/Wasser-Gemisch über den Kopf kippen, um _NICHT_ 100 Dollar für die Erforschung von ALS zu spenden. Natürlich – wooohooo! – spendet man trotzdem, nachdem man sich medienwirksam Wasser über den Kopf schüttete. So weit, so gut. Lauter Pluspunkte: ALS wird bekannt, die Stiftung bekommt Geld und Prominente ein paar Minuten Ruhm. Fein.

Und wie das so ist, mit den coolen Trends: das Ding schwappte nach Deutschland und schwappte bei Facebook in meine Timeline. Zuerst als geteilter Artikel “Schau mal Fußballer XYZ schüttet sich Wasser über den Kopf” oder “sogar Frau Trallalla, an die sich niemand mehr erinnert, ruiniert sich freiwillig Frisur und Make-up”. Ist das nicht TOLL?  Supi. Wenn nicht immer im “persönlichen Statement” dieses “oar, jetzt habt ihr mich , jetzt muss ich wohl auch, wie fies von euch.” auftauchen würde. Dieses “dann mach ich es halt, um NICHT spenden zu müssen.” Jaja, sie spenden trotzdem.

Und dann geschah es, dass sich auch einige meiner 500 besten Facebookfreunde Wasser über den Kopf schütteten, nachdem sie “nominiert” worden waren. “Warum machstn das?”, stand unter einem Video. “Och, das geht halt so rum im Netz, wenn man es nicht macht, muss man was spenden.” Spätestens hier war mir jeder Spaß vergangen.

Kurze Zeit später landete das traurige Video eines jungen Mannes in meiner Timeline, der Großmutter und Mutter an ALS verloren hat und nun ebenfalls an ALS erkrankt ist. Ich hab´s nicht fertig geschaut, als er begann in die Kamera zu weinen, hab ich´s abgeschaltet. Schlimmes Schicksal und ja, es zerreisst mich für ihn, aber gleichzeitig widert es mich an, dass dieses Schicksal so ausgeschlachtet wird. Übermorgen taucht das Video wahrscheinlich bei “heftig und Konsorten” auf: Du kannst dir nicht mal in deinen schlimmsten Alpträumen vorstellen, wie schrecklich…

*****

“Aber es ist doch super, dass jetzt soviel Geld gespendet wird und dass endlich mal jeder erfährt, was ALS ist, dass es das gibt!” bekomme ich zu hören, wenn ich rumnöle. Ja. Es ist toll, dass da Geld fließt. Und wahrscheinlich ist es auch völlig egal oder sogar normal, dass dieses Geld nur deshalb fließt, weil es die Möglichkeit gibt, sich medienwirksam zu produzieren und selbst darzustellen. Hauptsache Geld zu Forschungszwecken ist da. Deswegen muss es mir ja nicht gefallen.

Was da aber bei facebook passiert, dass diese Eiswasser-Sache nun als lustiges Stöckchen weitergereicht wird, zusammen mit Halbwissen und den ganzen Anzüglichkeiten in den Kommentaren (wieso hast kein weißes Shirt an? Harhar.) – widert mich an. In die Ecke, schämen.

#aufdieTische

12. August 2014

Ich bin heute auch auf einen Tisch gestiegen.
Als letzten Gruß an einen großartigen Schauspieler, als Dankeschön für viele Stunden brillanter Unterhaltung und als Mahnung, Depressionen als Krankheit ernst zu nehmen.

Rest in peace, Mr. Williams.

so viel und so wenig

17. Juli 2014

Kennen Sie das, wenn es einem ein bißchen über den Kopf wächst? Wenn man irgendwie alles mitbekommen will und natürlich nur die Hälfte schafft und das Gefühl hat, es sei bestimmt die falsche Hälfte? Obendrein ist Ihnen völlig klar, dass es völlig egal ist, dass Ihnen irgendwelche “Neuigkeiten” entgehen und trotzdem bleibt das Gefühl, ewig hinterher zu eiern.

