Obwohl er das hartnäckig behauptet.

Familienfeiern zwischendurch bringen mein Zeitgefühl, das sowieso nur rudimentär vorhanden ist, komplett aus dem Gefuge. Gut, dass bis zur nächsten Familienfeier noch zweieinhalb Wochen zum Erholen verstreichen. (mein Geburtstag, liebe Leser und betrachten Sie dies auf gar keinen Fall als wie auch immer gearteter Wink, denn schließlich werde ich alt.)

 

Das mit den Geburtstagen der eigenen Kinder ist ein faszinierende Sache.

Zwischendurch konnte ich mir einbilden, irgendwo zwischen 25 und 35 stehengeblieben zu sein, meistens von der Tagesform abhängig. An den Geburtstagen der Kinder, insbesondere aber an dem des ältesten Kindes, wurde ich aber nachdrücklich in die Realität zurückbefördert. Denn es gab solche „Meilensteine“. „Wenn der Große fünf wird, werde ich dreissig.“ war so einer.

Jetzt ist er 16 und ich nur noch manchmal gefühlte dreissig. Manchmal eher doppelt so alt. Ich hadere nicht oder denke über operative Raffungen und Straffungen nach. Aber ich bin äusserst erstaunt, wie die Zeit dahin galoppiert und ich habe das Gefühl, die Hälfte zu verpassen, weil ich den Zeitraffer-Knopf verloren habe.

Sei es wie es ist. Es geht mir gut. Ich bin glücklich.

 

*****

 

Und apropos glücklich!

Sie erinnern sich an meine Mehlmottenplage? In der Küche bin ich sie los! Und die im Nähzimmer auch!

„Im Nähzimmer?“, fragen Sie zurecht etwas verwirrt, denn ich vernähe weder staubige Mehlsäcke, noch klebe ich entzückende Gewürzbilder oder fädele zauberhafte Nudelketten. Im Nähzimmer lagern Stoffe, die metermäßig mehrfach zur Sonne reichen, diverse Garne und Schnickeldi-Zubehör. Alles ungenießbar.Trotzdem krochen ständig Maden an der Decke oder Motten flatterten durch die Gegend.

Das Tauschen von Nähzimmer und Zimmer des großen Sohnes und das damit einhergehende gründliche Putzen schien zu helfen, zumal ich eine potenzielle Brutstätte in Form eines genähten Schnickeldis, das ich wegen des tollen Geruchs mit Tee gefüllt hatte, entdeckt und entsorgt hatte. (es wimmelte nur ein bißchen darin) Etwa eine Woche hatte ich Ruhe und Frieden im neuen Nähkämmerchen, bis die ersten Maden wieder grinsend an der Decke klebten. (das sind die Momente, in denen man sehr traurig wird. Oder an seinem Verstand zweifelt.)

Als ich gestern abend Maden mit dem Taschentuch von der Decke quetschte, fiel mein Blick auf den roten Kickers-Schuhkarton auf dem Schrank. X-Mas habe ich drauf geschrieben und das bedeutet: ich schau da nicht sooo oft rein. Tat ich dann. Anissterne, getrocknete Orangenscheiben, Zimtstangen. Oder das, was davon übrig war. Ich gehe nicht ins Detail, bin mir aber nun sicher, dass ich den Endgegner geknackt habe. Natürliche Weihnachtsdeko wird völlig überbewertet, demnächst gibt´s hier nur noch Plastik. Vielleicht sogar blinkend.

 

*****

 

Der orangefarbene Samtmantel. Sie erinnern sich?

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, denn eigentlich bin ich sehr unglücklich und finde gar keinen Anfang.

Es begann vielleicht mit der ersten Stunde im Nähkurs, als ich merkte: da gehöre ich nicht hin. Mit der Kursleiterin gab´s kein „die Chemie passt“.

Dann kam mir die eigene Überheblichkeit in die Quere. Ich KANN ja nähen, was will ich eigentlich hier? Doof.

Es klappte irgendwie doch, ich schnitt zu, begann Teile zusammenzunähen, war nicht ganz zufrieden, weil es Beulen gab, wo Beulen nicht erwünscht sind und wurde eher … abgewürgt. „Das ist halt so.“

Ich nähte Schnickeldi über die Beule und war nicht richtig glücklich damit.

