Nach der Qualifizierung ist vor der Qualifizierung
14. Februar 2016
Gestern erhielt ich zum Abschluss der Schulung zur Sprachmittlerin einen hübschen Ausdruck auf dickerem Papier: ich bin jetzt qualifizierte Sprachmittlerin. Das bedeutet und bringt nichts, aber die Schulung hat mir ganz viele Impulse gebracht und vor allem meine tief vergrabenen Grammatikkenntnisse wieder nach oben geholt. Trotzdem muss ich erneut deutsche Grammatik pauken, denn nur wenn ich diese richtig beherrsche, kann ich sie lehren.
Sehr interessant und nachdenkenswert war das Pausengespräch während der Schulung. Was bedeutet Integration denn nun wirklich? Können wir verlangen, dass sich Flüchtlinge uns und unserer Kultur völlig anpassen? Natürlich nicht, aber wieviel wäre denn „nur ein bißchen anpassen“. Wann endet Integration und wird zu Assimilation? Wir haben heiß diskutiert und nein, es gibt keine allumfassende Antwort, nur viel Denkstoff.
Auch sehr spannend für uns Sprachmittler ist die Überlegung, wie mit Sprachschülern umzugehen ist, die eher unmotiviert sind. Wie schwer es ist, einen oder auch drei Schritte zurückzutreten und zu sehen, warum es da keine Motivation gibt. Die meisten Flüchtlinge sind hier, weil sie in ihrem Land nicht mehr leben können. Sie wollen aber dringend und unbedingt wieder zurück, so schnell wie möglich. Die Motivation Deutsch zu lernen geht da selten über den Wunsch, sich knapp verständigen zu können, hinaus. Nachvollziehbar. Es gibt die Flüchtlinge, die 50+ Jahre alt sind. Die keine Perspektive für sich sehen, in ihrem Beruf vermutlich nicht arbeiten können, weil die Anforderungen hier in Deutschland nun mal anders sind. Auch bei ihnen ist die Bereitschaft sich in eine fremde Sprache zu stürzen eher gering. Einer „meiner“ Schüler ist 32. Er hat Abitur und in Syrien Englische Literatur studiert. Dieses Studium würde er gerne fortsetzen. Das kann er hier aber nur, wenn er nicht nur in Englisch sondern auch in Deutsch die C1-Qualifikation vorweisen kann. Das will er nicht recht einsehen und so steht ihm sein Trotz im Weg. Das gibt es eben auch und da nicht die „die sollen froh sein,dass …“- Keule auszupacken, fordert jede Menge Selbstbeherrschung.
Wir hatten unzählige Beispiele und neben dem „Wie vermittle ich meine Sprache?“ lernten wir eben auch „Wie halte ich die Leute bei der Stange, wenn sie angesichts unregelmäßiger Verben und adverbialer Ergänzungen schlicht verzweifeln wollen?“
Zur Erklärung noch ergänzt: wir nun mehr qualifizierten Sprachmittler ersetzen nicht die Sprachkurse der Volkshochschulen, wir ergänzen und vertiefen diese nur, geben Nachhilfe, helfen bei den Hausaufgaben und üben Aussprache.
Weil mir dieser Kurs sehr viel Spaß gemacht hat und mir sehr viel Stoff zum Nachdenken brachte, schreibe ich mich direkt für den nächsten Kurs ein: Qualifizierung für ehrenamtliche FlüchtlingsbegleiterInnen.
14. Februar 2016 um 13:54
Ja, klar ist man frustriert, wenn man zum Studium englischer Literaturwissenschaft in Deutschland erst Deutsch lernen muss. Ich musste zur Weiterführung meines Studiums u. a. deutscher Literaturwissenschaft in Schweden auch erst das „Abitur“ im Fach Schwedisch nachmachen. Es war nervig. Und zwar sehr. Aber es ging nun mal nicht anders. Und wenn der junge Mann gut Englisch kann, wird ihm das gar nicht so schwer fallen.
14. Februar 2016 um 14:12
Nina, ich denke, das ist ein riesiges Problem. Die C1-Qualifizierung in Deutsch ist sehr, sehr anspruchsvoll und er spricht bisher kein Deutsch. Außerdem hat er ja sein Studium so begonnen, dass er Englisch in Arabisch übersetzt hat. Bis er Englisch in Deutsch übersetzen kann … vergehen Jahre. Das entmutigt.
14. Februar 2016 um 18:23
Das ist natürlich wohl wahr. Womöglich sollte er in dem Fall ins Auge fassen, wenn er mal den Einbürgerungstest geschafft hat – der ist nicht sehr schwer, hat gerade ein Bekannter von mir mit mässigen Deutschkenntnissen bestanden (Iraker) oder, falls er vorher einen Pass bekommt, nach UK zu gehen – solange die noch in der EU sind. Da kann er sein Studium wahrscheinlich viel schneller fortsetzen. Wie dem auch sei – kompliziert ist und bleibt es.
16. Februar 2016 um 14:33
Kennen Sie das hier?
https://medienportal.siemens-stiftung.org/portal/statpage.php?id=kikus_start
„a very simple and easy and free tool to practice listening and understanding skills in German, English and Spanish“
Ob’s hilfreich ist, weiss ich allerdings nicht, hab den link gerade eben von einer Bekannten bekommen.
LG