Vorneweg: die Tochter ist gut angekommen und zufrieden, Genaueres wird sie sicher selbst berichten.

Die letzten Tage und Wochen standen irgendwie alle im Zeichen des Aufbruchs. Es wurde gepackt, ausgepackt, umgepackt. Gewogen, erneut umgepackt, gewogen. Der Koffer stand im Zimmer und trotzdem war es unbegreiflich und sehr weit weg: sie geht für ein Jahr nach Afrika. Die Tochter selbst war beschäftigt und hatte keine Zeit, Ängste und Zweifel an sich herankommen zu lassen, erst in den letzten Nächten kamen diese hoch und verdarben den friedlichen Nachtschlaf.

Dann begann die Zeit der Verabschiedungen. Familie, Freunde, Bekannte, Vereinskollegen und die Menschen, die „seid du so ä klaa Päcksche warst kennisch dich und jedzd fährsche nach Afriga!“ oder Ähnliches sagten. Die Tochter kennt viele Menschen und noch viel mehr Menschen kennen die Tochter durch ihr soziales Engagement und über den stolzen Opa. Eine unbeschwerte Ablenkungsmanöver-Pokémonjagd war kaum noch möglich, weil es unterwegs viele Händedrücke, Umarmungen und guten Wünsche gab.

Und endlich oder schon war der letzte Tag in Nierstein da. Wir hatten ihn gut durchgeplant, um ihn nicht zu lang werden zu lassen. Und trotzdem, irgendwann am frühen Nachmittag stand die Tochter gleichzeitig lachend und weinend vor mir, voller Selbstzweifel, Angst und Sorgen. Und da wurde es auch mir endlich richtig bewusst: sie geht tatsächlich für ein Jahr nach Afrika. Wir umarmten uns.

Der Opa kam zur allerallerletzten Verabschiedung und vermutlich wollte er seiner Enkelin etwas Liebes tun, als er ihr (stellvertretend auch für ihre Brüder) dafür dankte, dass alle drei Woche für Woche zu Besuch gekommen seien, das habe ihm sehr geholfen. „Aber ich komme doch wieder!“, sprach die Tochter mit äußerst wackliger Stimme und der beste Vater meiner Kinder ergänzte, dass ja auch die Söhne bald wieder daheim seien. Schluck.

Wir wuchteten Koffer, Rucksack und Laptoptasche ins Auto, versorgten den gar nicht mehr so kleinen Hund mit einem „ich geh weg und du bleibst da“-Knochen. Die Tochter sagte „Tschüss, Haus!“ und wir fuhren endlich los. Endlich, weil es jetzt wieder voran ging. Kein passives Warten mehr, sondern losgehen.

Im Auto sangen wir sämtliche Lieder zum Thema Afrika, zwischendurch „hach-ten und ach-ten“ wir ein bißchen schwermütig. 

Am Flughafen traf die Tochter direkt auf andere Freiwillige, sie checkte ein und gab den Koffer mit zum Glück passenden Gewicht auf. Wir standen abseits und beobachteten, wie sie lachte und strahlte, erzählte und kicherte und wir wussten: jetzt ist der richtige Augenblick für unseren Abschied gekommen. Eine Umarmung, ein Kuss und das, was man sich zum Abschied sagt, wenn man sich lieb hat.

Wir hielten uns fest an den Händen als wir gingen, aber traurig waren wir nicht. Vielleicht ein bißchen wehmütig, weil so wird das halt jetzt bei uns in nächster Zeit laufen: die Kinder werden immer längere Ausflüge machen und irgendwann lassen sie den Haustürschlüssel da.

Ich fühlte mich sehr abgeklärt und cool bis genau zu dem Moment, als mein Körper Schlaf forderte und mein Kopf mir mitteilte: jetzt sitzt sie im Flugzeug, in sieben Stunden erst wird sie landen, dann, wenn du wieder aufstehst. Ich fasse es zusammen: die Nacht war kurz und voll wildester Gedanken, obendrein hatte der gar nicht mehr so kleine Hund Durchfall von seinem Knochen und der erste Morgen ohne Tochter war dann eher doof. Außerdem kam keine „ich bin gut gelandet!“-Nachricht, als es Zeit für eine solche Nachricht gewesen wäre. Das Internet spuckte aus, dass das Flugzeug wohlbehalten gelandet war, von der Tochter selbst kam nichts.