Das Vorderteil wurde an das Rückenteil gesteckt, ich kletterte zur Probe hinein: sackartig. „Müssen da noch Abnäher irgendwie rein?“ fragte ich und bekam die Anweisung, die Abnäher aus dem Schnitt zu übernehmen, dann „passt das schon.“ Tut es nicht. Die Abnäher sitzen völlig falsch und wer schon mit Samt gearbeitet hat, weiß, was passiert, wenn man Samt vernäht, bügelt und dann wieder auftrennt. Das bleibt. Das sieht man, das ist Murx.

Ich kürze hier mal ab.

Der Samtmantel liegt genauso in der Tüte, wie ich ihn nach dem letzten Nähkurs beinahe heulend hinein gefeuert habe. Nach dem Weihnachtsmarkt packe ich ihn aus, bügele ihn und wurschtele mich alleine durch den Schnitt.

Kein Erfolg, der Nähkurs. Aus vielerei Gründen lief das von Leiterinnen-Seite nicht gut und ich selbst bin möglicherweise eher schwierig mit meinem „ich wills nicht lernen nur können“-Denken. In den letzten Jahren habe ich mir alles Handarbeitliche selbst beigebracht, vielleicht kann ich deshalb nichts mehr annehmen. Oder ich bin am Ende der Fahnenstange anbelangt, was meine Fähigkeiten anbelangt.

Der orangefarbene Samtmantel … wird. Irgenwie.

 

*****

 

Am Kirschbaum hängen nur noch ein paar einsame gelbe Blätter und ich fürchte, die graue Novemberdepression erwischt mich doch noch. Wird Zeit das Weinachtsschnickeldi abzustauben. Zum Glück ist bald der erste Advent. (und ich hab schon rote Kerzen! Jeah, ich bin früh!)

19 Kommentare zu “Der Dienstag, der kein Montag ist.”

  1. Anke sagt:

    Der Samtmantel – oje
    mir erging es vor Jahren in einem Nähkursus ähnlich …
    Nähen hatte ich bei meiner Mutter gelernt und natürlich war angeblich erst mal alles falsch so, außerdem saßen schon vorher und auch später Abnäher aus dem Schnitt NIE, NIE, NIEEEE auf meinem Körper dann da, wo sie hingehören …
    Abhilfe? Jemand, der gut abstecken kann, bei mir Mama, jetzt eine Freundin, die Schneiderei gelernt hat, aber auch schon mal das Tocherkind, die einfach ein Auge hat für den Fall genau dieses Materials …
    Ich hefte dann alle zugeschnittenen Teile (mit den notwendigen Zugaben in gewissen Bereichen, die ich schon kenne) erstmal mit Stecknadeln zusammen, lasse die Helferin machen, nähe dann ordentlich – und – passt !!!
    Samt ist schon ein besonderes Thema, trotzdem drücke ich alle verfügbaren Daumen, dass das arme Teil nicht dauerhaft in Ungnade fallen muss …
    Liebe Grüße – Anke

  2. Die Ordnungshüterin sagt:

    Mensch, Frau Mutti… ich lese immer weider so gerne bei Ihnen mit. Richtig aus dem Leben! Vielen Dank sein an dieser Stelle mal gesagt.

    Falls Sie noch Schwung brauchen für das Advents-Schnickeldi-Abstauben, dann schauen Sie doch mal auf meinen Blog (ordnungshueterin.blogspot.com)… so sind sie dabei auch nicht alleine!

    Allerliebste Grüße

    Anna

  3. Brigitte sagt:

    Think positive: gut, wenn das persönliche Bermudadreieck nur Samtmantel heisst und nicht Ehe, Kind, unreparierbarer Schaden am Eigenheim usw.; das ist die vernüftige Variante. Kopfgesteuert. ICH habe damals den Pullover für die Tochter, der nix wurde, einfach in einer Tüte im Schrank versenkt. So hatte ich jetzt Wolle, um meine geliebten Wollsocken stopfen zu lassen (danke große Schwester!). Den FERTIGEN Pullover hätte ich vielleicht irgendwann verschenkt…und wäre jetzt blöd dargestanden. Vielleicht ist orangener Samt das perfekte Dekomaterial für die Wiege des 1. Enkelkindes, wer weiss. :-)

  4. fraumutti sagt:

    Brigitte … ENKELKIND? (ich bin sohohoho alt. Schluchz.)

