Und jetzt?

12. Dezember 2009

Ich habe ungefähr vierhundert Folgen und den Film von „Sex and the City“ gesehen, habe einen schwirrenden Kopf vor lauter Rumgekreische und komischen Problemen, einen platten Hintern vom vielen Rumsitzen und ertappe mich, dass ich im Schneidersitz sitze.

Gerade so, als sei niemals irgendwas gewesen.

Ich glaube, ich gehe jetzt an die Nähmaschine. Gehen, nicht krücken.

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Ganz vorsichtig

12. Dezember 2009

wage ich zu sagen, dass jetzt alles einfach gut ist.

Seit zweiundzwanzig Jahren ist dieser heutige Tag bereits der zweite Tag, an dem ich keine Schmerzen im Knie habe. Nur dieses Ziepen der frischen Wunden. Aber der tiefe Schmerz innendrin oder das gemeine Stechen bei einer unvorsichtigen Fußdrehung oder der ewige Druck … das ist alles weg.

Werde ich wirklich schmerzfrei leben dürfen?

Zwischenstatus:

11. Dezember 2009

Der Schlauch ließ sich widerstandslos aus dem Knie ziehen, beinahe ohne Schmerzen, nur mit so einem kleinen „swuuuusch“-Gefühl. Ganz eklig.

Frau Knie selbst sieht recht hübsch aus, ein wenig verschwollen und tatsächlich hat es der Orthopäde geschafft, zwischen Narbe drei und acht noch Platz für Röhrchenloch neun und zehn zu finden.

Fies war, dass  er mir Desinfektionskram in die offene Wunde sprühte und dementsprechend laut und energisch war mein Einspruch. Er zeigt sich weitestgehend unbekümmert davon.

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Ich erwähnte es gestern bereits: Innen- und Außenmeniskus wurden „beschnitten“, sind wieder glatt und beinahe wie neu. Desweiteren wurde irgendein Fettgewächs, das entzündet war, entfernt. Bevor sie jetzt irrige Vorstellungen von Fettklumpen in Frau … äh … Muttis Knie bekommen: so ein Ding ist wohl in jedem normalen Knie vorhanden. Nur entzünden darf es sich nicht, weil es sonst schlimme Schmerzen gibt. Ich hatte also quasi meine erste Fettabsaugung und fühle mich auch deutlich schlanker.

Kontaktbelastung bis in den Schmerz ist in Ordnung und in drei, vier Wochen sollte ich ganz die Alte sein. Was ich natürlich nicht will, denn die Alte ist ja die, die seit dem siebzehnten Lebensjahr immer Schmerzen im Knie hatte. Ich will dann die Neue sein, die derzeitig völlig und ganz und gar schmerzfrei ist. Und darüber so fassungslos ist, dass sie rumheult. Die Neue hat also auch nah am Wasser gebaut. Naja.

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„Wir sind voll bis ins neue Jahr!“, sprach der freundliche Mensch am Tresen der Krankengymnastikpraxis und meinte dabei nicht den Alkoholpegel. Normalerweise muss man zwei Wochen vor der anstehenden OP bereits Termine für die folgende Krankengymnastik vereinbaren. Da meine OP aber sehr hastig angesetzt war, blieb dafür keine Zeit. Irgendwie gelang es aber, mich in Lücken zu quetschen und darüber bin ich sehr, sehr glücklich!

„Sie können auch gleich dableiben“, wurde ich informiert und in ein Behandlungszimmer geführt. Meine weiteren Vorstellungen der Morgengestaltung beinhalteten nach der Schlauchzieherei eher eine weitere Tasse Kaffee und ein gepflegtes Erholungsschläfchen, doch wer auf die Beine kommen will, muss was dafür tun. Und so ergab ich mich dem Schicksal einer Lymphmassage (kitzelig), einer Vanilleduftkerze (sehr schlimm, wirklich) und den ersten Streck- und Kräftigungsübungen (überaus anstrengend).