Keine Nachrichten sind gute Nachrichten, das wissen wir alle und was soll auch passieren, wenn eine Gruppe von 50 Jugendlichen, von zwei Betreuern begleitet, von zwei weiteren Betreuern abgeholt wird? Vermutlich gab es einfach kein WLAN oder keine Zeit oder das Handy wurde schon gestohlen, wer weiß das schon.

Am nachmittag wurde ich dann unruhig. Versuchte, mich über mich selbst lustig zu machen, indem ich mich daran erinnerte, wie das früher ohne Handy war. Da wartete man auf eine erlösende Postkarte oder so. Am Abend begann ich an meiner Nagelhautherumzuzupfen bis es blutete. Der gar nicht mehr so kleine Hund, dem ich mein Leid klagte, versuchte mein Gesicht zu lecken, was mich immerhin zum Lachen brachte.

Und dann kam eine SMS: alles gut, erst morgen Netz, dann mehr.

Ich schlief tief und traumlos von 22:00 Uhr bis 8:00 Uhr und habe heute morgen bereits zwei hübsche Bildchen geschickt bekommen und kurz mit meinem fröhlichen Mädchen whatsapp getauscht. Sie wird demnächst, wenn Sie Zeit und Netz hat bloggen und ich werde entspannt atmen. Was ist schon ein Jahr, wenn es ihr gut geht?

„Zum 18. Geburtstag schenke ich dir einen Koffer, ein Kochbuch und eine Waschmaschine!“, versprach ich jedem Kind nach der Geburt und tatsächlich bekamen bereits zwei der Kinder ein Kochbuch und statt dem Koffer einen 45l- Rucksack, der ist praktischer. Für die Waschmaschine haben sie keinen Platz in ihren Zimmern, noch wasche ich also ihre Klamotten mit. Aber eigentlich will ich gar nicht übers Wäschewaschen schreiben, sondern darüber wie das so ist, wenn die Kinder so nach und nach aus dem Haus verschwinden. (Komisch)

Heute morgen haben wir den Großen verabschiedet. Er fuhr mit den anderen Zeltlagerbetreuern ins sogenannte „Aufbaulager“, in dem sie Schlaf-, Aufenthalts-, Dusch- und Küchenzelte aufbauen, damit am Samstag die Teilnehmer des Zeltlagers anreisen können. Ab Samstag ist also auch der Jüngste aus dem Haus. Das ist nichts Neues und auch nicht wirklich schlimm, denn seit Jahren sind alle drei Kinder im Sommer zwei Wochen unterwegs und wir genießen das leere Haus.

Nächste Woche Mittwoch wird die Tochter abreisen. (Falls Sie tatsächlich noch nicht mitbekommen haben wohin: sie wird ein Jahr lang in der Nähe von Kapstadt leben und arbeiten. Und darüber in ihrem Blog schreiben.) Dieses Jahr ist natürlich eine lange Zeit, doch im Grunde genommen kann man das ja ganz gut aushalten, weil dieses Internet die Welt klein gemacht hat und Kontakt leicht zu halten ist. Vermutlich verabschiedeten sich der Große und die Tochter deshalb heute morgen so leicht voneinander. (Vielleicht aber auch deshalb, weil der Große seinen Besuch schon geplant hat.)

Ach, der große Sohn. Er hat seinen Auszug geplant, Anfang nächsten Jahres will er sich eine kleine Wohnung suchen. Das ist toll und großartig und das, was wir ihm wünschen: auf eigenen Füßen zu stehen und sich eine wunderbare Zeit ganz allein, mit eigenen Entscheidungen und Ideen zu machen. Samt Koffer Rucksack, Kochbuch und dann ganz sicher auch mit eigener Waschmaschine.