  5. Christiane sagt:

    Mehlmotte werd´ich auch nicht los und die Deckenkrabbelviecher sind hier auch aufgetaucht, schrecklich! Aber dass das mit dem Weihnachtsgetüddel zusammen hängen kann, da drauf bin ich noch nicht gekommen. Ich geh´jetzt sofort gucken. Danke für den Tipp und die weise Einsicht, dass es nicht nur hier so ist,
    Christiane

  6. Susanne sagt:

    Klingt ein bisschen, als wäre es kein guter Nähkurs gewesen. Die Abnäher vom Schnitt passen bei fast niemandem. Dass der Mantel zu weit ist, das hätte vorher schon auffallen können.

    Ich rate, jemanden zu suchen, der sich a) auskennt und b) gut erklären kann.

  7. Pony sagt:

    Liebe Frau Mutti,

    ich habe zwei Mal in Nähkursen versucht Kleider zu nähen. Beide Stücke waren untragbar, weil viel zu groß und zu lang und zu unpassend und zu sehr „passt schon“. Offensichtlich gibt es viel zu viele dieser Nähkursleiterinnen, die zwar nähen, aber nicht helfen können. Seit ich mich nun selbst durch die Schnitte und Anleitungen wurschtele, klappt es plötzlich und ich habe gemerkt, dass ich in einem Rock nicht wie eine Tonne aussehen MUSS ;)

    Viel Erfolg beim Mantelnähen, Sie schaffen das schon. Bestimmt :)

    Gruß

    Pony

  8. Jutta sagt:

    Also jetzt muß ich es endlich mal loswerden. Ich LIEBE diesen Blog. Deine Schreibe ist göttlich. So witzig! In mnache Sätze kann man sich regelrecht verlieben!
    Und was den Nähkurs anbelangt so würde ich sagen: verdrängen und abhaken! Manches ist einfach nix.
    Und der Mantel wird schon noch. Ganz sicher!

    Schöne Grüße
    Jutta

  9. Klaudia sagt:

    Ich bring es einfach nicht übers Herz, all das Weihnachts- und Adventschnickeldi der letzten gefühlten 10 Jahre aus dem Kelller zu holen und endlich mal zu entrümpeln. Jedes Jahr, wenn ich die obligatorischen Weihnachtsmärkte in den diversen Kaufhäusern, ihr kennt sie sicher auch alle, besuche, läuft wieder neues Advent- und Weihnachtsschnickeldi mit. Ich kann einfach nichts wegwerfen, leider. Christbäume könnte ich auch schon mindestens drei dekorieren (2,5 m hohe), aber jedes Jahr nehmen wir fast den selben Schmuck wieder her. Singende Weihnachtsmänner, Lichterbögen,…. vielleicht sollte ich mal einen Weihnachtsschnickeldi Flohmarkt machen, Ende Oktober?

  10. Klaudia sagt:

    Wollte noch was sagen wegen dem Samtmantel, orange passt ja sowieso besser in die Sommerzeit, und bis dahin, liebe Frau …äh…Mutti, haben Sie ja noch jede Menge Zeit kreativ zu werden, vielleicht wird dann aus dem Samtmantel ja ganz was anderes und mutiert zum Minirock, oder zwei oder drei!

  11. Yaspiz sagt:

    Eine Kollegin von mir hatte mal einen Schnittkurs besucht und sich danach die tollsten Samtkleider (Mittelalter, Karneval) geschneidert. Mit fusseligen Lippen wies sie zum 300sten Male darauf hin, dass es sich um einen SCHNITTKURS handelte, KEINEN Nähkurs.

    Nähen konnte sie ja auch vorher schon (und Sie ja auch). Nach dem Schnittkurs war der Turbo dann an. Sie konnte ihre Schnitte dann an jede Figur (Kolleginnen, Freundinnen) anpassen. Sah immer super aus, wenn sie Hand anlegte (nicht nur für Karneval).

    Vielleicht wäre das die Lösung?

    Danke für den Mottenpost. Ist wie hier. Nach archäologischen Grabungen in den unteren Regalreihen habe ich eine vergessene Kekspackung gefunden, die zur Hälfte körnigen Staub enthielt. Seitdem keine Motten mehr, und alles andere war ja schon gesäubert, entsorgt oder eingetuppert. Giftfreie Schädlingsbekämpfung durch Nahrungsentzug. Perfekt, aber knifflig. Ich bin nicht allein. DANKE!!!

