Sie meinen das nicht ernst, oder? Ich soll Gleiches mit Gleichem vergelten, Auge um Auge, Zahn um Zahn? Ich soll kriminelle Energien mobilisieren, terrorisieren und zurückschlagen?

Ich soll das tun, was ich gerade verurteilt habe?

Mal ehrlich. Würden Sie das tun?

Spinnen wir mal rum: Wir nerven die Nachbarn mit lauter Musik. Was werden die wohl tun? “Entschuldigung, Sie haben ja recht, wir waren echt zu laut!” sagen und von Stund an nur noch die Musik hören, die wir alle mögen, aber am Liebsten in Zimmerlautstärke. Wahrscheinlicher werden sie noch ein Stückchen aufdrehen. Und wo ist das Ende der Fahnenstange?

Ich soll das Geschrei aufnehmen und es ihnen vorspielen? Wie würden SIE reagieren, nähme man sie auf, in Ton und Bild, ungefragt, nachspionierend? Sicherlich würden Sie nicht nachdenklich werden, sondern schlicht … sauer.

Stellen Sie sich mal vor, ich würde dort ein Fenster einschmeissen, weil ich vor lauter Wut und Hilflosigkeit keinen anderen Weg sähe. Und glauben Sie mir, ich spielte mit dem Gedanken … was wären die Konsequenzen? Ich hätte eine Straftat begannen, für die ich zahlen müsste. Und wegen der ich vor Scham im Boden versinken würde.

Es ist leicht, voller Wut sich Sachen auszumalen, “denen mal zu zeigen, wie Scheiße sie sich benehmen”. Vergessen Sie aber nicht, dass ich drei Kinder habe, denen ich ein Vorbild sein möchte. Was genau würden diese Kinder von mir lernen? Derzeit lernen sie, dass wenige Menschen viele unglücklich machen können. Willkommen im wirklichen Leben.

Es muss einen Weg geben, fern der “Rache”.

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Es ist völlig unangemessen Presse/Medien zu informieren. Sicherlich möchten wir nicht vorgeführt werden. Und dies auch niemanden anderen zumuten.

Nierstein ist jetzt eine Stadt. Am letzten Freitag war die feierliche Urkundenüberreichung, festliche Reden wurden geschwungen, Danksagungen ausgesprochen und das Festmahl war köstlich. (ich hatte zwei Gläser Wein zuviel.)

Wie es sich für eine Stadt gehört, gibt es auch in Nierstein einen sozialen Brennpunkt. Und weil Nierstein eine kleine Stadt ist, handelt es sich beim sozialen Brennpunkt auch nur um ein einziges Haus samt seiner acht, neun, manweißesnichtgenau Bewohner. Ich schrieb bereits darüber, ich steckte verbale Prügel in Form von Kommentaren ein und schreibe es trotzdem wieder auf: das Leben in der Grünen Villa ist nicht mehr schön, denn es ist Sommer.
Im Sommer öffnen die Menschen Türen und Fenster, halten sich draußen auf, arbeiten im Garten, essen an der frischen Luft, lauschen dem Vogelgezwitscher und schauen sich spät abends an, wie hübsch die Sterne funkeln.
Wir tun das nicht mehr, denn Sommer bedeutet für uns, dass wir ungefiltert durch gnädige Fenster und Türen aktiv am Nachbarleben teilhaben dürfen. Wir dürfen zuhören, man sich gegenseitig anschreit, wissen mittlerweile, dass “Kurva!” universal eingesetzt werden kann, kreativ auch gerne als “Kurvarschloch!”. Wir sind beinahe amüsiert, wenn die Mutter ihre fast erwachsenen Söhne als “Hurensohn!” beschimpft und vertrauen darauf, dass die Familienhilfe sich wirklich um die jüngeren Geschwister kümmert, die von Mutter, deren Freunden und ältern Brüdern herumgestoßen und beschimpft werden. Den Soundtrack zum Geschehen liefert Sido mit wummernden Bässen.

