Vorweihnachtszeit
1. Dezember 2015
Hier sollte ein langer, lesenswerter und vielleicht auch ein wenig kritischer Text über Adventskalenderfluten, zwanghafte Weihnachtsverkitschung und aufgedrängte Rührseligkeiten in Blogs stehen. Ich wollte über emotional-erpressende Werbespots herziehen und einen hübschen kleinen Schwenk zu „früher war es anstrengend, aber toll“ machen.
Stattdessen schreibe ich nur ganz kurz, dass sich der Weihnachtszauber bei mir nicht so recht einstellen will. Das kommt bestimmt noch. (spätestens dann, wenn alle Geschenke gekauft und eingepackt sind, die Essensplanung steht oder noch besser: das Essen gekocht ist oder sogar der Moment, wenn ich mit der allerbesten Freundin und einem Glas Rotwein hinterher auf dem Sofa sitze und das ganze Weihnachtsgeglitzer von mir abperlt.)
27., 28., 29. November
29. November 2015
Das besinnnliche Wochenende des ersten Advents haben wir mit dem Ausräumen unserer Küche einläutet. Es ist nämlich schon ziemlich lange her, seit Decke und Wände gestrichen wurden und das war nun wirklich dringend, dringend nötig.
Freitag räumte ich die Küchenschränke aus und rückte die Möbel in der Mitte des Raumes zusammen. Geschirr und Krusch und Kram wurden im Wohnzimmer zwischengelagert, Lebensmittel im Wintergärtchen. Am Abend hängten wir die Lampen ab, am nächsten Tag sollte es losgehen.
Samstag morgen durfte ich in meine geliebte Renovierungslatzhose klettern! Geliebt, weil auf ihr jede Farbe zu finden ist, die jemals in der Grünen Villa gestrichen oder lackiert wurde. (und auch geliebt, weil ich sie mir als Umstandshose während der Schwangerschaft mit der Tochter kaufte)
Beim Renovieren versuchen der beste Vater meiner Kinder und sein holdes Weib durchaus einen hohen Harmonielevel zu halten, doch unglücklicherweise haben wir sehr unterschiedliche Herangehensweisen an diese Streicherei. Ich arbeite gerne nach Augenmaß und schiebe mir ein Stück Zeitung unter die Stelle, die gerade gestrichen wird. Der beste Vater meiner Kinder hingegen verklebt, verhängt und verhüllt alles. Das dauert wirklich sehr, sehr lange und ich hätte in dieser Zeit vermutlich schon dreimal gestrichen, beim Entfernen der Farbspritzer und -kleckse zögen wir dann aber zeitlich wieder gleichauf, denke ich. Die Vorbereitungen kosteten uns einige Stunden, das Streichen von Decke und Wänden war dann aber in zwei Stunden erledigt, zumal wir nicht auf saubere Wand/Decke-Übergänge achten mussten. Auf Wunsch des besten Vaters meiner Kinder sind beide schlicht weiß. (nach schweinchenrosa, blau, rot, hellblau und zartrosa eigentlich sehr schön!)
Während Decke und Wände trockneten, bearbeiteten wir die Arbeitsplatte und die Rückwand hinter Herd und Spüle mit Stahlwolle und Scheuermittel. Unsere Arbeitsplatte ist aus stabverleimter Buche. Das sieht sehr schön aus und ich würde es auch nie wieder anders haben wollen, doch ab und zu muss man da ein bißchen Arbeit reinstecken. Vor allem die Wand hinter dem Herd hatte mächtig „Patina“, das Schrubben lohnte sich. Nach dem Schrubben wurden die Platten mit Leinöl behandelt und jetzt sehen sie aus wie neu. Nein, stimmt nicht. Sie sehen sauber und gepflegt aus, haben aber viele Spuren, Kratzer und Flecken. Es ist eben eine Arbeitsfläche.
Während der beste Vater meiner Kinder Leinöl ins Holz rieb, begann ich mit dem Lackieren der Schränke.
Zwischendurch gab es ein schnelles Abendessen und gegen elf Uhr machten wir Feierabend. Verdient.
