Egoistisch und narzisstisch, Teil XVIII
31. Dezember 2025
Januar:

Neues Jahr, neues Glück, neue Vorsätze.
Ich beschließe der depressiven Phase mit Sturheit und jede Menge Glitzer zu begegnen. Will jeden Tag etwas finden, das für Freude sorgt oder mir hilft, aus dem Loch zu kriechen.
An manchen Tagen schaffe ich es kaum aus dem Bett, an anderen (wenigen) habe ich so viel Energie und lasse mich von Begeisterung mitreißen und anstecken, dass ich mit der allerbesten Freundin einen Wanderurlaub plane! (er findet nicht statt, ich schaffe es nicht. Das tut mir immer noch so leid!)
Ich schaffe das Haushaltsgedöhns einigermaßen, koche ab und zu Köstlichkeiten und manchmal begleite ich den Gatten bei den Hunderunden. Alleine kann ich nicht mit den Hunden gehen, ich bin zu kraftlos, kann mich nicht durchsetzen und keine Verantwortung übernehmen. Keine guten Voraussetzungen, um verantwortungsvolle Hundehalterin zu sein.
Ein bißchen aus dem Haus komm ich auch. Wir besuchen einen Science Slam, gehen mit dem Großen essen und treffen Freunde.
Gegen Ende des Monats bringe ich die Stickmaschine zum Glühen, jede Menge „Nazis raus“- „Broschen“ entstehen.
*****
Februar:

Der Monat beginnt mit geballten Terminen: wir sind zum Neujahrsempfang der Grünen eingeladen, der „Marktplatz für Demokratie“ findet statt und ein Abschiedsessen muss zelebriert werden. (das Tapas in Nierstein schließt. Die Freunde und wir sind sehr traurig, Gambas al ajillo werden uns fehlen.)
Die Stickmaschine spuckt weiterhin Unmengen von „Nazis raus“-Broschen aus, ich verschicke sie gegen eine Spende an „Rheinhessen gegen rechts“ an sehr viele Menschen.
Außerdem übe ich weiterhin das Konterglitzer gegen Depressionslöcher. Stapele mir bunte Stoffe für künftige Quiltdecken auf den Nähtisch, schaffe es aber nicht, sie zu nähen.
Male Buchstaben für den Schriftzug „Menschenrechte statt rechte Menschen“ am Hallentor und male 15 extra „r“s, weil witzige Idioten das „r“ immer wieder abreißen. Wir erstatten regelmäßig Anzeige, ich jammere regelmäßig meine Instagramstories darüber voll. Irgendwann trudeln Päckchen mit Stiften und Laminierfolien ein, dazu ermutigende und aufbauende Worte: nicht aufgeben. (niemals!)
Ich stürze mich in die Vorbereitungen für meinen nachgeholten „Adventsbrunch“. Diese machen fast genausoviel Spaß wie das eigentliche Fest. Während des Brunches ertappe ich mich dabei, wie ich selig meine Gäste angrinse und sie alle furchtbar lieb habe.
Gegen Ende des Monats wird gewählt. Das Ergebnis überrascht wenig, ist aber deshalb nicht weniger schlimm. Wir blenden unseren Frust aus und feiern stattdessen den Jüngsten. 26 Jahre dürfen wir schon mit ihm leben, wie toll ist das denn?
Nach der Feier muss ich mir eingestehen, dass „ein bißchen gut“ nicht gut genug ist. Und dass Sturheit kein Werkzeug gegen Depressionen ist.
Ich packe einen Koffer und eine Tasche und ziehe für vier Wochen in die Rheinhessenfachklinik zur stationären Therapie.
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März:

Die Zeit in der Klinik ist hart.
Ich muss mir das Zimmer mit einer Patientin teilen, Dusche und Toilette sind überm Flur, die Mahlzeiten ordne ich unter „stets bemüht“ ein und es dauert ein paar Tage, bis ich ankomme, aufhören kann, mich zusammenzureißen und zu funktionieren.
Einzelgespräche, Gruppentherapien, geregelte Mahlzeiten, Frühsport, Spaziergang, Ergotherapie – ein straffer Stundenplan wird durchgezogen. Abends falle ich totmüde ins Bett, kann aber keine Nacht durchschlafen, weil der Nachtdienst alle zwei Stunden schaut, ob alles ok ist. Der Schlafmangel macht mir sehr zu schaffen, ab der dritten Woche habe ich mich aber daran gewöhnt.
Eine Medikation wird eingeführt und, da ich sie nicht vertrage, wieder umgestellt. Mit dem Ergebnis, dass ich fast die Treppe hinunterstürze, weil sich mir der Boden entgegenwölbt. Zwei Tage lang bin ich ziemlich „drauf“, dann tut das neue Medikament was es soll.
Mit den anderen Patienten und Patientinnen verbringe ich sehr viel Zeit über Puzzles gebeugt. Unfassbar intime Geschichten werden ausgetauscht, wer, wann, womit Probleme hat. Es ist ein geschützter Raum, die 19jährige Transperson tauscht sich mit dem 56jährigen Angstpatienten aus, die Frau mit der Essstörung unterhält sich mit dem Typ, der irgendeine Psychose hat. Es wird wahnsinnig viel gelacht und herumgealbert, keine Spur vom Kuckucksnest, ich bin Teil der bekloppten Familie.
Ich lerne viel über Depressionen und wie ich damit leben kann, nebenbei läuft eine weitere Diagnose an. (läuft, Stand heute, immer noch, ich werde irgendwann vielleicht berichten).
Zack sind die vier Wochen um, die Tochter kommt mich abholen und ich werde von 23 Mitbekloppten zum Abschied umarmt.
Daheim schlafe ich tief und fest und quer im großen Bett, der Gatte kommt erst am nächsten Tag aus Singapur zurück.
Überraschenderweise (haha) bin ich nicht geheilt, aber gestärkt und zuversichtlich. Außerdem will ich auf gar keinen Fall jemals wieder in die Klinik, selbst wenn es nicht so schlimm wie befürchtet war.
„so, jetzt erstmal ne langsame Wiedereingliederung!“, dachte ich. Stattdessen ging es sofort wieder drunter und drüber. Mein Schwiegervater landete nach Reanimation auf der Herzintensivstation und niemand wusste, ob und wie es mit ihm weitergeht. Die Familie war vollzählig versammelt, denn eigentlich wollten wir seinen 91. Geburtstag mit ihm feiern. Stattdessen verbrachten wir abwechselnd sehr viel Zeit im Krankenhaus und begannen alles Weitere zu planen, als sich abzeichnete, dass er über den Berg ist.
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April:

Ich begann einen neuen Job, ich wurde (und bin jetzt) Pflegekraft für meinen Schwiegervater. Ganz offiziell, meine Dienstleistung wird meiner Rente angerechnet.
Bevor mein Schwiegervater heimkam, wirbelte ich einmal durch seine Wohnung. Wir hatten das bisher nicht für nötig gehalten, aber hui. (little do we know) Ich sortierte, mistete aus, räumte um und putzte sehr, sehr viel. Wir organisierten einen Duschhocker und einen Rollator, eine Pflegestufe wurde ermittelt, Physiotherapie organisiert und drei Wochen, nachdem ihn der älteste Neffe leblos gefunden hatte, stieg mein Schwiegervater wieder die Treppen in den vierten Stock hoch, vier Wochen später fuhr er mit dem Dreirad einkaufen.
Anfänglich wehrte er sich gegen meine Unterstützung, heute findet er sein „Pascha-Leben“ (seine Worte) toll und erzählt allen Menschen, wie streng ich mit ihm sei. (ich habe ihm einen Zettel an sein Medikamentenkästchen geklebt: „Nimm die. wenn Du gesund sterben willst!“ Klappt!)
Neben dem Opa-Dienst wühlte ich mich durch den Garten. Endlich draußen sein, endlich die Hände in die Erde stecken, durchatmen und endlich, endlich, endlich daheim und in meinem Leben wieder ankommen.
Die Familie rückte an Ostern an, den Opa besuchen und bei uns essen. Außerdem heckten die Kindelein mit den Neffen einen wunderbaren Plan aus: Haus-, Garten- und Viecherbetreuung, damit wir im Sommer vier Wochen in Schweden urlauben können. Großartig!
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Mai:

Mein Schwiegervater und ich sind nun ein eingespieltes Team, mittlerweile lässt er es an Pia-Tagen ruhiger angehen und begrüßt mich auch schon mal noch im Schlafanzug. Wir setzen uns zusammen an den Tisch, er frühstückt und erzählt, ich höre zu und nicke aufmunternd. Dann schickt er mich an meine Arbeit, damit er in Ruhe Zeitung lesen kann. Mit diesen Arrangement sind wir beide zufrieden.
Haus und Garten habe ich wieder im Griff, nur die Sache mit den Hunderunden ist schwierig. (übrigens bis heute) Ich schaffe es einfach nicht, mit beiden Hunden loszulaufen. Keine Ahnung warum.
Ich finde eine Psychiaterin, die mir meine Medikation verordnen kann, bzw. deren Bedarf im Auge hat und die die Diagnose der anderen Sache fortführt. Eigentlich nicht fortführt: sie beginnt von vorne, weil die Standardtestung auf Männer ausgelegt ist. Interessantes Thema, muss ich mal erzählen. (Notiz an mich)
Die Freitagsfreundin und ihre Tochter fahren mit mir zu Tochter für ein Wochenende nach München. Einen Ausflug nach München haben wir vor fast zwanzig Jahren schon mal zusammen gemacht, das wollten wir wiederholen. (diesmal ohne Feueralarm in der Nacht in der Jugendherberge) Ein wundervolles Wochende voller „weißt-du-nochs,“ als die beiden Töchter die zweigebärmuttrigen Zwillinge Annemarie und Marianne waren. Die Freitagsfreundin und ich versicherten uns auf dem Heimweg gegenseitig, welch großartige junge Frauen die beiden geworden sind. wie perfekt wir sie erzogen haben (oder sie uns) und dann erinnerten wir uns mit leisem Schauder an Magen-Darm-Grippen, Läuse, Trotzanfälle, Scharlach, Elternabende und all den Spaß, den Eltern jüngerer Kinder so haben. Wir waren dann kein bißchen nostalgisch und wehmütig mehr, sondern einfach froh, dass die beiden sich nach so vielen Jabren immer noch mögen. Wir werden solch ein Treffen unbedingt wiederholen.
Als Einstieg ins Wanderleben und zur Vorbereitung auf den Sommerurlaub fuhren wir mit Rucksack, Zelt und beiden Hunden mit mehreren Zügen und Regionalbahnen und tausenden von Menschen, die ähnliche Pläne hatten, in den Schwarzwald. Wandern ist schön, Zelten ist schön und Menschen, die das auch mögen auf Trekkingplätzen zu treffen sowieso.
Außerdem im Mai: Hochzeitstag! Dreißig Jahre gemeinsam durch Höhen und Tiefen und ich liebe diesen Mann noch immer wie damals, als alles frisch und aufregend war.
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Juni:

Der Opadienst läuft weiterhin prima. Mein Schwiegervater bittet mich darum, Ungenutztes auszusortieren und zu entsorgen, unter anderem auch den Sekretär meiner schon lange verstorbenen Schwiegermutter auszuräumen. Das berührt mich sehr. Einerseits sein Vertrauen zu mir, in den Sachen seiner Frau herumkramen zu dürfen, andererseits dann die vielen Erinnerungen an meine Schwiegermutter, die ich in Händen hielt. War ein besonderer Moment, über den ich einige Tage nachdenken musste.
Der Gatte verreiste für eine Woche zu einem Hochtourenkurs in die Berge. Ich wuppte das Leben daheim wieder ganz gut, sogar die Hunderunde alleine. Da die Afrikanische Schweinepest die Wildschweine in der Gegend dahinraffte und möglichst nicht verbreitet werden sollte, herrschte Leinenzwang und ich übte mich in der hohen Kunst des Leinenmakramees.
Weil ich plötzlich wieder Kraft, Energie und Lust, was zu tun hatte, engagierte ich mich wieder mehr in der Bürgerinitiative „Nierstein gegen Rechtsextremismus“. Besuchte das „Kino im Park“, nahm an der Demo gegen die Eröffnung des A*D-Büros und Plenumssitzungen teil und hörte mir selbst sehr erstaunt zu, als ich zu der Frage, ob ich mit ins Sprecherinnenteam der Initiative kommen wolle, „ok.“ sagte.
Aufeinmal hatte ich etliche Termine im Kalender, eine weitere Aufgabe und deshalb packte ich erstmal meinen Rucksack für den Sommerurlaub! :)
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Juli:

Schweden! Der Kungsleden, mein Endgegner.
Eine phantastische Wanderung. Ich habe unendlich viel Freude und reines Glück gespürt, vergleichbar vielleicht mit diesem „runners high“. Die Landschaft, die Weite, die Farben, die Ruhe, diesmal auch das Wetter – alles perfekt!
Ich war nahezu untrainiert, schaffte aber die anvisierten Tagesetappen gut, war aber am Ende der Tour immer so erschöpft, dass ich das Zelt nicht mehr aufbauen konnte, das musste jedes Mal der Gatte übernehmen.
Einmal fiel ich in einen Fluß (der Gatte behauptet, es sei nur ein breiter Bach gewesen), einmal knallte ich kopfüber den Weg runter. Es muss spektakulär ausgesehen haben. Verletzt habe ich mich bei beiden Aktionen nicht, nach dem Kopfübersturz musste ich mir nur ein Steinchen aus dem Knie puhlen und hinterher wackelige Beine veratmen. Wir stapften durch Schnee, Matsch und Blockwerk, über Wiesen, Holzplanken und überquerten unzählige Gewässer, meistens über Gitterrostbodenbrücken, die mich sehr forderten. Wir küssten uns auf jeder Brücke, hatten ein gutes gemeinsames Tempo, konnten stundenlang miteinander schweigen und waren uns einig, dass es nicht um Tempo und Stecke, sondern ums Draußen-Sein geht. Da die Nächte nicht dunkel wurden, hatten wir keinen Zeitdruck bei der Zektplatzsuche und ach, es hätte alles so perfekt sein können, hätte sich nicht Frau Knie zu uns gesellt.
Ein sehr langer Abstieg nach sehr steilem Aufstieg und sehr schwierigem Weg über Blockwerk und rutschigem Schneematsch waren zu viel. Die Schmerzen wurden fies und ich bereue es noch heute so sehr, dass wir uns nicht in der Nähe der letzten Hütte einen Zeltplatz gesucht haben. Stattdessen stiegen wir die letzten schier endlosen acht Kilometer noch ab, weil dort am Ende eine Dusche, ein Hotelbett und Pommes lockten. Während der letzten beiden Kilometer heulte ich vor Wut und Schmerzen, mittlerweile nicht mehr nur Schmerzen im rechten Knie, sondern auch durch das schonende Gehen im linken Schienbein. „Schienbeinkantensyndrom“, erklärte mir Wochen später meine Physiotherapeutin, „kommt von zu schnell zu viel.“ Tja.
Wir ruhten einen Tag, aber ein Tag reicht nie. Deshalb wanderte der Gatte die nächste Etappe allein und ich kam in den Genuss mehrerer Busfahrten. Sehr komfortabel, auf gepolsterten Sitzen, mit Gurt und klimatisiert. Bevor ich mir selbst zu sehr leid tun konnte, verhinderte eine Rentierherde die Weiterfahrt des Busses und ich konnte in aller Ruhe diese wirklich hübschen Tiere bewundern.
Der Gatte und ich trafen uns wieder, aber wandern klappt noch immer nicht. Deshalb zelteten wir an einem Fluß, hielten dort die außergewöhnliche Hitzewelle schwimmend sehr gut aus und schafften irgendwann dann doch noch die letzte 140 Kilometer des Kungsledens.
Ich habe ihn schon wieder nicht ganz geschafft, der Teil mit den vielen Bootpassagen fehlt. Keine Ahnung, ob wir es NOCHMAL versuchen. Diesmal bin ich jedenfalls nicht frustriert.
Wir hängten noch ein paar Tage in Stockholm an, besuchten das grandiose Vasa-Museum und nach vielen, vielen Tagen mit sehr wenig Menschen, waren die vier Stunden Prideparade im Gedränge eher fordernd. Aber wow, wie toll war das! Ich habe bis zum Ende des Zuges gejubelt, geklatscht und getanzt. Welch ein Fest!
Welch ein Urlaub! (nächstes Jahr bleiben wir daheim, bzw. machen wir nur kürzere Touren.)
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August:

Keine Zeit, mich vom Urlaub zu erholen! Die Arbeit in der Bürgerinitiative begann sofort. Ich saß im Handarbeitsbüro, plante und baute einen Infostand für Deutschlands kleinsten CSD (der in Nierstein, zum dritten Mal in Folge!) und das Internationale Kulturfest auf und war mittendrin in Planungen für weitere Veranstaltungen, Vorträge, Infoabende und Weiterbildungen. So viel Neues zu lernen!
Und weil Frau Knie weiterhin unfreundlich war, holte ich mir Cortison und ein Rezept für Physiotherapie beim Orthopäden ab. Das Knie ist kaputt, kann man wenig machen, außer durch Muskulatur stärken. Ist halt doof, wenn es gerade weh tut, aber das wird schon wieder. Ein künstliches Gelenk möchte ich (noch) nicht.
Franz, der sechs Wochen zuvor verschwunden war und von dem wir uns schon leise verabschiedet hatten wurde vom Jüngsten gesichtet. Ich machte mich sofort auf den Weg und auf mein Rufen hin, kam ein dürres, klappriges, struppiges Katerchen maunzend aus dem Gebüsch gehumpelt. Wir begannen umgehend mit dem Aufpäppeln und Entfilzen seines Fells. Die Tierärztin nahm Blut ab und daraufhin wurde die Schilddrüsenmedikation neu eingestellt. Außerdem gab es ein Schmerzmittel zur täglichen Einnahme wegen der wehen Hüfte. Und Hausarresr für drei Wochen, damit das Vieh wieder lernt, wo es hin gehört :)
(mittlerweile hat Franz längst wieder Freigang, hat fast zwei Kilo zugenommen, glänzendes Fell und liegt am Liebsten auf dem Sofa des Jüngsten, dort hat er seine Ruhe.)
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September:

Mein Terminkalender bleibt voll. Ich wundere mich, wie voll berufstätige Menschen Zeit und Kraft für ein Ehrenamt finden. Wir planen mit der Bürgerinitiative ein Grillfest, nehmen beim rhine-clean-up teil, planen einen weiteren Marktplatz für Demokratie, treffen uns weiterhin jeden Freitag für mindestens zwei Stunden im Handarbeitsbüro und dazwischen ploppen ständig irgendwelche Nachrichten auf, Fragen, die beantwortet werden wollen und Informationen, die irgendwohin sollen. Ich hane nach wie vor großse Freude an dieser Arbeit, achte dabei aber sehr gut darauf, dass das alles nicht zuviel wird.
Nebenbei wird es langsam herbstlich draußen. Die Lese ist in vollem Gang und das ist so krass! Ich erinnere mich daran, dass wir zum Geburtags des Gatten Ende Oktober Federweißer tranken, dies jetzt im September, bei über zwanzig Grad zu tun – ist falsch.
Die Tochter feiert ihren 28. Geburtstag, irgendwo in den Bergen. an ihrem Wohlfühlort. Wir gönnen es ihr sehr! (sie ist mittlerweile fertig mit dem Masterstudium und arbeitet weiterhin als Ingeneurin für die Deutsche Luft- und Raumfahrt. Das Thema „promovieren?“ schwebt immer mal durch den Raum, aber so richtig rückt sie nicht damit raus. Vermutlich werden wir vor vollendete Tatsachen gestellt. :))
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Oktober:

