ene, mene, miste

8. März 2007

Ich öffne heut ´ne Kiste. Oder so.

Wider Erwarten befinden sich darin weder Knöpfe noch Spitzen. Die Kiste gehörte nämlich meinem Opa und sie war seine Erinnerungskiste. Und Sie dürfen mal reinlunsen.

Deckel ab:

Man ist in Versuchung, den Deckel direkt wieder zuzuschlagen, denn das Wesen, das mit eleganter Handhaltung und extravagantem Strohhut neben einem mit Blumen geschmückten Festwagen steht – ist die junge Frau … äh … Mutti. Süße achtzehn Jahre jung und der Umzug sollte gleich beginnen. An den Beinen trug sie übrigens Uropas Leder-Kniebundhosen und wir dürfen alle sehr glücklich darüber sein, dass diese nicht aud dem Bild zu sehen sind.

Schließen Sie die Augen und denken sie an altes Papier. Dieser staubig-modrige Geruch uralter Bücher. Genau so riecht die Kiste. Und das Wühlen darin ist ein bißchen wie das Lesen einer dieser Familienromane, die mit der Geburt des Helden beginnen und mit seinem Tod enden.

Wir gehen rückwärts in der Zeit. Drei Generationen Frauen. Eine Uroma, zwei Omas und eine Mutter. Und Frau … äh … Mutti in weißem Lappen, schief in die Sonne blinzelnd, mit weiß eingebundenem Gesangbuch unter dem Arm und einem Täschchen in der Hand, das ich jetzt sehr gerne hätte, weil es so hübsch tüllig war. Oh ja, die Schuhe waren schwarz und viel zu groß, aber das große Fest der ersten heiligen Kommunion war ja gottlob rasch vorüber.

Weiter zurück, Frau … äh … Mutti als Kleinkind und Baby. Erstaunlich allenfalls für mich, wie sehr mir das jüngste Kind ähnelt. In weiser Voraussicht wurden die hinreissenden Bestien evangelisch getauft, so dass das jüngste Kind seine Ähnlichkeit mit mir nicht noch im weißen Kommunionskleid unter Beweis stellen muss.

Frau … äh … Muttis Großeltern, rechts ebenfalls im Bild die Mutter meines Opas. Sie starb, als ich zwölf war. Nach ihrem Tod durfte ich sämtliche Schränke durchsuchen und das ganze Geld behalten, das ich dort fand. Ausserdem durfte ich mir ein kleines Schmuckstück aussuchen. Und drei Blusen nahm ich mir mit, auch wenn die mir nie richtig passten, weil ich bereits einen Kopf größer als meine Uroma war.

Ein weiterer Sprung zurück. Meine Mutter, hier im Blog stets Oma Eis genannt, mit ihrem Opa, dem Vater meiner Oma. Ihn lernte ich nie kennen. Aber ich weiß, dass er ein sehr verwegener Draufgänger war, stets mit Freundin und bei den Frauen sehr beliebt. Gute Kleidung war ihm wichtig und deshalb schenkte er meiner Mutter diesen entzückenden Lodenhut, den sie offensichtlich voller Stolz trug.

Meine Mutter mit meinen Großeltern. Links mit Uropa vor dem Lutherdenkmal in Worms, in der Mitte vor der Kirchentür (Sie sehen es ja, Erstkommunion) und rechts wieder mit dem Uropa und weiterer Verwandschaft. Falls Sie sich wundern, weswegen das niedliche Mädchen den Kopf immer so schief hält … naja, vielleicht mag Oma Eis das ja selbst kommentieren.

Und weiter, weiter zurück. Meine Großeltern, blutjung, das erste gemeinsame Bild. Warum meine Oma so ernst schaut, das weiß ich nicht. Sie kann aber auch anders, auf dem oberen Bild rechts neben meinem Opa lacht sie über das ganze Gesicht und sieht wunderschön aus. Das kleine Mädchen in der Mitte des Bildes ist meine Mutter. Die Gruppenbilder entstanden im ehemaligen Yugoslawien, an dem Ort, von dem meine Großeltern immer als „daheim“ sprachen. Obwohl sie die kürzeste Zeit ihres Lebens dort verbracht hatten.

Das ist das Geburtshaus meiner Oma, mein Uropa steht davor. Als ich viele Jahre später nach dieser Aufnahme davor stand, sah es noch ganz genauso aus.
Auf dem Bild unten füttert die Cousine meines Opas die Hühner. Das durfte ich dann damals auch machen. Aber es waren nicht mehr soviele Hühner. Dafür gab es eine Ziege, die mein Kleid anknabberte.
Der Urlaub in Yugoslawien gehört zu einer meiner schönsten Kindheitserinnerungen und ich kann die Sehnsucht meiner Großeltern nach diesem Stück Land sehr gut verstehen.

Die beiden ältesten Bilder in der Kiste sind von 1918. Die Soldaten darauf sind kaum noch zu erkennen und ihre Geschichte hat mein Opa mit ins Grab genommen. Wahrscheinlich ist mein Ururopa auf einem der Bilder.

