daheim.
31. März 2008
Meine Familie.
Mein Haus.
Mein Kaffeepott.
(schrecklicher Flug, Ausfall der Regionalbahn, Deoversagen)
allein in der Ferne, letzter Teil
31. März 2008
Der Koffer ist zugezwängt, das Bett abgezogen, die Balkontür zum finalen Lüften geöffnet und es bleibt nichts mehr, als später die Wohnung gründlich zu verriegeln und zu verrammeln, den Müll am pfeifenden Gartenzwerg (Bewegungsmelder!) vorbei zur Mülltonne zu bringen, den Schlüssel bei den Nachbrn einzuwerfen und den Weg zum Flughafen zu finden.
Das aufkommende Reisefieber heilte die Nachbarin gestern abend mit einer großen Schüssel Mousse au Chocolat, mit großen Schokoladestückchen darin. Das Übergepäck wird mich nichts kosten, ich trage es auf den Hüften. Die Nacht war trotzdem kurz und unruhig, der Weckanruf des besten Vaters meiner Kinder nahezu eine Erlösung.
Drücken Sie mir die Daumen, dass der Koffer nicht zu schwer geworden ist, dass der Flug pünktlich startet und vor allem wieder heil landet.
Das Laptop kommt jetzt in die Tasche und wird erst in Nierstein wieder ausgepackt.
Bis später!
(”Hoffentlich!”, presst Frau … äh … Mutti hinter vor Flugangst klappernden Zähnen hervor.)
allein in der Ferne, Teil 10
30. März 2008
Der letzte ganze Tag in Berlin begann für mich in der Küche der Nachbarin. Genau diejenige Nachbarin, die mir eine nicht ganz schlaflose, doch immerhin etwas ängstlich angehauchte Nacht beschert hatte, mit ihren blumigen und mit aussagestarken Gesten untermalten Beschreibungen diverser Einbruchversuche.
Ja, ich war der Einladung zur Party gefolgt, denn als Häufchen Elend auf dem Sofa oder vor dem Rechner zu kauern, hätte mich nur noch elender gemacht. Ich wusste die traurigen Kindelein in guten Vaterhänden und Zeit für Trauer um das Puffelkaterchen bleibt genug. Und überhaupt hilft leckeres Essen und das eine oder andere alkoholische Getränk, Ablenkung tat Not.
Ich beteuere es ja immer wieder und man will es mir nie glauben, doch ich bin ein schüchterner Mensch. Auf die Klingel gegenüber zu drücken kostete mich große Überwindung, zumal ich mit leeren Händen kam. Doch alle Sorgen waren unberechtigt, denn ich wurde herzlich begrüsst und meine erste Aufgabe in der Nachbarküche bestand darin, das Zünglein an der Waage zu spielen beim Voting, ob die Suppe zu scharf geraten sei oder doch nicht. Sie war es nicht und das Glas Sekt in meiner Hand nahm mir einiges an Unsicherheit. Die Nachbarn erwiesen sich schlicht als liebenswürdige Gastgeber, die ein großartiges Buffet vorbereitet hatten, keine fiesen Berliner Kleingangster oder Axtmörder. Die Gäste waren nett und normal und ich bemerkte irgendwann, dass ich mich amüsiere.
Zu dieser Feier zu gehen erwies sich übrigens als Glücksfall, da die Umstellung der Uhr sonst an mir vorübergegangen wäre, was morgen am Flughafen sicherlich zu einer bösen Überraschung geführt hätte.
Es war ein netter Abend, eine schöne Nacht. Die Musik musste gegen drei Uhr morgens dann doch leiser gedreht werden. Dies forderten die einzigen Nachbarn im Haus, die nicht geladen waren, mittels lauten Wummerns an die Wand. Wahrscheinlich werden die Nachbarn dann zur nächsten Feier geladen, denn die waren sicherlich nur neidisch. (konnten sie auch sein, denn, ich erwähnte es ja bereits, das Buffet war wirklich großartig!)
