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7. Juni 2010
„Man muss nur die Schule überleben …“, sagt Georg in irgendeiner GA-Staffel.
Stimmt.
Wenn die Kindelein klein sind, zeigt man ihnen, dass es ganz großartig ist, dass sie so sind, wie sie sind. Man bekräftigt und ermutigt, verstärkt positiv und fördert nach Interessen und Begabung.
Während der Schulzeit dann muss das Kind eine kurze Auszeit von Individualität und Eigenart nehmen, denn der angepasste, unauffällige mainstream-Schüler macht das Rennen. Bei Lehrern und Schülern gleichermaßen beliebt, gekleidet nach dem, was der H&M-Katalog zeigt und abfahrend auf Super-Modell,-Star,-Sänger,-Verarsche-Shows.
Später irgendwann … darf das, was dem Kleinkind beigebracht, wieder aktiviert werden, denn dann wird der Herausragende gesucht. Der Besondere. Der Individualist.
*****
Ja, ja, ich weiß. Polemisch. Und nicht ganz ausgereift. Und voller Vorurteile, haltloser Anschuldigungen und nicht jedes Kind ist so und nicht jede Schule und es gibt viele Lehrer, die ganz anders sind und überhaupt, Frau … äh … Mutti, trinken Sie mal einen Kaffee und kommen Sie wieder runter.
Trotzdem. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, doch recht zu haben. Und gerade heute macht mich das wieder wahnsinnig traurig.
7. Juni 2010 um 14:16
liebe frau mutti,
es ist noch gar nicht lange her, da verzweifelte ich an genau der selben problematik.
dort wo ich arbeite sollten neue azubis eingestellt werden. es stellte sich eine junge frau vor, deren lebenslauf im letzten jahr leer war. ich fragte sie, was sie denn so gemacht hätte und sie erklärte, sie habe sich voll und ganz auf SICH konzentriert. hätte ihr leben genossen, angefangen zu reiten, sich ganz ihren hobbies gewidmet und wüsste aber jetzt, dass sie eine ausbildung machen möchte und zwar hier bei uns.
sie schämte sich nicht für ihre auszeit und versuchte auch nicht irgendwelche gründe zu erfinden. für MICH stand sie ganz weit oben auf der zusagen-liste. der personalchef hingegen hatte sie als eine der letzten positioniert.
warum? weil sie ein ganzes jahr verschenkt hätte, was dumm wäre und außerdem nicht dafür spräche, dass sie die ausbildung durchhalten könne.
ja, es scheint wirklich so, als hätten es die „mainstream-kids“ leichter. es scheint, als müsse man nur angepasst genug sein, damit einen die gesellschaft akzeptiert und gut findet.
„man muss sich gut verkaufen können“ – sagt jeder bewerbungsratgeber.
und dann steht man da als junger (oder auch als nicht mehr ganz so junger) mensch und überlegt ob man sich und seine seele verkaufen will und kann oder ob man zu sich stehen soll. zu seinen macken und fehlern, die einen so einzigartig und liebenswert machen.
ich persönlich krieg das mit dem verkaufen auch nicht auf die reihe. und irgendwie weigere ich mich immer noch, es zu lernen. wie lange ich das noch kann? wir werden sehen.
ich machs wohl heute wie sie. ich trink nen kaffee und verlasse die polemik.
alles liebe,
anne
7. Juni 2010 um 14:27
Frau Mutti, Sie haben wiedermal den Nagel auf den Kopf getroffen und mit voller Wucht versenkt!
Grüssle Sabine
7. Juni 2010 um 14:34
Ja… das merke ich jetzt schon…
Mein großer Kleiner ist 4 Jahre, bald 5 und hat jetzt schon Probleme damit, dass er „nicht angepasst“ ist. Zwar achte ich darauf, dass er „normal“ gekleidet ist, aber da er jetzt schon lange Haare haben möchte, um Haarspangen tragen zu können, am liebsten welche in Rosa mit Glitzer, wird er schonmal gehänselt.
Wenn es ginge würde er wohl auch Kleidchen tragen, aber weil er schon wegen der Haarspangen veräppelt wird lasse ich ihm die Kleider und Röckchen nur in einer Verkleidekiste, aus der er sich nach Lust und Laune verkleiden darf.
Zu dem machen wir als Hobby Mittelalter, und da er da begeistert mitmacht und das im Kindergarten natürlich erzählt fällt er auch schon wieder auf. Weil der macht ja was anderes als wir. Man sieht ja dann auch schon wieder total komisch angezogen aus.
Aber ich möchte ihm ja auch mitgeben können: Mach du dein Ding, lebe Kreativität aus. Aber häufig genug ist er schon traurig, weil er eben geärgert wird, und möchte gar nicht mehr. Ich finde das echt schade dass es nicht normal sein kann dass man so ist wie man ist.
Gut, bei uns sind es jetzt noch nur Kleinigkeiten. Wenn ich da ein bisschen aufpasse ist es noch nicht so dramatisch. Aber ich denke, mit dem Alter werden die Kinder kreativer, was Gemeinheiten angeht.