Wir brauchen das beide, deshalb machen wir einen klitzekleinen Urlaub im Wingert. Eine Nacht im Zelt, die Hunde nehmen wir mit. Weil die Lese größtenteils abgeschlossen ist, sind wir ungestört an unserem Lieblingszeltplatz. Es wird schon wieder sehr früh dunkel und überraschend kalt. So kalt, dass ich mitten in der Nacht die unruhigen Hunde zu mir unter den Schlafquilt hole. Danach ist uns allen warm und wir schlafen bis zum Sonnenaufgang. Den Sonnenaufgang draußen zu erleben, egal in welcher Jahreszeit, gehört zu den schönsten Momenten meines Lebens.
Für ein Wochenende traf ich mich mit der Tochter in Berlin. Wir hatten eine wunderbare Mutter-Tochter-Zeit! Vor vielen, vielen Jahren war ich mit der allerbesten Freundin in der Charité in der Virchow-Ausstellung. Ich berichtete so begeistert davon, dass die Tochter seit damals die Ausstellung sehen wollte. Wir nahmen uns sehr viel Zeit dafür und brauchten hinterher einen Kaffee, Ruhe und dann erst den Austausch darüber. wie wir uns nun fühlten.
Am nächsten Tag gruselten wir uns durch das Ugly Food Museum, kosteten tapfer alles, was man kosten muss, um sich an die Wall of Fame schreiben zu dürfen und schon war das Wochenende vorbei. Wir planen aber schon das nächste!
Wieder daheim kratze mein Hals und die Nase schnupfte. Trotz negativem Coronatest sagte ich den Opadienst ab, einen fiesen Schnupfen kann mein Schwiegervater auch nicht gebrauchen.
Gerade als wir die Einkaufsliste für die Cocktailparty anlässlich des Gattengeburtstages füllen wollten, entdeckte ich rote Flecken auf Brust und Rücken des Gatte. Die bekommt er immer, wenn er fiebert. Das tat er, außerdem schlief er fast drei Tage durch. Wir sagten allen Gästen ab. Traurig, aber tja. Auch beim Gatten kein Corona, nur ein fieser Infekt. Ich schloss mich solidarisch nochmal an und damit war der eigentlich schöne, goldene, buntbelaubte Oktober gegen Ende ziemlich doof.
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November:

Sie sehen es: wir sitzen nach wie vor jeden Freitag im Handarbeitsbüro. Mittlerweile sind wir bekannt. Man weiß, warum wir tun was wir tun. Man unterhält sich mit uns und Zuwachs hat unser Trüppchen auch schon bekommen. Für nächstes Jahr haben wir viele Ideen, dann werden wir nicht mehr nur still vor uns hinwerkeln. Ich freue mich drauf, Ihnen davon zu erzählen!
November. Wow, das Jahr rennt jetzt ziemlich schnell! Der DREISSIGSTE Geburtstag des Großen wurde groß gefeiert. Der Gatte hatte ein klitzekleines emotionales Problem mit der Tatsache, dass sein erstes Kind DREISSIG wurde, aber es gab keinen weiteren (Be)Handlungsbedarf. Der Jüngste und die Tochter hatten dem irgendwie planungsunwilligen Bruder eine Feier samt Gästen und Verpflegung organisiert, wir Eltern sorgten für eine stilvolle Cocktailbar. Ursprünglich wollten wir nur drei Stunden bleiben und dann „die jungen Leute“ feiern lassen. aber die jungen Leute kamen nach und nach auf ein Schwätzchen zu uns und so wurde es auch für uns spät. Macht ja nix. Und ich freue mich sehr zu sehen, was das für tolle junge Leute geworden sind. Manche kenne ich schon seit der gemeinsamen Kindergartenzeit mit dem Großen. An schönsten aber war, dass ich den jüngsten Partygast, ein zwei Wochen altes, quasi Frischgeborenes, halten durfte. Wie süß diese Winzlinge sind! Und wie sie duften! Ich wollte es aber nicht behalten, weil – wie im Mai geschrieben – Magen-Darm-Infekt, Läuse, Scharlach, Trotzanfälle und Elternabende. Hab ich durchgespielt, reicht.
Außerdem brauchen wir gar keine Kleinkinder, um uns Sorgen zu machen. Wir haben ja Haustiere. Franz kam mit einem Biss an der Wange heim. Der Biss entzündete sich heftig, so dass eine Drainage gelegt werden musste. wir ständig zur Wundpflege beim Tierarzt antanzen durften und der Kater uns, sein Leben und den blöden Trichterkragen hasste. Überstanden, alles geheilt. Phew.
Den restlichen November verbrachte ich mit Initiativenkram. Wir bekochten den Ex-Generalsekretär der CDU und hörten seinem Vortrag „Tu was!“ zu und danach organisierten wir rasch den Stand für den Adventsmarkt. „Rasch“, man kennt es.
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Dezember:

Nach dem wichtigsten Tag des Jahres, langjährige LeserInnen wissen, dass es sich dabei um den Binzessinenntag handelt, waren die Höhepunkte des Jahres ausgeschöpft :) (der 55. Geburtstag schon. Wann ist das passiert, wann ist die Zeit so gerannt?)
Ich feierte nicht, weil keine Lust und keine Zeit. Es gab Kaffee&Kuchen mit der Familie und abends ein gemeinsames Essen mit den Freunden. die so gar keinen Grund zum Feiern hatten und Ohren brauchten.
Dann kam der Adventsmarkt, an dem die Bürgerinitiative „Nierstein gegen Rechtsextremismus“ vertreten war. Ich war so aufgeregt, denn dieser Stand war mein Baby. Ich hatte ihn gewollt, hatte im Plenum mit „Einnahmen und größerer Bekanntheit“ argumentiert. letztlich dann fast alles organisiert und als das Ding rum war und ich grinsend die Einnahmen zählte … das war schon ein gutes Gefühl. Zwei Tage im Regen stehen hatten sich doch gelohnt.
Wir versuchten das Ding mit der Entschleunigung, vorher schob ich aber noch rasch eine Demo ein und wurde dabei zum ersten Mal von der Polizei kontrolliert. Und als harmlos durchgewunken.
Ein weiterer Versuch, Ruhe und Gemütlichkeit zu etablieren. Das klappte eigentlich ganz gut, aber dann war da noch das Adventsglühen mit den Grünen, ein Essen mit den Neffen, das Haus füllte sich mit Gästen, wir mussten zum traditionellen Weihnachtsblasen, wahnsinnig viel musste gegessen und getrunken werden. Es wurde gelacht, gesungen und getanzt, kein bißchen gestritten, ich habe nicht geweint (wie letztes Jahr) und wenn ich diesen Satz fertig getippt habe. küsse ich den Gatten, weil dann ist Mitternacht und das Jahr rum.