Gegen vier Uhr verabschiedete ich mich, wurde von der besorgten Nachbarin sogar bis zur Wohnungstür begleitet, damit mich niemand unterwegs stiehlt.
Der letzte Tag in Berlin wird ein völlig unspektakulärer. Der Koffer ist gepackt bis auf die letzten Kleinigkeiten, die Wohnung muss noch in ordentlichen Zustand gebracht werden und ich werde heute einfach nur herumgammeln und lesen. (und gründlich duschen, da morgen früh das Wasser wieder abgestellt wird)
“Herumgammeln können Sie auch daheim, Frau … äh … Muttti!”, werden Sie da draußen vieelleicht sagen. Kann ich aber nicht oder doch eher selten und deshalb werde ich diesen ruhigen Tag einfach genießen, bevor mich morgen nachmittag, nach Abreisestress und Flugangst, der ganz normale Wahnsinn wieder in seine Arme schließt. Dann ist auch Zeit zum Traurig-sein.
Berlin ist eine Reise wert, doch jetzt bin ich Stadt-satt.
*****
ungemein wichtiger Nachtrag: Was heißt “Glühwürmchen” auf Englisch?
Diverse Übersetzungsprogramme spuckten aus:
- glowworm
- firefly
- lightning bug
Einer der Gäste behauptete, in Neuseeland spräche man von glowworms (wobei er Wert auf eine Betonung “gluuuworm” legt, was mich widerum zweifelnd lässt, denn von Kleberwürmern hörte ich nie)
Mein Favorit ist der lightning bug, weil Glühwürmchen sind ja eigentlich Käfer. Frau Ringel? Andrea von der grünen Insel? Andere Vorschläge/Meinungen?
Ach.
29. März 2008
Das es mir nicht gut geht, ist doch sehr untertrieben. Doch nach einem Päckchen Taschentücher und einem Kaffee sehe ich Land (und Tastatur)
Er war nicht krank, der Erdbeerkater. Er lag einfach im Garten, ganz hinten im hohen Efeu, ohne Wunde oder irgendein erklärendes Anzeichen.
Schlecht geht es mir vor allem, weil das Töchterlein so arg weinte, es ist doch ihr Kater. Und vor drei Jahren hatte sie schon den Verlust von Koks, dem schwarzen Kater, der einfach nicht mehr heimkam, verkraften müssen.
Wissen Sie, ich stand auf diesem wundervollen Markt, um mich herum die leckersten und schönsten Dinge, viele interessante Menschen, die Nase voll mit frischen Kräutern und Käse aus Frankreich, gerade einen tollen Ring gekauft, als das Handy klingelte. Und als ich dann die Tochter am Ohr hatte, die vor lauter Schluchzen nicht sprechen konnte und “Mama, komm heim!” sagte.
Das Katertier ist mir arg ans Herz gewachsen, das machen sie ja ganz heimlich, diese Fellbündel. Und es schmerzt unglaublich, wenn sie gehen. Doch nicht die Kinder in den Arm nehmen zu können und mit ihnen gemeinsam weinen zu können, dieser Schmerz überwiegt.
Der beste Vater meiner Kinder hat mit den Kindelein ein Grab ausgehoben, sie haben den Erdbeerkater beerdigt. Sie haben zusammen geweint, haben Pizza gegessen und Töchterlein hat den riesigen Schokoladenhasen für alle geschlachtet. Pizza und Schokolade helfen, zaubern sogar wieder ein Lachen ins Gesicht.
Wir werden wunderschöne Blumen pflanzen und ein Erinnerungsbuch schreiben, wie damals, für Koks.
Ich halte ein bißchen Distanz, will erst am Montag, daheim, traurig sein. Will dann in den Garten gehen und noch ein bißchen um das Katerchen weinen.
