Wir werden reifer.

27. Januar 2015

Da der Jüngste zum Beginn seiner Ausbildung noch nicht volljährig ist, verlangt das Jugendarbeitsschutzgesetz eine Untersuchung, die die Arbeitstauglichkeit bestätigt. Diese Untersuchung nahm heute unser Kinderarzt vor: der Knabe ist fit und darf auch schwer körperlich arbeiten.
Zum Abschied gratulierte der Kinderarzt ihm und uns zum Ausbildungsplätze und umarmte den schwer verdutzen Jüngsten. “Wir werden reifer…”, sagte er zu mir, fest meine Hand haltend und seufzte.
Dieser Kinderarzt hat den Jüngsten nun sein Leben lang begleitet. Er sah ihn zum ersten Mal bei uns daheim im Schlafzimmer, als der Jüngste gerade ein paar Stunden alt war. Nächstes Jahr wird er ihn zum letzten Mal sehen, wenn diese Arbeittauglichkeitsuntersuchung wiederholt und gleichzeitig die J2 gemacht wird. Dazwischen hat er unzählige Male Mittelohrentzündungen diagnostiziert, Klartext gesprochen, ermutigt, gelobt, meiner Einschätzung geglaubt und sich über jeden Entwicklungsfortschritt gefreut. Hat immer interessiert und geduldig dem Jüngsten zugehört und zu ihm heute wie vor fast 16 Jahren “alles dran, alles perfekt” gesagt.

Ich habe heute gelernt, dass man nicht nur bei so normalen Sachen wie “letzter Kindergartentag”, “Einschulung”, “jeder Geburtstag” und “irgendein Bühnenauftritt” Tränen in den Augen haben kann, sondern auch bei der Vorstellung, dem Kinderarzt nicht mehr “bis zum nächsten Mal!” sagen zu können.

Ob so was von so was kommt?

22. Januar 2015

Im April sind es bereits 16 Jahre, die wir in der Grünen Villa wohnen. Wehmütig-verklärt blicke ich auf die ersten Monate zurück, in denen wir mit einem Neugeborenen, einer Anderthalbjährigen und einem gerade Vierjährigen dort einzogen. (haha)
Der einzige Raum, der fertiggestellt war, war das Kinderzimmer. In allen anderen Räumen, selbst in unserem Schlafzimmer, herrschte Renovierungschaos. Ein Küche hatten wir auch nicht, denn wir träumten von einer großen Wohnküche. Die passte aber nur in einen anderen Raum und deswegen mussten sehr viele Leitungen neu verlegt werden. (und deswegen kochte ich längere Zeit auf einem Zweiplatten-Elektrokocher und hatte kein richtiges Spülbecken, aber das ist eine andere Geschichte) In den lautesten Phasen des Leitungsverlegens, als Löcher in Wände und Boden gebohrt wurden, übernahmen meine Schwiegereltern die beiden größeren Kinder, ich verkroch mich mit dem Jüngsten im Kinderzimmer. Der schwer schuftende Installateur leistete uns während seiner Pausen gerne Gesellschaft. Er verspeiste sein Wurstbrot, ich stillte den Jüngsten und deshalb kann ich wohl mit Fug und Recht behaupten: der Jüngste hat diese Gas-Wasser-Heizungsbau-Installateur-Sache bereits mit der Muttermilch eingesogen. Völlig klar also, dass er 15 Jahre später ein zweiwöchiges Berufspraktikum in diesem Bereich macht, sehr viel Freude dabei hat, sich im Anschluss um einen Ausbildungsplatz bewirbt und diesen auch bekommt. Heute hat er den Ausbildungsvetrag unterschrieben, am 3. September tritt er seine Ausbildung zum Anlagenmechaniker Sanitär-Heizung an.

Das Lieblingslied des Tages singt uns heute Reinhard Mey.

(Wir sind unsagbar stolz und glücklich. Den Ausbildungsplatz hat er sich ganz alleine erarbeitet, weil er während seines Praktikums großes Interesse und Geschick gezeigt hat, sofort mit angepackt hat und dabei ein Händchen bewiesen hat. Dies teilte uns die Chefin heute mit. Die Noten im Zeugnis sind völlig egal.)

Hach. Der Jüngste ist angekommen.

konsequent inkonsequent

21. Januar 2015

Würde man mich nach einem wirklich guten Erziehungstipp fragen, spräche ich wahrscheinlich sehr ausschweifend und blumig von Konsequenz. Alles, was man den Kindern verspricht, androht, mit ihnen abmacht oder ihnen verbietet: konsequent einhalten, einfordern, ausführen. Außerdem ständig überlegen, ob das, was da eingehalten, eingefodert und ausgeführt wird und ist, noch Sinn hat. Das meiste dient dem Schutz der Kinder, der Rest sorgt für ungetrübte Harmonie.

Ganz einfach.