Am Sonntag lackierte ich die restlichen Schränke. Und weil ich schon mal dabei war, auch noch den Küchenhocker und die Küchentür. Der beste Vater meiner Kinder hängte Regale und Lampen auf und entsorgte sämtliche Pappkartons, Folien und Abklebebänder. Den Rest des Tages räumte ich Geschirr und Krusch und Kram wieder in die Küche und packte direkt noch ein wenig Weihnachtsdeko dazu. Das ganz normale Leben sorgte dann für die restliche Dekoration und das „jetzt sieht es aus wie immer und nicht mehr wie im Katalog“.
Die Farbe der Küchenschränke ist übrigens ein zartes Hellblau, keine Ahnung, wo dieser violette Hauch herkommt.
Und falls Sie denken, dass es doch erst vorgestern war, als die Küche von türkis zu gelb wechselte – das war bereits am 29. März 2013!
26. November
26. November 2015
„Ich würde ja gerne helfen, aber ich weiß gar nicht, was ich tun könnte!“
Weil ich diesen oder einen ähnlichen Satz schon oft gehört habe, will ich heute mal erzählen, wie der „Sprachunterricht“ abläuft. Ich setze „Sprachunterricht“ ganz bewusst in Gänsefüßchen, denn es geht nicht um das Erlangen eines Zertifikats, das womöglich zum Studium berechtigt (das gibt es tatsächlich) oder darum, dass meine Sprachschüler in kürzester Zeit fließend Deutsch sprechen (was cool wäre, aber unrealistisch ist). Es geht um den Abbau von Hemmungen, um den Einstieg in unsere Sprache, die völlig anders als die eigene klingt und um das erste Zurechtfinden in unserem Leben. Es geht um Kontakt, Willkommen heißen und Integration. Und Freundschaft.
Meine Sprachschüler kommen aus Syrien. Sie sprechen Arabisch. Nur Arabisch, kein Bröckchen Deutsch, kein bißchen Englisch. Das macht die Sache ein bißchen verzwickt, denn mein Arabisch beläuft sich auf (mittlerweile) neun Worte, das reicht einfach nicht zur Verständigung. Zum Glück ist die Lateinische Schrift kein Problem! Es gibt nämlich ganz wunderbare Deutschkurse, die beim Lehren unterstützen.
Für meine Sprachschüler habe ich im Internet einen Sprachkurs gefunden. Zusammengestellt von der Flüchtlingshilfe München e.V. (oben rechts im Bild). Ein wunderbarer Deutschkurs, denn zur einfachen Zeichnung gibt es neben der Deutschen Bezeichnung auch die Arabische. Das erleichtert wirklich Vieles!
Angefangen haben wir übrigens mit ganz formalen Dingen. Gelesen wird hier von links nach rechts. Im Arabischen ist das umgekehrt. Ich fordere das sehr streng ein, denn es _ist_ eben so.
Die ersten Schritte in unsere Sprache waren genau so, wie man jede Sprache lernt. Hallo, ich heiße …, Wie geht es dir?, Tschüß! In sehr kurzer Zeit waren wir bei Lebensmitteln, Körperteilen, Haushaltsgegenständen angelangt, kurze Sätze wie „Ich esse kein Schweinefleisch“ und „Ich habe Husten“ sind das nächste Ziel.
Das Thannhauser Modell ist ein toller Sprachkurs. Leider können wir ihn derzeit nicht nutzen, weil die „Untertitel“ in Englisch sind. Doch ich bin mir sehr sicher, dass wir demnächst quereinsteigen können.
Für ganz große Sprachnotfälle, wenn Mimik, Gestik und die wenigen Brocken nicht ausreichen, hilft der Klassiker. Meinen Sprachschülern habe ich ebenfalls einen Langenscheidt gegeben, mein Dank geht hierbei an den AK Asyl Nierstein, der die Kosten übernommen hat.
