Mobbing
11. August 2008
In kürzester Zeit sind viele Kommentare und Mails eingetrudelt und ich danke herzlich dafür, auch für Ihr Vertrauen … all die persönlichen Geschichten …
Sie alle sagen mir eigentlich nichts Neues, aber bildlich gesprochen, haben Sie mich auf den Schoß genommen, mir die Tränen weggewischt, auf die wunde Seele gepustet und mich mit aufmunternden Worten wieder ins Leben geschickt. (genau so etwas ist übrigens ein Grund, weswegen ich das Bloggen trotz allem sehr liebe)
Lassen Sie mich ein bißchen erzählen, vielleicht unsortiert, einfach so, wie es mir in den Sinn kommt. Über das große Kind, unser Leben und die Schule.
Das große Kind ist und war schon immer ein bißchen anders, als andere Kinder. Sehr verkopft, dabei gerne abwesend und verträumt. Sehr intellektuell, sehr hinterfragend und dann wieder voller Momente derartiger Naivität und Schusseligkeit, dass vorhandener Verstand ausgeschaltet schien.
„Er ist wie er ist und das ist gut so“, sprechen wir, die Eltern.
„Das ist ja mal ein nettes Kind“, sagen andere Erwachsene.
„Idiot, Klugscheißer, Arschloch“, sagt diese bestimmt Sorte von Kindern.
Er wurde früher eingeschult, er bringt ohne große Anstrengung gute Leistungen und ist bisweilen von Ehrgeiz gepackt. Fußball findet er grottenlangweilig (und das sagt er auch), Mädchen und Klamotten sind (noch) unwichtig und Musik … da ist er auf der Suche und schnuppert zwischen Klassik, Blues Brothers und Herman van Veen. Und den Charts :-)
Er interessiert sich für den zweiten Weltkrieg, für Tolkien (die Bücher), mag Star Wars und futzelige Rewell-Sachen zusammen zu bauen. Er redet gerne über ernsthafte Themen mit Erwachsenen und weiß eine Menge über Pflanzen. Und über Archäologie. Und hat eine gute Allgemeinbildung samt einer recht klaren Meinung zu vielen Themen. Ein tolles Kind halt.
Er hat drei Freunde, die mehr oder weniger genauso ticken wie er, leider sind die nicht in seiner Klasse.
Er ist ein schrecklich umständliches Kind, dass seine Sätze gerne mit Ähms und überflüssigen Füllwörtern spickt und lange Denkpausen macht.
Er mag Sport, allerdings nur solche Einzelkämpfer-Dinger wie Langstreckenlauf. Als Dreijähriger packte ich ihn ins örtliche Fußballtraining. Mein Kind sprach auf dem Platz: „Jetzt gib mal den Ball ab, das ist ja unfair, wenn immer nur einer den Ball hat.“ Er ist keine Kämpfernatur, nie gewesen.
Er hat sich eine Woche lang meine Ermutigungen und klugen Sprüche anhören müssen.
Er hat zu dem Mitschüler, der ihn am Kragen gepackt hat, gesagt: „Was willst du eigentlich von mir?“
Er hat gesagt: „Lass mich in Ruhe!“
Er hat gesagt: „Such dir ein anderes Opfer.“
Er ist zur Klassenlehrerin gegangen und zum Vertrauenslehrer.
Er bekommt Prügel angedroht, er wird geschubbst und zwei seiner T-Shirts haben es jetzt hinter sich.
Es begann vor den Sommerferien und damals haben wir es nicht als „ernst“ registriert, das große Kind auch nicht. Jetzt sitzt er blass und ohne Hunger am Mittagstisch, weint und sagt, dass er nie mehr in die Schule gehen möchte.
Er hat alles getan, was ein zwölfjähriges Kind tun kann, um solch eine Geschichte zu lösen. Jetzt sind wir Eltern dran. Es gibt eine Mobbing-Konvention an der Schule; der Fiesling, der mein Kind quält, hat bereits damit Bekanntschaft gemacht. Scheinbar ohne Erfolg.
