Irgendwo im Netz hab ich das aufgeschnappt, leider weiß ich nicht mehr wo und auch nicht, wie hoch die Empörungswellen schwappten. Hoch wurden sie bestimmt, denn das „nur für Jungs, speziell für Mädchen“- Thema ist ein ergiebiges, ist man auf der Suche nach hochgekochten Emotionen. Ich bin da etwas zwiegespalten, denn selbstverständlich erschließt sich mir nicht der Sinn, warum Farben einem Geschlecht zugeschrieben werden und weswegen Schokoladeneier, Chips und Gewürzgurken je nach Verpackungsfarbe und – Beschriftung Jungen/Mädchen/Frauen/Männern zugeordnet werden. Das ist bescheuert. Nicht weniger bescheuert ist es aber halt auch, wenn man sich daran hält und ich frage mich, ob die Modeindustrie „rosa ist pfui für Jungs“ sagt, weil sie sich das so ausgedacht hat oder reagiert sie darauf, weil das eben durch die Generationen getragen wird? Und schimpft man da auf die Modeindustrie oder versucht halt einfach sein eigenes Ding zu machen, ohne großes Gewese? Es ist kompliziert.

Für mich überhaupt nicht kompliziert ist die Trennung in Jungen- und Mädchenfreizeit in den Sommerferien. Träger ist der CVJM, der ja nun nicht mehr der „Christliche Verein junger Männer“ sondern der „Christliche Verein Junger Menschen“ ist und bis auf das „christlich“ kann man da ja nicht meckern.

Unsere Kinder fahren seit vielen Jahren mit in diese Freizeiten. Zuerst als Teilnehmer, später als Betreuer, dieses Jahr leitet und organisiert der Große die Jungenfreizeit, die Tochter hatte diesen Job letzten Sommer in der Mädchenfreizeit.

Die Jungenfreizeit dauert 12 Tage. Es wird gezeltet, mit kaltem Wasser geduscht und selbst gekocht. Traditionell übernehmen die Küchendamen das Küchenzelt. (atmen, weiterlesen!)

Die Mädchenfreizeit dauert acht Tage. Sie findet in einem Selbstversorgerhaus statt, mit nicht luxuriöser aber ausreichender sanitärer Ausstattung. Es wird selbst gekocht. Hier übernehmen, genauso traditionell, die Küchenherren den Job. 

Die Tochter ist mit großer Begeisterung Küchendame, die Söhne fügten sich quasi in ihr Schicksal, hatten aber Spaß.

Die Tochter hat mehrfach angeregt, die Mädchenfreizeit ebenfalls als Zeltlager zu konzipieren, doch dabei stieß sie immer wieder auf Widerspruch seitens der Eltern, die dies ihren Töchtern (ab acht Jahre alt) nicht zutrauen in Zelten zu schlafen. Und auch die eine oder andere Mitarbeiterin war nicht für das Outdoorleben zu begeistern. Das ist schade, aber eben nicht zu ändern. Letztlich ist es aber auch egal, denn wie in der Jungenfreizeit auch, finden Wanderungen statt, werden Wettkämpfe ausgetragen, es gibt Frühsport, Lagerfeuer, Nachtwanderungen, Mutproben und weil das ganze eben vom CVJM getragen wird: Andachten. Sowohl die Mädchen- als auch die Jungenfreizeit stehen unter einem Motto, nach dem sich Spiele und Basteleien richten.

Warum ist es dann so toll, dass diese Freizeiten nach Geschlechtern getrennt werden? Das ginge doch auch anders?! Ginge es und es geht gut. Das weiß ich, weil ich selbst zwölf Jahre lang Freizeiten betreut und geleitet habe. Zeltlager mit 50 Mädchen und Jungen von acht bis 13 Jahren. Zwei Wochen lang. Ein riesengroßer Spaß, ein gigantischer Stress und eine ergiebige Quelle für „Mutti erzählt, wie die Kinder früher drauf waren.“

Die Geschlechtertrennung in den Freizeiten ist ein großer Segen, weil ein ganz großer Punkt wegfällt: der Liebeskummer. Wenn Sie 30 vorpubertäre und mittendrinpubertäre Kinder und Jugendliche knapp zwei Wochen lang jeden Abend singend an ein prasselndes Lagerfeuer setzen, dann passiert irgendetwas mit den Hormonen. Alle verlieben sich kreuz und quer und gehen miteinander oder vielleicht doch nicht. Zwei Jungs und drei Mädchen sind die absoluten Stars und es gibt auch immer die, die es eben nicht sind. Die aber auch Hormone haben. Und dazwischen die Vorpubertären, die nicht so genau wissen, was da abgeht, die aber irgendwie mitmachen und sei es nur, um Liebesbotschaften von links nach rechts zu tragen. Und irgendwann brodelt die ganze Freizeit nur noch wie eine Disco an der Costa Brava und alles das, was eigentlich Spaß macht, ist Nebensache. 

