Vom Internet ins Elsass

29. Juni 2014

Vor einigen Jahren lud ich meine Blogleser zu einer Gartenparty auf den Ländereien der Grünen Villa ein. Zahlreiche Gäste erschienen, viele von ihnen kannte ich nur von den Kommenaren, die sie mir unter meine Blogartikel schrieben. Viele der Kontakte von damals bestehen nicht mehr, denn Menschen entwickeln sich auseinander. Manche “traf” ich an anderen Stellen im Internet wieder und einige sind echte Freunde geworden. Dieses böse, anonyme Internet hat mir drei Freundinnen geschenkt, mit denen ich mal wieder eine wunderbare Zeit erbracht habe, diesmal im Elsass.

In Gérardmer hatten wir ein reizendes kleines Ferienhäuschen gemietet, trotz einiger Verständigungsprobleme bekamen wir die Schlüssel dafür überreicht. (keine von uns spricht gut Französisch, die Vermieter dafür weder Englisch noch Deutsch.)

Géradmer ist nicht wahnsinnig hübsch und charmant, liegt aber an einem großen See, zu dem wir am ersten Nachmittag spazierten.

Es sah aus wie Urlaub und es fühlte sich so an. Rundum perfekt, samt Sekt später auf der Terrasse des Ferienhäuschens.

Allzu spät durften wir nicht ins Bett, denn um acht Uhr am nächsten Morgen wollte ich mit der Klecksefrau zusammen auf dem Wanderweg zur Col de la Schucht stehen.

Offensichtlich hatte ich ihr lange genug von der Schönheit dieses Weges vorgeschwärmt. Dass ich nicht übertrieben habe … davon konnte sich sich dann selbst überzeugen.

Hier kurz vor dem Hohneck mit Blick auf den Lac Verte im Tal unten.

Wir sahen Kletterer am Kletterfelsen, jede Menge leider noch unreife Blaubeeren und ein Herde Gemsen. Das Wetter war uns hold, ein feiner Wind pustete uns den Aufstiegsschweiß aus dem Gesicht und da wir am Freitag wanderten, trafen wir nur sehr wenige andere Wanderer.

Etwa auf der Hälfte des Weges liegt die Ferme Auberge “Frankenthal” und ich empfehle, dort unbedingt Rast zu machen. Einmal um sich für den anstehenden Anstieg fit zu machen und dann natürlich auch, weil die Gastleute ungemein freundlich sind, der Kaffee schmeckt und die Umgebung der Ferme Auberge wildromantisch ist.

Ich habe Ihnen schon oft von der Col de la Schlucht vorgeschwärmt, weswegen ich das diesmal nicht tue. Vielleicht übernimmt das dann ja die Klecksefrau in ihrem Blog,

sie hat einige Bilder geknippst. :)

Sechs Stunden waren wir unterwegs, mit einigen Fotografier- und Bergauf-Verschnaufpausen. Am nächsten tTg erzählten uns unsere Muskeln in den Beinen, dass sie gerne ein wenig Ruhe hätten, Frau Knie keifte ziemlich herum. Egal. Wandern ist toll, noch toller ist es, wenn man den gleichen Rhythmus wie der Mitwanderer hat.

Am Samstag bummelten wir durch Colmar, stöberten in entzückenden Geschäften und verzehrten den weltbesten Flammkuchen. Hier meiner mit ziemlich viel, ziemlich stinkigem und trotzdem sehr leckerem Munsterkase:

Aux Armes de Colmar heißt das kleine Restaurant und Sie finden es in einer Nebenstraße. Hingehen lohnt sich und wenn Sie Ihren Salat nicht aufessen, wird der Wirt sie ein bißchen rügen. Leider waren wir zu satt für den Nachtisch, denn der sah sehr, sehr köstlich aus.

Am Abend saßen wir lange schwätzend und lachend zusammen, heute morgen reisten wir wieder ab.

So ein Wochenende verfliegt ziemlich schnell, aber  zum Glück habe ich ja jede Menge Erinnerungen an dieses feine Wochenende.