Wenn nur die Sonne ein bißchen scheinen könnte …
allein in der Ferne, Teil 9
29. März 2008
Viel zu weit weg von daheim.
Ich wollte Ihnen beschreiben, wie gut es mir auf den Spuren von Frau Minderjahr ging, doch ich schreibe Ihnen nur, dass ich einen Anruf von daheim erhielt.
Herr von Sauerstein, das Puffelkätzchen, die Killerplautze, der Erdbeerkater ist tot.
Es geht mir gerade nicht so gut.
allein in der Ferne, Teil 8
29. März 2008
“Hast du dich verlaufen?”, fragte sie per SMS, als ich pünktlich, fünf vor sieben, vor ihrer Haustür stand. Pünktlich wie ich dachte, denn eigentlich stand 18:00 Uhr in der letzten Mail und das kann ja mal passieren.
Immerhin hatte ich den Weg zu ihr ohne größere Schwierigkeiten gefunden, war lässig von U-Bahn zu U-Bahn gehüpft und wollte nur ganz kurz ein Stückchen in die falsche Richtung laufen.
Der Dank für meine Verspätung war ein knötteriges Kind, das mich mit wundervollen großen, eigentlich blauen, zu diesem Zeitpunkt allerdings rotgeweinten, Augen vorwurfsvoll ansah: ich war Schuld daran, dass dieses Kind nun nicht mit seiner Mutter und mir zum Mexikaner vor der Haustür gehen und dort ein Malzbier trinken konnte - es war einfach schon so spät.
So gingen wir denn ohne Kind, ich ertränkte mein schlechtes Gewissen mit zwei Bieren und meine vegetarischen Fajitas waren köstlich. Köstlich war auch der Abend mit Frau Jette, aber das hatte ich sowieso schon geahnt. Nachdem ich ihr ausführlich alle Macken, Eigenarten und Merkwürdigkeiten der erwarteten Gäste im Mai geschildert und sie mit der Aussicht auf Schnecken, Geziefer und den einen oder anderen Kadaver in der heimischen Wildnis gelockt hatte, begann sie sich auf die Gartenparty zu freuen.
Gefühlte zwanzig Minuten nachdem wir Platz genommen hatten, war es plötzlich schon nach elf und das war eine gute Erklärung für meine müden Augen. Wir verabschiedeten uns und ich fand allein den Weg zur U-Bahn zurück, vorbei an allerlei finsteren Gestalten, die sich aber überhaupt nicht für mich interessierten.
Die U-Bahn fuhr ein, als ich gerade den Bahnsteig erreichte und auch das Umsteigen passte genau. In meiner zwielichtigen Ecke angekommen, erwartete mich ein Party im U-Bahnhof. Ein Pulk Jugendlicher, gut ausgerüstet mit diversen Flaschen, feierte ausgelassen. Die Jungs mit Gel-Klebe-Haaren, die Mädchen in hauteng über den Speckringen. Die Jungs gröhlend und sich vor den Mädchen produzierend, die Mädchen kichernd oder rotzig “ey hau ab, Alda”. Ich rechnete fest damit, dass wenigstens ein blöder Spruch in meine Richtung fallen würde, aber da kam nix. Und das war nicht schlimm.
Das letzte Stück Heimweg brachte ich rasch hinter mich und war erstaunt, über das Leben auf der Straße. Immerhin war bereits nach Mitternacht! Wo fahren die nachts alle hin? Und wo gehen die Menschen alle hin? Das Restaurant in meiner Straße war brechend voll, nur die Eisdiele hatte schon zu und das war gut, denn ich hätte der Versuchung nicht widerstehen können.
Das Wohnungsschloß leistete keinen Widerstand und ich auch nicht, als mir die Müdigkeit im Bett das Buch aus der Hand warf.
Wasser gab es übrigens am Nachmittag wieder, so konnte ich mich vor dem fälligen Abwasch nicht drücken.