Das ist auch toll, aber anders … ist es klasse.

Die Jungen- und Mädchenfreizeit kenne ich nur aus Erzählungen, von Bildern und dem halbstündigen Film, der jedes Jahr gedreht wird.

Die Jungen starten ihre Freizeit damit, dass sie ihre Betten bauen müssen. Das Zeltlager ist so weit aufgebaut, das erledigen die Betreuer (= die Fürsten) bereits bevor die Teilnehmer anreisen. Aus Latten werden Unterlagen für Isomatte und Schlafsack gezimmert, außerdem eine kleine Ablage für Krusch, Kram, Krempel und die Zahnbürste. Und dann lebt man da einfach zusammen mit dreißig anderen Jungen, Jugendlichen und jungen Männern. Es gibt Frühsport mit nacktem Oberkörper, es wird im Wald gepinkelt, wer wasserscheu ist, wird geduscht. Es wird zusammen gegessen und es gibt einen Nachschlag. Das ist wichtig, denn wer den ganzen Tag draußen ist, hat immer Hunger. Wer den ganzen Tag rennt, noch mehr. Es wird Indiaca gespielt, manchmal auch Fußball. Immer wieder bilden sich „Sauhaufen“ = einer liegt unten, zehn anderen stapeln sich obendrauf. Es wird gerungen und gekämpft und gewetteifert. Zwei Paar kurze Hosen, drei T-Shirts und zwei Unterhosen reichen und Socken braucht man nur, damit die Eltern nicht allzu sehr von den schwarzen Füßen geschockt sind.

Was da in dieser Freizeit läuft, ist nicht ganz das, was wir daheim so leben. Gegenseitiges Übertrumpfen, „ich bin größer, stärker, toller als du“- Geprahle, rülpsen, furzen … fällt eher in die „nicht unbedingt“ -Rubrik. Im Zeltlager darf man das. Im Zeltlager darf man das machen, was man als Jungenkram bezeichnen würde, wenn man das noch so bezeichnen dürfte. Und man darf es tun, ohne dass irgendjemand „leise, nicht so wild, nehmt Rücksicht, halt dich zurück“ fordert.

In der Mädchenfreizeit ist das übrigens genauso, nur in einem Haus mit Badezimmer.

Warum dann nicht zusammen? Weil es toll ist, einfach mal völlig unbefangen mit (neuen) Freunden, bzw. Freundinnen zu leben.  Mädchen unter sich, Jungen unter sich. Ohne Konkurrenz und Imponiergehabe, ohne  Eitelkeit und Anmache. Weil Mädchen sich dann tatsächlich mehr (zu)trauen und weil Jungen sich ausleben dürfen. Und gerade Letzteres finde ich, mich extrem weit aus dem Fenster lehnend, so wichtig, weil sie vor lauter „Mädchen können das auch“ garnichts Eigenes mehr haben. Das Zusammenleben, Rücksichten nehmen und „gleich sein“ können sie dann im Alltag wieder haben.

Stoff für mindestens einen weiteren Artikel, ich finds ja toll, dass Sie überhaupt bis hier durchhielten. 

Wechselhaft

27. Februar 2017

Eigentlich wollte ich ja etwas über den Tod schreiben. Das verschiebe ich aber auf einen anderen Zeitpunkt, denn viel lieber will ich über Wechseljahre schreiben. Da ich nämlich näher an der 70 als an der 20 bin, stecke ich da mittendrin. Ziemlich früh, aber ändern kann ich das ja nun auch nicht.

Vorneweg: folgend werden Körperflüssigkeiten, weibliche Geschlechtsorgane und ihre Funktionen benannt und beschrieben. Ohne Bilder, ohne Skrupel.