Damit ist alles rosig und prima.

Wäre es, wenn ich nicht unser letztes gemeinsames Frühstück verpasst hätte. Letzten Sonntag, als wir alle zum allerletzten Mal zusammen in der Grünen Villa wohnten und aßen und mir dies nicht bewusst war, ich nicht „Boah, das ist das LETZTE Mal!“ gesagt, gerührt geschnieft und damit die gesamte Familie in Verlegenheit gebracht habe. Ich habe einfach nicht daran gedacht, es gar nicht bemerkt.

Wir werden bestimmt auch in Zukunft gemeinsam essen, lachen und feiern. Aber nicht mehr alle zusammen unter einem Dach leben. Und dieser große Abschied sorgt dafür, dass ich mit ziemlich belegter Stimme den neuen Lebensabschnitt begrüße.

Uff. Hallo.

Unpädagogische Tage

2. August 2016

Vor fünf Jahren, als die Söhne im Zeltlager waren, der beste Vater meiner Kinder gerade keinen Urlaub hatte, die Tochter und  ich also viel Zeit miteinander hatten, beschlossen wir, einen unpädagogischen Tag zu leben. Einen ganzen Tag lang nur fernzusehen, rumzuhängen und ganz viele Sachen zu essen, die es sonst nur in geregelten Mengen gibt.

Wir frühstückten am Eisstand und spazierten danach zum Supermarkt. Jeder durfte drei Sachen auswählen: etwas Leckeres, etwas Unbekanntes und etwas, das irgendwie gruselig ist. Außerdem noch mehr Eis und ein Kilo Zwetschgen, denn die hatten eine wirklich hübsche Farbe.

Daheim befüllen wir viele Schüsseln mit unseren Köstlichkeiten und setzten uns damit vor den Fernseher. Gilmoer Girls, Staffel eins.

Wir kamen bis in die Mitte der zweiten Staffel und nach Eis, Chips, Keksen und Schokolade schmeckten die Zwetschgen vorzüglich, die Gier nach etwas Frischem konnte damit gestillt werden.

Wann immer sich die Gelegenheit bot und ich mit einem Kind längere Zeit alleine daheim war, wiederholte ich diesen Tag. Mit dem Jüngsten gab es statt Gilmore Girls alle Hobbitfilme :)

Heute haben die Tochter und ich erneut einen pädagogischen Tag zelebriert. Die Männer der Familie kraxeln nämlich auf Klettersteigen herum und wir blieben freiwillig daheim. Gestern kauften wir ein, heute gab es ein Tablett voller Leckereien und Gilmore Girls.


Wir prosteten mit merkwürdigen Eisteegetränken 


und fragten uns, wer so etwas wirklich gerne trinkt. Später, als wir furchtbar satt von den Knabbereien war, blieb nur noch Platz für ein Eis.


Eine herbe Enttäuschung übrigens, dieses Eis. Ich hatte Erdbeereis mit Krümeln, weil die Geschmacksrichtung nicht nur strawberry, sondern auch noch cheesecake ist. Muss ich nicht unbedingt haben, aber jetzt kann ich halt mitreden. Das Kuchenteigeis der Tochter ist ähnlich gewöhnungsbedürftig, Vanilleeis mit süßen Klümpchen.

Spannend ist es, Gilmore Girls mit meiner nun fast erwachsenen Tochter zu schauen und zu beobachten, wie sich ihr Weltbild, ihre Ansichten verändert haben. Früher fand sie den drögen Dean nett, mit Jess konnte sie nichts anfangen, zu gefährlich. Logan war und ist egal, wir mögen beide Marty :) Und Paris. Außerdem ahnen wir, dass wir die Fortsetzung nicht mögen werden, sie aber natürlich trotzdem schauen. Gemeinsam, auf verschiedenen Kontinenten.

Den Abschluss des Tages, nach Hunderunde und dem Beziehen des Sofas mit frischgefärbten Bezügen, feierten wir mit einem Glas Hugo, bevor wir die nächste DVD einlegten. Staffel sechs. Noch zwei Wochen Zeit für den Rest.


