Es gibt so Tage,

13. April 2010

da explodiert das Leben in der Küche. Kinder verstreuen Krümel wo sie gehen und stehen, hinterlassen (Haus)Schuhabdrücke auf Sitzkissen und sammeln Regenwürmer für den Biounterricht in meinem Nudelsieb.

Solche Tage kann man nur lieben oder hassen, je nach Tagesform. Ich find´s (heute) klasse.

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„Hallo, hier ist  Frau … äh … Mutti. Ich bräuchte einen Impftermin und ausserdem habe ich vier Millionen Spinneneier im Zeigefinger einen Knubbel am Zeigefinger.“

„Oh“, sprach die freundliche Arzthelferin, „tut mir leid! Termine haben wir nicht vor eienr Woche. Impfen lassen können sie in der freien Sprechstunde. Und mit dem Finger gehen sie am Besten direkt zum Dr. Unfallchirurg/Orthopäde, falls da was weggeschnitten werden muss.“

Sehen Sie! Ich würde ja zum Arzt gehen!

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Fühle mich heute extrem hausmütterlich. Habe ein Spannbetttuch repariert und einen Hosenknopf angenäht. Ausserdem das Nähzimmer aufgeräumt und einen Rock zugeschnitten. (und währenddessen stickte die Maschine beinahe ganz brav vor sich hin. Buttonmaker sind toll, liebe Sonja!)

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Der Kirschbaum blüht, der Flieder beinahe auch und dem dicken Martin  ist der Frühling ebenfalls in die Knochen gefahren. Einen Maulwurf hat er gefangen. Gemein von mir, ihm das arme Maulwürfchen zu entreissen. Ansonsten regnet es und natürlich ist das gut und wichtig für die Landwirtschaft und für den Weltfrieden und die Eisbären. Trotzdem ist das völlig bescheuert, denn im Garten liegt noch immer ein Stapel Wingertsknorzen, der entwurzelt und weggeräumt werden muss. Da ich aber aus Zucker Schönwettergärtnerin bin, zieht mich genau nix raus und ich hätte doch langsam gerne den Garten richtig schön in Schuss.

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Ich weiß, wo das Wandertässchen ist. Ich warte noch auf den Bericht, womit es befüllt wurde, dann verrate ich es Ihnen auch.

Ich hab da am Zeigefinger so ein Knubbelchen. Na gut, eher einen Knubbel, oberhalb des dritten Fingergelenks. Es ist keine Vene und auch kein Überbein.

Der Knubbel ist gut beweglich und tut nur dann weh, wenn ich die Hand in die Hosentasche stecken will. Dann bleibe ich nämlich am Knubbel hängen. Manchmal schmerzt es auch, wenn man drauf drückt. Aber nicht immer.

Der Knubbel ist etwa vier Wochen alt und wächst stetig.

Meine Horrorfilm geschulte Phantasie gaukelt mir lebhafte Bilder vor. Zum Beispiel könnte es passieren, dass demnächst drei Millionen parasitäre Spinnen aus dem Knubbel schlüpfen und sofort damit beginnen, ihren Wirt (mich) zu fressen. Oder der Knubbel wächst und wächst und irgendwann fängt er an mit mir zu reden und zwingt mich zu fürchterlichen Sachen.

Ich schwanke noch zwischen leichter Besorgnis und wegwerfendem „Ach, da ist doch nix.“ Ersteres kommt nur dann, wenn ich die Hände in die Hosentasche stecke (und es weh tut), Letzteres hindert mich daran, direkt mal zum Dottore zu maschieren. Denn eigentlich ist das ja nur ein Knubbel.

Also Sie jetzt:  Nur ein Knubbel oder doch die Millionen Spinneneier? Arzt oder abwarten?

Kaum lässt man das Gemüse aus der Kiste mal unbeaufsichtigt

fängt es an zu kuscheln.

Und kaum macht man mal eine kurze Kaffeepause auf der Terrasse, schleppen die hinreissenden Bestien den nächsten Raummeter Arbeit in den Garten.

Frau … äh … Mutti mit der praktischen „Haare wachsen und nerven“-Lösung und Falten.

Wären diese beiden Taschen dort wo sie herkommen gefüllt worden, wär´s teuer geworden :)

So gab´s nur ein paar Blasen an den Händen.

Töchterlein sorgte für die nötige Energiezufuhr

und ein Blick aus dem Küchenfenster lässt vermuten, dass die Mainzer gewonnen haben. (oder doch nicht? Egal.)

Und damit es morgen nicht zu langweilig wird

lassen wir ein paar Knorzen liegen. Und holen die letzte Fuhre nach dem Frühstück ab.