(das obligatorische Vierer-Selfie im Ferienhaus mit der Klecksefrau, Little MaryJo und Tante Liesbet. <3)

Erkenntnis

7. März 2014

Mit meinem persönlichen Chauffeur (=dem großen Sohn) fuhr ich heute morgen ins blaugelbe Möbelhaus. Ständig fehlt hier im Haus das Stopfmaterial für Toffee Nosed Friends und außerdem bin ich auf der Suche nach hübschen Gartenmöbeln für mein Gartenhüttchen. Ein großer Sohn mit Führerschein, Zeit und Geduld mit der eigenen Mutter zur Verfügung zu haben, ist wahrer Luxus!

Wir kamen pünktlich zur Öffnung an, schlenderten durch die Möbelabteilung und beschlossen schließlich, in Ruhe zu frühstücken, bevor wir uns durch die Schnickeldi-Abteilung kämpfen. Wir wählten beide das schwedische Frühstück mit Käse und Marmelade und amüsierten uns köstlich über das eher schlaffe Deko-Salatblatt. Nahezu reflexartig zückte ich mein Phone, um ein super Instagrambild mit dem Titel “Frühstück mit dem großen Sohn #ausfremdenKüchen” zu machen. Aber dann fiel mir ein, dass solch ein Bild ganz sicher fiese Kommentare bringt, weil der eher unschöne Käse auf einem noch unschöneren Plastikteller angerichtet war, die dazugehörigen Brötchen fern von Vollkorn und die Konfitüre auch eher chemisch war. Und ich ließ es, weil Instagram (twitter, facebook) sollen ja Spaß machen und Spaß habe ich nur, wenn mir keiner blöd kommt. Ich knippste kein Bild, was sicherlich kein herber Verlust ist. Nicht mal für mich.

Innerlich begann es aber in mir zu brodeln.

Es ist nämlich so, dass mir dieses ganze Essensthema bei Instagram und facebook (twitter kann ich fast bei dieser Aufzählung ignorieren) wahnsinnig auf den Geist geht. Auf facebook werde ich ständig von “Fleischesser morden niedliche Ferkel”-Beiträgen belästigt, auf Instagram zeigt man mir demonstartiv, wie super und tierische-lebensmittel-ersetzend Smoothies sind. Das alles könnte ich ignorieren, träte es nur sporadisch auf. Doch es wird immer mehr und ich kann nicht so viel blocken und “entfollowen”, wie es mich nervt.

Heute, mitten im blaugelben Möbelhaus, wurde mir klar, warum mich dieses Thema so wütend macht: es macht mich wütend, dass mir mein eigenes Essen schlecht geredet wird. Und dass ich es zulasse, dass mich dieses Gerede beeinflusst und ich mich regelrecht schäme, wenn ich mir Bolognese über die Spaghetti schaufele.

Ich habe meinen Kindern sehr, sehr früh beigebracht, niemals zu Speisen: “Iiiiieh! IGITT!” zu sagen, denn das, was ihnen nicht schmeckt, mundet anderen vielleicht vorzüglich. Genau das passiert mir gerade in meinem geliebten Internet: Menschen sagen “E-KEL-HAFT!” zu meinem Essen und wenn ich ihnen sage, dass ich das unpassend finde, bekomme ich Artikel über Schlachtmethoden um die Ohren gehauen und befinde mich in der Sünderecke, voller Wut und sarkastischer Gegenbeschuldigungen (schön, dass Euer Bauer Ananas, Mango und Datteln anbaut)

Ich hielt das Thema “Mahlzeiten” nun eher für minenfreies Gebiet, ganz im Gegenteil zu Kindererziehung, Tierhaltung und Homöopathie, doch mittlerweile muss man sich als Tiermörder bezeichnen lassen, weil man Kälbchen die Milch wegtrinkt und niedliche Lämmer frühstückt, die nicht mal human (wtf?) geschlachtet wurden. Mein Lieblingsbild ist übrigens das der grinsenden Frau, der man die Eckzähne zum Beweis dafür, dass wir reine Pflanzenfresser sind, flach retuschiert hat. (da fahre ich mir doch gerne mal mit der Zunge über meine Vampirbeisserchen)

