neulich, auf der Straße

8. August 2008

Gellendes Hupen.

Die Müllabfuhr kommt nicht um die Ecke, denn der Nachbar von nebenan steht auf der gezackten Linie.
Die Fenster der Nachbarhäuser öffnen sich, neugierige Gesichter tauchen auf. (Frau … äh … Mutti lehnt mit Kaffeetasse auf Töchterleins Fensterbank).
Die Nachbarin, die immer alles weiß und jeden Tag die Straße kehrt, kommt eilig aus dem Haus gerannt. Sie weiß, wem das falsch geparkte Auto gehört: dem Feind.
DEM Nachbarn, der nicht ordentlich grüßt und der heimlich hinten am Haus einen Wintergarten* angebaut hat und der Schwarzarbeiter** beschäftigt.
Der Nachbar kommt aus dem Haus und fährt sein Auto weg. Die Geschichte könnte nun zu Ende sein, doch für Recht und Ordnung muss gesorgt werden:

„Sie!“, faucht die Nachbarin, „Sie parken da immer, des geht net!“
Der Nachbar von nebenan sagt nix und bewegt sich Richtung Hoftor.
„Do iss ä gezackte Linie, do derf mer net parke“, keift die Nachbarin so laut, dass der Nachbar von gegenüber mal nachsehen muss und auf die Straße tritt.

„Der hat schunn widder falsch geparkt und die Abfuhr konnt net dorsch!“, wird er informiert und steckt jetzt in der Zwickmühle, denn eigentlich hat er mit dem Nachbarn von nebenan schon ein paar Bierchen gezischt. Andererseits hat er ganz offensichtlich Angst vor der Nachbarin die alles weiß. Vielleicht weiß sie auch, dass der Anbau in seinem Hof etwas größer ist, als genehmigt?

Der Nachbar von nebenan hat sein Hoftor erreicht, als die Nachbarin, die alles weiß, dem Fahrer der Müllabfuhr empfiehlt, beim nächsten Mal einfach eine Beule ins Auto zu fahren, weil dort das Parken schließlich nicht erlaubt ist. Der Nachbar von nebenan greift sich in bezeichnender Geste an den Kopf und die Nachbarin explodiert:
„HAM SIE GESEHN`N, WAS DER GEMACHT HAT?“ fragt sie den Nachbarn von gegenüber, der es mit einem unverfänglichen Schulterzucken versucht, „DER HAT MIR EINEN VOGEL GEZEIGT!“

Das Fenster schräg gegenüber geht auf und der sanfte, alte Mann, den dieses Scheiß-Alzheimer in den Klauen hält, lächelt mir zu und zeigt zum Himmel. „Ja,“, sage ich, „es regnet wieder. Ist aber gut für den Garten.“ Er winkt mir zu und schließt das Fenster wieder. Seine Frau steht hinten im Garten und winkt mir ebenfalls.

„DES ISS EIN FRECHER KERL!“, schimpft die Nachbarin auf der Straße, „SOLL ICH SIE WIEDER ANZEIGEN***?!“
Der Nachbar von nebenan empfiehlt der Nachbarin, sie möge sich um ihren eigenen Scheiß kümmern, was umgehend zu neuen Schimpftiraden führt. Und zu einem hurtigen Sprint der Nachbarin zur Nachbarin im komisch orangefarbenen Haus, denn die hat gar nix von der Sache mitbekommen. „STELL DIR VOR, WAS DER FRECHE KERL ZU MIR GESAGT HAT!“, schallt es durch die Straße und ich bin sicher, dass bis heute abend alle Nachbarn Bescheid wissen.
Der von gegenüber ist wieder in seinen Hof geflüchtet. Er hat keine Stellung bezogen, aber er knippst die Falschparker, damit er´s beweisen kann. Man weiß ja nie.
Der Nachbar von nebenan beschwert sich bei seiner Frau, ich kann das hören, wir wohnen schließlich eng nebeneinander und die Terrassentüren sind auf. Später oder spätestens morgen im Garten, wird er mir die Geschichte erzählen, vielleicht genauso, wie sie sich zugetragen hat. Dann muss ich irgendwie reagieren.

Vielleicht lächele ich und winke. Und sage, dass der Regen gut für den Garten ist.

