Stolz und Schnupfen

9. März 2016

Am Samstag wollte ich so gerne an Frau Brüllens „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ teilnehmen, denn ich hätte wirklich viel erzählen können. Ich stand nämlich sehr lange fleißig schuftend in der Küche der Klecksefrau, die am Abend ihren runden Geburtstag feierte. Da aber kaum Zeit übrig blieb und ich obendrein am Abend mit fiesen Kopfschmerzen kämpfte, wurde das nichts mit detaillierten Beschreibungen von perfekt gewickelten Wraps und köstlichen Rezepten. Ein anderes Mal.

Am Sonntag fuhr ich wieder heim und dieses Mal hatte ich wirklich Pech mit der Bahn. Auf der Hinfahrt am Freitag hatte ich ab Köln Schwierigkeiten mit verpassten Anschlüssen und Verspätungen, auf der Rückfahrt saß ich 40 Minuten in Düsseldorf herum, auf den verspäteten IC wartend. Bei dieser Gelegenheit nahm ich mir irgendwelche Schnupfenviren mit, die mich seitdem leidend und etwas fiebrig niederwerfen.

Heute bekämpfe ich diese Viren aktiv und obendrein fastenbrechend mit Champagner, denn meine großartige Tochter hat nicht nur in allen drei schriftlichen Abiturprüfungsfächern 14 Punkte geschrieben, sondern heute auch noch die mündliche Prüfung mit 14 Punkten gestemmt. „Der Symmetrie wegen“, sagt sie und strahlt vor Glück, denn ihr Durchschnitt ist nun 1,1. Damit steht ihr die Welt offen und ich hab ein Tränchen im Knopfloch.

Nächste Woche Mittwoch bekommt sie bei der akademischen Feier ihr Zeugnis, am Donnerstag findet der große Abiball statt. Kleider- und Frisurenfragen für die ganze Familie sind gelöst, wir können uns zurücklehnen und auf die Veranstaltungen freuen.

Heute abend prosten der beste Vater meiner Kinder und sein holdes Weib nicht nur dem klugen Töchterlein zu, sondern auch uns gegenseitig: geschafft! Alle Kinder heil und ohne Trauma durch die Schule geschleust. Die Berufsschulzeit des Jüngsten stemmen wir auch noch. Prost!

Gestern morgen bei der Hunderunde habe ich diese Frage meiner Hunderundengesellschaft gestellt. „Manchmal“, antwortete er, „Man ist einfach nicht mehr so spontan, muss mehr planen.“ „Warte mal ab, bis du eigene Kinder hast“, wollte ich antworten, nickte aber stattdessen nur zustimmend, reicht ja auch.

Habe ich es denn schon bereut, dass Lola bei uns eingezogen ist? (eigentlich wäre das ja ein prima Artikel „Ein Jahr Lola in der Grünen Villa“, aber jetzt passt es halt, obwohl sie erst zehn Monate hier lebt.)

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Wenn ein Hund einzieht, dann ist das tatsächlich ein bißchen so wie beim ersten Kind. Sehr viele Menschen haben sehr viele Tipps, aber eigentlich weiß man alles sowieso besser und wird das Tier ganzheitlich, achtsam, windel- und glutenfrei halten und ernähren und alle seine Talente erkennen und selbstredend fördern. Und dann kackt der niedliche Welpe zum ersten Mal auf den Wohnzimmerboden und klaut die Kekse vom Tisch (Babys machen das nicht, Kleinkinder schon), woraufhin das Annehmen von kleineren Ratschlägen durchaus in den Bereich des Möglichen rückt. Und schwupps ist man gefangen im Strudel der gegensätzlichen Ratschläge und muss sich auf gut Glück und mit einer gesunden Portion Bauchgefühl sein eigenes Hundeerziehungsmodell, mit oder ohne getanzten Namen, aussuchen.

Das klappt bei uns ganz prima. Lola ist zum Glück ein sehr kooperationswilliger Hund, sofern ausreichend Leckerlis die Erziehungsmaßnahme unterstützen. Alles läuft also über das Fressen, aber was soll´s. Hauptsache der Hund beherrscht die Grundkommandos wie „Komm!“, „Sitz!“ und „Bleib! … na gut, ich weiß ja wie sehr du an mir hängst und ja, die Leckerlis sind immer in meiner linken Jackentasche“. Damit kommt man überall gut zurecht.