Ich erwähnte es schon oft, doch gerade heute wurde es mir wieder klar: große Töchter sind toll.

*****

Diese unpädagogischen Tage sind unser Pendant zu den Mitternachtsfesten, die in Enid Blytons Kinderbüchern gefeiert wurden. Jede Menge tolle Sachen essen, zusammen sein, Besonderes tun. Stoff für ganz viel „Weißt du noch…“ und verschwörerische Erinnerungen. 

*****

Und morgen gibt’s Reis und Gemüse.

Erziehung, beendet.

31. Juli 2016

Die Kindelein sind groß, nahezu er- und unserem Einfluss entwachsen, was liegt da näher, als hier endlich mal einen umfassenden, ausführlichen und vor allem allgemeingültigen Text darüber zu schreiben, wie wir den beschwerlichen Weg bis hierhin erfolgreich hinter uns brachten. ;-)

Erfolgreich in unseren Augen, denn irgendwie wurden diese Kinder trotz oder wegen ihres Aufwachsens in unserer Familie zu freundlichen, aufgeschlossenen, vielseitig interessierten, hilfsbereiten, engagierten und vor allem klugen Menschen. Dafür klopfen wir uns gerne gegenseitig und selbst auf die Schultern und Ihnen verrate ich unsere Super-Methode.

Auffällt wahrscheinlich direkt, dass ich das Wort „Erziehung“ elegant umschifft habe, denn die jungen Eltern von heute erziehen ja nicht mehr. Nicht im Sinne von Laissez-faire (lasse mache, die Kinner. Alla.), sondern im Sinne von begleiten, sachte führen, anbieten, auf Augenhöhe leben und das Ganze nennt sich dann „unerzogen“. Bitte nicht verwechseln mit „ungezogen“ im alten Wortsinn. Warum genau man nicht mehr „erziehen“ sagen oder machen darf, will sich mir nicht so recht erschließen, aber ich bin eben nicht mehr ganz in der Materie, lese nur ab und an einen dogmatischen Blogartikel und denke mir meinen Teil. Weil nämlich:

Neulich las ich (sinngemäß), dass dieses ganze Eingehen auf´s Kind und dieses „das Nein des Kindes akzeptieren“ ja schon sehr anstrengend sei, zumal das eigene „Nein“ kaum fruchte und wo denn die eigene Persönlichkeit bliebe, wenn sie immer hinter der des Kindes zurückstecken müsse, was das Kind denn daraus lernen würde. Man einigte sich irgendwann darauf, dass es vermutlich dem Kind keine bleibenden seelischen Schäden verursachen würde, hin und wieder doch in Grenzen geführt oder sogar nachdrücklicher darauf hingewiesen werden müsse. Wie gesagt, ich gebe dies sinngemäß wieder und der latente Sarkasmus blitzt mir in die Tasten, weil hier mit viel Getöse angeblich das Rad neu erfunden wird, letztlich ein alter Schuh aber einfach nur einen neuen Namen bekommt. Denn stellen Sie sich vor, genau so haben wir unsere Kinder großbekommen, nur nannten wir das schlicht „erziehen“. Mit „wir“ spreche ich vom besten Vater meiner Kinder und seinem holden Weib, aber auch von befreundeten Elternpaaren, deren Kindern mit unseren großwurden.

