Gaffer!
1. Juni 2009
Der Rettungshubschrauber landet direkt im Garten gegenüber und die Familie klebt am Fenster. Ist es der Nachbar, der so übergewichtig ist? Oder seine Frau, die ihm in nichts nachsteht? Oder der Sohn der beiden, der ist doch sowieso so komisch und ausserdem, weiß Frau … äh … Mutti, kommt da regelmäßig diese eine Arzthelferin mit Köfferchen ins Haus, da hat jemand irgendwas.
Der Rettungswagen fährt vor und es wird klar: es ist entweder der sanfte, alte Mann, den dieses grauenhafte Alzheimer-Ding langsam aber sicher zurück in ein Kind verwandelt oder aber seine Frau. Das wäre auch schlimm.
Ich ertappe mich mit den Kindern am offenen Fenster, lauernd, ob da nicht endlich mal was zu sehen ist. Endlich Gewisseheit, ob er oder sie. „Vielleicht kann ich ja was helfen“, schiebe ich als Ausrede vor und weiß doch, dass das völliger Humbug ist, denn ausser freundlichen Grüßen und einigen belanglosen Wettergesprächen gibt es keinen Kontakt. Und während mir meine Heuchelei bewusst wird, kommt die Erkenntnis:
Ich bin nicht besser als die Besen-Nachbarin, die stundenlang die Straße kehrt, um nichts zu verpassen.
Mein Fenster ist jetzt geschlossen und ich schäme mich.
1. Juni 2009 um 11:25
(ich schäm mich auch immer, wenn ich am fenster klebe, weil hier unten ein krankenwagen mit blaulicht hält.)
1. Juni 2009 um 11:33
Neugier ist eben menschlich… Es wäre mindestens genauso bescheuert, sich bei solchen Gelegenheiten in den Keller oder hinters Haus zu verziehen, nur damit man ein „reines“ Gewissen hat, oder? Wenigstens haben Sie ja mit Ihrer „Gafferei“ keine Rettungsmaßnahmen behindert, wie das leider so oft der Fall ist.
1. Juni 2009 um 12:26
nicht schämen – die kehrende besennachbarin steckt in jedem von uns. in mir zum beispiel. hier landet oft der rettunghubschrauber – zwei dicht befahrene strassen, ein see und eine herzklinik machens möglich. und jedesmal gaffe ich. und ich finde das liegt in der natur des menschen, das ist einfach so. ich finde nur, man muss dann irgendwann die kurve kriegen und gehen, bevor die glotzerei wirklich unnötig wird und in gaffertum ausartet. ich stelle mir bei sowas immer die frage: wie lange würde ich als betroffene den gedanken ertragen, dass jemand schaut? eine zeitlang ginge das. dann würde es meine intimsphäre stören. und das ist dann ungefähr auch die zeitspanne, die ich als gaffende zusehe und mich dann umdrehe und gehe.
1. Juni 2009 um 12:57
Liebe Frau Mutti,
schämen würde ich mich nicht soo sehr wegen des Gaffens (so lange es im Rahmen bleibt, niemanden behindert und nicht ausartet), schämen würde ICH mich bei Ihrer Erkenntnis für etwas anderes: den Hauch des Gedankens gehabt zu haben, der Besennachbarin „überlegen“ zu sein.
Hab ich mich auch schon bei ertappt.
Ich wünsche Ihnen weiterhin so gute Kniebesserung und einen sonnigen, friedlichen Pfingstmontag, und natürlich, dass es demjenigen, weswegen der Notarzt da war, wieder besser geht.
Viele liebe Grüße
Erzangie