Die Löwenmutter in mir will diesen Jungen packen und ihn mal kräftig schütteln. Wohl wissend, dass er ein armes Würstchen ist.
Die kleine Pia in mir heult, weil sie diese Erfahrung ebenfalls machen musste.
Und Frau … äh … Mutti – schreibt sich den Frust von der Seele.
Ist ein Stückchen Arbeit da vor uns.
11. August 2008 um 17:50
Hallo,
ich nochmal, diesmal ohne Link.
Meine Älteste hat das auch hinter sich. Wir haben uns zu lange von dem Pseudopsychogeplapper der Lehrer einwickeln lassen, es wurde nicht besser.
Als meine Tochter gar nicht mehr konnte und richtig krank wurde, konnten wir sie davon überzeugen, dass sie für diese Schule mit diesem Klientel einfach zu „anders“ ist.
Sie wechselte mitten in der 6. Klasse vom „Dorfgymnasium“ in ein „Stadtgymnasium“. Bei der Abmeldung bekam ich von dem doofen Schulleiter zu hören, es gebe kein Mobbing an seiner Schule. Komisch, kürzlich beim Friseur hat die Mutter eines anderen Kindes sich bei mir ausgeheult – auch bei ihrem Sohn ist das alles kein Mobbing…
An der neuen Schule gibt es eine sehr klare Haltung zum Thema „Mobbing“. Nach inzwischen mehreren Jahren mit Kindern dort kann ich das bestätigen: Mobbing kommt vor, wird aber sofort – und ich meine sofort ! von den Lehrern geregelt, ohne dass jemand das Gesicht verliert.
Meiner Tochter ging es nach dem Schulwechsel wieder richtig gut, und das ist schulisch so geblieben – sie kommt jetzt in die 9. Klasse (wir haben noch Ferien).
Auch wenn ein Wechsel schwer ist und einem wie eine Niederlage erscheint – denkt vielleicht als Option darüber nach.
Alles Gute wünscht
Sylvia
11. August 2008 um 18:13
Fühlt Euch gedrückt und getröstet.
Das große Kind macht ja nun wirklich alles richtig. Und er wird es später bedeutend leichter haben als die dummen Mobber, denn er hat eine Meinung und Hirn genug, gerade dafür einzustehen.
Und Ihr als Eltern macht auch alles richtig. Ihr sprecht offen, versteckt Euch nicht, sondern sucht Hilfe.
Ich habe auch so meine Erfahrungen gemacht, wurde verprügelt, bin nach der Schule von einer Horde Kinder durch die Gegend getrieben worden, versteckte mich, heulte, war zutiefst enttäuscht von Gleichaltrigen, die sich zusammenrotten müssen, um mutig zu sein.
Irgendwann traf ich die Anführerin alleine. Und nach dem Motto „Hau dem Stärksten der Gruppe eins auf die Zwölf“ gab ich ihr verbal einen drauf. Kurze Zeit später wendete sich das Blatt und sie wurde meine beste Freundin.
Alleridngs war das mit neun, zehn Jahren, also noch vorpubertär und somit vielleicht leichter zu handhaben als bei Zwölfjährigen.
Ein Patentrezept gibt es sicher nicht, aber Ihr werdet Euren Weg finden, denn Ihr seid eine starke Familie.
Alles Liebe!
11. August 2008 um 19:00
Liebe Frau..äh..Mutti,
mir schießen gerade die Tränen in die Augen. Ich hatte im Mai die Gelegenheit dieses großartige Kind kennenzulernen. Als Nichtmutter behaupte ich, Kinder objektiv und neutral beurteilen zu können. Und weil das so ist, bin ich schockiert und traurig und ich wünsche Ihrer Familie eine schnelle und zufriedenstellende Lösung für Sie. Bitte knuffen Sie ihren Sohnemann mal in die Seite von mir. Nur so, damit er weiß, dass ich gern an ihn denke. Und glauben Sie mir, ich kann nicht alle Kinder leiden!
11. August 2008 um 19:36
Ich halte Ihnen die Daumen, dass Sie und Ihre Familie diesen Abschnitt schnell hinter sich bringen. Viel Erfolg!