Wir überlegten oft und viel, wie ein Zusammenleben sein könnte, so dass sich alle gleichermaßen wohlfühlen. Nein, wir setzten uns nicht zusammen brainstormend an einen Tisch, das ergab sich einfach. Wenn wir uns etwa nicht dabei wohlfühlten, dass ein Kind die Wand oder den Boden bemalte, dann durfte das Kind weder den Boden noch die Wand bemalen, aber weil es vielleicht gerade ein großes Bedürfnis verspürte, großflächig zu malen, bekam es dafür eben eine Rolle Tapete. Und wenn wir uns nicht dabei wohlfühlten, weil ein Kind auf Schränke kletterte, wurde das Kind darauf hingewiesen und wir wussten dass es Zeit ist, den Bewegungsdrang zu erfüllen. Wenn hingegen ein Kind den Wunsch verspürte auf die Straße zu rennen oder spitze Gegenstände in Steckdosen zu stecken, mutierten wir zu Erklärbären, nach einem sehr klaren und unbedingt befolgbaren „Nein!“. Jede Lebensphase der Kindelein brachte die Notwendigkeit der Neuanpassung und des Überdenkens. Der Einjährige, der wirklich gerne beim Kochen helfen wollte, durfte, endlich als Zweijähriger feinmotorisch etwas fitter, statt nur Kartoffeln in den Topf zu werfen, diese auch schälen, der Zweijährige, der in Reichweite an der Straße sein musste, durfte als Dreijähriger bis zur nächsten Ecke vor laufen. Der Siebenjährige hatte nach Logo! Feierabend, der Achtjährige durfte die Tagesschau dranhängen. Spitze Gegenstände dürfen sie übrigens noch immer nicht in Steckdosen stecken, es sei denn, sie haben einen triftigen Grund und vorher die Sicherung rausgedreht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses „unerzogen“ gar nicht so weit von unserem „bedürfnisorientierten Ansatz mit klarer Ansage bei Bedarf“ abweicht. Außer dass es vielleicht anders heißt und sich aufgrund seiner schwammigen „nichtneinsagenweildasKindsonstirgendwieblabla“-Regeln für mich ziemlich stressig liest.

Von „sanfter Einschlafbegleitung“ las ich neulich übrigens auch. Und dass das Kind einfach selbst entscheidet, wann es schlafen will. Da zuckte es doch sehr in meinem Augenlid, denn ich bin ja nun stolze Mutter von drei Kindern, die alle drei höchst unterschiedliche Schlafgewohnheiten pflegten und hätten sie diese ausleben können, wären meine Schlafgewohnheiten leider komplett untergangen, bzw. einfach abgeschafft worden.

Nähkästchen auf:

Als ambitionierte Neumutter hatte ich beschlossen, dass mein frischgeborenes Baby nirgendwo besser schlafen würde als ganz nahe bei mir. In meinem Bett. Nicht bedacht dabei hatte ich, dass ich nicht schlafen kann, wenn jemand mit in meinem Bett liegt. Also ganz unmittelbar neben mir. Der beste Vater meiner Kinder und ich können prima auf unserer zwei Meter breiten Matratze nebeneinander schlafen, bei geringerem Abstand wird es aber kritisch, denn da atmet dann jemand neben mir. Oder röchelt oder schnorchelt oder im Falle des neugeboren Großen: macht all diese niedlichen Babygeräusche, die Neugeborene eben tun. Die Folge war, dass ich nicht mehr schlief, weil ich zuhören musste, ich daraufhin sehr gestresst war, was wiederum das Baby und den besten Vater meines Babys stresste, was wiederum dazuführte, dass das Stillen schrecklich wurde, weil ich nur noch müde und schlechtgelaunt war und so weiter und so weiter. Und dann schlief das Baby im Stubenwagen und siehe da: Frieden und Stille(n). Trotzdem wollte ich das Baby sanft in den Schlaf geleiten und trug es deshalb, wenn es aussah, als wolle es längere Zeit am Stück schlafen (der Große schlief nicht allzu viel), bis zu einer Stunde lieblich vor mich hin singend, bis es endlich an meiner Schulter einschlief und ich es sachte ablegen konnte. Als ich meinen ziemlich großen Anderthalbjährigen über meinen recht stattlichen Zweitbabybauch drapierte und ihn singend eine Stunde durch die Gegend schleppte, verlor ich etwas die Geduld mit der sanften Einschlafbegleitung und deshalb taten wir das, was heutzutage wirklich, wirklich schlimm ist und zartfühlende Gemüter mögen erst nach dem nächsten Absatz weiterlesen: wir lasen das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ und folgten den Empfehlungen. Ab dem dritten Abend schlief unser großer Sohn nach Geschichte und Gute-Nacht-Kuss friedlich in seinem Bett ein und tut das bis heute so, minus Geschichte und Kuss, aber ohne Alpträume oder unaufgearbeitete Traumata. Die Mittlere schlief von Anfang an in Stubenwagen und Bett, immer dann, wenn der Große dies tat und der Jüngste schlief einfach überall, mit zwei Geschwistern vermutlich froh, wenn er mal ein ruhiges Stündchen hatte.