Also. Ihr lieben Internetmenschen: es gibt Menschen, die essen Fleisch und mögen es. Es gibt Menschen, die kaufen dieses Fleisch billig im Supermarkt und mögen es oder mögen es nicht so shr, können sich aber anderes nicht leisten. Es gibt Menschen, die essen kein Fleisch, dafür Eier und sie trinken Milch. Es gibt Menschen, die verzichten auf tierische Produkte. Es gibt Menschen, die essen nur das, was freiwillig vom Baum fällt. Man kann das im Stillen belächeln. Man kann für sich beschließen, wie man leben und essen will. Man kann das auch gerne mit seiner Familie diskutieren, falls es da unterschiedliche Geschmäcker gibt. (bei uns war und ist das immer mal wieder so, dass ich kein Fleisch esse, es der Familie aber trotzdem ohne “Pfui” und “igitt” zubereite) Man muss eine auf Instagram gezeigte Mahlzeit nicht mögen und dann reicht es, einfach nicht “gefällt mir” zu klicken.

Ich bin es leid. Ich will nicht belehrt oder mit Moral überschüttet werden. Ich verkneife mir auch Kommentare zu Alukapselkaffee und Erdbeeren im Januar. Ich möchte einen höflichen Umgang miteinander, bei dem man dem anderen zugesteht, dass er sein Leben eventuell auch einigermaßen reflektiert hinbekommt. Für mich bedeutet dieses Gezicke um Ernährung, dass es uns wahrlich zu gut geht, wenn unser einziges Problem auf dem Teller unseres Nächsten liegt.

*****

Was das Thema Ernährung anbelangt: ich fände es großartig, wenn es in der Schule Kochunterricht gäbe. Wenn Kinder dort lernen würden, zu welcher Jahreszeit welches Gemüse oder Obst zu ernten ist. Wo Obst und Gemüse wachsen, das wir verzehren. Ein Metzger könnte von seiner Arbeit erzählen. Es gäbe so Vieles, das Kinder zum Thema Ernährung lernen könnten, denn nicht alle lernen das daheim.

Und wenn Sie mal Zeit haben, dann rate ich Ihnen: arbeiten Sie in einer Tafel mit. Oder unterhalten Sie sich mal mit Tafelmitarbeitern. Das rückt dieses ganze Ernährungsthema in ein ganz anderes Licht. Da ist es dann plötzlich scheißegal, ob jemand Wurst isst oder nicht, da kriegt man kalte Wut ob der Vorschriften um Abgabe von Lebensmittel, Haltbarkeitsdaten und Lebensmittelentsorgung. Verzeihung, ich schweife ab und steigere ich rein. Vielleicht ein anderes Mal sachlicher.

supergeil.

26. Februar 2014

Weil mich Werbung so aggressiv macht, vermeide ich sie, wo es geht. Fernsehsendungen/Filme nehmen wir auf, damit wir die Werbung herausschneiden oder wenigstens überspringen können. Wenn im Netz um die Weihnachtszeit herzergreifende Filmchen geteilt werden, in denen Welpen, Kinder, Schnee, Geschenke, Kerzen und Klaviergedudel vorkommen, ist mir reflexartig unweihnachtlich zumute und ich neige zu bösartigen Bemerkungen in denen die Worte “Kitsch” und “Schund” noch die harmlosesten sind.

Und jetzt ist da diese *supergeile* Werbung für einen Supermarkt und dessen Produkte, die mich auf allen Kanälen anspringt.

Tschuldigung, aber ich finde die ganz furchtbar. Und kann es nicht mal begründen. Sie jagt mir einfach einen Gruselschauer über den Rücken und natürlich erfüllt sie ihren Zweck, denn einmal sehen reicht, um Text und “Melodie” zu verinnerlichen. Supergeile Sache, kann mir jemand mal den Wurm aus den Ohren ziehen?

So. Und dann schreiben die einfach ein Stückchen dieser Werbung ganz genau für mich.

Finde ich dann doch gut.

(willkommen. Sie sehen, ich zelebriere mein tägliches Löffelchen Inkonsequenz.)

Tu was ich will.

6. Februar 2014

Ganz ehrlich?

Ich bin sehr, sehr froh, dass ich diese Schwangerschaft-Geburt-Baby-Kleinkindzeit hinter mir habe. Jedenfalls hier im Internet.

