Großer Sohn
17. Juni 2011
Als die Kindelein noch klein genug waren, damit ich auch jeden Monat solch einen hübschen Entwicklungsbericht hätte schreiben können, gab´s das wunderbare Bloggen noch nicht. Und mittlerweile geht die Entwicklung nun doch nicht mehr so rasant, als dass da monatlich etwas Gravierendes passieren könnte. Laufen können sie alle, sprechen auch, das Durchschlafen ist auch kein Thema mehr. Und zumindest der Große hat alle bleibenden Zähne bis auf die Weisheitszähne.
Um aber trotzdem mal so eine Art Entwicklungsbericht zu schreiben, erzähle ich Ihnen heute, wie das mit dem großen Sohn so ist. Der ist fünfzehneinhalb, überragt mich lässig um zehn Zentimeter und kann einen Laib Brot samt einem Ring Fleischwurst als Abendessen vertilgen, ohne satt zu sein oder dick zu werden. Seine Füße haben Schuhgröße 45 erreicht und es scheint so, als bliebe es dabei. Beim Längenwachstum geht noch was, wieviel erfahren wir beim nächsten Termin beim Kiefernorthopäde. Der hat nämlich die Handwurzelknochen geröngt, um den Überblick zu behalten, wie lange die feste Spange noch wichtig ist. Allzuviel sollte es nicht mehr werden, doch die 190cm schafft er garantiert noch.
Wenn er bei mir in der Küche ist, dann ist es mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden, dass er mit anpackt. Er lernt kochen, weil ich finde, dass das sehr wichtig ist. Die Ravioli-Phase – wenn er mal ausgezogen ist – kann ich ihm vielleicht damit ersparen. Ausserdem ist es höchst praktisch, einen Halbstarken, der auf jeden Fall stärker als eine olle Mutti ist, als Küchenhilfe zu haben. Sämtlich aufzuschraubenden Gläser und Tuben reiche ich weiter und lasse schrauben. Seitdem habe ich viel weniger Verletzungen durch Messer, die unter dem Deckelrand herausrutschten, statt ihn zu „entplöppen“.
Es macht Spaß sich mit ihm zu unterhalten, denn sein Wissen ist groß. Politik ist sein Ding und jeden Montag verschlingt er den Spiegel. Er liest ihn von vorne nach hinten, erst dann darf ich ran und bekomme obendrein Leseempfehlungen :)
Mit der Schule ist das so eine Sache. Bestünde sein Unterricht nur aus Stunden in Chemie, Sozialkunde, Geschichte, Erdkunde, Physik und Deutsch, dann wäre das sehr großartig. Für diese Fächer lernt er. Nein, falsch. Für diese Fächer lernt er eben nicht, das interessiert ihn, das inhaliert er. Für die anderen Fächer bräuchte es ein bißchen Initiative, um exzellente Noten zu bringen. Doch dort reicht ihm das Mittelmaß, egal welch motivierende Reden seine Eltern schwingen. Sacken die Note ab, tut er etwas für´s gefährdete Fach, erreicht tolle Noten und lässt es dann wieder dümpeln. Ich tröste mich mit dem Wissen, dass mein Sohn nur ein leidlich gutes Abi braucht, um dann genau das lernen zu dürfen, was er mag. Chemie mag er vielleicht studieren oder vielleicht doch Sozialkunde auf Lehramt, aber erstmal ein freiwilliges soziale Jahr. Und auf jeden Fall will er in die Politik. Ich traue es ihm zu.
Sport ist nicht sein Ding. Der Schulsport jedenfalls. Er fährt aber nach wie vor bei jedem Wetter mit dem Rad zur Schule und klettert einmal in der Woche an den Wänden der Kletterhalle herum. Und seit Neuestem geht er Joggen, denn beim letzten Wachstumsschub haben sich die Beine in Stöcke mit vielen Knien verwandelt, das gefällt ihm wohl nicht.
Pubertäre Ausfälle kennen wir mit ihm nicht. Wir diskutieren viel. Durchaus auch kontrovers, doch streiten tun wir selten.
Sein Zimmer ist eine Höhle, bei der ich mir das Recht herausnehme, regelmäßig zu lüften. Immerhin ist diese Höhle in unserem Haus, da sollte kein Schimmel einziehen. Er hat einen Schrank, doch die Klamotten liegen auf sämtlichen freien Plätzen oder am Fußende des Bettes. Die Drohung, dass der Wäscheservice eingestellt wird, führte immerhin dazu, dass Dreckwäsche dort landet, wo sie hingehört. Unsere Ansichten was Ordnung anbelangt klaffen weit auseinander, doch solange es einigermaßen sauber ist … es ist sein Zimmer, ich muss mich dort nicht wohlfühlen.
