Nehmen Sie doch Platz,

4. April 2007

am Küchentisch in der Grünen Villa, und beobachten Sie, wie das jüngste Kind der Familie seine Ferien-Hausaufgaben erledigt, während die Mutter ein kalorienbewusstes Essen zubereitet (es ist mir bewusst, dass Bratwurst viele Kalorien hat).

Das jüngste Kind soll auf einem linierten Din A4-Blatt je eine Reihe „Au“, „au“, „aus“, „auf“, „Haus“, „Maus“ und „Mauer“ schreiben. Na, das ist doch garnix, mag manche Mutter denken, die das Hausaufgabenpensum von, sagen wir mal, Sechstklässern kennt. Oder eine Mutter, die nicht unser jüngstes Kind hat.

„Fang mal an!“, sagt Frau … äh … Mutti in allerbester Pädagoginnen-Art, mit diesem latenten Säuseln in der Stimme.
„Ja-ha. MACH ich doch!“, sagt das jüngste Kind, „Aber ich muss erst noch die Stifte sortieren!“
„In Ordnung. Allerdingst brauchst du nur den Bleistift und einen Radiergummi. Oder?“, sagt Frau … äh … Mutti. (Das fragende „Oder?“ am Ende ist ein pädagogischer Kniff, der dem Kind vermitteln soll, dass es viel schlauer als die doofe Mutter ist, die nicht mal weiß, dass man zum Schreiben IMMER einen Bleistift und einen Radiergummi braucht.)
„WEISS ICH!“, faucht das jüngste Kind und beginnt ein „Au“ zu malen.
„MIST! Jetzt hab ich mich verschrieben!“, schimpft es und radiert.
„Macht ja nix.“, beschwichtigt Frau … äh … Mutti in munterem Tonfall.
Das jüngste Kind beendet die Au-Reihe ohne weitere Zwischenfälle und beginnt die nächtse Reihe.
„MIST! Das wird ja KLEIN geschrieben, das „au“!“, schimpft das jüngste Kind.
„Ja, stimmt. Du musst dich konzentrieren!“, wagt Frau … äh … Mutti zu sagen.
„Ich KONZENTRIERE mich ja auch. DU lenkst mich ab!“, wütet das jüngste Kind.
Frau … äh … Mutti beschwört die Bratwürste, etwas leiser zu brutzeln, denn das Kind muss sich doch konzentieren. Nahezu lautlos stellt sie den Topf mit dem Blumenkohl auf´s Feuer, doch die Salzkörner platschen ohrenbetäubend laut ins Kochwasser und das jüngste Kind ist wieder abgelenkt.
„Das riecht saulecker!“, sagt das jüngste Kind.
„Hm, ja.“, erwidert Frau … äh … Mutti und macht einer auffordernde Geste Richtung Zettel, Bleistift und Kind. Dann müssen die Bratwürste gewendet gewendet werden und die gewünschten Pommes müssen in den Ofen.
Am Küchentisch macht es „Diiiisch!“
„Das ist mein Laserschwert!“, sagt das jüngste Kind und köpft mit seinem Bleistift beinahe eine Tulpe in der Vase.
„Na, dann brenn mal mit dem Laserschwert das Wort „Haus“ auf dein Arbeitsblatt!“, witzelt Frau … äh … Mutti und erntet für diesen netten Versuch nicht mal ein verächtliches Lächeln.
„Öch bön Darth Vader!“, röchelt das jüngste Kind.
„Nein, bist du nicht. Du bist ein Kind, das gleich mächtig Ärger bekommt, weil es seine Hausaufgaben nicht macht!“, Frau … äh … Mutti ist die Pädagogin abhanden gekommen.
„Ich SCHREIB ja. Aber du LENKST MICH AB!“, tobt das jüngste Kind.
„Ok. Ich bringe jetzt den Kompost weg und ich bin echt gespannt, wie weit du bist, wenn ich wieder komme. Ob du es schaffst, mich zu überraschen?“ (Lehrbuch Pädagogik, Rubrik Motivation)
Frau … äh … Mutti trägt die Kompostschüssel nach draußen, leert sie aus, schnuppert an den Traubenhyazinthen, zupft eine Brennnessel aus, beobachten den Erdbeerkater bei der Vogeljagd, beschließt nachmittags den Bux zu pflanzen, schlägt die Zeit tot und betritt nach fünf Minuten wieder die Küche.
„NAAAA? Wie weit bist du?“, fragt Frau … äh … Mutti.
„Ich schreib immer Maurer aber da steht Mauer!“, schluchzt das jüngste Kind und der Blumenkohl ist übergekocht.
Mutter hiflt beim Radieren, beschwichtigt und beruhigt und motiviert und redet und labert und die Fransen am Mund werden immer länger. Das jüngste Kind schreibt zweimal Mauer in die Reihe, extragroß, damit es schneller geht. Da sollte nun eigentlich eingegriffen werden, da sollte ermahnt werden, zum ordentlichen Arbeiten angehalten werden. Aber hey, das Mittagessen war fertig, das jüngste Kind und die Mutter auch. Und ausserdem warten noch einige Arbeitsblätter auf vollen pädagogischen Einsatz.