Je älter die Brut allerdings wird, desto komplizierter und vielschichtiger wird die Sache, denn plötzlich gibt es da Konsequenzen, die wir gar nicht setzen. Schlechte Noten für schlecht gelernten Vokabeln zum Beispiel. Oder nach mehrfach geschwänztem Training keine Teilnahme am Wettkampf. Außerdem ist da auch immer noch der eigene Schweinehund, der sagt: “och. Nun lass sie doch …*wasauchimmer*!”, weil das gerade bequemer ist. Und man hört immer wieder auf den fiesen Schweinehund, obwohl man ja doch sehr gut weiß oder die Erfahrung gemacht hat, dass das Hinterher meistens doppelt unbequem ist.

Das ist jetzt eine wahnsinnig lange und umständliche Einleitung zum dem, was ich eigentlich erzählen will.
Es ist nämlich so, dass der große Sohn es tatsächlich geschafft hat, mit zwei Freunden zusammen einen Skiurlaub zu planen. Und sie diesen Plan sogar umgesetzt haben, d.h. sie haben ein Skigebiet gefunden, in dem wahrscheinlich Schnee liegt, eine Ferienwohnung dort gemietet und in Erfahrung zu gebracht, was wohl ein Skipass kosten wird. Ich freue mich sehr für ihn (und seine Freunde), dass sie das wirklich hinbekommen haben, denn a) hat die Jugend von heute einfach für nichts mehr Zeit und b) scheint die Jugend von heute ein wenig schwerfällig beim Planen.
Ende letzten Jahres stand der Urlaub und das war ja quasi erst gestern, weswegen es völlig normal ist, sich erst kurz vor knapp daran zu erinnern, dass man im Skiurlaub vor allem eins braucht: Skikleidung. Die letzte Skihose des großen Sohnes hatte Konfektionsgröße 164, wir fahren hier am Rhein eher selten Ski.
“Diesmal halte ich mich total raus, das muss er alleine hinkriegen. Wenn ich ihn nicht endlich aus der comfort zone stoße, kaufe ich ihm noch Unterhosen, wenn er 50 ist.”, tönte ich selbstsicher vor dem besten Vater meiner Kinder. Allerdings fragte ich kurz nach, wie es denn mit Skiklamotten aussieht. “Kümmere ich mich drum!”, sprach der große Sohn und zog fröhlich von dannen.
Eine Woche später ertappte ich mich bei der “Hast du dich denn eigentlich um Skiklamotten gekümmert?”-Frage und wieder eine Woche später mahnte ich “Du musst dich echt langsam um Skiklamotten kümmern, sonst wird das schwierig.”
“Aber jetzt lasse ich ihn echt auflaufen. Das KANN doch nicht sein!”, steigerte ich mich rein.
Um mich ein paar Tage später mit dem großen Sohn am Küchentisch vor dem Rechner wiederzufinden, das Internet nach Skihosen absuchend. Das war gestern.
Heute fuhren wir gemeinsam nach Mainz, kauften UnterSkihosen, Skistrümpfe, Skihandschuhe und eine neue Jacke.

Und morgen gebe ich meine vorlaute “Konsequenz ist alles!”-Klappe zurück, die ist auch nur ein bißchen gebraucht.

Was willst du mal werden?

16. Januar 2015

Diese Frage stellt man seinen Kindern ja irgendwann mal, meistens dann, wenn sie noch keine Ahnung haben, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Also wenn sie so ca. drei bis 19 Jahre alt sind.
Wenn die Kindelein noch sehr klein sind, wollen sie Dinosaurierforscher, Feuerwehrmann oder Arzt “aber ohne operieren!” werden.
Wenn die Kindelein dann sehr groß geworden sind, werden die Berufswünsche sehr unspezifisch. Im doofsten Fall heißt es nur noch “auf keinen Fall was mit Chemie, Biologie, Geschichte, Deutsch …” und eine Perspektive gibt es nicht. Der große Sohn eiert so ein bißchen durch die Gegend, hat mit Blick auf Freunde, die derzeit ihr Abi schreiben einen kleinen Schreck bekommen. Denn seine Abiturprüfung ist nun ein Jahr her und irgendwie ist er noch immer nirgendwo richtig angekommen.
Für uns als Eltern ist das auch eine merkwürdige Situation, denn natürlich werfen wir ihn nicht raus. Und wollen auch keinen Druck aufbauen. Keinen richtig festen Druck, nur so ein anstuppsen. So ein “Mach mal. Mach irgendwas. Schau dich um, informiere dich.” Spannend dabei ist, nicht bevormundend zu werden, keine eigenen Wünsche/Vorstellungen/Träume als den alleinigen Segen zu verkaufen und penetrant zu sein, um womöglich zu nerven. Weil dann fällt der Vorhang und offene Gespräche werden selten.
So viel Zeit wie er braucht soll er bekommen, doch gleichzeitig soll er wissen, dass er dranbleiben muss.