Und da graust es mir schon vor…
Aber mal sehen was die Zeit so mit sich bringt. Vielleicht will Sohnemann (also meiner…) ja irgendwann angepasst sein (denn das ist was seine Eltern eh nie so recht hinbekommen haben ;-) Und man muss sich ja abgrenzen *gg*)
Alles Gute, wünsche ich Ihnen, und weiterhin schön unangepasste, individuelle Kinder, die aber nicht darunter leiden sollen!
(die wünsche ich mir nämlich auch…)
Katha
(Ich sollte Romanautorin werden anstatt Kommentare zu schreiben… *augenroll* zumindest von der Länge her stimmts beinahe…)
7. Juni 2010 um 14:36
Sie haben so recht!
Manchmal frage ich mich, wie ich die Schule überstanden habe. (Der Klassenwechsel in der neunten könnte geholfen haben…)
Aber es geht alles vorbei. Das weiß ich.
7. Juni 2010 um 14:46
Leider haben Sie recht. Und auch mir tut das in der Seele weh.
Dennoch hoffe ich, dass trotz aller Angepasstheit während der Schulzeit eine gute Portion Individualität in die Zeit danach gerettet wird… und das ist es dann, worauf wir stolz sein können.
7. Juni 2010 um 14:47
Liebe Frau … äh… Mutti
leider kann ich Ihnen nur voll und ganz zustimmen und werde noch in dieser Woche ein Kerzchen aufstellen, weil ich die Schulzeit meiner Kinder ohne größere Krisen überstanden habe!
Kaffee ist gut!
7. Juni 2010 um 15:01
Sie haben Recht, leider. Und ich finde das, was sie schreiben, nicht polemisch, sondern leider sehr, sehr realistisch.
Oft bleibt wenig anderes, als darauf zu vertrauen (und die Kinder darin zu bestärken), dass sie _ihren_ Weg gehen werden, und dass es letztlich der interessantere sein wird (Robert Frost, Sie wissen schon.)
So long,
Corinna
7. Juni 2010 um 15:07
Gegen den Strom schwimmen ist halt anstrengender. So what. Macht halt auch stärker. Alles hat seinen Preis, und die Individualität halt den, dass man dazu Rückgrat braucht. Aber das hat man doch in Ihrer Familie, oder? Einfach ist doch auch langweilig.
Liebe Grüße
Erzangie
7. Juni 2010 um 15:49
Schließe mich dieser Ihrer Meinung komplett an, liebe Frau…äh…Mutti.
Vielleicht rührt daher aber auch meine derzeitige Kaffeesucht.
Wir z.B. nehmen zum Sommer einen Schulwechsel vor, u.a. weil langhaarige Zottelkinder an der Schule meines Kurzen nicht gern gesehen werden.
Tenor des Rektors: „Wer sich hier nicht anpasst, ist hier falsch.“
7. Juni 2010 um 15:59
Die Angepasstheit macht auch immer genauso traurig wie Sie. Aber leider hat man es tatsächlich einfacher, wenn man mit dem Strom schwimmt.
Ich weiß nicht, wie ich die Schulzeit ohne größere Schäden überlebt habe, aber ich gehörte definitiv nicht zum Mainstream. Das heißt, dass ich in uralten 70-Jahre Cordhosen (von meinem Vater) und im Gammellook (es war kein Grunge-Look!!)und mit abscheulichen Frisuren zur Schule gegangen bin.
Da fällt mir grad noch was ein, ich bin mit ca. 13 Jahren im Dirndl zur Schule gegangen, natürlich stilecht mit Bauernzopf und so. Ich habe mich ziemlich verteidigen müssen und ich glaube auch, dass ich das dann erstmal nicht mehr angezogen habe.
Heute bin ich aber sehr froh, meinen eigenen Weg gegangen zu sein, denn die, die damals cool waren, sind´s heute absolut nicht mehr.
Meine Eltern haben mich darin immer bestärkt, auch wenn ich es damals nicht so toll fand. Jetzt werde ich das genauso versuchen, auch wenn´s schwer wird.
Vielleicht sollte man immer einen Mittelweg zwischen Mainstream und Individualität suchen, ich komme bisher ganz gut damit zurecht (auch wenn meist die Einzigartigkeiten überwiegen).
Liebe Grüße
Jennifer
7. Juni 2010 um 16:19
Mich macht traurig, was ich lese und ich frage mich, in welchen alptraumartigen Schulen Ihre Kinder sind. Wir haben die Erfahrung bisher nicht gemacht und sind froh, unser Kind individuell und einzigartig in der Schule wertgeschätzt zu wissen. Vielleicht eine Einzelerfahrung, eine Ausnahme, mag sein.