Seufz.

6 Kommentare zu “Nehmen Sie doch Platz,”

  1. dasMiest sagt:

    Du hast mein vollstes (aber so was von vollstes, weißt du, ne?) Mitgefühl. Und ich bin so froh, dass hier Ferien diesmal Ferien sind. Ganz ohne Aufgaben.

    Und wuschel das jüngste Kind von mir.

  2. strandi sagt:

    Ich beneide das jüngste Kind nicht….. obwohl solche Aufgaben auch Wörter hervorbringen können, die der Lehrerin/dem Lehrer die Schamesröte ins Gesicht treiben! Ich erinnere mich an die Primarschule und diese eine verhängnissvolle Aufgabe, jeweils ein Verb pro Buchstabe des Alphabeths zu finden und meine damals beste Freundin war besonders….ähm…. kreativ ;)

  3. Rena sagt:

    Lach. Solche Dialoge kenne ich auch zur Genüge. Geht mir mit meinem Sohn auch oft so. Grundsätzlich sind immer alle anderen Schuld. Gelegentlich fliessen bei ihm auch mal die Tränen oder er bekommt einen Tobsuchtsanfall. War in der ersten Klasse noch schlimmer. Inzwischen hat es sich im Großen und Ganzen gelegt. Zum Glück. Meine Nerven hätten es nicht mehr lange mitgemacht. Geht gar nichts mehr, darf mein Mann nach Feierabend die Hausis mit Sohnemann fertig machen.

  4. Jeanie sagt:

    Hach, mein allertiefstes Mitgefühl für Mutter UND jüngstes Kind!
    Grade eben hab ich in etwa das gleiche Drama (auch mit Tränen und Wutanfall) hinter mir mit dem Mittleren Kind… Wörter aus der Lernkartei üben…*Stöhn* Die Große sollte den Aufsatz üben und lieferte mir ein unbeschreibliches Kuddelmuddel ab (nein, es geht ja um nichts wichtiges… *ironieaus* nach den Ferien wird nur ein Probeaufsatz geschrieben der das Zünglein an der Waage sein wird ob Realschule oder Hauptschule…*Seufz*)
    Wie lange dauert es noch, bis alle Kinder mit der Schule fertig sind???

  5. Doireann sagt:

    Irgendwie habe ich das alles anscheinend schon verdrängt. Ich kann nur den Trost geben, dass das vorbeigeht – vielleicht hilfts!

  6. Katrin sagt:

    Liebe Frau ..aeh .. Mutti, ich mußte eben diesen Artikel auf meiner Seite verlinken, ist das in Ordnung??? Wie bei uns, so schön beschrieben! Ein schönes ruhiges entspanntes Osterfest wünscht Katrin.