Stellen Sie sich mal vor, Sie sind ganz frisch schwanger. Sie haben eine Menge Fragen, schwanken zwischen Vorfreude, Unsicherheit und heller Panik und machen sich jetzt im www auf die Suche nach Hilfe.

Man wird Ihnen erzählen, dass es völlig egal ist, wieviel sie zunehmen. Und dass es nicht mehr als sechs Kilo sein sollten. Essen Sie, worauf Sie Lust haben und es ist wichtig, auf ausgewogene Ernährung zu achten. Sie dürfen keine einengende Kleidung tragen, aber solche, die den Bauch stützt. Und die Brüste. Die künftigen Stillbrüste, denn nur Stillen ist das Beste für das Baby. Allerdings ist Flaschenernährung auch super, weil die Eltern sich dann die Verantwortung beim Füttern teilen können. Gehen Sie zur Geburt unbedingt ins Krankenhaus. Oder ins Geburtshaus. Ober bleiben Sie doch einfach daheim, falls kein Wald vor der Tür ist. Verzehren Sie den Mutterkuchen, lassen Sie ihn zu Kügelchen pressen, pflanzen Sie einen Baum drauf und Achtung, das Ding ist eklig und Sondermüll. Lassen Sie den Damm nicht schneiden, der reisst von allein, aber denken Sie dran, ein Schnitt lässt sich besser nähen. Gebären Sie im Sitzen in der Wanne oder während Sie am Seil baumeln. Wenn Sie sich auf den Rücken legen wollen, dann ist das falsch, weil das gegen die Natur ist. Hören Sie einfach auf Ihren Körper und Ihr Gefühl und folgen Sie den Anweisungen von Hebammen und Ärzten, die müssen es ja wissen. Schreien Sie laut und veratmen sie puffend. Schön die Kräfte sparen und atmen Sie zum Muttermund aus. Schneiden Sie die Nabelschnur sofort durch oder lassen Sie sie ausbluten, entnehmen Sie umgehend Blut, falls Ihr Kind an Leukämie erkranken wird, dann brauchen Sie es. Und wenn Sie einen Kaiserschnitt hatten, dann ist das eben so, seien Sie froh, Wehen sind furchtbar. Wobei natürlich nichts über eine natürliche Geburt geht und Frauen haben seit Anbeginn der Zeiten ohne PDA oder Schmerzmittel Kinder zur Welt gebracht, sogar ohne geplanten Kaiserschnitt. Sie werden nach der Geburt total fröhlich sein, voller Energie und eine Kindbettdepression kommt eben vor. Wickeln Sie Ihr Baby in Stoff und Wolle, Frottee und Neopren, gebleichte und ungebleichte Einmalwindeln. Waschen Sie mit Seife, milder Seife, Olivenöl, Babypflegeprodukten, Muttermilch und klarem Wasser, handwarm. Schmieren Sie Babypopos niemals mit Creme ein, schon gar nicht mit einer, in der Erdöl drin ist. Nur pflanzliche Cremes und solche, in denen Lanolin drin ist. Tragen Sie Ihr Baby aufrecht liegend in Spreizhaltung auf der Hüfte, nehmen Sie dazu ein Tuch oder diverse Tragehilfen. Oder schieben Sie es in einem Kinderwagen. Schlafen Sie alle in einem Bett oder im Stubenwagen, in getrennten Zimmer im Babybett oder in der Hängematte. Lassen Sie das Baby auch mal schreien, weil das kräftigt die Lungen, aber trösten Sie sofort, wenn es mal piepst. Lassen Sie das Baby nicht impfen, denn geimpfte Kinder werden authistisch. Impfen Sie nur gegen Keuchhusten und Tetanus, aber nie in der fünffach-Kombination. Impfen Sie direkt alles nach der Geburt, das Baby ist in Gefahr. Stillen Sie, bis das Baby nicht mehr will. Oder sie. Oder die Schulpausen nicht mehr zum Stillrhythmus passen. Oder nur noch nachts, zum Einschlafen, zum Trösten oder weil das Baby Hunger hat. Karotten sind perfekt für den ersten Brei und das Baby soll selbst entscheiden, welche Nahrung es zu sich nehmen will. Kein Fleisch und wenn, dann nur püriert. Keine grünen Lebensmittel wegen Nitrit und kein Salz, Gewürz und Zucker wegen der Geschmacksknospen. Es ist unnötig, dem Kleinkind eigene Mahrzeiten zu kochen, es isst das, was Sie essen. Spielzeug nur aus Holz oder pflegeleichtem Plastik, Puppen für Jungs und Autos für Mädchen und lassen Sie die Kinder wählen, womit sie spielen möchten. Wenig Spielzeug regt die Phantasie an und richtig klasse spielen kann das Kind nur, wenn es wirklich eine Menge Spielsachen hat. Schicken Sie Ihr Kind nicht in den Kindergarten und gehen Sie so bald wie möglich wieder arbeiten, wenn schon Kindergarten, dann Waldkindergarten oder in den Waldorfkindergarten. Der Regelkindergarten ist toll, so lange er konfessionell ist. Oder besser nicht.