Es ist eine schwierige Zeit, nur eine Phase. So wie jede Entwicklungs- oder Erziehungsphase mit den Kindern. Anfangs fragt man sich, was da nur wieder passiert, zwischendrin will man wahlweise weglaufen, heulen oder das Kind verkaufen und hinterher lächelt man milde, weil man überlebt hat. und gewachsen ist. Ein ständiges Abwägen zwischen Richtung geben und laufen lassen.
Wurzeln und Flügel. Und es hört eben nie auf.

daheim und bei anderen

6. Januar 2015

“Wir haben neulich mal gründlich den Jugendraum aufgeräumt und geputzt, der hatte es total nötig!”, erzählten die Kindelein. Gespült, gesaugt, Staub gewischt und sogar die Fenster geputzt. Sie haben also gelernt, wie diese Putzerei geht und scheinbar haben sie auch einen Blick dafür, wann das nötig ist. Als letzte Komponente zur finalen Mutter-Zufriedenheit fehlt jetzt nur noch, dass sie auch daheim sehen, wenn Staubratten in den Ecken liegen, der Müll überquillt oder irgendjemand ihnen “Putz mich!” in den Staub auf dem Regal geschrieben hat.

Aber wahrscheinlich ist das normal, dass man den heimischen Dreck nicht so sieht.

Als ich heute morgen das Schaufenster des Weltladens von Weihnachtsschnickeldi befreite und stattdessen Teppiche, Körbe und Tücher hineinräumte, ärgerte ich mich über Spinnweben in den Ecken und polierte Fingertatschen von den Scheiben. Daheim dürfen Spinnen (kleinere Spinnen. Oder solche, die sich schnell genug verstecken können) in den Ecken leben und zum Fenster putzen ist es viel zu kalt.

Und damals™, als ich noch Zeltlager betreute und leitete, reisten wir immer Tage vor den Kindern an, um Küche, Toiletten, Waschräume und Vorratskammer gründlich durchzuputzen, weil “die so schlimm aussahen”.

Vielleicht ist meine Hoffnung doch nicht ganz unberechtigt, dass meine Kindelein das irgendwann mit den eigenen vier Wänden ganz gut hinbekommen? In den Zimmern der Kindelein räume und putze ich seit Jahren nicht mehr, ab und zu werfe ich einen mutigen Blick hinein und weise liebevoll auf Missstände hin: “Saustall, aufräumen.” Der große Sohn hat einen eher lässigen Umgang mit seiner Kleidung. Oder verlernt, wie man eine Schranktür öffnet. Er lagert seine Kleidung bevorzugt am Fußende des Bettes oder auf seinem Sofa. Deshalb habe ich den Kleidung-nach-dem-Trocknen-zusammenlegen-Service für ihn eingestellt. Wenn er vergisst, wo die Sammelstelle der Dreckwäsche ist und die schmutzigen Klamotten aus Versehen unter seinem Schreibtisch oder Bett sammelt, können diese natürlich auch nicht gewaschen werden. Es kommt also bisweilen zu Engpässen, aber die Waschmaschine kann er natürlich bedienen.

Der Jüngste ist Jäger und Sammler. Korken, Steine, Stöcke, Magic-Karten, DINGE halt, liegen kreuz und quer, hinter, über, unter, zwischen Comicheften, oft von einer Staubschicht bedeckt. Er kann sich nicht trennen, aber zwanzigtausend Einzelteile abstauben mag er auch nicht. Seine Kleidung sammelt er so lange auf der Stuhllehne, bis der Stuhl kippt. Auch er hat das Prinzip “Schrank” nicht so recht verstanden. Und sein Schreibtisch ist derart vollgerumpelt, dass genau ein Din A4 Blatt darauf passt. Reicht ja für die Hausaufgaben.

Das Zimmer der Tochter ist nahezu makellos. Das Bett gemacht, ordentlich mit Quiltdecke darüber. Kleidung wird in den Schrank geräumt, der Schreibtisch frei. Dafür hinterlässt sie Klamottenstapel im Bad, verliert ständig ihre Hausschuhe oder Socken, stapelt Schals, Mützen und Tücher auf statt in der Kommode im Flur und lässt immer den Badschrank offen.

Es wird alles gut und es ist nur eine Phase.

(ich hatte in meinem Kinderzimmer eine große (Sitz)Kiste mit Klappdeckel. Dort hinein schmiss ich mein ganzes Gerümpel, wenn ich aufräumen musste. Ich schmiss auch ungegessene Schulbrote hinein. Und einmal auch einen missglückten Kuchen, den Oma Eis zum Muttertag hätte bekommen sollen. Vierteljährlich entsorgte ich heimlich eine große Tüte scheußlich verschimmelten Kram. Was sind da schon ein paar dreckige Socken zwischen Staubratten.)

(heute bin ich viel ordentlicher)

(aber fragen Sie mich, bevor Sie eine Schranktür aufmachen)