11. August 2008 um 19:49
Das tut mir wirklich leid! Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie das Problem in den Griff bekommen, ohne den letzten Schritt des Schulwechsels gehen zu müssen, und dass der Sohnemann bald wieder unbeschwert zur Schule gehen kann.
ratlose Grüße von Iris
11. August 2008 um 20:16
Ich wünsche viel Kraft! hat sich das ganze aufgebaut oder gab es einen Auslöser?
Sagt eurem Sohn nie nie nie, dass er vielleicht auch mal bei sich nach Fehlern suuchen muss, das hängt ihm sein ganzes Leben nach… aber ich Glaube Sie sind keine solchen Eltern…
wie gesagt, viel kraft für ihren Sohn und Sie.
11. August 2008 um 20:17
Hallo Pia,
das ist aber schon eine sehr gute Voraussetzung, wenn es an der Schule schon so etwas wie eine Konvention zum Thema gibt. Dann sind sie nämlich irgendwann in Zugzwang, wenn das Ganze nicht wirkt. Außerdem hast du mit den T-Shirts schon mal was an der Hand, um in einer evtl. Klassenkonferenz wegen Sachbeschädigung oder so vorzugehen. Kontaktiert als Eltern mit den T-Shirts in der Hand die zuständigen Lehrer, und dann muss die Schule handeln. Und wenn sie das nicht tut, dann versucht es mal mit der örtlichen Presse. Wirkt oft recht gut, weil die Schule ja einen Ruf zu verlieren hat.
LG Daniela
11. August 2008 um 20:18
ich weiß nicht wozu ich raten soll, ich kann mich aus meiner Schulzeit als sehr introvertiertes Kind (von Hause aus schüchtern und in den 70igern mit der Scheidung der Eltern im Gepäck, die meine Mutter mich zwangsläufig hatte sehr kurzfristig (d. h. binnen von vier Wochen) ein Jahr früher einschulen lassen, als geplant war) nur an zwei Situationen erinnern.
Mein Bruder war an der gleichen Grundschule und ist aufgrund seines aggressiven Verhaltens (nicht erkannter Legastheniker) nachdem er viele Kinder terrorisiert hatte, irgendwann von der Schule «genommen» worden. Das Ergebnis für mich war: alleine auf dieser Schule, völlig unbedarft, ich traf auf den Hass dieser «armen» Terroropfer: Du bist doch die Schwestern vom …?
Da habe ich lange Zeit darunter gelitten, wirklich gelitten. Bis mir eines Tages die Hutschnur platze und der Hauptkandidat dank meiner Mithilfe in einem Anfall meinerseits blinder Wut die Treppe runterfiel (was war er auch so blöd, mich am Treppenabsatz hops nehmen zu wollen) und in der Folge seine Kopfplatzwunde im gegenüber liegenden Krankenhaus behandelt werden musste. Folgen hatte das für mich keine, denn im Grunde war dem Lehrstuhl sehr gut bekannt, was da lief.
Danach hatte ich die letzten vier Jahre völlige Ruhe an der Schule. Leider fast so etwas wie Respekt. Daraus habe ich gelernt, sich wehren bringt Stillstand. Ich habe kein Rezept, wie man einem Kind, das man im Sinne von Antiautorität und Antigewalt erziehen möchte, das beibringen soll. Leider wirklich nicht.
Die zweite Situation war, dass im Vorfeld – bevor ich diesen «mutigen» Ausraster hatte – meine Mutter in der Schule vorgesprochen hatte und zwar sehr deutlich bei diesen Jungs in der Klasse. Danach war eine gewisse Zeit Ruhe, bis sie doch wieder anfingen. Für mich war aber dieser Hinterhalt meiner Mutter etwas, was mir unendlich viel Mut gab – und letzendlich dazu führte, dass ich mich endlich einmal wehrte.
So oder so ist für das Kind für sein weiteres Wohlergehen sehr wichtig, dass alles was passiert, etwas ist, bei dem er im nachhinein das Gefühl hat, er hat daran großen Anteil gehabt und gekämpft, damit er aus dieser Situation für sich als «Sieger» hervor geht. Das muss sein. Er darf nicht das Gefühl bekommen, das hätten «andere für ihn» geregelt.