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Wenn Sie eine beinahe leere Ketchupflasche aus Plastik zusammendrücken, dann ertönt exakt das Geräusch, das ich hörte, als ich mein Knie auf 80° (!!) Grad beugte: „swoootsch!“

„Was raus muss, muss raus!“, sprach die Krankengymnastin und fast hätte sich mein Magen mit dem Kaffeerest angeschlossen. Aber nur fast.

War wohl nicht schlimm, nur eben ein Rest Blut/Spülflüssigkeit, der sich durch die Naht nach außen drückte.

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So. Kurzes Schläfchen, damit ich frisch und fröhlich die Freundin, die nie Zeit hat, begrüßen kann.

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(schmerzfrei! Ich bin schmerzfrei! Das ist der Hammer!)

schlaflos

11. Dezember 2009

Wenn sich der Schlauch im Knie ständig irgendwie um den Oberschenkel wickelt und da sowieso diese unterschwellige Angst ist, dass ich ihn durch eine blöde Bewegung einfach aus dem Knie reisse, dann ist an tiefen, erhol- und heilsamen Schlaf nicht zu denken. Anderthalb mögliche Schlafstellungen, auf dem Rücken und so halb auf der linken Seite, sind dem auch nicht förderlich.

So lag ich heute nacht mehrmals wach und hatte viel Zeit für großartige, verschwurbelte, philosophische Gedanken. Und lasse es mir natürlich nicht nehmen, Sie daran teilhaben zu lassen. (auch als Ablenkungstherapie, denn in einer Stunde rupft man mir den Schlauch raus und die Vorfreude beschert mit eiskalte, feuchte Händchen)

Die Sache mit dem Schlafen. Ich würde es gerne mal wieder tun, so sechs Stunden am Stück wären toll. Es ist ja nicht so, dass mich weinende, alptraumgeplagte Kindelein aus dem Bett zerren würden. Ich liege einfach wach und grübele. Und wälze. Und denke. Und habe stets diesen Gedanken „nun schlaf schon, nur noch vier Stunden!“, der natürlich auch nicht hilfreich ist.

Als ich noch sehr jung war, war schlafen nicht so wichtig. Da war es wichtig, lang aufzubleiben, Sachen, die nur nachts toll sind, zu erleben. Auf den Friedhof zu gehen und dort schwülstige Gedichte über die verflossene Liebe zu schreiben, zum Beispiel. Oder mit Freunden auf dem Kletterhäuschendach des Spielplatzes zu sitzen, zu rauchen und die schwülstigen Gedichte vorzulesen.

Wenige Jahre später trat der eine Mann in meine Leben und die Nächte waren kurz, weil zu zweit ein Bett viel zu schade zum nur darin schlafen ist.

In logischer Konsequenz führte dieses Lotterleben zu weiteren schlaflosen Nächten, über drei Jahre hinweg war Schlaf Luxus, unsagbar kostbar und selten zu haben. „Wenn sie erst im Kindergarten sind, sind sie abends so müde, dass sie automatisch durchschlafen“, trösteten mich erfahrene Mütter. Als mein letztes Knd glücklich im Kindergarten war, kam das erste schon in die Grundschule und eine Fülle von neuen Sorgen tat sich auf.

Die Kindelein hatten gelernt, dass die Nacht zum Schlafen da ist und ich fand neue Möglichkeiten, schlaflos zu sein. Ich entdecke das Grübeln. Und die Zukunftsängste, denn es zeichnete sich deutlich ab, dass das jüngste Kind einen ganz anderen Weg beschritten hatte, als die beiden Größeren. In der Nacht sieht vieles grauer und grauenhafter aus, als es in Wirklichkeit ist und ich war wohl klar genug, das zu wissen. Aber eben nur am Tag. In der Nacht stieg ich ins Gedankenkarussel und der Schlaf wirbelte davon.

Der Weg des jüngsten Kindes ist nun deutlicher zu erkennen und die Sorgen halten sich in Grenzen. Ich könnte schlafen.