Fragen Sie ungehemmt alles was Sie bewegt auf Twitter, Facebook, in Foren oder im eigenen Blog. Sie werden neben einigen wertvollen Ratschlägen unzählige Belehrungen, Beschimpfungen und Angriffe erfahren. Allen voran der Rat “Handele am Besten aus dem Bauch heraus!”, was in den meisten Fällen aber nur “Handele nach meinem Bauch, denn ich weiß es besser” bedeutet. Als werdende oder junge Mutter kann man sich nur entscheiden, zu welcher “Mütterfraktion” man dazu gehören will, das komische Gefühl, irgendwas vielleicht doch nicht richtig zu machen gibt es gratis dazu. Ich glaube mich zu erinnern, dass es _früher_ nur mit der älteren Generation schwierig war, wenn Oma oder Mutter etwas besser wussten. Heute beschimpfen sich gleichaltrige Mütter, nur weil die eine in Stoff wickelt und die andere bei Plastik bleibt. (was ist eigentlich aus dem Trend geworden, Babys gar nicht mehr zu wickeln und stattdessen auf Babys eindeutige “ich mach jetzt gleich in die Hose” – Signale zu achten?)

Abschluss, pathetisch:

Ist es nicht möglich, andere Lebensweisen interessant, womöglich spannend zu finden, ganz ohne zu werten? Muss immer missioniert und gepredigt werden? Wir wünschen uns aufgeschlossenen, tolerante, neugierige Kinder. Ob wir auf dem richtigen Weg sind?

Frau … äh … Muttis Jahresrückblick. Outtakes und Bilder ohne künstlerischen Anspruch, wie jedes Jahr.

(vgl. Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V, Teil VI, Teil VII und Teil VIII)

Januar:

Wir begannen das neue Jahr äußerst geruhsam, die wenigen guten Vorsätze warf ich alle bereits in der ersten Woche über Bord, das war ungemein entspannend. Die Schule startete nach den Weinachtsferien und das letzte Jahr, in dem der Große die Schule besucht, begann offiziell. Auf der Suche nach gemeinsamer Familienzeit, in die sich ein Urlaub packen ließe, kamen wir auf knapp drei Wochen im Sommer. Immerhin. Obendrein war ich im Nähzimmer fleißig und dass der dicke Martin so sehr erkranken sollte, das konnte am Ende des Monats noch niemand ahnen.

Februar:

Auf meinem Handrücken wuchs quasi über Nacht ein dicker Knubbel, der schmerzhaft in die Finger aussstrahlte. Dottore sprach irgendwas von Überlastung und befahl “Stillhalten!” und das Tragen einer elastischen Binde. Mit brav verbundener Hand reiste ich am Rosenmontag von Mainz über Köln und Düsseldorf bis fast an die niederländische Grenze, erlebte und ertrug dabei mehr fastnachtslustige Menschen als mir lieb war. Mein Ziel war das Haus der Klecksefrau, wo ich eigentlich unter Anleitung eine Jeanie hätte nähen sollen. Doch Dottore hatte es verboten und so ließ ich nähen und verbrachte vergnügliche Tage jenseits des Fastnachtsrummels.