Wir lachen viel miteinander, wir scherzen und necken uns, die Stilmittel heissen Ironie und Sarkasmus und die beherrscht er lässig. Es macht Spaß mit ihm zu leben und ja, ich bin mächtig stolz auf ihn. WIR sind mächtig stolz. (haben wir gut gemacht)
Und jetzt hoffe ist, dass dieser tolle Kerl einen guten Job macht. Er ist nämlich gerade auf der Einschulungsfeier der neuen Fünftklässer, weil er als Tutor eine Klasse übernimmt. (Ich wäre so gerne dabei, um den langen Kerl zwischen den ganzen aufgeregten Kleinen zu sehen. Es war nämlich erst ungefähr vorgestern, als mein kleiner, aufgeregter Sohn seinem Tutor in den Klassensaal folgte)
*****
Mööönsch. Das macht schon Spaß, mal so richtig mit seinem Kind zu prahlen :)
17. Juni 2011 um 14:43
Ich könnte denken Du schreibst von meinem großen Sohn.
Viel Spaß weiterhin.
LG Silvi
17. Juni 2011 um 15:08
Klingt nach unheimlich sympatischem Nachwuchs :)
17. Juni 2011 um 15:14
…ein toller Sohn!
Und so schön geschrieben…
17. Juni 2011 um 15:18
*hach, was freu ich mich, wenn meine Söhne auch schon so gross sind…! (auch, wenn sie bereits jetzt toll sind, aber das liegt wohl daran, dass sie mit 9 und 7,5 aus dem Schlimmsten raus/ vor dem evtl. Schlimmsten sind)
17. Juni 2011 um 15:37
Das mit den Zimmern ist so und das mit den Klamotten auch, selbst wenn die Büblein für ihre Wäsche selbst verantwortlich sind. Mein 14 Jähriger muss selber Waschen, Trockenen und Falten, was bedeutet, dass er alle 4 Wochen seinen kompletten Bekleidungsfundus in die Waschmaschine packt, trocknet und dann wieder im Zimmer verteilt. Womöglich mögen Socken Freilauf, brauchen Jeans freie Entfaltungsmöglichkeiten und leben T-Shirts am liebsten in Rudeln auf Sesseln?
17. Juni 2011 um 17:07
Dein Bericht ist so toll. Ich freu mich für dich und natürlich auch für deinen Sohn.
Ein- oder zweimal in der Woche ergibt es sich, dass ich neben meinem Sohn im Bad die Zähne putze und wenn ich uns dann so im Spiegel betrachte, dann muss ich mich ganz genau konzentrieren um hinter dem Riesenkerl auch noch die Erinnerung an das ehemalige Kleinkind zu erkennen.
Liebe Grüsse
Barbara
17. Juni 2011 um 17:14
Ja. Wenn man mal genau hinsieht, haben die „Kleinen“ schon so manche wirklich tolle, liebenswerte Seite. Ihr Text hat mich beinahe zu Tränen gerührt (okay, das geht bei mir recht schnell, ich geb’s ja zu), weil ich Ihnen so gut nachfühlen kann. Aber da bin ich sicher nicht allein. Freue mich für Sie, dass das Verhältnis zu Ihrem „Großen“ so gut ist. Das lässt einen ruhiger schlafen, wenn Verständnis und Vertrauen untereinander herrschen. Schön. Einfach schön! Und ja – das scheinen Sie wirklich richtig gut gemacht zu haben. Glückwunsch!
17. Juni 2011 um 17:51
So was zusammenzufassen baut auf, oder? Wie die Listen positiv – negativ und positiv überwiegt …
Verlass dich nicht auf die Größen angabe des Kieferorthopäden – unsere sind zum Glück unter dem Limit geblieben, aber trotzdem größer als der Durchschnitt. Mein Man und ich waren auch große Kinder, beide aber mit 14 schon ausgewachsen, so machen es unsere drei auch.
Ach und wegen des Abiturschnitts, leider liegen gerade im Bereich, wo der Begriff „sozial“ drin vorkommt, die Messlatten mittlerweile hoch, meine Tochter ist am Verzweifeln … Aber Chemie ist kein Problem und wir brauchen ordentliche Chemiker, da ist sogar noch Geld zu verdienen.
17. Juni 2011 um 18:29
Sehr sehr schön!
liebe Grüße
Juniwelt
P.S. Prahlen sieht doch ganz anders aus, in meinen Augen einfach liebevoll geschrieben.
17. Juni 2011 um 18:49
Machen Sie das ruhig öfter, Frau Mutti. Ist sehr interessant zu lesen. Ein bisschen erkennt man sich selber darin, ein bisschen den eigenen kleinen Bruder und ein bisschen nimmt es die Angst vor der Pubertät der eigenen Kinder :o)
Danke!
