Innen sieht ein Haus
8. Februar 2007
meist schöner als von außen aus. Ich sollte das wissen, ich wohne doch in einem solchen.
Auf der Suche nach einem schwarzen Reissverschluss für die Krakenlobotomie betrat Frau … äh … Mutti heute ein Lädchen gegenüber dem Lieblingsmetzger, an dem sie bisher immer leicht schaudernd vorüber gegangen war. Eines dieser Lädchen, die seit Jahrhunderten im Familienbetrieb sind, völlig unstylisch, das Schaufenster liebevoll jahreszeitlich mit Seidenblumen und putzigen Keramikfiguren dekoriert, darüber eine dicke Schicht Staub hinter dem ungeputzten Schaufenster. Er ist Möbelpolsterer, sie strickt und häkelt und näht und verkauft Kurzwaren.
Stellen Sie sich eine alte Holztür vor, deren Glaseinsatz trüb geworden ist und deren Lack abblättert. Die Tür quietscht beim Öffnen und schabt über den Boden. Drinnen herrscht muffige Dunkelheit, es riecht nach Leim und alten Stoffen. Man steht in einem Flur. Die Räume links und rechts sind voll. Mit Regalen, mit deckenhohen Ständern, an denen Stoffe hängen. Rechts liegt ein riesiger, schwarzer, freundlich sabbernder Hund vor einer großen Kiste voller Sockenwolle. Links balanciert eine mittelalte Frau auf einer Leiter und schiebt vergilbte Pappkartons von einer Regalseite auf die andere.
„Guten Tag!“, sagt die mittelalte Frau, „Kann ich ihnen helfen?“
Frau … äh … Mutti unterdrückt den Fluchtreflex und fragt nach einem knapp zwanzig Zentimeter langem, schwarzen Reissverschluss.
Den gibt es tatsächlich. Er hängt mit vielen anderen Reissverschlüssen an einem typischen Kurzwarenständer, gemeinsam mit all dem Schnickeldi, das ein Schneiderherz höher schlagen lässt: Schneiderkreide in allen Farben, Nadeleinfädler, Nähnadeln in allen Größen, Stopfnadeln, Sticknadeln, Sicherheitsnadeln, Stecknadeln. Stopfpilze, Metermaße, Druckknöpfe, Haken, Ösen und etwas unvermittelt eine Applikation zum Aufbügeln mit dem Schriftzug „HipHop“ in pink-glitzrig.
„Wow!“, denkt Frau … äh … Mutti.
Vorhangstoffe, Polsterstoffe, Brokat, Seide, Baumwolle, Samt, Leinen, Wolle, Organza, deckenhoch hängend, gefaltet liegend. Frau … äh … Mutti kann die Hände nicht bei sich lassen, muss über Stoffe streicheln, muss fühlen und begeistert sein.
„Wir haben ganz viele Reststoffe, da hinten im Regal!“, sagt die mittelalte Frau mit abschätzendem Blick auf Frau … äh … Muttis Tasche. Hätte sie das nur nicht gesagt. Ach, wäre sie doch still gewesen.
Sieben Regale, wiederum deckenhoch, in denen Stoffe aus etwa fünf Jahrzehnten lagern. Psychedelische Blumen in orange, gelb, grün und braun, Paisley auf dunkelblauer Seide für den Morgenmantel des Gutsherren oder gestickt auf schwerem brokatähnlichem Stoff, mit Goldfäden durchwirkt. Streublümchen in allen Farben. Rosen, Gladiolen, Orchideen. Eher graphische Muster auf beige. Ab und zu auch mal ein Stückchen Frottee mit Blümchenrand. Oder ein Stück Samt, das so … äh … samtig ist, das man es nur streicheln möchte und im Licht hin und her drehen möchte, weil es so sanft schimmert, in einem satten Violett.
„Das Stück drei Euro!“, sagt die mittelalte Frau. Hätte sie das nur nicht gesagt. Ach, wäre sie doch still gewesen.
Frau … äh … Mutti wühlt sich durch Staub und Spinnweben und stapelt Stoffstapel auf andere Stoffstapel und zieht echte Schätze aus dem Durcheinander.
„Hier ist noch eine Kiste. Leeren sie die ruhig aus!“, sagt die mittelalte Frau. Hätte sie das nur nicht gesagt. Ach, wäre sie doch still gewesen.
Frau … äh … Muttis Schatzstapel wächst. Einzig der Gedanke, dass der Lieblingsmetzger das Mittagessen für die hinreissenden Bestien unfreundlicherweise nicht verschenkt, lässt Frau … äh … Mutti schließlich innehalten. Auf dem Weg zur Kasse entdeckt sie noch ein paar Knöpfe, lässt sich rasch ein paar Meter Vlieseline abschneiden und ein Strang Perlgarn in schwarz muss ebenfalls mit.
„Sie haben nicht vor in nächste Zeit zu schließen?!“, fragt Frau … äh … Mutti mit ängstlichem Unterton.
„Ach was!“, winkt die mittelalte Frau, kassiert einen großzügig nach unten gerundeten Preis (von dem eine fünfköpfige Familie geraume Zeit gut leben kann) und schimpft den Hund, der sich in die große Stoffrestekiste legen will.
„Raus da, Onka!“, schimpft sie und Frau … äh … Mutti weiß, dass sie sich verliebt hat. In Hund, Laden und mittelalte Frau.
8. Februar 2007 um 11:37
:)
8. Februar 2007 um 12:10
Wahnsinn, da wäre ich auch gern gewesen.
Lg Christine
8. Februar 2007 um 12:22
Warum gibt es solche Läden immer nur in Filmen ganz weit weg von mir? :(
8. Februar 2007 um 12:57
Was für ein schönes Erlebnis!
Ich habe übrigens auch ein Blümchen genäht, allerdings momentan keine Möglichkeit, Ihnen ein Foto zukommen zu lassen…
Selphie :)
8. Februar 2007 um 13:28
…hach…
8. Februar 2007 um 14:16
Einer der Gruende, warum ich so gerne in Athen wohne ist, dass Grossstadt hin oder her, es solche Laeden in jemdem Stadtteil wie Sand am Meer gibt.
Es macht einfach Spass durch kleine Laedchen jed weder Art zu stoebern und zu kramen.
Die meisten sind uebrigens noch guenstig dazu.
Ich sag es Ihnen Frau…aeh…Mutti, sie wuerden hier arm werden :)
8. Februar 2007 um 14:21
ach ….
… das ist einfach nur: schön …. !
Und ich denke, es gibt mehr solche Läden, als wir glauben. Es ist halt wie immer Leben: don't judge a book by its cover…….
Allerherzlichst,
Ute
8. Februar 2007 um 14:32
Wie schön für Sie! Jetzt wird es aber wiklich Zeit, dass Sie ein pompadoura-Imperium aufbauen!
8. Februar 2007 um 17:16
Hallo,
ja, das sind wohl die Lädchen, wo es die schönsten und größten Schätze zu entdecken gibt.
Vielleicht sollte ich in Hamburg auch auf Schatzsuche gehen?
Liebe Grüsse
8. Februar 2007 um 19:11
Herrlich zu lesen und gut, dass es solche Lädchen noch gibt. Hoffentlich finden sie genug Kunden.
8. Februar 2007 um 23:35
seufz … einfach schön.
9. Februar 2007 um 14:25
obwohl ich nicht nähe… ich kann die Gefühle für diesen Laden nachvollziehen.
Tolle Story!
LG
Gabi K