Der jüngste Sohn feierte seinen vierzehnten Geburtstag, ich begann für Ostern zu nähen und der dicke Martin schien genesen.

März:

Es begann endlich richtig zu schneien. Dicke Flocken, die eine dicke Schneedecke bildeten. Frau Mutti im Glück!

Ich schrieb meine erste Kolumne für das Kleinformat (und bin hoffentlich nicht schuld daran, dass es mittlerweile kein Kleinformat mehr gibt), füllte ein Osterschaufenster, gab jede Menge beim SchnickSchnackShopping in Darmstadt aus, feierte mit der Familie Ostern und bloggte darüber, dass wir den kranken Martin für immer in der Obhut seiner Tierärztin lassen. Die folgenden Reaktionen reichte von Verständnis und Trost bis zu offenem Hass, als Kommentar oder als Mail. Einmal mehr zweifelte ich daran, ob mir diese Internetsache wirklich, ehrlich Spaß macht. (wir wissen übrigens nichts vom dicken Martin, haben aber im Januar einen Impftermin für Franz. Dann werden wir nachfragen.SELBSTVERSTÄNDLICH!)

Der Knubbel in der Hand erfreute sich seines Daseins, galt aber als weitestgehend harmlos. Ich schliff alte Lackschichten von den Küchenschränken und pinselte sonnengelb darauf.

April:

Der April brachte echtes Frühlingswetter und mir somit unbändige Gartenarbeitslust. Leider sorgten die Nachbarn dafür, dass der Aufenthalt im Garten kein erholsamer war und ich begann intensiv den Immobilienteil der Zeitung zu lesen. Oder floh ins Nähzimmer. Oder rannte durch die Wingerte. Diese Laufsache begann mir immer mehr Spaß zu machen und der perfekte Sport für mich schien endlich gefunden.

Der Knubbel auf der Hand wurde punktiert und das gehört zu den gruseligsten Sachen, die ich erleben durfte. Auf den Röntgenbildern entdeckte man, als Zufallsbefund, Knochenveränderungen, die man ein bißchen im Auge behalten muss.

Mai:

Der Mai begann mit dem Abschlussball der Tochter. Nach wochenlanger Suche nach einem Kleid, in dem ich mich nicht verkleidet fühle und einer geschwänzten Elterntanzstunde fühlte ich mich im Mainzer Schloß wie im falschen Film. Die Tochter genoß ihren Abend und die Polka mit ihrem Vater. Und ich liebe mein Kleid von den Blutsgeschwistern.

Nach dem Ball fuhr ich nach Berlin zur re:publica und verbachte mit Frau Brüllen und ein paar anderen dieser Internetmenschen eine vergnügliche Zeit. Von Berlin aus reiste ich weiter nach Jever, um mit Internetmenschen aus der auf der re:publica eher unterrepräsentierten Näherinnenszene nicht weniger Spaß zu haben und mit eigenen Augen bei einem Lagerverkauf zu sehen, wie stoffverrückt manch Nähbegeisterte ist.

Pünktlich zum Hochzeitstag kam ich wieder heim, unsere Ehe wurde immerhin volljährig in diesem Jahr und deswegen vergaß ich den Hochzeitstag diesmal nicht.

Juni:

Nachdem die Überschwemmungen nahezu abgeflossen waren, kam endlich der Sommer. Und weil der heimische Garten wegen nachbarschaftlicher Lautstärke unnutzbar war, gingen wir an den Wochenenden wandern. (oder geocachen, was Ihnen auf dem Bild mit hochgehaltenem GPS klargemacht werden soll.) Die Austauschschülerin aus den Staaten reiste an und verbrachte einen guten Teil ihres Aufenthaltes unter Kulturschock schlafend in meinem Nähzimmer.

Ich beschloss, keine Hosen mehr zu tragen. (und ja, es wird nie ein Filtertütenrock-Ebook geben.)

Und noch ein großes, geschichtliches Ereignis: Nierstein wurde Stadt. Ich war zur großen Feierstunde als Vertreterin des Weltladens geladen und habe zwei sehr lustige Stunden damit verbracht zuzuschauen und -hören, wie sich Menschen lobend auf die Schulter klopfen. Schnittchen und Wein hinterher waren großartig.

