#ReichertsinSA – Teil 2

30. April 2017

Wellington – Kap Agulhas/Struisbaai

Während unserer Urlaubsplanung durfte und sollte jedes Familienmitglied Wünsche und Ideen einbringen. Es sollte für jeden mindestens ein Urlaubshighlight dabei sein. Kap Agulhas war für mich! Ich wollte im Meer schwimmen, weil das letzte Mal sehr, sehr lange her ist. Da der atlantische Ozean bei Kapstadt aber sehr kalt ist, musste es der indische Ozean sein.

Wir fuhren morgens in Wellington los.

Erst sehr zügig …


dann sehr viel langsamer.


Gravel roads (geschotterte, unbefestigte Straßen) sind heimtückisch. Wenn man zu schnell fährt, rutscht das Auto auf dem Geröll. Überholende Wagen oder Gegenverkehr erzeugen dicke, sichtverhüllende Staubwolken und Schlaglöcher lassen das Auto aufsetzen. Wir waren sehr dankbar, jede mögliche Versicherung für unseren Mietwagen abgeschlossen zu haben

Unsere Wegzehrung kauften wir am Wegesrand:


Ich liebe Feigen sehr, doch nach der etwa zwölften Feige hatten sich Lippen, Zunge, Zahnfleisch in pelzige, leicht brennende Etwasse verwandelt. Für etwa zwei Stunden versicherte ich mir, dass es das aber wert war. Dann verschwand das komische Gefühl und ich konnte weiter essen. SO LECKER!

Irgendwann war der Tank leer und die quasi einheimische Tochte instruierte uns für die bevorstehende Tankaktion: der Wagen muss nicht verlassen werden, denn er wird betankt. 

Wenn die Fenster geputzt werden, gibt es fünf Rand Trinkgeld, ohne Putzen drei Rand. Bitte mit der rechten Hand überreichen, sonst wirkt es abfällig.

Bezahlt wird mit Kreditkarte. Diese gibt man nicht aus der Hand, der Kartenleser wird ans Auto gebracht. Alles ganz einfach.

Nach etwa drei Stunden tauchte der indische Ozean am Horizont auf, kurz darauf kamen wir in Struisbaai an. Wir hatten zwei kleine Ferienwohnungen gebucht, die des besten Vaters meiner Kinder und mir bot sogar Blick aufs Meer! Sehr reizend ist, dass die Vermieter mit in diesem sehr offen gebauten Haus wohnen. Frühstück (lecker!) gibt es auf ihrem Balkon oder, wenn es noch zu kühl ist, in ihrem Wohnzimmer. Ferienwohnung mit Familienanschluss, sozusagen. Muss man wohl mögen, uns störte es nicht. (wir waren ja auch nur zwei Nächte dort)

Wir warfen unser Gepäck in die Wohnungen und zogen direkt los.


Diese Blautöne! Die Sonne! Der warme Wind! Sand zwischen den Zehen! Das Rauschen! Wir liefen immer weiter am Strand entlang, die Füße im Wasser, Muscheln sammelnd und sehr glücklich. Weil wir vor lauter „ans Meer, schnell ans Meer!“- Hektik aber vergessen hatten, uns mit Sonnenschutz einzuschmieren, drehten wir doch lieber um, tranken einen Kaffee und zogen danach wieder los.

Mit dem Auto zum Leuchtturm


und dann zu Fuß weiter.

Über Holzdielen durch höchst eigenartige, irgendwie heideähnliche Vegetation. Sehr schön! Schildkröten (auf die per Schild hingewiesen wurde) entdeckten wir leider nicht, dafür aber diese Blutblumen. (auch sehr faszinierend, denn sie scheinen einfach nur aus einem Stiel mit Blüte dran zu bestehen)


Es dämmerte bereits, als wir den bekanntesten Touristenpunkt erreichten. Und selbstverständlich ganz brav eine Reihe von mehr oder weniger witzigen Fotos knippsten. Ein aktuelles Familienbild kam aber auch dabei heraus und das ist schon sehr toll.


Im Sonnenuntergang liefen wir wieder zum Auto zurück und kehrten auf dem Weg zur Ferienwohnung zurück in einem kleinen Restaurant ein. Fisch essen!