Welch ein Jahr, welch ein Ritt.
2026 gerne unaufgeregter!
Rutschen Sie gut!
immer die Ihre!
Egoistisch und narzisstisch, Teil XVII
1. Januar 2024
Das letzte Jahr war eigentlich ein grauer, trüber Brei voller Sorge, Krankheit, Mutlosigkeit, Rumhängerei und allgemeinem „Wääh!“, garniert mit bunten, glitzernden Streusel aus Liebe, Freundschaft, Viecherei, Natur, „einfach machen“ und „Mut haben“. Was dann letztlich ein ganz okay-ishes Ganzes ergab.
Für den ganz langen Rückblick fehlt mir das Erinnerungsvermögen und derzeit auch die Energie, weil -um dem Ende vorzugreifen- wir das Jahr nur knapp genesen beendet haben.
Januar:

Das Hundekind lernt Schnee kennen und lieben, braver Hund.
Ich klapperte diverse Ärzte ab, um diesem Long/PostCOVID- Mist vielleicht doch endlich zu entkommen. Nur um zu schauen, ob ständige Kopfschmerzen vielleicht andere Ursachen haben, wurde ein Schädel-MRT angefertigt. Eine Sorge weniger, das sieht in meinem Kopf so aus, wie es im Kopf eine knapp über 50jährigen auszusehen hat und da wächst auch nix, was nicht da wachsen soll. Immerhin.
Die Wucherung an Lolas Bein ist ein Lipom, das können wir vernachlässigen, das entzündete Ding am anderen Bein muss beobachtet werden, fällt aber wahrscheinlich von alleine ab (das Ding, nicht das Bein) , sprach der Tierarzt. Und so war es dann auch.
Den Rest des Monats verbrachte ich mit Hunderunden und damit, dem Hundekind beim rasanten Wachstum zuzusehen. (vermutlich gab es noch zwei, drei andere Sachen, aber ach. Mein Siebhirn.)
Februar:

Zwangsläufig, weil Hunderunde, verbringe ich viel Zeit draußen, obwohl ich das nicht wirklich will. Das trübe Wetter zerrt an meinen Nerven und ich kann den Frühling kaum abwarten. Die blühenden Mandelbäume am Wartturm sind eine leise Vorahnung, aber wirklich nur sehr, sehr leise, denn der Frost kam natürlich zurück und hey! Ist halt Winter. Aber diesmal war er hart.
Wir feierten den 24. Geburtstag des Jüngsten, zum ersten Mal in dessen hübscher, kleiner Wohnung. Noch gibt es eine Nabelschnur in Form der Wendeltreppe zu unserem Wohnbereich, doch die Tage der Treppe sind gezählt (im Mai wurde sie abgebaut!) und dann muss ich es aushalten, dass das Baby ganz alleine sein Leben stemmt.
Apropos alleine:
„Ich würde gerne mal alleine durch den Wald ziehen“, vertraute ich dem Gatten an, woraufhin dieser loszog und mir ein kleines Zelt kaufte. „Mach!“, sagte er.
März:

Während hier endlich, endlich der Frühling aus den Löchern kroch, reiste ich zur Tochter nach München. Die zeigte mir Münchner Highlights und, zum Ausgleich, ein bißchen „ihre“ Berge. So kam ich tatsächlich nochmal in den Genuss von echtem Schnee. Also Schnee, der höher als dreieinhalb Zentimeter liegt. Das war ganz wunderbar!
Gegen Ende des Monats brauten sich sehr dunkle Wolken zusammen. Nicht über unserem Haus, aber über dem von Freunden. Bis heute sind sie nicht verschwunden, das werden sie auch nie wieder tun. Ein bißchen heller ist es immerhin, aber letztlich bleibt zu sagen: Depressionen sind ein Arschloch.
April:

Frühjahrsputz! Es stellte sich als äußerst befriedigend heraus, die Terrasse mit diesem Hochdruckreiniger auf Hochglanz zu bringen und ich fürchte, ein weiteres Hausfrauenlevel wurde freigeschaltet. Zum Ausgleich schliff ich Küchenschränke ab und lackierte neu. Und gleich wieder um, denn das gewünschte Senfgelb deckte nicht. Die Küche wurde anthrazit und mintgrün, ungewohnt seriös, weswegen ich mir sehr sicher bin, dass das nicht lange so bleiben wird.
Ich begann durch den Garten zu robben, um gigantische Ernten vorzubereiten. Und, Sie wissen es ja, je dreckiger meine Hände sind und je lauter der Rücken jammert, desto glücklicher bin ich.
Mai:

Ich kroch weiterhin durch den Garten. Nicht nur wegen der zukünftigen Ernte, sondern auch um eine ordentliche Garty-Party-Location vorzeigen zu können. Letztere fand Ende des Monats stand. Ich habe sie sehr genossen und ich glaube, den meisten Gästen ging es genauso.
Um das mit dem Zelten ein bißchen zu üben, baute ich mein Zelt im Garten auf und wollte danach eigentlich direkt losziehen! Zuerst schliefen wir aber mit den Hunden eine Nacht im Wingert, Neuland für Lutz. Wir stellten fest: das Hundekind ist bereit für Wanderabenteuer und unser großes Drei-Personen-Zelt reicht knapp für das Hundekind allein, wir dürfen uns am Rand dazuquetschen.
Juni:

Der Wandermonat!
Der Gatte, die Hunde und ich zogen mit zwei Zelten auf dem Soonwaldsteig los. Zuerst gemeinsam, dann trennten wir uns. Der Gatte fuhr mit den Hunden wieder heim, ich wanderte drei Tage alleine weiter. Schlief alleine in meinem Zelt auf Trekkingplätzen, lief alleine auf (perfekt ausgeschilderten) Wanderwegen, langweilte mich nicht, hatte keine Angst und war danach total bereit für den großen Weg. der Westweg. Den kannte ich schon, deshalb rechnete ich nicht mit allzu großen Überraschungen. Dass meine Wanderschuhe an Tag vier unbrauchbar wurden und ich das bereits am zweiten Tag hätte feststellen können, als sich die ersten Blutflecken in den Wandersocken zeigten, war dann doch sehr überraschend. Noch überraschender war es, dass mich meine unschön zerfleischten Füße daheim fast zwei Wochen ins Bett zwangen, bis ich wieder einigermaßen schmerzfrei laufen konnte.
Immerhin gab es von der Wanderschuhfirma eine schöne Entschädigung und das Ersatzmodell wird bereits eingelaufen, für das nächste Solo-Abenteuer. Der Westweg will beendet werden.
Juli:

Der Sommer ist da, die Hunderunden finden sehr früh und sehr spät statt, dazwischen liegen alle Tiere, auch die Katzen, in kühlen Ecken herum und schlafen.
Ich genoß die Schattenecken im Garten und kümmerte mich um Gemüsebeete, Beerenernte und das Gewächshaus.
Der Gatte reiste mit den Söhnen zur Tochter. Gemeinsam kletterten sie auf ein paar Gipfel und als krönenden Abschluss auf die Zugspitze. Klettersteige sind nicht meine Wohlfühlorte, ich war nicht traurig, mit dem ganzen Viehzeug daheim zu bleiben.
August:

Der Gatte hatte erneut Stellplatz auf den Trekkingplätzen entlang des Soonwaldsteiges gebucht, doch nachdem wir erst im Juni dort waren und ihn auch im Jahr vorher komplett gewandert waren, überließ ich dem Jüngsten (und den Hunden) meinen Platz im Zelt und blieb daheim. Ich bin nämlich sehr gern allein daheim. Trotzdem war ich dann doch ein bißchen neidisch auf die Zeit im Wald, logisch.
Wir planten den nächsten Wanderurlaub. Diesmal mit deutlich mehr Anteil am Meer und ich hoffe wirklich sehr, dass das alles so klappt, wie wir uns das vorstellen.
Das Hundekind wurde ein Jahr alt und ist definitiv kein kleiner, niedlicher Fellflausch mehr. Ganz im Gegenteil: die Pubertät kickt schwer rein und das Tier fängt an zu stinken. Und der pubertäre Hörverlust macht immer häufiger den Gebrauch der Schleppleine nötig.
September:

Es gab eine Zeit, da war ich hier „die bunte Frau“. Das verliert sich immer mehr, aber ich arbeite am Titel „verrückte Hundefrau mit Hut“, das könnte mir gefallen.
Tatsächlich lässt es sich nicht leugnen: es herbstelt. Die Trauben, die zuerst prall und gesund und in großen Mengen an den Reben hingen, werden durch heftigen, langen Regen sauerfaul. Tag und Nacht fahren die Vollernter und retten, was zu retten ist.
Mein Garten ist unbeeindruckt vom Wetter. Er ist grüner als im Frühling und ich freue mich über reichlich Gießwasser für die Tomaten im Gewächshaus.
Oktober:

Wir starten den Monat mit Freunden in Freiburg. Bummeln durch das entzückende Städtchen, speisen und trinken hervorragend und genießen unseren Miniurlaub.
Danach … wird es grau. Ich krache mit voller Wucht ins PostCOVID-Tal und sehe mir von außen dabei zu. Völlig hilflos trudele ich immer weiter runter und überlasse es letztlich dem Gatten, daheim alles zu stemmen. Es gab über das Jahr hinweg immer wieder Einbrüche, aber dieser ist wirklich heftig. Ich deaktiviere meine Social Media Kanäle, weil sämtlich Reize zu viel sind. (bastele mir einen kleinen Instagramaccount, auf dem ich meine Hunderunden festhalte. Und ja, wer Hashtags nutzt, wird dann halt auch schnell wieder gefunden.)
Der Geburtstag des Gatten geht vorbei, die Tage schwimmen ineinander. Durch die Depression des Freundes sensibilisiert sprechen wir lange, auch im Freundeskreis, über das „was wäre wenn“ und „ab wann“.
November:

Nach langer Planung, vielem Hin und Her und einigen „uppsi“s seitens der Solarplattenfirma ging es dann zackig: auf dem Dach liegen jetzt sehr viele Solarplatten, in der Halle hängen zwei Wechselrichter. Der eine speist den größten Teil des Stromes ins Netz ein, der andere versorgt uns selbst. Haken dran. Nächster Plan: eine Wärmepumpe. Und ein Zisterne im Gewölbekeller. Weil dann kann die große Zombieapokalypse kommen.
Vermutlich waren das schon die Novemberhighlights, ich hing nämlich immer noch rum. Der Gatte hielt weiterhin alles am Fliegen, zusätzlich zu einem durch ein hirnrissiges Projekt heftig angestiegenes Arbeitspensum. Ich beobachtete, wie angesterngt und gehetzt er war und konnte nichts dagegen tun. Was mich noch tiefer trudeln ließ. Aber irgendwann wurde es wieder besser. Einfach so.
Dezember:

Ich sag ja immer, dass wir im Dezember das allerwichtigste Fest feiern, nämlich meinen Geburtstag. Und so ungern der Gatte den seinen feiert, so begeistert mag ich meinen zelebrieren. Und so geschah es. Der Große hatte die obligatorische Binzessinnenkrone gebastelt, es gab Besuch, Glückwünsche auf allen Kanälen, Alkohol und sehr viele Brownies, denn ich hatte zur Brownieparty geladen. Sehr, sehr toll, sehr anstrengend.
Mit mir ging es immer weiter aufwärts, das Stresslevel des Gatten sank, doch meine Weihnachtsfeierlust bewegte sich gegen null. Mit der allerbesten Freundin und der Tochter plante ich ein köstliches Weihnachtsessen und war dann sehr traurig, als die Freundin am 23. erkrankte und absagen musste. Als der Jüngste ein paar Stunden später hustend vor mir stand, irgendwas von Schnupfen sagte und kurz darauf die zweite Linie im Teststäbchen erschien, war ich gar nicht so traurig Weihnachten absagen zu müssen. Erst als es den Gatten erwischte und kurz darauf die Tochter hörte der Spaß auf. Ich spielte dann eben auch mit und einzig der Große hielt weiterhin die Stellung, verbannte uns in unsere Quarantänezonen, die wir nur mit Maske verlassen durften und versorgte uns mit ausgezeichnetem Essen. Wir fieberten, husteten, schnupften und fühlten uns elend, der Große übernahm die Hunderunden und langweilte sich dazwischen auf dem Sofa.
Mittlerweile sind alle Tests wieder negativ, die Kinder wieder in ihren Wohnungen in den verschiedenen Städten verschwunden. Richtig gesund sind wir noch nicht, weswegen wir den Jahreswechsel nicht wirklich rauschend gefeiert haben. Es gab nicht mal Sekt.
(dafür aber eine tote Ente am Morgen, damit hat das scheidende Jahr uns nochmal so richtig eine Nase gedreht.)
Das war also dieses 2023. Ich sags mal so: da ist für 2024 noch Luft nach oben.
Vorsichtshalber habe ich mal keine Vorsätze formuliert. Kein Vorsatz sondern eine Notwendigkeit: die überzähligen Kilos wieder loszuwerden. Ich neige leider sehr zum Frustessen und in Verbindung mit „kann nicht, will nicht, geht nicht“-PostCOVID führt das zu unschönen Ergebnissen. Nicht nur zu kneifenden Klamotten, sondern halt auch zu „ich mag mich so nicht“ und das ist ja eh kontraproduktiv.
Fertig!
Alles Liebe und Gute, Glück und Gesundheit Ihnen da draußen. Sie wissen ja: immer die Ihre.
Was geht (und was nicht)?
4. Dezember 2023
Vor etwas über einem Jahr habe ich über LongCOVID (oder PostCOVID) geschrieben, da wäre es durchaus an der Zeit für ein update.
kurz: Einiges ist besser, Vieles gleich und Manches neu.
Besser ist mein körperlicher Zustand. Der Husten ist verschwunden, das Herz rast nicht mehr ständig und die Kopfschmerzen, die grauenhaften, ständigen, quälenden Kopfschmerzen, sind ganz selten geworden. Letzteres ziemlich sicher aufgrund einer Hormonersatztherapie, die mir auch Schlafstörungen und Hitzewallungen erspart. (mittlerweile ist es mir fast wurscht, weswegen etwas hilft, Hauptsache Besserung)
Gleich geblieben sind Konzentrations- und Wortfindungsstörungen. Mir nahestehende Menschen können damit ganz gut umgehen, wenn ich in Gesprächen etwas planlos durch die Themen hüpfe oder zwischendrin den Faden verliere. Das nimmt mir die Sprechhemmung, die mich bei „Fremden“ befällt. Ich kann also noch immer nicht wieder „frei von der Leber weg schwätzen“ und wirke deshalb in Gesprächen mit Fremden eher hölzern oder auch so, als könnte ich nur knapp bis drei zählen. Das ist schwierig bei Arztterminen, wenn ich mein Anliegen vorbringen muss, Fragen beantworten soll und mir Antworten merken will. Klappt nicht, schaffe ich nur mit Begleitung. Hier also leider keine nennenswerte Besserung, es wird sogar eher noch einschränkender, weil ich mittlerweile versuche, SmallTalk-Situationen zu vermeiden. Zum Frisör habe ich es schon sehr lange nicht mehr geschafft, weil ich diese Schwätzchen nicht hinbekomme oder mich dabei so sehr anstrengen muss, dass ich hinterher zwei Stunden Schlaf brauche.
Ebenfalls gleich sind die Befindlichkeitsschwankungen. Von „eigentlich geht es mir ganz gut“ bis runter ins „LongCOVID-Tal“. Und dort ist es nicht nur anstrengend, sondern auch -seit ein paar Monaten neu im Programm- sehr, sehr finster. So finster, dass ich sowohl mit dem Gatten als auch mit den besten Freunden ein „wenn ich da nicht mehr rauskomme, müsst ihr mich dorthin bringen, wo man mir hilft“-Gespräch hatte. Im finsteren COVID-Tal ist nämlich alles schlecht, nichts mehr lebenswert und auch ein bißchen „wozu das Ganze?“ Noch habe ich das im Blick und im Griff, kann gegensteuern und mich heraushieven, doch meine Angst, dass das irgendwann vielleicht doch nicht mehr klappt, wächst. Und es kostet mich jedes Mal mehr Kraft, das auch zu wollen. (wie grauenhaft, das vor mir zuzugeben!)
Sie ahnen also: vor diesem Tal habe ich Angst. Und ich habe in den letzten zwei Jahren gelernt, wie ich den Flug dort hinein etwas bremsen oder auch umgehen kann. Dazu gehört, dass ich schnell erkenne, was mich stresst. Irritierenderweise kann mich etwas heute amüsieren und schon am nächsten Tag unter massiven Druck setzen. Das ist auch ein Grund, warum zur Zeit mein Instagramaccount ruht. Jetzt muss ich keine Bilder zeigen (jajaja, muss ich sowieso nicht, aber…) und muss mir auch keine ansehen. Muss mich nicht schlecht fühlen, weil ich keine Mandeln gebrannt, Christmas Crunch gerührt (doch, doppeltes Rezept sogar) und nur sehr wenige Plätzchen gebacken habe (nur Spritzgebäck und Schneeflocken). Muss meine Weihnachtsdeko nicht vergleichen (lassen), muss mich nicht über Konsum, Werbung, Black Friday, Influencerhühnchen und Trolle aufregen. Ich knippse meine Hunderunde-Bildchen und bin damit sehr entspannt, auch ohne Kommentare. Kein Druck, kein drohendes Tal. Hoffe ich.
Ich weiß nicht, wohin mich dieser ganze COVID-Mist noch führt. Manchmal denke ich, dass ich gut zurechtkomme, dass meine Strategien funktionieren. Dann haut es mich aus heiterem Himmel wieder um und ich sage zum Gatten „boah, jetzt schwächele ich hier schon wieder seit fast einer Woche herum“ und er sagt „naja, eigentlich sind es mittlerweile fast drei Wochen“. In diesen Zeiten schaffe ich meistens nur eine Hunderunde und vielleicht das abendliche Kochen, den Rest des Tages hänge ich auf dem Sofa, schlafe oder heule, weil ich nur herumhänge und schlafe. Wenn es wenigstens eine Regel gäbe: einmal im Monat, heulendes Elend, Haken dran. Dem ist aber halt nicht so und deshalb versuche ich so „normal“ wie möglich zu leben, plane Wanderungen und Unternehmungen und versuche nicht allzu oft über diesen Scheiß zu jammern.
In einem Jahr dann wieder.
(den Instagramaccount fülle ich ab Januar wieder)
(danke für die vielen (Geburtstags)Grüße, die mich auf teils abenteuerlichen Umwegen erreicht haben, das nächste Mal melde ich mich ganz ordentlich ab)
Adventsbloggen am 16.12.22
16. Dezember 2022
