9. Juni 2020
9. Juni 2020
Nach einer eher mittelguten Hunderunde samt aufmüpfigem Hund und gehörten Schwurbeltheorien , wollte ich mich hingebungsvoll meiner schlechten Laune widmen, doch dann kam der Anruf. DER Anruf. Der Chef der Gartenbaufirma teilte uns mit, morgen zwischen sieben und acht käme man, um den alten Terrassenbelag abzustemmen, am Freitag seien die neuen Platten da. Erfahrungsgemäß bedeutet zwischen sieben und acht bei ihm Viertel vor sieben und ach, ich freue mich so sehr, dass es endlich, endlich losgeht.
Begonnen haben wir den Terrassenabriss nämlich schon vorletztes Jahr. Etliche Fliesen waren locker oder gesprungen, bei knapp 60 Quadratmetern Fläche nutzen die tollsten Dehnungsfugen nix, irgendwann lockern sich auch die am Besten verklebten Fliesen. Von denen hatten wir obendrein keine, denn als wir die ersten Fliesen abhoben, entdeckten wir, dass der Fliesenleger sehr mit Fliesenkleber gespart hatte und nicht flächig aufgetragen, sondern ein Kleckschen in der Fliesenmitte platziert hatte. Das war so nicht abgesprochen, aber nun ist es halt verjährt.
„Wir könnten doch mal rasch …“, hatte ich zum Gatten gesagt. Rasch die losen und kaputten Fliesen abnehmen, den alten Kleber abschleifen, neuen Kleber draufschmieren und die Löcher wieder schließen. Egal wie es aussieht, ich würde den Terrassenboden bemalen und wir könnten dann für einen gescheiten Holzbelag, der dann auf die (bemalten) Fliesen käme, sparen.
„mal rasch …“ – Sie ahnen es. Das klappt einfach nie und genauso nie werde ich es lernen. Nachdem die ersten losen Fliesen abgehoben waren, stellten wir fest, dass etwa zwei Drittel der Fliesen nur mit Spucke angeklebt waren und sich mühelos abheben ließen. Der Stapel der Fliesen, die vom Kleber befreit werden sollten, wurde immer höher, ein zweiter, ein dritter und sogar ein vierter kam hinzu. Wir verschlissen zwei Schleifgeräte und etliche Schleifscheiben und -stahlbürsten und doch wurden die Stapel nicht kleiner. Unglücklicherweise beschloss der Gatte seinen Job nicht zugunsten von Kleberabschleiferei aufzugeben, genauso unglücklicherweise stellte sich heraus, dass ich diese Arbeit weder mochte noch so hinbekam, dass sie meinen Anforderungen genügt hätte. Dann regnete es, dann knallte die Sonne, dann waren wir weg, dann hatten wir keine Lust, dann war ein Arbeitsgerät kaputt und irgendwas war immer. Wir stritten uns ziemlich, denn ich war frustriert und ungeduldig, der Gatte war frustriert und genervt und irgendwann war klar, dass wir diese Arbeit abgeben müssen, sonst können wir uns nicht mehr leiden.
Vom gefassten Entschluss bis zum Anheuern von Experten verging ein weiteres halbes Jahr, doch dann ließen sich Freunde die Terrasse erneuern und da Ergebnis überzeugte uns sofort. Nicht der Stil, aber da war so sauber und ordentlich gearbeitet worden, die Abschlüsse so exakt, dass meine innere Perfektionistin, die sich auch gerne hinter „jo, Pia mal Daumen, passt.“ versteckt, jubelte. Am nächsten Tag riefen wir an, am übernächsten Tag kam der Terrassenbauerchef. Kein einziges Handwerkerklischee erfüllend zehn Minuten zu früh und ohne Bauarbeiterdekolleté. Dafür sehr kompetent und mit tollen Ideen. Vielleicht spürte er auch meinen Frust, als ich „Einfach Estrich draufkippen, Hauptsache glatt.“ vorschlug. Er riet zu Feinsteinzeug, weil mit Holz sei das so eine Sache, vor allem weil das Holz gepflegt werden müsse. Und preislich käme das gleich, ungefähr. „Ja“, sagten wir etwas überrumpelt, „Feinsteinzeug klingt super.“
Zwei Wochen später schleppte er uns zwanzig Musterplatten in die Halle. Aschgrau, mausgrau, steingrau. Gelblich, bräunlich, mit und ohne Geglitzer und Steinzeug in Holzoptik. Im Internet sollten wir auch mal schauen, unter „Red Sun“. Und so verbrachten wir zwei doch unterhaltsame Abende mit dem Betrachten von Feinsteinzeug-Videos, schleppten die Musterfliesen auf die Terrasse und betrachteten sie zu unterschiedlichen Tageszeiten und Witterungsverhältnissen. Dann radelten wir zu einem Baustoffhändler, um uns weitere Platten anzusehen und als wir uns ganz sicher waren, bestellten wir.
Der Gatte hat es übrigens ganz gut zusammengefasst: „Wir geben jetzt sehr viel Geld aus, damit unsere Terrasse aussieht wie ein alter Kellerboden.“ Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass uns ein alter Kellerboden auf der Terrasse gefällt. Notfalls bemale ich ihn halt. Mal rasch.
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