Macht etwas, was ihm Selbstbewußtsein bringt: Judo? Aikido? Sportarten bei denen er lernt, gelassen zu bleiben, sich zu wehren ohne offensiv zu verletzen. (Karate ist meiner Meinung nach falsch, weil zu aggressiv.)
Als Mutter würde ich mich allerdings die bewusste Nervensäge in einem stillen unbeaufsichtigen Moment greifen und ihm erklären, was ihm passiert, wenn Dein Sohn noch ein einziges Mal von im blöd angemacht wird. Und ich denke, ich würde ihm dabei eine Geschichte erzählen, die ihn wirklich schlecht schlafen lassen würde. Löwinnenherz. Manchmal muss das einfach brüllen!
11. August 2008 um 20:53
Viel, viel Kraft und alles Liebe!
Mehr kann ich nicht mehr sagen, was nicht schon gesagt geworden wäre.
Lieben Gruß vom Platypus
11. August 2008 um 21:10
Ich bin immer wieder fassungslos was an deutschen Schulen so passiert. Da wird beleidigt, geschlagen, sich am Eigentum anderer vergriffen und das alles wird vom verantwortlichen Schulpersonal ignoriert oder kleingeredet. Sowas wäre hier (in unserem Schulbezirk zumindest) undenkbar, das hätte umgehend schärfste disziplinarische Maßnahmen für den Mobber zufolge. Und das finde ich sehr richtig, Mobbing ist komplett inakzeptables Verhalten und muss im Keim erstickt werden.
Es gibt KEINEN Grund jemand zu mobben, egal wie seltsam oder anders oder dick oder sonstwas er sein mag. Solange andere Menschen mich nicht angreifen habe ich sie zu tolerieren und in Ruhe zu lassen.
Liebe Frau Mutti, du solltest die Lehrer sehr energisch in die Pflicht nehmen, lass dich nicht mit Psycho blabla und Verständnis für die Mobber abspeisen. Sie sollten in Einzelgesprächen mit anwesenden Eltern schärfstens verwarnt werden. Frag Lehrer und Rektor wer das Sagen hat, sie oder die Bullies
Deinen Sohn die Schule wechseln zu lassen, sollte nur dewr letzte Ausweg sein, warum sollte er Platz machen für irgendwelche unerzogenen Gören die sich dann das nächste Opfer suchen.
Kopf hoch und steh für Deinen Sohn ein, IHR seid im Recht!
11. August 2008 um 21:46
Liebe Pia,
Dein Kind soll so bleiben wie es ist. Eine Rarität heutzutage, wohltuend zu wissen, dass es noch andere Kinder gibt.
Vermutlich tendiert unser Sohn auch in diese Richtung, allerdings ist er trotzdem ziemlich körperlich und kämpft gern mit seinen Kumpels. Ich weiss nun, dass ich das nicht verhindern werde, sondern allenfalls Regeln anbringe.
Er soll sich messen, und auch merken, wann es gut ist.
Jedenfalls finde ich es ganz toll, wie selbstbewusst Dein Sohn ist.
Der packt das schon, mit solchen guten Eltern im Gepäck ;)
LG Eva
12. August 2008 um 11:48
Mobbing in der Schule
Frau… äh… Muttis ältestes Kind wird in der Schule gemobbt, wie sie in drei unterschiedlichen Einträgen berichtet. Und es trudeln viele gutgemeinte Ratschläge ein, wie dem Problem beizukommen ist. Einige davon fand ich ja…
12. August 2008 um 16:51
Ich habe noch nicht alles gelesen, nur diesen Beitrag hier und auch nicht die Kommentare. Was mir spontan dazu einfällt, ein Freund von mir erzählte mir, er hatte früher auch solche Probleme. Er hat dann Judo gelernt und hat dadurch viel Selbstvertrauen bekommen und konnte sich auch gut wehren .. genau gegen solche Mitschüler..
Ganz liebe Grüße und ich hoffe, Ihr großes Kind kann bald wieder lachen.
Annette :-)