Ich hab das ab und zu mal. Dann überfordert mich diese Internet-Sache. Ich habe an die Tür im Nähzimmer Tafelfolie geklebt, damit ich mir meine to-do-Liste draufschreiben kann. Ganz oben auf dieser to-do-Liste steht “Bloggediblog”, denn eigentlich wollte ich ganz viel schreiben. So viele Ideen und Impulse sausen um mich herum, doch ich kann nichts davon greifen. Und deshalb wühle ich weiter im Garten herum und in den Pausen sitze ich im Rosa Gartenhüttchen und fühle mich als hätte ich Urlaub.

Und das habe ich dann wohl auch. Urlaub. Ich nähe nicht, ich schreibe nicht. Ich lese echte Bücher, grabe, pflanze, ernte im Garten, treffe Freunde und höre mir heute Abend Katzenjammer auf der Zitadelle an. Und versuche auszuhalten, dass eben nicht alles geht und dass ich nicht überall mittanzen muss. Vorrübergehend.

Als Kommentar zu meinem letzten Beitrag wurde dieser Artikel der FAZ erwähnt: weiter kaufen, Primark macht stark

Natürlich rette ich nicht die Welt, wenn ich Primark o.ä. boykottiere. Den Anspruch habe ich nicht und glauben Sie mir, ich arbeite seit vielen Jahre in einem Weltladen, ich weiß, wovon ich spreche. Und ich habe auch keine perfekte Alternative, den “heile-Welt-Klamotten”-Laden gibt es nicht. Meine Wut kocht in erster Linie auch nicht (nur) wegen der Produktionsbedingungen, das muss ich ganz deutlich sagen.

Mich macht die Wegwerf-Mentalität wütend, das “ich brauch was Neues, aber billig muss es sein”-Gebahren, das “ich hab einen Kleiderschrank voll nichts anzuziehen”-Getue, die Suche nach dem Glück beim Klamottenkauf. Wenn der dreitürige Kleiderschrank überquillt, aber trotzdem der allerneueste Modeschrei gehört werden muss. Heute sind es Anker, gestern waren es Federn, vorgestern Füchse und davor Fliegenpilze. Egal was es morgen ist, ich kaufe es und der unmoderne Kram … bleibt im Schrank? Wird weggeworfen? Kommt zur Altkleidersammlung?

Es macht mich wütend, dass gestandene, kluge Frauen (und sicher auch Männer) sich jedes Jahr auf´s Neue diktieren lassen, was sie anziehen müssen, obwohl die Shirts von letztem, vorletztem, vorvorletztem Jahr völlig in Ordnung sind. Aber den falschen Schnitt oder die falsche Farbe haben.

Es macht mich rasend wütend, wenn dieser Scheiß-Spruch  “Frauen und Schuhe” fällt. Aus vielen Gründen. Aber natürlich auch deshalb, weil es einfach nicht notwendig ist, jedes Jahr die Schuhkollektion (das Wort muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen) auf den neuesten Stand zu bringen.

Schade, dass die acht Jahre alten Jeans noch passen, denn kein Mensch trägt mehr diese weiten Beine, jetzt müssen sie ganz eng sein. Und wenn eng wieder unmodern ist, dürfen die Jeans auf gar keinen Fall blau sein. Und ist es nicht paradox, Jeans mit Löchern und ausgewaschenen “used-style”-Stellen zu kaufen?!

Nein. Ein Boykott rettet die Welt nicht. Aber es schonte Ressourcen, Umwelt und letztlich sogar unseren strapazierten Geldbeutel, wenn wir nur ein bißchen Maß hielten. Uns nicht vorschreiben ließen, was uns schön macht. Wir wissen mittlerweile wohl alle, dass wir nicht schlank sein müssen. Jetzt sollten wir noch lernen, dass unsere Schönheit oder unser Wohlbefinden nicht von (billiger) Mode, die uns im allerschlimmsten Fall nicht mal steht, abhängig sind.

 

*****

Nein. Das Thema ist noch nicht durch oder gar. Aber ich bin im Garten.