Lieben Gruß,
Anja
17. Juni 2011 um 19:02
Ich habe in deiner Liebeserklärung an deinen Sohn meinen gerade 16 Jahre alt gewordenen wieder erkannt.Wenn erkönnte würde er nur noch die Naturwissenschaftlichen Fächer haben (Chemie will er auf Lehramt studieren), er weiß genau wie er mit den jungen Lehrerinnen reden muß, damit er in seinem ach so gehassten Fach Englisch ein Referat halten darf um die so ersehnte 2 im Zeugnis zu bekommen.Die Pupertät ist an uns auch vorbeigegangen und ich platze vor stolz, wenn die Nachbarin sagt, wie höflich und zuvorkommend er ist. Sein Zimmer ist wohl mit eurer Höhle verbunden.Ticken alle Jungen in dem Alter gleich? Ich habe noch zwei solcher Exemplare am heranwachsen und weiß gar nicht ob mein Herz soviel Stolz aushält ohne zu zerspringen. Schön das andere Mütter auch solche tollen Kinder zu Hause haben.LG Nicole
17. Juni 2011 um 21:34
Rührend, ehrlich, wunderbar!
Das ist/wird ein toller Kerl!
18. Juni 2011 um 07:13
Ich habe keine Kinder, konnte Ihnen aber (glaube ich) nachfühlen, als ich den Absatz mit der Tutoren-Sache gelesen habe – und mir das bildlich vorgestellt habe … schön, mir ging richtig das Herz auf!
Ich war zwar in der Schule recht gut, aber so richtig gefallen hat mir nix, außer Deutsch. Hab dann aber doch nicht studiert, aus verschiedenen Gründen. Ihr Sohn mit seinen breiten Interessen ist für die Uni (nicht FH, nicht BA/DH) geradezu prädestiniert – und für die politische Karriere war ein breites Allgemeinwissen und großes Interesse an (fast) allem noch nie verkehrt…. Bin mal gespannt, wie er sich entscheiden wird nach seinem FSJ.
18. Juni 2011 um 18:35
Wunderbar, diese „Prahlerei“, danke dafür. Weil sie mich dazu gebracht hat mal nachzudenken über meine eigenen nächste Woche dann 16-jährigen, bei dem die Pubertät vor knapp drei Jahren grausam zugeschlagen hat (für uns alle – war nicht so lustig, und ja, verdammt früh), der inzwischen aber genauso grossartig ist wie Ihrer, nur halt ganz anders im Sinne von andere Fähigkeiten und Interessen. Aber Streit – nö, Streit gibts hier auch nicht (mehr), gute Diskussionen dafür immer öfter.
Nur das mit der Höhle, das haben sie wohl alle, die Jungs :-)
18. Juni 2011 um 19:00
schön! da freu ich mich richtig wenn meiner mal so alt ist ;) zur zeit ist er knapp 8, und auch das ist schon großartig!!! Kochen lernt er jetzt schon! meine Kinder verlangen sonnatgs morgens nach Jamie Oliver *gg*
er packt auch schon mit an und klamotten im Zimmer verteilen kann er ebenfalls schon ;)
Ich finds toll schon so einen großen sohn zu haben und bin immer wieder aufs neue erstaunt, gerührt und ein bißchen wehmütig wenn er unerwartet um die ecke kommt und mir auffällt WIE groß er doch schon ist….
LG
18. Juni 2011 um 19:04
Wunderschön geschrieben, ehrlich und von Herzen kommend. Sie sind eine großartige Mutter, denn andernfalls könnten Sie nicht solche Worte finden.
19. Juni 2011 um 19:52
genauso habe ich kochen gelernt. bei meinem papa allerdings und ich erinner mich heute noch sehr gerne an die rezepte, ideen und gespräche.
eine wertvolle erinnerung – die ich meinen kindern gerne weitergebe ;-)
20. Juni 2011 um 08:10
Irgendwie machen die Jungs wohl alle den „Höhlenmenschen“ durch – war bei meinem auch so. Jetzt, wo er seine eigene Wohnung hat, siehts zumindest im Wohnzimmer „zivilisiert“ aus, seine Küche ist dafür sogar sehr sehr ordentlich, obwohl oder vielleicht weil sie rege genutzt wird. Sie ist recht groß und oft wird mit seinen Freunden zusammen da gekocht und gegessen und „geklönt“ und ganze Spiele-Abende am großen Esstisch verbracht.
Sie sehen also, es besteht Hoffnung, dass es mal anders wird mit der Ordnung im eigenen Reich…
Gunilla
20. Juni 2011 um 17:10
Das liest sich auch ganz toll :)