Die ganze Chose fing vor ein paar Jahren an, als mein Körper „Fehlfunktionen“ hatte. Die Eier sprangen nicht so wie sie das tun sollten, sondern erst einen oder zwei Zyklen später, verbunden mit schlimmen Schmerzen und Blut. Meine Zyklen verkürzten sich immer weiter, so dass ich von Ei-oder-doch-nicht-Eisprung nahtlos zur Blutung marschierte, mit schmerzhaften auf-keinen-Fall-berühren-Brüsten und Pickeln einer 13jährigen im Gesicht. Mein Eisenwert sank zu meiner Laune in den Keller, denn die Blutungen bewegten sich deutlich außerhalb dessen, was uns in Form von blauer Beispielflüssigkeit im Werbefernsehen gezeigt wird. Halbstündliches Wechseln der Supermegatampons an zwei Tagen und sämtliche Aktivitäten bitte so planen, dass sie in der Nähe von Toiletten stattfinden, mit gut gepolsterter Unterhose und niemals während dieser Zeit auf fremden Matratzen schlafen. Behaupte nochmal einer, die Monatsblutung schränkt die Lebensqualität nicht ein.

Um den Eisprung herum war ich ein sehr fröhlicher Mensch, sehr interessiert an zwischenmenschlichen Begegnungen mit dem besten Vater meiner Kinder. Kurz nach dem Eisprung und somit dem Ende der fruchtbaren Tage, verwandelte ich mich in etwas eher Kratzbürstiges. Die Brustschmerzen setzten derart heftig ein, dass ich den BH am Liebsten liegend auszog und natürlich nicht mehr auf dem Bauch schlafen konnte. Drei Tage vor der nächsten Blutung erlitt ich eine Art Nestbautrieb. Ein Aktivitätsschub, der mich putzen, herumwirbeln, nähen, gärtnern und das Haus renovieren ließ. Gleichzeitig. Am nächsten und übernächsten Tag lag ich Chips futternd und heulend im Bett. Bis die Bauchschmerzen einsetzten.

So war das etwa fünf Jahre lang. Nicht immer ganz so heftig, aber nie wieder der bequeme 28-Tage-zwei-handvoll-Tampons-und allerhöchstens-eine-400er Ibu-Ablauf.

Ich bekam Schlammfruchtgedöhns in Tablettenform an das ich nicht glaubte und das mir nicht half.

Ich machte Sport wegen der schlechten Laune und gegen Schmerzen.

Ich ließ mir Gebärmutterschleimhaut abätzen und ließ diese binnen eines halben Jahres wieder auf saftige Dicke wachsen.

Und gerade als ich mit dem Gedanken spielte, mir die Gebärmutter entfernen (und die Blase nach oben zurren) zu lassen, änderte sich etwas.

Meine Blutung blieb aus. Da der Gatte zu Verhütungszwecken schon vor sehr langer Zeit durchtrennende Maßnahmen ergriffen hatte, sparte ich mir den Kauf eines Schwangerschafttests und spielte auch nur ganz heimlich nachts das „was wäre wenn“ mit allen „um HIMMELSWILLEN, NEIN!“ durch. Nach sechs Wochen kam eine Schmierblutung. Zwei Wochen später eine Springflut, die mich beinahe ins Krankenhaus geschwemmt hätte. Danach Normalität. Fast vier Wochen Zyklen, beinahe wenig. 

Vor sieben Wochen das letzte Mal. Seitdem sitze ich im Trägerhemd auf der Terrasse und hoffe, dass die Temperaturen noch lange einstellig bleiben, gerne in Kombination mit diesem wunderbar kalten Wind.

Seitdem renne ich zweistündlich auf Toilette, weil meine Blase plötzlich kein Volumen mehr hat. 

Meine Brüste schmerzten bis vor drei Wochen in bekannter „bald geht es los!“-Manier, das hörte plötzlich wieder auf.

Statt mich darüber zu freuen, möchte ich entweder heulend im Bett liegen oder irgendjemanden erwürgen. Manchmal lache ich auch ohne Grund und vielleicht werde ich auch einfach nur verrückt.

Es gibt kein Deo mehr, das nicht nach zwei Stunden versagt.

Dafür wachsen Haare und Nägel in rasantem Tempo, als wollten sie so schnell wie möglich Abstand zu meiner dauererhitzten Haut erlangen.

Ich hatte „vorher“ eine normale Betriebstemperatur von 35,8 Grad, jetzt laufe ich ein halbes Grad wärmer. Und mein Blutdruck ist ebenfalls nicht mehr im Keller. Gut so.