Alle Klischees sind versammelt und fünfzehn Menschen fühlen sich regelrecht terrorisiert. Die einen können nicht mehr auf ihrer Terrasse sitzen, weil der Nachbarmüll über die Mauer geworfen wird. Die anderen können nicht in ihrer Küche sitzen, weil sie durch’s Fenster beschimpft werden. Manche können nicht in ihren Garten, weil es aus dem Nachbargarten erbärmlich nach Hundescheiße stinkt. (Der Hund ist übrigens weggeholt worden. Immerhin.) Die eine kann nicht ihr Straßenkehrschwätzchen halten, weil sie angeschrieen wird. Ich kann mich nicht mehr draußen aufhalten, das Schreien und Schimpfen lässt mich aggressiv werden.

Wir haben uns zusammengetan. Haben ernsthaft refelektiert, ob wir überzogen reagieren. Haben Briefe und Mails an vielleicht zuständige Menschen geschrieben, haben telefoniert oder persönlich dort vorgesprochen.
Ordnungsamt, diverse Anwälte, Familienhelfer der Malteser und der Chef von allen traten auf, ermahnten streng und gingen wieder. Die Familienhelferin heulte zweimal an meinem Küchentisch über furchtbare Zustände. Ich musste sie wegschicken, sie durfte mir das doch gar nicht erzählen. Sie arbeitet nicht mehr mit der Familie, Ersatz gibt es nicht.
Vierteljährlich gibt es einen Termin zur Zwangsräumung des Hauses. Das ist lachhaft, denn die Nachbarn selbst sollen sich um eine neue Bleibe kümmern. Warum sollten sie das tun?

Ich bin müde, ich bin traurig. Durchforste die Immobilienangebote nach hübschen Häusern, doch wir werden uns ein anderes Haus in Nierstein sowieso nicht leisten können. Jedenfalls nicht eines mit Garten, irgendwo im Ortskern. Die Grüne Villa wäre schnell verkauft, ein Haus mit riesigem Grundstück ist begehrt. Leider ist das Grundstück der einzige Trumpf, das Haus selbst hat einfach zu viele Baustellen. Wir finden es charmant, doch wer zahlt schon für “charmant”.
Bleiben klitzekleine Nachbarorte, die weder Bäcker noch Metzger haben, manche nicht mal ein gescheites Internet. Dort sind die Häuser günstig.

Muss ich mich jetzt tatsächlich damit abfinden, dass es keine hübschen Sommer mehr für uns gibt? Oder wenn, dann nur in einem anderen Haus?

Wir haben übrigens einen Anwalt befragt, welche Rechte wir haben. Wir haben keine. Wir sollen nicht provozieren, um Eskalation zu vermeiden. Wir könnten vor ein Schiedsgericht ziehen, um gemeinsam an einem Tisch zu einer Einigung zu gelangen. Richter seien nur mäßig begeistert von Nachbarschaftsstreitereien, man könne sich Anzeigen sparen. Es sei denn, es gäbe konkrete Übergriffe. Oder nachweisbare Sachbeschädigungen. Nachweisbar = beobachtet und bild-dokumentiert.

“Vielleicht haben Sie ja … “Freunde” … die dort ein bißchen energischer auftreten.”, riet er uns zum Abschied.
Oder wir suchen und hoffen weiter. Das dritte Jahr nun.

Der dicke Martin.

22. März 2013

Heute lag er wieder im Wintergärtchen auf dem Korbsofa, völlig matt und schlapp. Ab und zu schleppte er sich auf´s Katzenklo, doch da kam nix. Nur Schmerzen, wie er uns laut schreiend zu verstehen gab. Wir holten, wie schon so oft in diesem Jahr, die Katzentransportbox aus der Halle, er kletterte freiwillig hinein. Als wüsste er, dass ihm geholfen werden soll.