Weiterhin las ich, dass man Kinder nicht mehr mit Brei füttert, sondern ihnen irgendwas in die Hand drückt, an dem sie herumlutschen können. Vermutlich ist das ganz super begründet und irgendwie auch total wichtig, aber wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich für solche Experimente wenig Zeit und Nerven. Der Große stieg von Milch auf Karottenbrei und irgendwann auch Griesbrei um, Kartoffeln, Fleisch und andere Gemüse kamen nach und nach hinzu. Er hielt Löffel in der Hand, während ich im Löffel in den Mund schob, er patschte Löffel in den Brei und schob sich Breilöffel ins Haar und Ohr, aber letztlich wurde er immer satt und das zügig, was prima war, weil das Neugeborene nach Milch krähte. Vielleicht ist es für Kinder wirklich eine Super-Erfahrung, ihr Essen zu entdecken, doch für uns war es keine erstrebenswerte Erfahrung, kostbare Lebensmittel unter Tisch und Stuhl und in Klamotten und Haare geschmiert zu finden oder angelutscht irgendwann zu entsorgen. Aber das ist wohl Einstellungssache, genauso wie die faszinierende Idee, Babys ohne Windeln großzuziehen. Das wäre mir wirklich, wirklich zu anstrengend gewesen, meine Kräfteressourcen verteilte ich lieber anders. (und experimentierte mit Stoffwindeln zum Beispiel. Kurz.) Die Geschwister des Großen stiegen übrigens quasi von der Milch auf Butterbrot um, der schiere Futterneid ließ sie alles haben wollen, was der vergötterte große Bruder da bekam.

*****

Ich gebar ein Kind stationär im Krankenhaus, eines ambulant und eines daheim. Eins wurde sehr viel früher eingeschult, eines kurz vor sechs und eines deutlich später. Ein Kind stillte ich vier Monate, eines acht und eines über ein Jahr. Ein Kind bekam im ersten Lebensjahr keinen Zucker, ein anderes Kind nuckelte im zarten Alter von fünf Monaten an einem Schokocroissant, ein Kind konnte mit drei Radfahren, ein anderes erst mit neun.

Keines meiner Kinder war beim Babyschwimmen, Babyyoga, wurde massiert oder mit Mozart zur Hirnbildung beschallt, wir besuchten keinen PEKIP-Kurs oder den Kurs zur musikalischen Frühförderung. Alle lernten früh schwimmen, standen früh auf Inlinern. Der Große besuchte mit vier einen Kurs, in dem getöpfert und gleichzeitig Englisch gelehrt wurde. Das hatte damals seine Berechtigung, ist aber schlimmstenfalls die Erklärung, warum er Fremdsprachen nicht wirklich super findet, wer weiß das schon. Worauf ich hinaus will nach diesem langen, vielleicht doch ein bißchen „seht mal, wie toll das bei uns lief“- Text (Verzeihung, war nicht alles rosig und richtig. Echt!): allein meine drei Kinder sind mit verschiedensten Ansätzen, Ideen und Vorstellungen großgezogen und erzogen worden, hoffentlich immer so, wie sie oder eben auch wir es gerade brauchten. Kein Erziehungsratgeber, kein Blog, keine andere Mutter (und sei sie noch so super, souverän, kompetent oder erfahren) kann umfassend und allgemeingültig _DIE_ Methode benennen und definieren, wie das Zusammenleben mit Kindern erfüllend, schön und letztlich auch zielführend gestaltet werden muss. Und genauso kann niemand beurteilen, und sei er noch so super, souverän, kompetent und erfahren oder denkt, er sei dies alles, ob irgendjemand alles falsch oder richtig macht. Erziehung – und ja, ich bleibe bei diesem Begriff – erfordert Phantasie, Selbstbewusstsein, Aufmerksamkeit und jede Menge Liebe. Kein Tipps, Ratschläge und Vorschriften. Und keine „Mommy Wars“. Es ist großartig, dass es so viele Ansätze und Ideen gibt, doch niemand muss sich unter Druck setzen, um einem gerecht zu werden, denn niemand passt genau in das Förmchen der super-souveränden-kompetente und erfahrene Blogkollegin* oder deren Kinder, es gibt nicht den einen Stil, die eine Methode. Das wäre auch wirklich langweilig. :)