Nicht gut ist, dass mir das Herz dauernd stolpert. Es setzt einen Schlag aus und galoppiert dann, um den Fehler auszubügeln. Nicht gefährlich oder bedrohlich, aber sehr, sehr merkwürdig. Und ich muss sehr bewusst atmen, damit alles wieder normal klopft.

Pickel habe ich immer noch. 

Erwähnte ich die Hitze? Der Gatte darf sich im Bett nur noch kurz anlöffeln, weil ich sonst in einer Pfütze liege. Aus Schweiß natürlich.

Sex … ist super. Wenn sich das Bedürfnis danach während angemessener Situationen meldet und dann auch befriedigt werden könnte. Heißt: wenn der Gatte da und willens ist und wir ungestört sind. Abends/nachts muss ich schlafen, denn wenn ich nicht grundlos lache, heule, schwitze oder jemanden töten will, muss ich schlafen. Nach drei Seiten, allerspätestens um halb elf.

Bis halb eins, weil dann muss ich pinkeln. Danach bin ich äußerst schlecht gelaunt und schwitze.

Hoffentlich trinke ich genug, um Schwitzen und Toilettengänge auszugleichen.

Oma Eis sagt, dass es auch ein bißchen Einstellungssache ist, wie eine Frau die Wechseljahre erlebt. Dass es wie mit den Periodenkrämpfen ist: wenn man sich drauf konzentriert, tut es viel mehr weh. Wenn man sich auf die ganzen Wechseljahrbegleiterscheinungen konzentriert, belasten sie stärker. Das habe ich bis vor Kurzem abgenickt, genauso gesehen. Seit letzter Woche aber, seit ich unter klimakterischer Erwärmung und Stimmungsschwankungen aus der Hölle leide, ist die Gelassenheit verdampft und ich hadere sehr mit meinem Schicksal.

Irgendwelche Hormone, die unterdrücken oder „leichter machen“ darf (und will) ich nicht nehmen. Dafür möchte ich bittebitte von Ihnen hören, dass der Spuk ganz bestimmt ganz schnell vorbei ist, weil bei Ihnen hat das dann auch höchstens noch ein Jahr gedauert. Das war doch so, oder? 

Oder wir klopfen uns virtuell tröstend gegenseitig auf die Schulter. Wir sind nicht allein. Lesen Sie mal hier, eine Leidensgenossin!

Und dann sagte der Sohn:

3. Februar 2017

„Ich hab mir früher gewünscht du würdest mal brüllen, statt immer so furchtbar ruhig zu sein.“ Es sei nämlich so gewesen, dass er (und seine Geschwister) oft ein sehr schlechtes Gewissen und Gefühl hatte, wenn ich ruhig und ernst erklärt habe, was gerade doof sei. Er (und seine Geschwister) hätte es gut gefunden, wenn ich einfach mal gebrüllt hätte, denn dann wäre zurückschreien eine Erleichterung gewesen.

Uff. Ich bin sehr erstaunt.

Erstmal darüber, dass mich die Kindelein als eher ruhig und besonnen beschreiben, wo ich doch selbst mich eher laut und ungeduldig vor mir sehe. Ich erinnere mich sehr gut an den erstaunten Blick der Nachbarin, als sie mich beim „Scheiße, warum immer ich?!“- Gebrüll aus dem Fenster erwischte. Ich sehe mich heulend unter der Dusche und in ein Kissen schreiend. Oder eben auch mit den Kindern herumzeternd.

Wie schön, dass ich meinen Erziehungsvorsatz „ruhig bleiben“ dann wohl umgesetzt habe, wie merkwürdig, dass die Kindelein das gar nicht immer so super fanden, wie ich mir das mal ausgemalt hatte.

Meine eigene Kindheit war übrigens geprägt von Straf-Schweigen. Über Wochen hinweg und irgendwann hatte ich genug bereut und geschmeichelt, dann war es wieder gut. Bis es das nicht mehr war.

Ich wusste sehr früh, was ich anders machen würde und was auf gar keinen Fall jemals würde passieren dürfen. Das ist mir gelungen, denn Schweigen, Unausgesprochenes und stumme Vorwürfe gab es nie. (und wie schwer das ist, es ganz anders zu machen, als man es gelernt hat, nicht in vertraute Verhaltensmuster zu fallen. Ach ja, und sich nicht immer schuldig zu fühlen, selbst wenn nur der Bauklotzturm eingestürzt ist.)