Juli:

Berge! Bei allerbestem Wetter quartierten wir uns auf dem Campingplatz in Munster unterhalb der Vogesen ein und starteten von dort aus lange, wunderbare Wandertouren. Sehr viel bergauf, genauso viel bergab, Sonne, Wind und ein Ausblick zum Niederknieen. Abends waren wir alle glücklich, zufrieden und erschöpft. Und Frau Knie meldete sich zaghaft. Wegen ihr und auch weil ich genug Bergluft getankt hatte, schickte ich den beste Vater meiner Kinder und die hinreissenden Bestien alleine zu ihrer Hüttentour ins Allgäu. Während sie Gipfel stürmten, genoß ich das Strohwitwenleben.

Die Gasttochter hatten wir vor dem Urlaub noch verabschiedet, nicht tränenreich, sondern seltsam erleichtert. Und obwohl es so schien, als sei letztlich doch alles gut … sie hat sich nie mehr hier gemeldet und auf keine Mails mehr geantwortet.

August:

Die Kindelein reisten ins Zeltlager ab. Statt nun eine Woche gemeinsam zu verreisen, kauften wir uns lieber eine neue Waschmaschine, was ein gute Investition war, denn die Kindelein reisten mit sehr vielen, sehr schmutzigen Klamotten wieder an. Das Zeltlager war knapp einer Evakuierung entkommen, weil ein Magen/Darm-Virus gewütet und Teilnehmer und Betreuer gleichermaßen für etwa drei Tage aus dem Verkehr zog. Nur der Jüngste blieb verschont und darüber war er verständlicherweise sehr froh. Während der Abwesenheit der Kindelein füllten wir das Haus mit Urlaubsrückkehrern auf Zwischenstopp und schleppten diese mit auf´s Winzerfest.

Ich reiste erneut bis an die niederländische Grenze und einmal auch darüber. Und schlenderte bei der Firma Swafing stundenlang an Stoffregalen vorbei, erschlagen von Fülle, Farbe und Auswahl. Drei Meter Stoff begleiteten mich schließlich mit nach Hause. Immerhin.

Das neue Schuljahr begann. Das letzte für den Großen, das erste für die Tochter in der Oberstufe und schon das achte für den Jüngsten. Die Zeit rast.

September:

Ich begann hochmotiviert die Näherei für den Weihnachtsmarkt, ließ mich dann aber leicht ablenken von anderen, wichtigeren Sachen. Der Besichtigung eines Hauses zum Beispiel. Da die Nachbarschaftssache noch immer nicht verbessert war und dieses schöne Haus in Nierstein, das mir schon so lange gefiel, nun endlich zum Verkauf stand, wurde ein Umzug plötzlich irgendwie real. Nach der Besichtigung oder schon währenddessen wurde klar, dass das andere Haus samt seinem Garten zwar hübsch ist, der Zustand von beidem aber noch schlechter ist, als der unseres Besitzes. Und als ich in meine quietschegelbe Küche kam, einen Blick zur Terrasse hinauswarf, verliebte ich mich mal wieder in unsere Ruine. Einen Umzug will ich nicht.

Die Tochter feierte ihren 16. Geburtstag und wurde dieses Jahr nicht traditionell von ihrem Opa hochgehoben, der war nämlich krank. Ich schleppte Frau Knie zum Orthopäden. Der sprach das magische Wort: austherapiert. Eine siebte Operation will niemand und für ein künstliches Gelenk bin ich zwanzig Jahre zu jung. Das Joggen ist also erstmal nicht angesagt, es gilt eine neue Spochtsache zu finden.

Mein geliebtes Federweißer-und Zwiebelkuchenfest samt Weinbergsrundfahrt mit lieben Gästen schlossen den Monat ab.

Oktober:

Schon wieder unterwegs, diesmal nach Krefeld zu einer Geburtstagsfeier. Wieder daheim begann der Weihnachtswahn im Weltladen, kistenweise Weihnachtsdekoration und -schmuck mussten ausgepackt, ausgepreist und für knapp zwei Wochen nochmals verstaut werden, bevor sie auf der Verkaufsfläche ansprechend präsentiert werden können. Kurz darauf überrollte mich die Quittenwelle und das Haus duftete tagelang nach Quittengelee, den außer mir zwar niemand mag, von dem ich aber mittlerweile dreißig Gläser im Vorratsschrank stehen habe.