Am nächsten Tag besuchten wir erneut den Leuchtturm und kletterten diesmal auch nach oben. Eine kleine „Wah! Gitterrostboden mit sehr viel Platz nach unten!“-nicht-panisch-werden-Übung für mich. Danach fuhren wir ins De Hoop Nature Reserve. Dort gibt es Gezeitenpools, in denen man in von der Sonne aufgewärmten Meerwasser plantschen kann. Angeblich. Wir fanden keine, dafür aber eine überwältigende Landschaft. Üppig bewachsene Dünen vor türkisfarbenem Wasser. Und einige Elandantilopen und Paviane dazwischen.

Auf der Suche nach den Pools querten wir einige dieser Buchten …


… bis wir irgendwann beschlossen, dass Pools nicht wichtig sind …


… so lange es Wellen und windgeschützte Ecken gibt. Mein Urlaubswunsch wurde also erfüllt und ich kostete sehr ausgiebig aus, wäre auch nicht traurig gewesen, wenn es einen weiteren dieser Tage gegeben hätte.


Am nächsten Morgen fuhren wir nach dem Frühstück Richtung Kapstadt. 

#ReichertsinSA – Teil 1

28. April 2017

Nierstein – Wellington

Der Schreinerfreund fuhr uns an den Flughafen und dank seiner spannenden Erzählungen seines Aufenthaltes in Tansania bei seiner Tochter, hatte ich gar keine Zeit, mich richtig in meine Flugangst zu steigern. Am Flughafen raste die Zeit mit Koffer abgeben und einchecken davon und schließlich stieg ich in dieses Flugzeug:


Laut Aussage des Großen das perfekte Flugzeug für einen Langstreckenflug, weil darin auch schon die Fußballnationalmannschaft geflogen sein, daher auch der Name. Fußball ist nicht mein allergrößtes Hobby, weswegen ich ihm einfach glaubte und mir heimlich die feuchten Hände am Rock trocken rieb.

Der Start war prima, die Verpflegung im Flugzeug eher so gar nicht lecker, doch die verordnete Beruhigungstablette rutsche gut mit dem von Dottore empfohlenen Rotwein und ich fand ein wenig Schlaf. Doch dann musste ich aus dem Fenster staunen.


 Nach zehn Stunden landeten wir in Johannesburg, holten unsere Koffer, gaben unsere Koffer erneut ab und warteten auf den verspäteten Weiterflug nach Kapstadt. Anderthalb Stunden nach dem Start landeten wir in Kapstadt, holten unsere Koffer, verließen den Flughafen und waren plötzlich in Afrika. 

Das erste Abenteuer, das Abholen unseres Mietwagens, bestanden wir nach kurzer Suche und dann stellte sich der beste Vater meiner Kinder der Herausforderung des Linksverkehrs. Freundlicherweise zuckelte eine zeitlang ein Lastwagen gemütlich in unsere Richtung, dem wir einfach hinterher fahren konnten.

Wir waren mit der Tochter auf dem Parkplatz einer Mall verabredet und dort wurden wir bereits sehnsüchtig erwartet. Nach innigen Begrüßungsumarmungen und Feststellen, dass die Tochter unglaublich gut, stark und glücklich aussieht, gingen wir rasch einkaufen und Geld holen, bevor es zu unserer ersten Unterkunft in Wellington ging. Sehr hübsch dort, übrigens. Doch letztlich wären wir wirklich nur zum Duschen und Schlafen dort, da uns die Tochter ein gut getaktetes Programm zusammengestellt hatte.

Sie zeigte uns, wo sie arbeit: die Container für das Afterschoolprogramm …


und der Container für den swap shop. Plastikmüll wird gegen Waren aller Art getauscht.


Wir fuhren ein Stück durch das Township

und sie zeigte uns ihr Lieblingshaus


oben Wohnraum, unten Geschäft. Dass mehrstöckig gebaut wird, ist eher die Ausnahme. (und auf der Rückseite dieses Hauses ist zu erkennen, dass auf Statik wenig Rücksicht genommen wurde).


Es ist sehr schwer zu beschreiben, wie es in einem Township aussieht, ohne verurteilend oder überheblich oder gar spießig deutsch zu klingen. Es ist unübersehbar, dass es kein Geld gibt. Und dass aus Vorhandenem das Nötigste zusammengezimmert wird. Es liegt unglaublich viel Müll herum, dazwischen laufen Hunde und Schweine herum, die Kinder spielen dazwischen. Das ist ein völlig fremdes Bild und ich werde mich hüten, in irgendeiner Form zu werten. 