  12. Sabine sagt:

    Ich würde bei einem Mantel mit nicht vorhandener Erfahrung im Mantelnähen und vor allem bei einem Material, dass man nicht oder schlecht trennen kann, zu einem Probeteil raten. Ditte von Ikea oder alte Bettwäsche nehmen – und das Teil daraus mal „zusammentackern“. Taschen und ähnliche Details weglassen – gucken wie es sitzt, und dann von jemandem abstekcen lassen, der weiß, was er da tut (im Zweifel der Änderungsschneider aus dem Ort). Danach wieder auseinandernehmen – die Änderungen auf den Schnitt übertragen – und dann den Samt anschneiden…

    Sabine

  13. Britta sagt:

    Moin!
    Ich würde auch ein Probeteil anraten, ggf. sogar aus dickerem Stoff (Restekiste im Stoffladen)damit das Volumen besser eingeschätzt werden kann. Im Studium mussten wir für ALLES Probeteile nähen, das nimmt einem zwar die wilde Lust aber lehrt auch Respekt und Demut vor dem Handwerk (und macht Augenringe).
    Wird schon! Köpfchen hoch! Ein paar Schwierigkeiten mit bockigem Samt werden doch eine Madenjägerin nicht zum Aufgeben bringen!

  14. Birte sagt:

    Meine mottenverursachende Weihnachtskiste (Orangenscheiben und *schluchz* selbstgebackener Lebkuchentannenbaumschmuck)wurde im Hochsommer bei 35 Grad im Schatten entsorgt. Da diese im Nähzimmer übersommerte, zogen einige dieser miesen Viecher auch in sorgsam gebügelte und gefaltete Stoffe um. Die letzten Minimonster wurden mit einer klassischen Mehlmottenfalle aus dem Drogeriemarkt erlegt (ca. ein Jahr nach Entdeckung der so wunderbar beschriebenen von der Decke grinsenden Maden), das dauert also noch ein wenig. Geduld, Geduld – aber Sie sind ja auf dem Weg!
    Und hach – jetzt habe ich ein wenig Angst vor meinem ersten Nähkurs – als autodidaktische Taschen- und Kissenhüllennäherin wollte ich mir mal was gönnen. Nun ja, abwarten. Ich harre der Bilder vom orangefarbenen Samttraum!

  15. Dani sagt:

    Hm, ich denke das ist genau der Grund, warum ich keinen Nähkurs mache. Ich wurschtel mich halt so durch, es hält alles, sieht einigermaßen aus. Ich will nicht, dass da irgendwer mit erhobenem Zeigefinger zu mir sagt: Also, das ist so aber nicht richtig, dass MUSST Du so oder so machen. Das würde mir den Spaß an der Näherei nehmen.
    LG
    Dani

  16. pocalinde sagt:

    ach frau mutti: herrlich.. wie immer! Du bist quasi meine Alexandra R*einwarth für lesepausen! Dein schreibstil ist sau komisch und ich finde mich irgendwie immer wieder *gg*
    ..wollt ich nur mal gesacht haben ;)
    GLG undähem, mit dem Nähkurs gings mir genauso!

  17. Croco sagt:

    Meine Mutter ist Schneiderin, und wir passen nicht zusammen. Das nur vorweg.
    Ich habe mindestens acht Jahre lang das erste Lehrjahr gemacht, immer wieder die Arbeiten ausgeführt, die sie nicht gerne gemacht hat. Ich konnte so Mass nehmen, Schnitte anpassen, mit Kreide auf den Stoff übertragen, durchheften usw.
    Dann hatte ich genug,mich durfte ja nie ein Stück ganz nähen. Der Spass war weg.
    Doch ab und an, wenn ein wunderbarer Stoff mich findet und ein Fest ansteht, dann verschwinde ich einen Tag im Keller und lege los.
    Der Mann muss dann abstecken, er kann das, hat den Blick dafür.
    Glauben Sie mir, Sie müssen wirklich nur Maß nehmen lernen und Schnitt verlängern, den Rest können Sie schon.
    Wie wäre es übrigens mit einer Schneiderpuppe mit ihrem Maß? Dann können Sie selbst abstecken. die Puppe muss aber unbedingt verßtellbar sein. die Standardpuppen haben meist zu kurze Taillen.

  18. Katharina sagt:

    Ahhh, diese fiesen Motten hatten wir auch. Bei uns kamen sie aus dem Hasenfutter. Brrrr, igitt, igitt!

    LG Katharina

  19. rebhuhn sagt:

    jetzt muß ich endlich diese geniale schreibe loben:
    Ich gehe nicht ins Detail, bin mir aber nun sicher, dass ich den Endgegner geknackt habe.

    … geil. keine ahnung, warum ich in den vergangenen zwei jahren mindestens 3x diesen blog nicht in meinen reader eingespeist habe. jetzt isser drin, unter der rubrik: ‚lesen!‘ :D

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