Weil die Anfragen nach einem Ebook für den Filtertütenrock nicht nachließen und ich schließlich mürbe wurde, bloggte ich eine professionelle Anleitung, die ich Ihnen gerne an dieer Stelle nochmals verlinke: so nähe ich einen Filtertütenrock

Der beste Vater meiner Kinder feierte widerwillig aber letztlich doch begeistert seinen Geburtagstag, die Kindelein besserten ihr Taschengeld bei der Traubenlese auf und ich ignorierte weiterhin die Tatsache, dass ich einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt hatte.

November:

Weil die Schwester der Mittwochsfreundin Gesellschaft beim Fitwerden brauchte, landete ich wieder in einem Fitnessstudio. Diesmal aber nicht an Geräten zerrend, sondern ganz entspannt im Kardiobereich, auf dem Stepper. Mit Kopfhörern und einer Folge “The Returned” im Phone lässt es sich ganz gut dort herumhampeln und die Freundin rennt währenddessen auf dem Laufband. (unsere Männer zerren an Geräten herum) Frau Knie findet den Stepper uninteressant, sie meldet sich nicht. Mir macht das zwar nicht so viel Spaß, wie in der Gegend herumzurennen, aber ein bißchen Spocht muss eben schon sein und wenn es auf der Tretmühle klappt: prima.

Der große Sohn feierte seinen Geburtstag und erreichte somit die Volljährigkeit. Ich fühlte mich schlagartig alt, denn so lange schien es nicht her zu sein, dass eine hysterische Hebamme diesem mittlerweile knapp zwei Meter langem Kerl auf die Welt half. (und dabei den Namen “Frau … äh … Mutti” prägte, weil sie beim Anfeuern während der Presswehen meinen Namen vergaß.) Am selben Tag erschien mein neues Baby, das Ebook, das mir wochenlang bei der Vorbereitung und Erstellung Schlaf und Nerven raubte: Toffee Nosed Friends

Ich bloggte gegen den Novemberblues und stellte fest: es fällt mir nicht mehr so leicht wie früher, täglich Belanglosigkeiten in die Tastatur zu klopfen.

Dezember:

Wie jedes Jahr: einem Tag lang darf ich die Binzessin sein, diesmal zum 43. Wie jedes Jahr zog ich eine kleine Bilanz und stellte fest: glücklich und zufrieden. Mit einem leisen Anflug von Wehmut beim Anblick der großen Kinder und mit zunehmender Verliebtheit in die immer tiefer werdenden Fältchen und Falten in Gesicht, denn die zeugen davon, dass es mehr Lachen als Weinen in meinem Leben gibt.

Der Weihnachtsmarkt kam und mit dem “ich hab zu wenig genäht” füllte ich einen Stand und mit dem Rest ein Schaufenster im Blog, durch den Verkauf war dann auch Weihnachten gerettet. Wie immer an heilig Abend mit der allerbesten Freundin und viel zu viel Leckereien.

Einen Tag vor Weihnachten rechneten der beste Vater meiner Kinder und sein holdes Weib kurz mal nach und stellten fest: nächstes Jahr schenken wir der Grünen Villa ein neues Dach. Und uns eine Fasssauna, die wir umgehend bestellten. In zwei Wochen wird letztere hoffentlich geliefert, mit passendem Schnee. Das wäre prima.

Gestern abend feierten wir mit dem Schreinerfreund und dieser wirklich wichtige Jahresrückblick wird nun unter erschwerten Bedingungen geschrieben, denn – ob Sie es glauben oder nicht – man kann von exzessivem Billardspielen Muskelkater bekommen. Silvester schicken wir die Tochter zum Feiern zu ihrem Freund, die Söhne haben beschlossen, mit ihrem Vater um Mittelerde zu kämpfen und ich … ich werde mich ins geliebte Nähzimmer zurückziehen. Ich habe da nämlich ein, zwei Ideen.

Kommen Sie gut rüber und danke für die teilweise schon jahrelange Treue. Immer die Ihre.