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„Es ist dir schon klar, dass du jeden Tag mehrmals mit dem Hund raus musst?!“, wird einem vorher von allen Seiten mit unheilvoller Stimme zugeraunt. Und ja. Ich muss jeden Tag mit dem Hund raus, morgens und abends. Und da Lola eine explosive Mischung aus Dalmatiner (soll neben Postkutschen her rennen) und Pointer (soll Wild anzeigen) ist, sind das sehr lange Hunderunden voller Übungen und Trainingseinheiten. Lang, damit der Dalmatiner müde wird, Training, damit der Pointer keine Rehe jagt. Ersteres klappt übrigens prima, Letzteres mal mehr, mal weniger. Das Wetter ist meistens gar nicht so schlimm. Es gibt viele, viele Tage, an denen ich ohne Hund nicht mal zum Kompost im Garten gegangen wäre, doch das sind meistens die Tage, an denen ich mich wirklich freue, dass ich raus muss. Weil es toll ist. Unsere Gegend ist schön, die Bewegung ist schön und das Gefühl, wenn man sich hinterher trockene Klamotten anzieht ist super.

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Franz und Lola koexistieren recht friedlich in der Grünen Villa. Franz hat keine Angst mehr vor Lola und haut ihr auf die Nase, wenn sie ihm zu aufdringlich wird. Er hat seinen Sessel im Wohnzimmer zurückerobert und traut sich wieder an das Fußende meines Bettes (vor dem Lola ihren Schlafplatz hat). Lola wird noch lernen, dass das kleinere, rothaarige Ding es nicht mal annähernd toll findet, wenn man ihm die Nase in den Hintern steckt; Franz wird lernen, dass ihn das große, weißhaarige Ding nicht fressen will, wenn es freudig wedelnd zu ihm hinrennt.

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Das Haus ist sehr „voll“ geworden, seit der gar nicht mehr so kleine Hund hier lebt. Irgendwo ist immer ein Tier. Entweder auf dem Stuhl, auf den man sich gerade setzen will oder unter dem Tisch, eifrig nach Krümeln suchend. Beim Essen möchte man weder Hund noch Katze auf dem Schoß oder neben dem Teller oder mit nasser Nase an den Arm stupsend. Deshalb heben wir Katzen von Stühlen, rufen mehrstimmig „nein“, wenn der Hund aufdringlich wird und haben uns damit abgefunden, dass uns nur noch ein knappes Viertel des Sofas gehört.

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Egal was man tut, ein neugieriger, mäßig hilfreicher Hund ist immer ganz dicht dabei. Im Garten kannte ich das schon von Franz, der sich immer genau an die Stelle legte, wo ich gerade jäten wollte. Lola liegt gerne zwischen mir und dem Herd, an dem ich gerade koche, rennt zwischen meine Füße, wenn sie sich vor dem Staubsauger fürchtet (oder nicht oder doch oder nicht …). Beide begleiten Menschen sehr gerne zur Toilette und beobachten interessiert das Geschehen, greifen aber nicht ein. Lola kann nur dann richtig entspannen, wenn mindestens ein Mitglied des Menschenrudels in der Nähe ist. Klammerhund.

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Mein Kleidungsstil hat sich verändert, jedenfalls jetzt im Winter. Ich trage wieder Hosen, weil die bei der Hunderunde doch praktischer sind. Und ich trage diese Hosen auch dann noch, wenn sie mit Schlamm verschmiert sind, sogar in der Öffentlichkeit.

Wir waren noch nie begeisterte Restaurantgänger. Jetzt mit Hund werden wir das auch nicht werden. Lola liegt brav unter dem Stuhl, aber sie riecht, wie so ein Hund nun mal riecht. An Regentagen auch ein bißchen stärker. Ich mag das nicht, wenn ich beim Essen einen nassen Hund riechen muss, deshalb kann ich es anderen kaum zumuten. Wir freuen uns auf die wärmere Jahreszeit, wenn man wieder überall draußen sitzen kann. (letzten Freitag eröffneten wir die Café-Saison)

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Was hat sich noch geändert? Ich bin recht tolerant geworden, was Hundespucke anbelangt :)

Bereut habe ich es nicht. Bedauert manchmal, denn es ist tatsächlich so, dass wir uns unsere neugewonnene Freiheit durch groß gewordene Kinder wieder selbst beschnitten haben, in dem wir einen Hund aufnahmen. Andererseit passt dieser Hund ganz prima zu dem, was wir sowieso gerne machen: in der Gegend rumlaufen, im Garten rumwühlen, auf dem Sofa sitzen.

Ich habe sehr viele Menschen (=andere Hundebesitzer) mittlerweile kennengelernt, mit einigen entwickelt sich da gerade eine schöne, neue Freundschaft. Das ist ein absoluter Gewinn!