 

Wir, der beste Vater meiner Kinder und ich, sind übrigens fertig mit diesem Erziehungsdings. Unsere Erfahrung ist, dass mit ca. 14 Jahren der Zug abgefahren war. Alles, was wir bis dahin nicht „verankert“ hatten, lief ins Leere. Danach begann unsere Zeit auf Augenhöhe, nicht nur körperlich. (ein tolle Zeit! Lassen Sie sich bloß keine Angst vor dieser Pubertätsunkerei einjagen!)

 

*sorry Blogkollegen, aber Ihr seid mir bisher einfach noch nicht so „ich weiß es echt besser, wirklich“- schreiend aufgefallen.

Zwei große Pakete standen gestern im Weltladen, beide voller Geschirr, das wir noch für die Wiedereröffnung bestellt hatten. Ich musste auspacken, die Ware überprüfen, auszeichnen und zuletzt hübsch ins Regal packen.

Eine zeitaufwändige Sache, doch meistens geht mir so etwas schnell von der Hand. Gestern aber nicht, denn gestern musste ich ganz viel aus dem Schaufenster schauen und amüsiert grinsen. Weil: gegenüber des Weltladens ist ein Pokétreff. Und weil gestern das Spiel pokémonGO epidemieartig auch Nierstein überschwemmte, konnte ich sehr viele Jugendliche beim Pokémonfangen beobachten. Praktischerweise wurde halbstündlich ein Lockmodul geschaltet, so dass ich nicht nur beobachten, sondern auch viele tolle Pokémons selbst fangen konnte.

Die Epidemie hat mich nämlich auch erwischt und ich verfalle ihr nur allzu gern! Es ist einfach zu witzig, diese merkwürdigen Pokémons aufzustöbern und letztlich auch zu fangen. Dass man sich dabei draußen auch noch bewegen muss, ist ein erfreulicher Nebeneffekt und sollte doch der „die Jugend von heute versauert vor ihren Endgeräten“-Fraktion den Wind aus den Segeln nehmen.

Früher (2005) jagte man Pokémons übrigens so:

Fernsehen war zu dieser Zeit weitestgehend uninteressant, am Computer spielen oder mit dem Gameboy zu versacken hingegen das Allergrößte. Es begann also das Thema „Medienerziehung“ bei uns und wenn ich heute Artikel zu „unerzogen“ und „selbstbestimmt“ lese, muss ich schon sehr kichern, denn ohne Reglementierung und Einmischung von uns Eltern wären die Kindelein hinter diesen Geräten vor Faszination vermutlich schlicht verhungert. (Wir beschlossen übrigens: eine Stunde Medien, welcher Art auch immer, ansteigend mit wachsendem Alter, Hausaufgabenrecherche am Rechner zählt nicht. Falls es Sie interessiert.)

Wenn die Kindelein in ihren Betten lagen, durfte endlich ich auf dem Gameboy Pokémons jagen. Allerdings niemals meinen Spielstand speichern, denn ich spielte ja das Spiel der Kinder weiter, mehrere Accounts konnte man nicht anlegen. Angefangen zu spielen hatte ich, weil ich natürlich wissen wollte, was die hinreißenden Bestien da so fesselte, weitergespielt hatte ich, weil es mich gleichermaßen fesselte. Gameboy/Pokémon-Verbot gab es übrigens auch zwei,dreimal für den Großen, als jeder seiner Sätze mit dem Namen eines Pokémons begann und sein Leben nur noch um dieses Thema kreiselte. Die anderen beiden stiegen nie so exzessiv ins Thema ein. Ich schon, ich bekam eine Sehnenscheidenentzündung vom Daddeln und das war mir dann auch eine Lehre.