Pläne für heute gibt es noch nicht. Am Abend gehe ich über den Hausflur zur Nachbarin, die zur Party geladen hat. Keine nächtlichen U-Bahn-Fahrten heute.
allein in der Ferne, Teil 7
28. März 2008
Eine schnelle Mittagspause (Käsebrot und diesmal Früchtetee) führt mich nach einem sehr erfolgreichen Einkauf wieder in die Wohnung.
Das Teuflische am Euro ist, dass alles immer irgendwie so günstig ist. Dank Euro war mein Einkauf bei der wunderbaren Frau Tulpe nicht dreistellig.
Übrigens bewege ich mich mittlerweile so lässig durch die verschiedenen U-Bahn-Stationen, dass mich lästige Touristen als Einheimische erkennen und mich nach dem Weg fragen. Einmal konnte ich sogar weiterhelfen.
U-Bahn fahren ist so toll! Zum Beispiel vom Herrmannplatz aus mit der U8. Jeder U-Bahnhof bis zum Rosenthaler Platz ist in einer anderen Farbe gekachelt. Ich finde das irre! Herrmannplatz zum Beispiel hat graue Wände und leuchtend gelbe Säulen und stuckähnliche Abschlussborten. Die Schönleinstraße ist gar nicht so schön, ein eher schmutziges graugrün, doch die Säuen zeigen sich in topmodischem petrol. Das Kottbuser Tor ist altrosa mit Graffiti, der Moritzplatz sehr pastellig, mintfarben, mit Abstufungen ins helllila und hellblau. Danach wird´s wieder altrosa, allerdings etwas intensiver. Dann pistaziengrüngelb, türkis, zartlila/blassblau und schließlich, ich wartete so sehr darauf: leuchtend orange. Allerdings wohl gerade in der Renovierungsphase und das Orange verschwindet bestimmt für immer.
An der Wand zwischen zwei Stationen sah ich im Vorüberfahren Schilder. Schilder, die wie Bahnhofsschilder aussahen, weiß mit dunklem Rand. Auf dem ersten stand “überirdisch”, dann folgten “übermütig” und “überdrüssig” und noch einige “übers”. Kann mir jemand von den wirklichen Einheimischen sagen, was das bedeutet? Irgendwo in der U8, ich glaube noch vor dem Alexanderplatz.
In der U-Bahn sah ich einen direkten Nachkommen von Dschingis-Khan, der mir unter buschigen, schwarzen Augenbrauen hervor feurige Blicke zuwarf. Jedenfalls bis zu dem Moment, da wir gleichzeitig die Bahn verlassen mussten und er feststellen musste, dass ich ihn um zwei Köpfe überragte. Er trug´s mit Fassung, zwirbelte seinen Schnurrbart und eilte von dannen.
Ausserdem sah ich eine blaurote, dick geschwollene Zunge mit einer silbernen Perle. An der Zunge dran hing ein junges, sehr blasses Mädchen, das fürsorglich von einer Freundin gestützt wurde und das verzweifelt versuchte, einigermaßen klar artikuliert die Freuden des Zungepiercens zu schildern.
Und ich sah, dass irgendjemand Mandy so lieb hat, dass er/sie es an die Fensterscheibe schreiben musste. Und irgendjemand wollte Mandy einen Kaugummi schenken, zartrosa und ziemlich angetrocknet.
So, Käsebrot aufgegessen, jetzt noch eine kleine Mittagspause und dann … mal sehen.
Abspülen geht leider nicht, da der Wasserhahn kein Wasser mehr ausspuckt. Entweder hat der Schwager da eine Rechnung nicht bezahlt oder es wird irgendwo, irgendwas repariert. (hoffentlich Letzteres).
Heute abend inspiziere ich eine aufgeräumte, aber nicht geputzte Wohnung und esse beim Mexikaner. In sehr netter Gesellschaft, auf die ich mich arg freue.