Außerdem lache ich sehr, sehr viel. Hund und Katze zusammen sind ein großartiger Gute-Laune-Zauberer, da verzeihe ich die vielen Pfotenabdrücke auf dem Parkett und die Spuren von nassen Nasen auf den Terrassenscheiben. (früher klebte auf dieser Höhe eine Mischung aus Banane und Zwieback, geziert von Kleinkindhandabdrücken, Hundesabber lässt sich leichter wegwischen).

Die Stühle am Esstisch haben nun Filzgleiter aus Hundehaar und der Staubsauger muss jeden dritten Tag geleert werden, weil Dalmatiner wirklich sehr, sehr viel Haare verlieren. (kurze, weiße Haare mit Widerhaken und Superkleber) Obendrein wechselt der Kater gerade von Winterpelz zu leichtem Sommergewand. Vielleicht sollte ich anfangen, Tierhaar zu spinnen, um daraus Pullover zu stricken. Meine Drecktoleranz ist somit auch nochmals ein Level erhöht.

Mit dem Wissen, das ich jetzt habe erneut vor die Frage „Hund ja oder nein?“ gestellt, würde ich vermutlich nein sagen. Andererseits hätten wir dann halt auch keine Lola hier wohnen. Dann doch „Ja! Unbedingt.“

Süße Träume?

29. Februar 2016

Am 29. Januar zog die Eve bei uns ein. Sie und wir hatten also genau einen Monat Zeit, uns aneinander zu gewöhnen.

Symbolbild

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Wir liegen prima auf der Matratze. Die oberste Schicht schmiegt sich wunderbar weich und kuschlig an den Körper, der feste Kern bietet genug Widerstand, damit die Wirbelsäule nicht in eine Kuhle sackt. Das ist sehr wichtig für mich, ich bin Skoliose-Patientin und achte sehr, sehr darauf, meinen Rücken gerade zu halten. Ob in Seitenlage oder auf dem Bauch, ich liege ganz wunderbar.

Aber.

Sie riecht noch immer.

Wir lüften ständig und viel und dieser nasenhaarverätzende, beißende Gestank der ersten zwei Tage liegt längst nicht mehr in der Luft. Wenn ich aber im Bett liege, warm eingekuschelt unter dem Deckbett, rieche ich die Matratze. Ich bin sehr empfindlich, was Gerüche anbelangt, vermutlich bin ich nahezu hochsensibel in diesem Bereich. Ich rieche, wenn die Milch übermorgen sauer wird. Oder wenn im Nebenzimmer gepupst wird. Das ist nicht so sehr schön und deshalb stört mich der Matratzengeruch. Wonach sie riecht? Sie riecht nach billigen Schuhen und ein bißchen nach der Duftkerzenabteilung im blaugelben Möbelhaus. Nicht richtig giftig, aber eben chemisch.

Meine letzte Matratze lag einen Monat in der Halle zum Lüften, bevor ich ihren Geruch aushalten konnte; es dauerte fast ein halbes Jahr, bis ich den Geruch nicht mehr wahrnahm. Insofern gebe ich die Eve nicht auf. 100 Tage lang kann man sie testen und das werde ich sicherlich ausnutzen. Gerne gebe ich in einem Monat auch noch mal einen Statusbericht.

Und ja, es täte mir sehr leid, wenn sich die Geruchssache nicht erledigt, denn wie oben beschrieben: es liegt sich traumhaft.

Noch ergänzend: der beste Vater meiner Kinder ist nicht sehr geruchsempfindlich, die Matratze kann er aber auch riechen.

 

Achtung! *** Die Eve wurde mir kostenfrei zum Testen zur Verfügung gestellt. ***

Siebzehn!

24. Februar 2016

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Der jüngste Sohn hat heute mit uns seinen Geburtstag gefeiert! Siebzehn Jahre ist er nun alt und heute morgen hat mich eine große sentimentale Welle erwischt. Keine Sorge, die lasse ich nicht über Sie schwappen. Nur so viel: Wir haben uns immer gewünscht, dass er glücklich sein wird, dass er seinen Platz findet, einen Beruf, der ihm Spaß macht, ausüben kann. Auf dem Bild sehen Sie ihn, wie er heute von der Arbeit heimkam. Verdreckt bis über die Ohren, müde und erschöpft, aber sehr zufrieden mit sich und der Welt, bereit für ein Geburtstagsfest.

Der Wechsel der Ausbildungsstelle war nicht das Schlechteste, was ihm passieren konnte. Als ewig betüdelnde Mutter dachte ich damals, dass ein kleiner Betrieb für ihn das Beste sei und vielleicht wäre das auch wirklich gut gewesen. Doch leider war dem kleinen Betrieb ein Installateur abgesprungen, die Auftragslage war aber noch genauso hoch. Und so blieb für den Jüngsten und seine Bedürfnisse keine Zeit, keine Zeit für ausführliche Erklärungen und notwendige Wiederholungen. Die Chefin des Betriebes erkannte sehr schnell, dass der Jüngste zurückfiel und so kam es zum Ende des Ausbildungsverhältnisses.