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Ich bin schlagskaputt. Kann die Arme nicht mehr heben, spüre viele Muskeln, die ich längst vergessen habe und die unzähligen Kratzer, Schrammen und Blessuren an Händen und Armen brennen.

Und ich bin so glücklich. So glücklich erschöpft von echter körperlicher Arbeit. Beinahe ein ganzes Jahr lang habe ich fast nichts getan. Mich wenig bis gar nicht bewegt, immer in Sorge um das Knie, entweder kurz vor oder kurz nach einer Operation. Ich habe viel nachzuholen. Und tue dies mit Freude!

Wingertsknorzen,

10. April 2010

ca. vier Raummeter davon.
Zuerst in der Halle, dann in den Garten geschleppt und auf einen hohen Haufen geschmissen.
Vor dem Wingertsknorzenberg: Frau … äh … Mutti, schimpfend und fluchend, bewaffnet mit Garten- und Astschere. Wurzeln abschneiden.

Die Knorzen dann ins Zwischenlager schichten. Kleinsägen und entgültige Lagerung bis zum übernächsten Winter folgt noch.

Ich sag´ Ihnen: so ein Ofen ist echt toll, macht muckelige Wärme und sorgt für höchst romantische Stimmung auf dem Sofa. Und Wingertsknorzen, gut abgelagerte Wingertsknorzen, die brennen toll. Und deswegen ist es auch ganz prima, wenn man einen ganzen Traktoranhänger voll davon bekommt. Aber es ist deutlich weniger arbeitsintensiv, Feuerholz fein säuberlich gesägt und gespalten im Baumarkt zu kaufen.

(Pause vorbei, weiter „entwurzeln“. Verletzungen bisher: zwei Beulen auf Kinderköpfen, einige Schliffer in einigen Händen und ein mäßig tiefer Schnitt in meinem Arm. Alles prima.)

Wer auch immer sich diese Krankheit ausgedacht hat, muss sehr schlechter Laune gewesen sein.

„Hm, mal sehen“, mag sich derjenige gedacht haben, „ich brauche eine Krankheit, die unwiderruflich wichtige Funktionen zerstört. Ach ja! Tolle Idee! Ich lasse einfach die Nervenzellen kaputtgehen, die für die Muskelsteuerung wichtig sind. Das ist doppelt und dreifach grausam, denn wenn es erstmal die Nervenzellen rund um den Kopf erwischt, kann der Mensch nicht mehr richtig essen. Essen ist Genuss und Lebenserhaltung, welch großartige Idee von mir, dies zu erschweren oder gar unmöglich zu machen. Der rapide Gewichtsverlust und die allgemeine Schwäche sind Programm. Und dann die Sprache. Kommunikation! Von den Menschen so sehr geschätzt und zelebriert. Wenn die Zunge lahm liegt, ist es vorbei damit. Und wenn erst die Muskulatur des Gesichtes befallen ist, bleibt die Mimik starr und abweisend und aus ist´s mit der Kommunikation. Super Einfall! Gleichzeitig verschwindet die Feinmotorik und somit die Fähigkeit zu Schreiben. Isolation ist das Ziel. Zur Beschleunigung kille ich den Schluckreflex und lasse den Speichel fließen. Nicht mehr kommunzieren, nicht mehr essen und obendrein sabbern: so schnell schafft man Leid.“

Ja, so ist das. So hat sich das wohl irgendwer ausgedacht.

Was bleibt ist die Angst vor jedem Klingeln des Telefons. Und der bange Blick zum Himmel hoch, wenn mal wieder der Rettungshubschrauber knapp über den Dächer entlang donnert. Ob er erneut dort landet, weil ein Stückchen Croissant die Luft und das Bewusstsein raubte?

Es ist ein stetes Abwägen, was und wieviel den Kindern erzählt werden kann. Die Wahrheit. Natürlich. Es gibt keine Heilung. Es wird schlimmer. NOCH schlimmer. Der Tod kratzt an der Tür. Viel zu früh, aber vielleicht erlösend. „Ihr habt uns gar nicht erzählt, dass der Rettungshubschrauber kommen musste!“, empörten sich die Kinder, als sie gestern vom wöchentlichen Besuch heimkamen. Ja. Haben wir nicht, wir wollen doch schützen. Wollen nicht, dass ein fluffiges Croissant auf ewig einen bitteren Beigeschmack bekommt.

Die Unbefangenheit der Kinder bröckelt. „Was ist mit dem Opa, wenn die Oma stirbt?“, fragen sie.

„Dann müssen wir uns besonders um den Opa kümmern“, antworten wir. Wissend, dass manche Liebe so stark ist, dass der eine nicht ohne den anderen sein will.