Damals war das neu, dieses Spielen an Gameboy oder Computer. (am Computer übrigens die grandiosen Spiele von Terzio. „Klopf an!“ als Einstieg, später die verschiedenen „Max und …“-Spiele. Oder die witzigen „Petterson und Findus“-Spiele.) Wir Eltern hatten keine Ahnung, was das mit unseren Kindern macht. Ob sich nun alle Kinder plötzlich in zappelige Hibbelkinder ohne Konzentrationsvermögen verwandeln würden, sie früher oder später erblinden könnten oder von Stund an einsam, als bleiche Made, sich nur noch von Pizza ernährend vor dem Rechner versacken würden. Im Freundeskreis diskutierten wir heiß, letztlich suchte jede Familie die für sich beste Lösung. Unsere – schnell zusammengefasste – Lösung war: Faszinierendes Zeug, Zugang ermöglichen, immer am Ball bleiben und ein bißchen darauf achten, dass der Stellenwert nicht zu hoch wird, Alternativen finden. Und auf gar keinen Fall verteufeln oder verspotten, stattdessen interessiert und tolerant für vielleicht Neues/Merkwürdiges sein.

Damit lebten wir prima.

Ein paar Jahre später boomte geocaching. Mit dubiosen Kästchen in der Hand wanderten Menschen durch teils unwegsames Gelände, um Plastikdosen zu finden und sich in ein Logbuch einzutragen. „Kann man nicht einfach nur wandern?“, fragten viele Menschen, „Immer muss alles irgendwie mit Computern zu tun haben.“ Wir cachten mit Begeisterung und befanden: „Ja, dank Computer macht dieses Rumwandern noch viel mehr Spaß! Auch – und gerade – den Kindern.“

Die Kinder bekamen eigene Rechner, eine Wii zog ein. Die Kinder kauften sich neue, bessere Computer und jedes besaß plötzlich ein Smartphone. Sie verbrachten und verbringen sehr viel Zeit an und mit diesen Geräten, genauso wie wir Eltern. Nebenbei haben sie es aber trotzdem geschafft, lebenstüchtige, kluge junge Erwachsene mit stabilem Freundeskreis zu werden. (wir klopfen uns dafür selbstverständlich auf die Schulter und ich werde demnächst ultimative und allgemeingültige Ratgeber schreiben, um mir endlich eine goldene Nase damit zu verdienen)

Ich spiele nicht mehr jedes Conputerspiel um mitreden zu können, halte aber beim Internetgeschehen ganz gut mit. Und versuche weiterhin tolerant und interessiert Neuem/Merkwürdigem gegenüber zu sein. Weil es nämlich neu ist und wir noch gar nicht wissen können, ob es wirklich so furchtbare Dinge mit uns Menschen anstellt, wie man befürchten könnte. Gestern habe ich erlebt, wie sich verschiedenste Jugendliche an der frischen Luft (!) trafen, die einzige Schnittmenge der Gruppen war ein ziemlich schlichtes Computerspiel. Alle freuten sich, als ein Enton auftauchte, alle waren sich einig, dass es viel zu viele Taubsis und Zubats gibt. Team Rot saß bei Team Blau und als einer von Team Gelb vorbei kam, wurde er bemitleidet, weil er so alleine war.

Es klingt merkwürdig, was diese Pokémonspieler da sprechen und ein bißchen dämlich sieht es auch aus, wie sie da rumstehen und mit dem Zeigefinger über eine Glasplatte zu wischen, um ein virtuelles Wesen zu fangen. Das muss aber niemandem Angst oder Sorge bereiten, denn da haben Menschen einfach nur Spaß an etwas Neuem. Kein Grund zu spotten oder abwertende Bemerkungen zu machen.

Morgen freuen sich wieder alle über Fußball. Oder das Dschungelcamp.