Unglücklicherweise beginnt nun der Lebensabschnitt, in dem man sich mit den Freundinnen zum ersten Mal als unmittelbar betroffen über den Tod austauschen muss. Familienangehörige erkranken schwer und in der Nacht öffnen sich die Pforten für ganz neue Gedanken. Patientenverfügungen, Testamente und die Frage, ob eine Magensonde lebensbereichernd oder lebensverlängernd ist sind die Themen, die im Kopf herumwirbeln. Die „wie geht es weiter“-Frage und auch die „wie sag ich´s den Kindern“-Entscheidung steht an. Der Tag lässt keine Zeit zum Nachdenken, lässt es garnicht zu, schwermütig und traurig zu sein. Nimmt den bösesten Nachrichten erstmal Schärfe. Doch sowie mein Kopf auf dem Kopfkissen liegt, sind sie da und fordern Aufmerksamkeit.

Und so liege ich in meinem Bett und trauere auch ein bißchen um die Zeit, als die Nacht wegen ihres Zaubers zu kurz war. Ich bin müde.

übrigens …

10. Dezember 2009

Frau Knie und Frau … äh … Mutti sind wohlbehalten wieder daheim angekommen.

Frau Knie wurde weder genäht noch genagelt, weil das nicht mehr möglich war. Dafür wurde ein Drittel des Innenmeniskus und ein Fünftel des Außenmeniskus entfernt. Das ist vergleichsweise wenig und erstmal eine bessere Prognose für die Arthrose-Zukunft als befürchtet. Desweiteren wurde ein Entzündungsherd gefunden und entfernt, irgendwo am Kreuzband. Fragen Sie mich nicht, da war noch eine Menge „alles wird gut und rosa“-Spritze in meinem Hirn. Morgen erfahre ich mehr. Interessant ist aber schon, dass da immer was Neues gefunden wird, so wie man in das Knie schaut.

Die Option „schneidet weg, was euch krank macht“ führt jetzt wohl erfreulicherweise dazu, dass ich nicht sechs Wochen lang Entlasten und auf eine maximal Beugung von 60° achten muss. Vielleicht darf ich schon übernächste Woche die Krücken in die Ecke feuern und das wäre ausgesprochen wünschenswert.

Nette Anekdote am Rande:

„Sie haben aber eine schöne Tasche“, sprach die Frau, die mich zur Schlachtbank führte, bzw. in das Entkleidekabuffchen.

„Oh, danke schön“, erwiderte Frau … äh … Mutti sanft errötend.

„Wo haben sie die denn her?“

„Die hab ich selbstgenäht.“, konnte ich stolz erwidern. Und da das Interesse an der Tasche doch recht groß war, zückte ich eins meiner hübschen MOO-Kärtchen (allzeit bereit und dabei), verwieß auf dieses, mein Blog (Mein Blog. Äh. Webblog? So ein Internettagebuch, wissen Sie?) und fasste den Vorsatz, mit der genesenden Frau Knie in naher Zukunft viele Stunden an der Nähmaschine zu verbringen.

Und hätte mir die freundliche Frau in blau Komplimente über meine Tasche gemacht, nachdem sie mir diese „gut-und-rosa“-Spritze verpasst  hatte, hätte ich sie ihr womöglich geschenkt. (aber die Tasche ist ein Prototyp mit schiefen Nähten und nur für mich gut).

(nette Frau in blau, melden Sie sich doch mal!)

Nach der OP gab´s auch noch einen Kaffee und zwei komische Kekse, ein beherztes Rausrupfen des Zugangs und die verhasste Aufzugfahrt vom fünften Stock nach P2. Und eine Heimfahrt über unzählige Hubbel und durch noch mehr Schlaglöcher. Aber ich sage Ihnen: im eigenen Bett zu liegen ist diese ganze Fahrerei wert.

Morgen früh wird der Schlauch aus dem Knie gezogen (Tunnelblick: morgen um diese Zeit isser endlich draussen) und ich fühle mich jetzt schon wieder großartig. Ibuprofen 600 sei Dank. (diesmal volle Dröhnung, ohne Rücksicht auf den zarten Magen. Sind ja nur maximal zwei Tage.)

Danke für die guten Wünsche die mich erreichten, ich bin ja mittlerweile Profi :-)