Townships sind gefährlich. Es ist nicht empfehlenswert, dort als Weißer spazieren zu gehen. Gewalt ist an der Tagesordnung, Überfälle und geschossen wird auch. Man fährt mit dem Auto, verriegelt die Türen und nachts hält man nur im Notfall an den roten Ampeln. Anhalter nimmt man nicht mit, überhaupt sollte man für niemanden am Straßenrand anhalten, egal ob Mann, Frau oder Kind. Das bekam die Tochter vor ihrer Abreise eindringlich erklärt und ich weiß jetzt, warum. Wer nichts hat, hat nichts zu verlieren und die Hemmschwelle ist dort deutlich niedriger als bei uns.


Wer Hilfe braucht, der ruft nach der armed response, nicht nach der Polizei, denn Letztere kommt spät oder gar nicht. Und wenn sie kommt, sperrt sie Einbrecher eine Nacht ein und lässt sie wieder laufen. Die armes response kommt und verprügelt den Dieb, das ist wirksamer. In Supermärkten hängen manchmal Bilder von erwischten (und verprügelten) Ladendieben zur Abschreckung, erzählt die Tochter.

Während der ganzen Tage in Wellington fühlte ich mich unsicher. Gitter vor Fenster und Türen, Stacheldraht auf hohen Zäunen und Mauern, elektrisch zu öffnende Hoftore und die sofortige Zusicherung „it’s safe here!“ führten nur dazu, dass ich mich ängstlich fühlte, eben weil solche Maßnahmen nötig sind. Einmal gingen wir die fünf Minuten von unserem Ferienhaus zum Haus der Tochter. Das war möglich, weil es Tag war und wir zu viert. (außerdem Sonntag, dann wird kein Alkohol verkauft)

Das Gefälle zwischen arm und reich ist sehr, sehr auffällig und ich empfand es als extrem belastend. Aufgrund der großen Trockenheit wegen fehlendem Regen, musste Wasser gespart werden. Wasserverschwendung (für Pools oder zum Gießen) wurde mit Geldstrafen geahndet. Dass die Menschen, die unterhalb unseres Ferienhauses leben, keine Geldsorgen haben, zeigte sich in den acht Rasensprengern, die den Garten frisch grün hielten. Genug Geld, um die Strafen zu zahlen.

Großartig war, neben dem Wiedersehen mit der Tochter, das Kennenlernen der Menschen, mit denen sie da in der Ferne zu tun hat und die ihr eine Ersatzfamilie sein müssen. Ihren Projektpartner schlossen wir direkt ins Herz, genauso wie ihre Kollegin, die uns bekochte und deren Eltern uns in ihr Haus einluden.

Überhaupt dieses Essen! Es begann morgens mit einem üppigen Frühstück auf der Terrasser des Tochter-WG-Hauses …


Den Tag über gab es Kekse oder ein kleines Biltong-Tasting …

Oder eben das grandiose Essen, das Nozuko für uns kochte. Die Söhne schwärmen beide noch immer von den Fatcakes und bauen darauf, dass die Tochter ihnen welche backen wird, wenn sie wieder heimkommt. Am Liebsten täglich.

Die Tochter zeigte uns ihren Lieblingsschwimmplatz.


Um zu diesem natürlichen Schwimmbecken zu gelangen, muss man quasi mitten auf dem Bainskloof Pass anhalten, einen halsbrecherischen Pfad nach unten kraxeln, über glitschige Steine im Flüßchen balancieren, um dann an diesen paradiesischen Fleck zu gelangen. Da dieses Becken eine Erweiterung des Flusses ist, ist die Wassertemperatur nicht sehr hoch, doch dafür ist das Wasser klar und frisch und die vielen kleinen Fische darin knabbern ganz allerliebst an den Zehen. Schwimmen ist abenteuerlich wegen der Steine, die da unter Wasser liegen, doch es lohnt sich auf die andere Seite zu kommen, denn dort massiert ein kleiner Wasserfall ganz prima den Nacken. Ein wundervoller Platz und zum Glück verriet uns die Tochter erst später, dass es dort auch Leoparden und Schlangen gibt.

Ich fand den Pass schon sehr aufregend, denn die afrikanischen Straßen sind nicht sehr breit, der beste Vater meiner Kinder war noch immer Linksfahranfänger und Leitplanken zum Abgrund gab es nicht, höchstens ein paar Steine.


Eine großartige Landschaft! Im nächsten Bericht zeige ich mehr davon, jetzt muss ich einen Geburtstag feiern gehen.