Gruß,
Nicole
7. Juni 2010 um 16:46
Liebe Frau Mutti,
Sie HABEN recht *seufz*
Und auch mich macht das traurig…
Herzliche Grüße,
Inge K
7. Juni 2010 um 17:18
Lange Haare oder Klamotten waren oder sind bei meinen Kinder oder ihren Schulen nie ein Problem, umgehen kann dort der ein oder andere Lehrer nicht mit (sachlich vorgebrachter!!!) Kritik und anderem Denken. Für mich eine Behinderung in der Entwicklung, keine Unterstützung. Vermutlich für Lehrer aber auch nicht immer ganz einfach auf einzelne einzugehen, wer weiss…Wir haben schon einiges erlebt, was wir den Kindern lieber erspart hätten!
Ich muss bei diesen Gelegenheiten oft an den Liedermacher Reinhard Mey denken, der an irgendeiner Stelle sinngemäß gesagt hat, wenn es bei uns zuhause Ärger gegeben hat, dann immer wegen der Schule. Nachvollziehbar!
Ich gehe jetzt einen Kaffee trinken, in Gedanken mit/bei Ihnen.
Christiane
7. Juni 2010 um 17:23
Liebe Frau Mutti,
ich muss leider auch sagen:
Sie haben mit jedem Wort recht!
Und auch mein Mutterherz blutet, weil ich meine Kinder trotzdem
zur Schule schicken muss.
Liebe Grüße
Doreen
7. Juni 2010 um 17:33
alles selbst erlebt :( und es hat für nen kleinen Knacks gesorgt, der eine ganze Zeitlang hinterfragte, ob ich jetzt WIRKLICH anders sein muss als andere.
später hat es sich entknackt. aber es war ne heidenarbeit und ich bin verdammt stolz auf meine mutter, dass sie mir zur seite stand.
und dieses gefühl… ist eine der besten erfahrungen.
7. Juni 2010 um 17:36
****und dieses gefühl… ist eine der besten erfahrungen.
@carny: das dumme ist, dass man das immer erst hinterher weiß, wenn man durch ist… Aber bis dahin…
So long,
Corinna
7. Juni 2010 um 17:38
@christiane
**** Liedermacher Reinhard Mey denken, der an irgendeiner Stelle sinngemäß gesagt hat, wenn es bei uns zuhause Ärger gegeben hat, dann immer wegen der Schule. Nachvollziehbar!****
Stimmt. Es war erstaunlich, wie entspannt das Familienleben wurde, als meine Große auf ein individueller zugeschnittenes Gymnasium (verschränkte Ganztagsschule, kein Schulstress) kam, und der Kleine in der Vorschule war (ebenfalls kein Schulstress)… Ein Unterschied wie Tag und Nacht zu vorher.
So long,
Corinna
7. Juni 2010 um 18:04
Ja, so habe ich das auch erlebt mit dem Anderssein. Aber es gab und gibt immer auch Lichtpunkte, wie meinen tollen langhaarigen kaugummikauenden Englischlehrer Olaf, der mir zur Abiprüfung kurz vorher sein Jacket lieh, weil ich nicht festlich genug angezogen war.
7. Juni 2010 um 18:24
Ach was, „Besondere“, „Individualisten“… Meiner Meinung nach wird dies auch nach Beendung der Adoleszenz auch nicht wirklich geschätzt. Leider. Leider!
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of outcast
Liebe Grüße von der
Garnprinzessin
7. Juni 2010 um 18:24
Auch… *gnarf*
7. Juni 2010 um 21:37
Ich würde dir wirklich gerne widersprechen. Geht aber nicht, es ist nämlich genau so, wie du schreibst.
Und es wird immer schlimmer, bei den ganz Kleinen wird hier in B-W bereits im Kindergarten via „Vorsorgeuntersuchung“ genauestens darauf geachtet, dass kein Kind irgendwie „anders“ ist. Ist ja alles nur gut gemeint, nicht wahr ?
Traurige Grüße
Sylvia
8. Juni 2010 um 09:31
Ganz und gar nicht polemisch, sondern wahr!
Passend zum Thema empfehle ich folgende Vorträge von Sir Ken Robinson:
http://www.ted.com/talks/lang/eng/ken_robinson_says_schools_kill_creativity.html
und
http://www.ted.com/talks/lang/eng/sir_ken_robinson_bring_on_the_revolution.html
8. Juni 2010 um 17:49
@Jennifer
„Heute bin ich aber sehr froh, meinen eigenen Weg gegangen zu sein, denn die, die damals cool waren, sind´s heute absolut nicht mehr.“
Ein Satz, den ich ganz klar unterstreichen kann. Die, die früher in der Schule cool waren, beliebt waren, klasse aussahen usw., die kann ich mir jetzt auf Facebook der stayfriends ansehen und ….uääääähhhhhh! (Die braucht keiner….)
Die weniger angepassten sind heute die wirklich Coolen.
Muss man echt sagen!
9. Juni 2010 um 09:13
„Man muss nur die Schule überleben….“ – wie wahr, wie wahr!
Aus meiner eigenen Erfahrung sage ich, dass es sehr schwer ist, den gesunden Mittelweg zwischen Individualist und Mainstreamkind zu behalten. Auch gerade weil man keine Garantie dafür hat, als Mainstreamkind eine Schulzeit ohne viel Leid zu haben.