Heute beim Tierarzt erfuhren wir dann, dass die Harnröhre erneut komplett verlegt ist. Wie vor zwei Wochen. Die Blase randvoll, zurückgestaut bis zu den Nieren, der Atem des Katers roch nach Urin. Sofort einen Katheder setzen und operieren, eine künstliche Fistel, damit die Steine durch die Harnröhre können. Zweierlei Sorten von Steinen bildet er in seiner Blase. Der einen Sorte kommt man diätisch bei, der anderen nicht, dafür hat er eben eine Veranlagung.

Die empfohlene Tierklinik ist gut hundert Kilometer von uns weg, Kosten der Fisteloperation mindestens 800,- Euro, wahrscheinlich mehr, weil der Allgemeinzustand so schlecht ist. Danach: Ungewissheit. Sehr wahrscheinlich wieder Steine, die eine Sorte halt. Und die Gefahr von aufsteigenden Infektionen.

Wir ließen den dicken Martin zum katheterisieren in der Tierarztpraxis und fuhren heim. Reden mit den Kindern und entscheiden, wie es weitergeht. Entscheiden, ob wir dieses Leben für den dicken Martin wollen. Wollen wir nicht.

Wir fuhren erneut in die Tierarztpraxis, mit schweren Herzen, dunklen Gedanken und kalten Händen. Und hörten, wie sich die Tierärztinnen beratschlagten. Die eine sprach sehr pragmatisch. Sprach von “Fass ohne Boden, das wird nichts mehr, das ist Quälerei.”, die andere sagte, sie brächte es nicht über´s Herz. Wolle alles versuchen, um ihn zu retten und ihn gerne übernehmen, um ihm auch später die richtige Pflege angedeihen zu lassen. Wir stimmten zu, beinahe überrumpelt.
Und jetzt fühle ich mich völlig zwiegespalten. Bin natürlich froh, dass er eine “Chance” bekommt und frage mich gleichzeit, ob die “Chance” nicht weitere Quälerei bedeutet? Ich vertraue auf die Tierärztin, dass sie die Grenze erkennt.
Wir bleiben in Kontakt, sie informiert uns. Und mir ist zum Heulen.

Das Rumpeln,

20. März 2013

das Sie vielleicht heute nachmittag, so gegen halb vier, hörten, waren eine Menge Steine, die mir vom Herz fielen. In dem Moment nämlich, als der freundliche Mensch mir die MRT-Bilder meiner kranken Hand in die gesunde Hand drückte und magische Worte sprach:”Erstmal keine Auffälligkeiten.” (außer dieser Knubbel, einer Zyste am Knochen, die weggeschnitten werden muss)

Mein buntes Kopfkino hatte letzte Nacht fürchterliche Träume im Programm. Heute Nacht schlafe ich wohl ruhiger.

Die Ulli.

14. November 2012

Meine Freundin Ulli habe ich nur viermal getroffen. Viermal in vier Jahren.

Das erste Mal traf ich sie, als ich auf der Treppe vor der Wohnungstür des Schwagers saß, drei Schlüssel in der Hand und äusserst ratlos und verzweifelt, in welcher Reihenfolge ich die Schlüssel in die Schlösser stecken sollte, um die Tür öffnen zu können. Sie wusste das auch nicht, brachte aber genug Glück mit, so dass ich die rechte Kombination fand und sie verabschiedete mich augenzwinkernd, die Wohnungstür gegenüber öffnend.
Zwei Stunden später winkte sie mir fröhlich zu. Ich saß im Wohnzimmer des Schwagers und bloggte meine schrecklichen Erlebnisse in der großen Stadt, sie stand mit Kaffeetasse am Fenster, genau gegenüber meinem. Ich war etwas verwirrt, weil mich mein Orientierungssinn offensichtlich verlassen hatte, denn war sie denn nicht durch die Tür gegenüber … .? (später sollte ich erfahren, dass ihre Wohnung und die des Schwagers einst eine einzige, sehr große um einen Innenhof herum war, über eine ganze Etage. Und irgendwann wurde diese Wohnung geteilt.
Am nächsten Tag, nachmittags, klingelte es an der Tür des Schwagers. Mit vorgelegter Kette fühlte ich mich mutig genug, um die Tür zu öffnen. “Hallo, ich bin die Ulli, die Nachbarin. Du siehst so allein aus, komm doch heute abend rüber, wir feiern ein bißchen.”