Ein klitzekleines Bißchen brach die Welt zusammen, doch schon zwei Wochen später ging die Ausbildung zum Anlagenmechaniker weiter. Diesmal in einem sehr viel größeren Betrieb.

Der Jüngste lernt nun auf Großbaustellen. Eine Woche lang wurden nur Badewannen eingebaut. Was bei mir schon allein bei der Vorstellung zu einem Gähnkrampf führt, ist genau das Richtige für den Jüngsten. Lernen, wiederholen, üben bis es sitzt. Und genug Zeit für Erklärungen und zeigen bleibt auch.

Die Berufsschule ist hart. Wir lernen zusammen, wir haben den Daumen drauf, das muss so sein.

Wie es weitergeht, ob er tatsächlich diese Ausbildung schafft – wir wissen es nicht. Der Jüngste hat es aber immer geschafft, uns zu überraschen, ist aus sämtlichen (negativen) Diagnosen und Prognosen herausgewachsen. Wir planen nicht weiter als bis zur nächsten Arbeit in der Schule, bis zum nächsten Wochenbericht im Berichtsheft. Das ist in Ordnung, für ihn und uns. *summt diesen Song von Doris Day*

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Die Geburtstagsfeier wich heute etwas vom üblichen Ritual ab, denn obwohl ein festlicher Frühstückstisch gedeckt war, saßen wir nicht alle am Morgen zusammen, nach Gratulation und Geschenke auspacken. Der Jüngste hat nämlich um 6:00 Uhr Arbeitsbeginn und um den Geburtstag zu zelebrieren, hätte er noch früher aufstehen müssen. Er bat darum, dies nicht tun zu müssen :) Als er heimkam, hatte sich schon die ganze Familie versammelt und auch „meine Syrer“ saßen mit am Tisch. Die Tochter hatte das allerliebste Zeltlageressen des Jüngsten gekocht, dann gab es Kuchen als Nachtisch. Anders, aber nicht weniger schön.

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Wie glücklich wir sind, wurde uns klar, als der jüngere „meiner Syrer“ erzählte, dass seine beiden jüngeren Geschwister gerade auf dem Weg nach Deutschland sind. Irgendwo unterwegs, allein. Die Mutter ist in Syrien, der Vater ist tot. Ich sah meine gesunden, wohlgenährten, privilegierten Kinder am Tisch sitzen und daneben diesen schmalen Jungen, der ganz langsam hier Fuß fasst – kein übergriffiger Kommentar könnte mich abhalten, diesem Jungen (und seinem Onkel) so viel Zeit und Herz zu schenken, wie ich erübrigen will.

 

Alles falsch!

23. Februar 2016

sprach „mein Syrer“ heute morgen, als er dem großen Sohn beim Abspachteln der Tapete an der Decke im Flur zusah. Wie genau es nun richtig oder besser geht, das konnte er uns nicht erklären, da fehlen zu viele Worte. Mit Händen und Füßen erklärte ich ihm, was wir im Flur vorhaben. Und ja, ich kann vermutlich mittlerweile so manche Scharade-Meisterschaft gewinnen, denn es gelang mir Tiefengrund und Glattputz darzustellen. Vielleicht zeigte ich beim Auftragen des imaginären Putzes wohl nur eine mäßige Begabung, den mein kreisförmiges über die Wand streichen wurde mit „falsch!“ belohnt.

Wahrscheinlich sah ich danach etwas ratlos aus, denn „mein Syrer“ sprach: „ich mache!“, sprach sehr viele arabische Worte in seine Übersetzerapp und ließ mich „ich brauche Putz und Paste“ lesen. Außerdem warf er so verächtliche Blicke auf die Spachtel, mit der der  Große herumfuhrwerkte, dass ich ihn in die Werkstatt schleppt und ihm das Werkzeug meines Opas (Maurer) zeigte. „Gut! Sehr gut!“, sprach „mein Syrer, „Ich komme morgen, arbeiten.“

Er darf morgen kommen, aber nur um mit uns den Geburtstag des Jüngsten zu feiern. Gearbeitet wird dann zusammen am Wochenende, wenn wir Putz und Paste gekauft haben. Bis dahin muss er noch zwanzig neue Vokabeln lernen, darunter „Putz“, „Spachtel“, „Gips“ und „Feierabend“.

Und ich lerne verputzen. Toll!