vom Altwerden
3. Dezember 2007
Irgendwann erreicht man wohl einen Punkt, an dem man sich über das Altwerden Gedanken machen muss.
Zum Beispiel dann, wenn man nach drei Stunden Schlaf immer noch genauso müde und matt ist wie vorher. Das war früher nicht so. Da hat man lustig die Nacht durchgemacht und ist drei Stunden später wieder voll einsatzfähig gewesen.
Zum Beispiel dann, wenn die Leber eindeutig mehr Zeit braucht, um den Alkohol im Blut abzubauen. Ein paar Gläser Sekt, zwei, drei Gläser Rotwein, dazwischen ganz viel Wasser, reichen für zwei Tage „beduselt sein“, doch der Spaß darüber und daran reicht nur einen Abend. Am nächsten Tag will man sich eigentlich wieder bücken können, ohne dabei rückwärts auf dem Hintern zu landen.
Zum Beispiel dann, wenn der Blick in den Spiegel oder auf diese verflixten Nahaufnahmen der Digicam schaut und Falten entdeckt. Keine Fältchen, die man sich Schönreden kann, sondern Kluften. Erfreulicherweise sind es Lachfalten und die sind nicht schlimm. (jawoll!) Doch die beiden Falten zwischen den Augenbrauen kann ich mir nicht weglachen, das sind die Zornfalten, die Grübelfalten, die angestrengt-sein-Falten.
Zum Beispiel dann, wenn die ersten Altersflecken auf den Händen auftauchen, vier auf der linken Hand, einer auf der rechten. Sehen aus wie Sommersprossen und die wollte ich früher ja auch immer haben. Wenn auch niedlich auf der Nase.
Zum Beispiel dann, wenn Gewichtsabnahme nicht nur zu einem schlankeren Erscheinungsbild, sondern auch zu merkwürdigen Hautfalten führt. Früher verschwand die überschüssige Haut zusammen mit dem Fett, heute bleibt die Haut einfach übrig und wellt sich lustig, mein Bauchnabel sieht aus wie eine Sonne, mit Faltenstrahlen drumherum. (sprechen wir nicht von den Oberschenkeln)
Zum Beispiel dann, wenn diese berühmt-berüchtigte Orangenhaut auftaucht. Komische kleine Dellen im Pospeck. Allerdings nur, wenn die spärlich vorhandenen Muskeln angespannt werden.
Zum Beispiel dann, wenn die Gelenke ziepen und der Rücken quietscht und das Knie, das vermaledeite, jedes Grad plus oder minus kommentiert.
Zum Beispiel dann, wenn man Sätze, die mit „ja, früher … “ oder „In meiner Kindheit/Jugend …“ oder „Damals …“ von sich gibt und die eigenen Kinder diese Sätze beenden können. Oder sich genervt abwenden.
Zum Beispiel dann, wenn man sich fragt, ob man nun womöglich die Hälfte seines Lebens hinter sich gebracht hat und zufrieden mit dem Erreichten ist. und was da wohl noch kommen mag.
Zum Beispiel dann, wenn man ein bißchen rumrechnet und feststellt, dass man bereits sechzehn Jahre lang einem Menschen in seinem Leben einen besonderen Platz eingeräumt hat und dass das länger ist als die Zeit, die man zum Beispiel dem eigenen Vater gegönnt hat.
Zum Beispiel dann, wenn man nach langer Rumdenkerei zu dem Schluß gekommen ist, dass das Altwerden keine sooo dramatische Sache ist, dass man es sowieso nicht ändern kann, dass es durchaus Vorteile hat und dass man es letztlich bisher ganz gut gemeistert hat.
Herzlichen Dank für die vielen Glückwünsche und Gratulationen per Post, mail oder Kommentar. Ich bin gerührt.
vorher – nachher
2. Dezember 2007
vor zwölf
nach zwölf
Morgens um neun
1. Dezember 2007
ist die Welt noch in Ordnung.
Das ändert sich aber schlagartig, wenn frau zum Einkaufen aufbricht. Beim Bäcker reicht die Schlange bis auf die Straße und alle Menschen darin schauen griesgrämig drein. Mag am Nieselregen liegen oder an der Tatsache, dass alle Menschen, die aus der Bäckerei herauskommen, vollbepackt sind. Vielleicht gibt es ja kein Brot mehr, wenn man endlich an der Reihe ist?
Je zwei Haferbaguettes, Winzerbaguettes, Wurzelbrote, Körnerbaguettes und ein Hausmacherbrot später darf ich endlich aus der Bäckerei flüchten. Als Frühstücksverweigerin sind mir sowohl der frische Brotgeruch als auch der süßliche Kuchen- und Plätzchenduft zuwider.
Beim Metzger ist es ähnlich. Die Schlange reicht nicht auf die Straße, weil vor dem Tresen genug Platz für zwanzig Kunden ist. „Darf´s ein bißchen mehr sein?“, fragt die Fleischereifachverkäuferin und reicht der Kundin vor mir zwei Kilo Mett über den Tresen. Mein Magen dreht sich.
Ich kaufe diverse Bratenaufschnitte, Kassler und Fleischwurst und jede Menge Käse an der Käsetheke. Längst nicht genug, aber ich muss raus, selbst wenn der Regen stärker geworden ist. Eine Mischung aus Käse, Wurst, Fleisch, Zwiebeln, viele Menschen und manche davon im wahrsten Sinne des Wortes morgenmuffelig, raubt mir die Luft und fast den Morgenkaffee im Magen.
Auf dem Heimweg wird es besser. Ein Schwätzchen mit einer sehr weit entfernten angeheirateten Verwandten, eine Wegerklärung und viele nette Guten-Morgen-Grüße. Die Regenluft vertreibt fast die Übelkeit. Langsam freue ich mich auf heute abend.