Neben diesen Bildern aus meiner engsten Familie, gibt es noch viele weitere Schätze wie etwa diese hier:

Ich kenne weder die Familie am Tisch, noch das rennende Mädchen. Das Mädchen mit dem Puppenwagen könnte meine Patentante sein und wer da wem die Haare vor dem Fenster schneidet, weiß ich nicht. Auch nicht, wer das kleine Mädchen ist, das da neben seinem Teddy am Wegesrand sitzt. Diese Bilder haben aber einen Zauber, der mich anspricht und deshalb werde ich sie rahmen und aufhängen.

Hier zwei Bilder, die fremd wirken. Eine alte Frau ohne Zähne, ein Soldat, der seine Beine im ersten Weltkrieg gelassen hat. Entfernte Verwandtschaft, namenlos. Wie schade um ihre Geschichten.

„Regensburg, Winterhafen“, steht auf der Rückseite dieses Bildes. Ich wüsste gerne, wer diese Männer sind oder waren, die hier das Eis im Hafenbecken brechen. Muss interessant sein, sich mit ihnen über „echte Winter, in denen Häfen zugefrieren, nicht so ein Wischiwaschi-Winter mit blühenden Krokussen im Januar“ zu reden.

Zum Schluss noch einige Bilder, die mich seltsam anrühren. „Man“ macht das heute nicht mehr. Das ist pietätlos. Die Toten werden allerhöchstens aufgebahrt.

Und doch gehört der Tod zum Leben. „Zum letzten Andenken“ steht auf vielen Bildern, die meinen Großeltern per Post zugeschickt wurden. Von Verwandten, die sie viele Jahre nicht mehr gesehen hatten. Bilder von den Toten und Bilder von den Menschen, die am frischen Grab trauern. Seltsame Bilder, seltsam schön.

Ein Schatz.

11 Kommentare zu “ene, mene, miste”

  1. Gabi K sagt:

    was für ein Schatz!

    LG
    Gabi K

  2. jette sagt:

    Ach Mensch, na klar! Fotos im Schuhkarton. Hab ich schon als Kind immer durchwühlt und neugierige Fragen dazu gestellt.

    Wie toll. WIE TOLL!!

  3. CeKaDo sagt:

    Danke schön :ok:

    Das macht Lust auf eine eigene Reise!

  4. Ines sagt:

    Wunderschöne Geschichte. Wunderschöne Bilder. Und wunderschöne Heimat.

    Meine Eltern kamen in jungen Jahren als „Gastarbeiter“ nach Deutschland. Meine Sommerferien verbrachte ich immer bei meinen Großeltern in Ex-Yugoslavien.

    Zufälle gibt es im Leben…

    Und zu den letzten Bildern: Ich kann mich noch sehr gut an das Begräbnis meines Lieblingsonkels erinnern. Da war ich etwa 14/15 oder so. Der Krieg stand kurz vor dem Ausbruch. Es war mein letzter Besuch der alten Heimat meiner Eltern. Und es war auch eine schöne, wenn auch seltsame Erfahrung, wie die Toten dort verabschiedet werden…

  5. Karin sagt:

    danke für den blick in deine kiste! so schöne bilder und geschichten!

    von meiner im schlafzimmer aufgebahrten uroma gibts auch viele fotos.

  6. Jeanie sagt:

    Was für eine Schatzkiste! DANKE, daß wir daran teilhaben dürfen!

    Anläßlich der Goldenen Hochzeit meiner Eltern haben wir auch diverse Schuhkartons und Alben voller alter, vergilbter Fotos von teilweise für uns „Kinder“ fremden Menschen durchwühlt… Einfach nur schön!

    Dankeschön nochmal!

  7. Nian sagt:

    Danke Dir für den Einblick in die Kiste und in Die Vergangenheit.
    Ich weiß jetzt das ich einen Fotoapparat brauche der „richtige“ Bilder macht,damit mein kleiner, wenn er später ein großer ist, auch in einer Kiste schnuffeln kann.

    Nian

  8. icke sagt:

    Welch fantastische Reise. Welch ein Genuss Du in mein Büro gebracht hast als Reiseführerin. Ich schupperte direkt den Duft der alten Papiere. Danke Pia dass ich daran teilhaben durfte.

  9. Ruthy sagt:

    Schön, in den alten Zeiten zu wühlen…
    Bei meiner noch lebenden Omi hab ich viele solcher Bilder gesehen, auch sie kommt aus Ex-Yugoslawien, ein kleines Örtchen, irgendwo im heutigen Serbien. Besonders das Schwarzweiß-Bild der alten Dame erinnert mich an meine Stief-Uroma.
    Danke für den tollen Einblick in Ihre Schatzkiste.

    Liebe Grüße, Ruth

  10. Selphie sagt:

    Hallo Frau äh Mutti! Ich bin ganz aufgeregt! Die Stelle auf dem Bild: Regensburg Winterhafen, die, die kenn ich!!!! *hüpft auf und ab*

    Es sind wirklich ganz ganz schöne und aufregende Bilder die Sie da gezeigt haben!

    Liebe Grüße!

    Selphie :)

  11. Anne sagt:

    Vielen, lieben Dank für diesen Abstecher in alte Zeiten!

    Morgen werde ich zu meiner Oma fahren und ihren Schuhkarton aufmachen. Ist schon wieder so lange her, dass ich darin gewühlt habe. Leider kann sie mir nicht mehr so viel erzählen, wie vor ihrem Schlaganfall. So werden einige Bilder auch ohne Geschichte bleiben…..

    Grüße aus Bochum,
    Anne