Eine wildfremde Frau hatte mich, das Landei, in eine fremde Wohnung zu einer Feier mit fremden Menschen eingeladen.

Ich sagte zu und klingelte am Abend mit klopfendem Herzen und eiskalten, feuchten Händen an der Tür gegenüber. Und wurde herzlich begrüßt, in eine hübsche Küche gezogen und als Zünglein an der Waage bei der Entscheidung, welches der Chilis nun das Beste sei, bestimmt. Mit einem Glas Sekt in der Hand entspannte ich mich und als ich mich um vier Uhr morgens verabschiedete, hatte ich eine Freundin gefunden. “Nächstes Mal wohnst du bei mir!”, sagte Ulli auf dem Flur, denn vorsichtshalber hatte sie mich begleitet, falls das mit den Schlüsseln nicht klappen sollte.

Ein Jahr später traf ich mich nach meiner Ankunft in der großen Stadt zuerst mit Ullis Exmann, der mir einen Schlüssel zu Ullis Wohnung überreichte. Gleiches Haus, gleiche Etage wie letztes Jahr, aber diesmal die Tür gegenüber. Ein Gästebett mit Begrüßungsbriefchen und Willkommenschokolade, Ulli war noch im Dienst.
Am Abend kam sie heim und es war, als hätte ich am Tag vorher erst “Tschüss!” zu ihr gesagt. Wir tranken die beiden Flaschen Niersteiner Wein und erzählten bis in die Morgenstunden. Drei Nächte hintereinander, dann reiste ich zum Glück wieder ab. Dieser Rhythmus hätte sie wohl ihren Job gekostet.
Eine wundervolle Zeit. Wir aßen eine großartige Carbonara in einem Ristorante mit nur drei Tischen, hoben einige Caches und ich erfuhr, dass sie als Jugendliche an Knochenkrebs litt. Und eine Brustkrebserkrankung sie ein paar Jahre vor unserem Kennenlernen die Brust und die gerade festgestellte Schwangerschaft kostete. Und so mischten sich Lachen und Tränen und als die Stimmung zu gedrückt wurde, zog sie ihr Shirt hoch, damit ich mich selbst davon überzeugen konnte, wie kunstvoll die Brust wieder aufgebaut worden war. “Pack mal an, da fühlste keinen Unterschied.”
Ich fühlte keinen Unterschied, aber eine große Nähe und Verbundenheit, die sich nicht durch räumliche Entfernung oder seltene Mails zerstören ließ. Manchen Blogeintrag schrieb ich mit dem Wissen, dass Ulli ihn gut finden würde. (und bekam prompt eine Mail darauf).
Das dritte Mal war nur ein ganz kurzes Winken, denn ich war mit Freundinnen unterwegs. Wie sehr ärgere ich mich, dass ich nicht einen Freundinnenabend geopfert habe, um Ulli zu besuchen. Hätte ich damals gewusst, dass unser nächstes Treffen das Letzte sein würde.

Dieses Jahr im Mai, als ich vor den vielen Fremden auf der re:publica floh und mit gemischten Gefühlen klingelte, unangemeldet und vielleicht auch unerwünscht. Ankam, meine Freundin fand, hinter Schmerzfalten und Medikamenten ein Lächeln in ihren Augen entdeckte und einen Rest ihrer Unerschrockenheit.
Knapp zwei Stunden später ging ich. Weinend, Ulli umarmend, “Tschüss!” und nicht “Auf Wiedersehen!” sagend.

Über ein Jahr lang hat Ulli mit unsagbarer Kraft und großem Galgenhumor gegen einen unheilbaren Krebs, einem Mesotheliom, gekämpft – letzte Nacht ist sie gestorben. Daheim, in den Armen ihres Mannes, wie sie es sich gewünscht hat.

Reise gut, liebe Ulli. Die Gneisenaustraße ist ein Stückchen grauer geworden ohne Dich.