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Nachbarn zu haben ist eigentlich ganz toll. Es ist immer jemand da, der mal auf die Katerlinge aufpasst, der mal die Blumen gießt, der mal ein paar Tomaten zuviel hat, der den neuesten Ratsch kennt oder Blumensamen gegen einen Ableger tauscht. Aber manchmal … manchmal würde ich gerne auf einem Aussiedlerhof wohnen.

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*der Nachbar hat einen ordentlich angemeldeten Balkon angebaut. Die großen Glascheiben waren für uns. Sie mussten beim Nachbarn durch den Hof und hinten durch den Garten getragen werden, weil die Grüne Villa zu verwinkelt ist.
** der Nachbar baute ordentlich angemeldet und mit Hilfe von einer ordentlich angemeldeten Baufirma den Schuppen hinten in seinem Garten aus. Das BKA und die SoKo-Schwarzarbeit waren not very amused, als sie den Garten auf Grund eines Hinweises gestürmt hatten und alles in bester Ordnung vorfanden.
***siehe Punkt* und **

14 Kommentare zu “neulich, auf der Straße”

  1. Möwe sagt:

    Besser als jede Seifenoper! Aber wer wünscht sich nicht manchmal den Aussiedlerhof oder alternativ eine einsame Insel? *seufz*

    Aber dafür ist immer mal wieder was los auf der Straße! :D

  2. Susel sagt:

    Huch? Hat unsere Machbarin eine Zwillingsschwester in Nierstein??? :(

  3. yvonne sagt:

    ich glaube ich muss in Therapie und dort klären lassen warum die Nachbarin die alles weiß in meinem Kopf fränkisch spricht / keift. Meines wissens müsste in Ihrer Gegend doch so irgendwie ein Dialekt Richtung Hessisch gesprochen werden?!

    PS: So ganz ohne Nachbarn wäre doch bestimmt langweilig oder?

  4. Ringelstruempfe sagt:

    Ei wie fein! Dagegen sind unsere Nachbarn ja noch richtig harmlos. Die haben uns nur mal das Bauamt auf den Hals gehetzt, weil angebelich der Zaun zu hoch war. War er aber nicht. Deshalb mussten die dann die Untersuchung bezahlen. Jaja, wer anderen eine Grube graebt…

  5. zarabina sagt:

    ach liebe frau … äh … mutti,

    es ist doch immer wieder herrlich bei ihnen zu stöbern, besonders an solch trüben schaurigen tagen..

    klasse!!! :cool:

    lg, zarabina

  6. tanja sagt:

    Unser einzig direkter Nachbar ist ein Sportplatz plus Halle mit immer aktiven Fußballern. Auch oft keifend („Das war Abseits, hast Du das nicht gesehen, Du Depp?“), aber immerhin nett anzusehen! ;-)

    Und die anderen in Sichtweite sind harmlos. Gott sei Dank, wenn ich das hier so lese!

  7. Kerstin sagt:

    ICH LIEBE IHRE GESCHICHTEN!!! :-)

    Lg Kerstin

  8. Spillie-Mama sagt:

    Ich hoffe der Kaffee in der Tasse hat gereicht, bis die Vorstellung zu Ende war?
    Das ist ja ganz großes Kino… :D

  9. Elena sagt:

    Herrlich, wie Sie das beschreiben! Auch ich liebe diese Geschichten – und sie sind aber schon so was von mitten aus dem Leben… :ok:

    GLG E.

  10. Zaraffel sagt:

    AAAAch herrlich, könnte man denken Sie wohnen gleich um die Ecke.
    Da spart man sich ja Kosten für Kino und Fernsehen ;).

  11. creezy sagt:

    Die Nachbarin gehört auf den Scheiterhaufen … ,-)

  12. eva sagt:

    deutschland eben, wie es leibt und lebt ;)
    unsere strasse hat auch augen!
    und wenn man immer fröhlich grinst und die tageszeit sagt, ärgert es die augen am meisten, höhö
    lg eva

  13. Roland sagt:

    Hallo! Hab zufällig den Beitrag gefunden. Sehr köstlich :)

  14. Klaus sagt:

    Ja,Ja die lieben Nachbarn… ich frage mich wie viel Zeit manche Nachbarn haben müssen. Es gibt Nachbarn die einfach alles mitbekommen. :D Hoffentlich wird es in unserem neuen Haus nicht auch so ;)