Vielleicht hätte ich sogar dem Schreiimpuls ab und zu nachgeben dürfen. Ach wenn ich das nur früher gewusst hätte!

Alles ist …

27. Januar 2017

schallalla …

alles ist …

schubidu …

alles ist geregelt!

(aus: Ritter Rost und die Hexe Verstexe)

Regeln.

In meiner Twittertimeline spukt das Thema seit ein paar Tagen herum und es wurden einige Blogartikel dazu geschrieben. Ich nickte und lächelte viel und dann musste ich doch die Stirn runzeln, als ich sinngemäß folgenden Tweet las: Regeln werden hier sowieso nicht befolgt, muss ich auch keine aufstellen. Außerdem las ich, dass Regeln nur einengen.

Und zack! Ich will da was zu sagen.

Vorneweg: ich halte Regeln für überlebensnotwendig. Und damit meine ich nicht nur Regeln wie „Bei Grün gehen, bei Rot stehen“, sondern all das, was dazu führt, dass man glücklich miteinander leben kann.

Und schon sind wir wieder an der Stelle an der klar wird, warum diese ganzen Erziehungsratgeber und hilfreichen Blogtipps schlicht für die Tonne sind und weswegen dieser Artikel Ihnen sicher nicht weiterhilft, wenn Sie auf der Suche nach den ultimativen Erziehungsregeln sind. Ich habe nämlich nur meine, kleine Familie und für die funktionierten unsere Regeln prächtig.

Aber nochmal von vorne: Regeln halte ich für wichtig, weil sie schützen. Sie schützen ganz mittelbar vor Gefahr (das sind dann die bösen Verbot-Regeln wie „keine Gegenstände in irgendwelche Körperöffnungen) und unmittelbar vor Hilf- und Machtlosigkeit angesichts eskalierender Situationen. Im besten Fall verhindern sie diese sogar, weil man sich jederzeit auf bestehende Regeln berufen kann. Beispiel: Nicht auf dem Sofa hüpfen!  

Begründungen, die selbst kleine Kinder verstehen: das Sofa ist unser Platz zum Ausruhen, Bücher lesen und fernsehen. Das klappt nicht, wenn man draufrumspringt.

Situation: ein Kind hüpft.

Reaktion: Bitte nicht hüpfen, denk dran: Kuschelplatz.

Im besten Fall ist die Situation geklärt. Im doofsten Fall muss man da etwas nachdrücklicher werden. Und im allerdoofsten Fall gabs bei uns Zimmerverweis. Und später ein klärendes Gespräch mit Regelauffrischung.

Wir haben und hatten viele Regeln. Und ich glaube, ich habe das schon oft hier geschrieben, macht ja aber nix. Manche Regeln waren irgendwann hinfällig weil überholt, andere konnten gelockert werden und manche werden noch heute immer wieder diskutiert. (das leidige Wäschethema über das ich neulich schrieb)

Alle Regeln eint, dass sie, einmal ausgesprochen, unbrechbar einzuhalten waren. Konsequenz hieß da das Zauberwort, Ausnahmen gab es nur, wenn es klar war, dass es sich um eine Ausnahme handelte und nicht um Faulheit, Müdigkeit, Krankheit. 

Konsequenz und Regeln sind eng miteinander verknüpft, ohne Konsequenz geht es nicht. Es geht auch nicht ohne ständiges Nachdenken bezüglich Sinn und Aktualität. Außerdem muss ständig erklärt und begründet werden. Vielleicht auch eine Maßnahme überlegt werden, die sachbezogen straft. Diese muss erklärt werden. Und irgendwann wieder aufgehoben werden, erklärend natürlich. Das Ganze ist dann Erziehung. Verdammt harte Arbeit, weil man da ständig bei der Sache bleiben muss.

Der Lohn?

Kleine Kinder, die in klaren Abläufen Sicherheit finden.

Große Kinder, die Grenzen zum Überschreiten finden können.

Kleine Kinder, die sich überall spielend zurecht finden.

Große Kinder, die eloquente, freundliche Menschen sind.

Eltern, die zwar immer wieder am Krückstock gehen und Fransen am Mund haben, die aber Ruhe und Entspannung finden können. Und sehr viel weniger schreien müssen.