Neben diesen ganzen Hilfsmitteln braucht es ein wenig Phantasie. Und eine Portion Empathie. Und sicherlich auch Mut. In der Nacht vor meiner ersten „Unterrichtsstunde“ konnte ich nicht schlafen, weil ich mich in sämtliche Sorgen und Ängste hineinsteigerte: was, wenn sie mich nicht mögen? Was, wenn ich nichts beibringen kann? Was, wenn das fiese Typen sind, immerhin sitzen die in meiner Küche!? Was, wenn, was wenn, WAS WENN?! Ich will es nicht schön reden: die erste Stunde war krampfig. Wie das halt so ist, wenn sich Menschen begegnen, die sich völlig fremd sind. Und die nicht mal eine gemeinsame Sprache sprechen. Aber manchmal muss man eben einfach durch und wenn es nicht klappt, dann ist das auch in Ordnung.
Heute war wieder Deutschstunde in meiner Küche. Ich habe gelernt, was Knoblauch, Reis und Nase auf Arabisch heißt und erntete für meine offensichtlich miserable Ausprache wildes Gekichere. Im Gegenzug durfte ich auch kichern, denn ä, ö, und ü sind Laute, die anscheinend nur sehr schwer über die Lippen kommen. Um den „Unterricht“ aufzulockern, rannte ich in meiner Küche herum und hielt Gegenstände hoch, die benannt werden sollten. Es hat Spaß gemacht!
In nächster Zeit möchte ich praktischen Sprachunterricht machen, gemeinsam kochen und backen (was bestimmt hochspannend ist, weil es da evtl. kulturelle Grätschen zu machen gilt), außerdem habe ich Einkaufstouren geplant, deutsche Bäckereien müssen irre verunsichern. SO VIELE Brotsorten! Die Kindelein planen gemeinsamen Sport- und Jugendkreisbesuche, wir laden alle zu Weihnachten ein. (hoffentlich klappt das irgendwie mit der Verständigung bei der Einladung!)
Ich glaube, dass mit einem solchen „Sprachunterricht“ nichts falsch zu machen ist. Nur ganz viel richtig.
25. November
25. November 2015
Welch wunderschöner Tag!
Wunderbarerweise hatte es gestern abend zu schneien begonnen und noch wunderbarerweise blieb ein bißchen von diesem Schnee liegen. Je weiter mich die Hunderunde ins Hinterland, vom Rhein weg, führte, desto mehr Schnee lag in den Wingerten und auf den Wegen. Lola war sehr entzückt von diesem kalten, weißen Zeug und preschte durch die Wingertszeilen. Perfekt getarnt natürlich. Die Luft war klar und frisch und irgendwann machte es in meinen Stirnhöhlen beinahe hörbar „plöpp“ und – Verzeihung- die Brühe floss ab. Die latenten Kopfschmerzen der letzten Tage und Wochen verschwanden schlagartig, ich fühle mich wie neugeboren.
Nach der Hunderunde kam Mme Ouvrage auf ein Schwätzchen vorbei, danach wuselte ich durch´s Haus. Und draußen kam die Sonne raus.
Ich hatte Zeit und Lust, im Nähzimmer zu arbeiten und den Kindern ein Lieblingsessen zu kochen. (der beste Vater meiner Kinder bekommt ein Weihnachtsfeieressen in der Firma)
Suppe und Brot zum Abendessen, dazu Weihnachtswunschzettelgespräche. Wie in so einer Fernsehfamilienserie.
Rezepte?
Tomatensuppe, irgendwie indisch oder so angehaucht
vier Dosen geschälte Tomaten
eine Dose Kokosmilch
zwei Zwiebeln
zwei Knoblauchzehen
ein halber Liter Gemüsebrühe
Zucker, Garam Masala, Ingwer (ich hab Ingwerpaste aus dem Glas genommen), Kreuzkümmel, Cayennepfeffer
Das feste Fett von der Kokosmilch in einen Topf geben und schmelzen. Darin dann die Grob gehackten Zwiebeln und Knoblauch andünsten.
Die geschälten Tomaten dazugeben, danach die Gemüsebrühe. Etwa eine Viertelstunde köcheln lassen, dann einmal kurz mit dem Pürierstab durchgehen. Und zum Schluß nach Geschmack würzen. Nicht schüchtern sein mit Garam Masala und Kreuzkümmel! Eigentlich gehört noch frischer, gehackter Koriander in die Suppe, den hatte ich aber nicht da.