Der Nestbautrieb hält an. Das Hundekind kann jetzt auch in die Wohnzimmerschränke schauen, ich habe sie heute alle aufgeräumt und abgestaubt, außerdem Stoff an die Rahmen der Glastüren getackert, mir ist nach ruhigem, einheitlichen Rosa statt bunten Buchrücken. Das Tackern hat mich ausgiebig fluchen lassen, weil dieser blöde Tacker nur nach jedem vierten, fünften Hebelzug eine Tackernadel ins Holz schoss, Höllenlärm veranstaltete er aber jedesmal, auch bei Fehlschüssen. Aus Versehen habe ich außerdem die Tischdecke an den Küchentisch getackert, war klar, dass das Ding genau dann funktionierte, als ich dem Gatten die Fehlfunktionen vorführen wollte.
Außerdem sind wir eingeknickt und haben den uralten Ölradiator aus der Halle hoch ins Bad geschleppt. Wir sind schuld, wenn das Niersteiner Stromnetz zusammenbricht, aber hey! Mein Hintern friert nicht mehr an der Klobrille fest! Das nun warme Bad sieht noch viel besser aus als vorher, was freue ich mich auf unseren Heizkörper. Vielleicht klappt das nächste Woche noch?
Ansonsten … es bleibt kalt. Irgendwann die Tage habe ich erklärt, dass die Enten Wasser für die Gefiederpflege brauchen. Heute gab es nur das Wasser aus der Trinkschüssel, beide Entenpools sind komplett durchgefroren. Nächste Woche sollen die Temperaturen wieder deutlich im Plus sein, dann darf wieder ausgiebig im Garten gebadet werden. Die Enten können das aushalten, so lange sie ausreichend Wasser zum Trinken haben,
Damit wir doch einen bunten Plätzchenteller an Weihnachten haben, kurbelte ich heute abend eine Portion Teig durch den Fleischwolf für Spritzgebäck. Jetzt bin ich wirklich durch mit der Backerei, wir werden garantiert nicht verhungern. Mandeln will ich noch brennen, auch weil ich die tütenweise beim Weihnachtsblasen im Freundeskreis verteile. Ich erkläre es vorsichtshalber nochmal: am 23.Dezember wird vom Posaunenchor in den Stadtpark zum traditionellen Weihnachtsblasen geladen. Es werden Weihnachtslieder gespielt, die wir laut, schief und inbrünstig mitsingen, weil Glühwein gibt es auch. Zwei Jahre fand das nicht statt, dieses Jahr aber wieder und ich freue mich riesig darauf, denn nach dem Weihnachtsblasen im Park landen wir immer bei den Freunden „auf einen Absacker“ im Wohnzimmer. Vor ein paar Jahren führte dieser Absacker dazu, dass wir alle beinahe einen Flug nach Barcelona buchten, wir waren kurz vor „jetzt buchen“ klicken, als die Tochter der Freunde ins Wohnzimmer kam und, nachdem wir berichtet hatten, was wir da gerade tun, mit bebender Unterlippe „aber morgen ist doch Weihnachten!“ anmerkte. In einem kitschigen Film wären wir ungestört nach Barcelona geflogen und hätten irgendwas Ergreifendes getan/erlebt, doch so erzählen wir uns immer wieder gegenseitig, wie witzig das war, als wir fast nach Barcelona geflogen sind, nach dem Weihnachtsblasen. Oder wie „Udo Gärrätsch die Fischlis auf den Boden gekippt hat“, eine Geschichte aus einem anderen Jahr, die nur wir zum Totlachen finden, weil wir a) halt alle dabei und b) sehr betrunken waren. Sie sehen: Weihnachtsblasen gehört hier einfach dazu.
Jetzt habe ich genug erzählt, mein Whisky Sour (mit schlechtem Whisky leider nicht so gut wie sonst) ist getrunken, alle Tiere schlafen und ich werde das jetzt auch tun, denn morgen bekomme ich ein (Hunde)Baby.
Long COVID
10. November 2022
Anderthalb Jahre ist es her, seit der Jüngste uns Corona von einer Baustelle mitbrachte. So lange schon her!
Geimpft waren wir noch nicht, Impfpriorität hatten damals ältere und immunschwache Menschen. Die Alpha-Variante des Virus, die britische Variante hatte uns erwischt.
Wir gehörten zu den leichten Fällen. Kein Klinikaufenthalt nötig, keine Beatmung. Dennoch fühlten wir uns so krank wie nie, mit täglich neuen Symptomen und großer Schwäche.
Der Jüngste war schnell wieder auf den Beinen, der Gatte brauchte über einen Monat, ich bin es bis heute nicht. Ich lebe jetzt mit „Long COVID“ und richtig viel Spaß macht das nicht.
Seit anderthalb Jahren lebe ich auf Sparflamme. Ich bin ständig müde, sehr oft völlig erschöpft. Ohne Mittagsschlaf geht es nicht. Wenn ich an einem Tag keinen Mittagsschlaf haben kann, liege ich sehr, sehr oft am nächsten Tag komplett flach, zu müde und schwach, um aufzustehen.
Es fällt mir schwer, Unterhaltungen zu folgen. Menschen, die durcheinander reden oder sich schnelle, witzige Wortgefechte liefern, kann ich kaum folgen, ich muss mich ausklinken, das ist zu anstrengend. Beteiligen ist selten möglich, ich suche ständig nach Worten, nach Formulierungen oder verliere mich in langen Sätzen und ende mit „äh, was wollte ich sagen?“
Mein Gedächtnis ist ein Sieb. Ohne Einkaufszettel einkaufen ist nicht möglich, drei verschiedene Sachen aus der Halle holen funktioniert nicht, auf dem Weg vergesse ich mindestens ein Teil. „Das muss ich dem Gatten erzählen“ muss zeitnah geschehen, sonst ist es weg.
Meine Konzentrationsfähigkeit lässt mich nur seichte oder schon bekannte Bücher lesen, den Inhalt von längeren Artikeln kann ich nicht erfassen, selbst wenn mich das Thema brennend interessiert.
Bei körperlicher Anstrengung gerate ich in Atemnot und mein Herz „stolpert“, ich muss husten.
Ich rieche sehr oft Rauch, manchmal auch Fäkalien. „Phantomgeruch“ nenne ich das und manchmal kann ich nur einschlafen, wenn ich mir ein parfümiertes Handgelenk oder Taschentuch vor die Nase halte.
An mindestens vier Tagen/Woche habe ich Kopfschmerzen. Manchmal sind sie nur ein Hintergrundrauschen, manchmal so, dass ich ein Schmerzmittel brauche, manchmal wachsen sie zu heftigen Migräneattacken.
Diese Symptome „schwanken“. Es gibt gute Tage, meistens kopfschmerzfreie Tage, an denen ich mich fit fühle und ich so etwas wie Tatendrang fühle. Es gibt aber auch Tage oder sogar Wochen, in denen außer einer Hunderunde und Essen kochen nichts möglich ist. Nur schlafen, doofes Zeug streamen oder Daddelspielchen auf dem Tablet.
Und was bedeutet das jetzt für mein Leben?
Zuerst einmal versuche ich mich „damit abzufinden“. An guten Tagen laufe ich auf 80%, das ist doch was und das muss dann halt reichen. Statt drei Stunden im Garten zu wühlen, höre ich eben nach zwei Stunden auf. Unsere Rucksacktouren sind möglich, weil ich viele Pausen machen kann und wir eben das Zelt aufbauen, wenn nichts mehr geht, das ist in Ordnung. Manchmal gibt es halt nur Nudeln mit Pesto, Aufgetautes oder gelieferte Pizza, es ist nicht dramatisch, wenn das Bad einen Tag später geputzt wird oder der Bettbezug eine Nacht länger drauf ist.
Gleichzeitig ist das alles aber zum Heulen schlimm. Ich will Sachen erledigen und kann einfach nicht. Ich bin nicht mehr ich, ich kann mich nicht mehr ausdrücken und unglücklicherweise vergesse ich ausgerechnet diese Tatsache nicht. (haha, so witzig) Kreatives im Nähzimmer geht nicht immer, manchmal weiß ich nämlich nicht mehr, welche Farben mir gefallen.
Ich fühle mich dreißig Jahre älter, nutzlos und nicht mehr liebenswert und es kostet mich sehr viel von der Kraft, die ich eh kaum habe, um mich nicht von diesem ganzen Dreck runterziehen zu lassen. Leider ist die „ich nehme es mit Humor“-Phase vorbei, stattdessen bin ich oft sehr verzweifelt und wütend.
Und weil das früher ja auch schon geholfen hat, kippe ich den ganzen Frust und Kummer ins Blog, in der leisen Hoffnung, dass ich in ein paar Jahren diesem Text lächelnd und „boah ja, das war wirklich Scheiße, zum Glück isses vorbei“ sagend lesen kann.