Sie sehen: ich bin ganz großer Fan von Regeln. Von unseren Familienregeln.

Aber auch mit Richtlinien wie beispielsweise Höflichkeit kann ich mich gut arrangieren und unsere Kinder wurden beispielsweise dazu angehalten, andere ausreden zu lassen, freundlich zu grüßen und die gängigen Tischmanieren zu beachten. Also diese Regeln, ohne deren Befolgung man zwar irre individuell aber manchmal halt auch einfach unerträglich und eine Kackbratze ist.

Ich weiß, dass es derzeit nicht so arg modern ist, streng zu sein. Strafen sind verpönt, sogar das Wort „nein“ darf nur homöopathisch dosiert verwendet werden. Gleichzeitig lese ich von Eltern, die vor Verzweiflung weder ein noch aus wissen und nur noch schreien können. Das tut mir so schrecklich leid, denn mal davon  abgesehen, dass es doch auch für ein Kind eine schreckliche Last sein muss, ständig zu entscheiden was gut oder doof ist, richten sich da Eltern selbst zugrunde, nur um den heiligen Nachwuchs nicht bei seiner Entfaltung zu behindern. 

Für uns hat Eltern-sein niemals völlige Hin- und Aufgabe unserer Bedürfnisse bedeutet. Wir mussten klären, wie wir mit einer wachsenden Gruppe von Menschen leben wollen, damit sich alle gleichermaßen wohlfühlen. Alle. Gleichermaßen.

Ja. So einfach. So schwer.


Sie sehen den Jüngsten. Das Bild ist ziemlich alt und es ist mir eines der Liebsten, weil das Kind so wunderbar strahlt.

Ich habe dieses Bild früher im Internet nicht gezeigt, weil:

1. Die „Entenfüße“. Frau Mutti, achten Sie mal drauf, dass Ihr Kind seine Schuhe richtig trägt, die jungen Knochen verformen sich noch so leicht.

2. Das äußerst schmuddelige Äußere des Kindes lässt Rückschlüsse auf meine Fähigkeiten als Mutter zu.

3. Die Frisur. Das sieht selbstgeschnitten aus. (war es auch) Und ist das jetzt ein Junge oder eine Mädchen?

4. Die Umgebung. Kaputte Fliesen in denen Grünzeug wächst. Diverse Eimer. Ein Kübel, in dem auch nur Unkraut wächst. Und die Farbe blättert von der Wand. Schreiben Sie nicht immer von der Grünen Villa, Frau Mutti? Villenhaft sieht das wahrlich nicht aus, sondern fast ein bißchen gefährlich.

5. Der Wäscheständer. Waschen Sie Helles und Dunkles nicht getrennt? Und die BHs hätten Sie für das Bild ruhig abhängen können, die muss ja keiner sehen.

So oder ähnlich wären die Kommentare damals gewesen. Mindestens einen hätte ich lesen dürfen.

Heute schriebe man zu dieses Bild: „mitten aus dem Leben“, „so sieht ein glückliches Kind aus“ und „toller Schnappschuss!“ (und würde sich vermutlich seinen Teil zu der Umgebung denken, per dm ein bißchen über das schmuddelige Kind lästern) 

Ein „ordentliches“ Bild, das saubere Kinder in aufgeräumter Umgebung zeigt, ist nicht wie damals erstrebenswert, sondern eher verpönt, denn „unrealistisch, gestellt, niemand lebt so.“ 

Ich habe damals manchmal mit dem Arm über den Tisch gewischt, damit der fotografierte Ausschnitt hübsch aussah. Das gefiel mir besser. Heute knippse ich gerne den gesamten Tisch mit seinem Sammelsurium darauf, weil er unser Familienmittelpunkt ist und das Leben so schön spiegelt. 

Ich kenne eine Frau, deren Haus trotz kleiner Kinder jederzeit die perfekte Fotokulisse ist. Sie lebt einfach gerne so, stressig und unecht wären für sie Kekskrümel auf dem Tisch und Bananenmatsch am Kind. Wenn sie Bilder zeigt, unterstellt man ihr, sie habe extra fürs Bild aufgeräumt.

Die Ansichten ändern sich, die Leben unterscheiden sich, wir sind alle irrsinnig tolerant und aufgeschlossen, doch noch immer kacken sich Frauen gegenseitig ins (virtuelle) Wohnzimmer. Schlimm.