(Suppen kochen wir immer in sehr großen Mengen, weil sie aufgewärmt noch viel leckerer schmecken!)
Die fluffigen Naan-ähnlichen Fladenbrötchen
850 g Weizenmehl (oder 600g Weizenmehl, 250g Vollkornmehl – das mögen wir lieber)
ein Teelöffel Backpulver
ein Päckchen Trockenhefe
Salz
ein Ei
acht Esslöffel Naturjoghurt
drei Esslöffel Butter
250 ml Milch
Butter und Wasser zum Bestreichen
Mehl, Backpulver, Hefe und Salz (nicht vergessen! Ich vergesse das oft und das schmeckt dann so langweilig!) mischen.
Die Butter in einem Topf schmelzen, Milch und Naturjoghurt dazurühren, danach das Ei unterrühren. Diese Mischung zum Mehlgemisch geben und entweder mit der Hand, mit den Knethaken des Handrührgerätes oder der Küchenmaschine so lange kneten, bis ein glatter Teig entsteht. Der Teig ist feucht, das ist in Ordnung so.
Eine Stunde gehen an einem warmen Ort gehen lassen.
Den Teig nochmal kräftig durchkneten und danach in 16 Portionen teilen. (oder acht, dann werden die Fladenbrötchen halt größer). Die Portionen zu Kugeln formen und diese platt drücken. Die Unterseite mit Wasser, die Oberseite mit geschmolzener Butter bestreichen.
Bei 180°C Umluft für ca. 11 Minuten in den Ofen. Die Fladenbrötchen sind dann leicht gebräunt und klingen hohl, wenn man drauf klopft.
Dazu schmeckt Hummus ganz prima. Hatten wir heute nicht, weil keine Kichererbsen mehr im Haus waren. Stattdessen gab es die köstliche gesalzene Butter, die wir uns aus Holland mitgebracht haben.
Viel Spaß beim Nachkochen und guten Appetit!
24. November
24. November 2015
Gerade komme ich von einer Informationsveranstaltung zum Thema „Flüchtlinge in der Verbandsgemeinde“. Neben einigen trockenen Zahlen wieviele wo untergekommen sind und wieviele in den nächsten Wochen noch kommen werden, wurde die Arbeit der Integrationslotsen vorgestellt. Und welche Hilfsorganisationen mit im Boot sind. Noch gibt es Raum für alle Flüchtlinge, Massenunterkünfte sollen so lange es nur geht vermieden werden. Sollten diese doch nötig werden, ist es wirklich prima, dass in letzter Zeit gleich zwei Schulen geschlossen wurden. Die Gebäude stehen zur Verfügung und vermutlich ist eine Schule eine bessere Unterkunft als eine Halle oder ein Zelt.
Bei der sich anschließenden Fragerunde zeigte sich, dass sehr viele Menschen gute Ideen haben, wie sie sich einbringen können. Großartig.
Nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung traf ich die Frau, die mich mit zwei Sätzen zur „Patentante“ meines Sprachschülers gemacht hatte. Sie spricht arabisch und steht in engem Kontakt zu meinem Schüler (und den Onkeln, bei denen er lebt). „Er ist sehr glücklich und lernt viel“, erzählte sie mir und diese Rückmeldung lässt mich strahlen! Dann läuft es ja richtig!
Und weil es so gut läuft und ich mich anscheinend nicht allzu doof anstelle, kommt am Donnerstag ein Onkel mit zum Lernen. Ich habe jetzt also eine minikleine Schulklasse, die nächstes Jahr sicherlich noch wächst, das zeichnet sich bereits ab. Auch der Onkel spricht weder Deutsch noch Englisch, aber das bereitet mir keine Sorgen mehr, immerhin kann ich ja schon sieben Worte Arabisch! :)
(Ein weiteres Wörterbuch ist bestellt, Block und Schreibmaterial liegt im Fundus und Kekse sind schon gebacken. Ich bin vorbereitet.)










