Samstage

31. Januar 2015

Vergehen manchmal einfach so.
Spätes Frühstück mit eigenen und fremden Kindern, einkaufen, ein bißchen aufräumen, ein bißchen Abendessen vorbereiten, ein Mittagschläfchen, ein bißchen räumen, das Abendessen weiter vorbereiten, auf die Freunde warten, mit denen man zusammen essen wird. Es gibt übrigens Fast Food: Burger und Pommes.
(Mit selbstgerührten Saucen, selbstgebackenen Brötchen und handgeschnitzten Kartoffeln. Aber gegessen wird erfahrungsgemäß schnell.)

Zum längeren Erzählen hier bleibt da keine Zeit, obwohl ich dringend schreiben wollte, dass es schon merkwürdig ist, wenn die eigenen Kinder dieses Blog lesen. Und noch merkwürdiger ist es, wenn die Freunde der Kinder dies auch tun. Oder die Verkäuferin im hier-gibt-es-einfach-alles-Laden. Wenn ich drauf los schreibe, scheint das nur für mich oder irgendwelche Menschen da draußen in diesem Internet zu sein. Weit weg eben. Dass sie aber um die Ecke wohnen und ich ihnen so Manches, was ich hier so locker-flockig schreibe, erstmal nicht erzählen würde … verdränge ich dann lieber mal.

Und weg.

Zeugnistag

30. Januar 2015

Traditionell blieb die Küche kalt, der Italiener buk für uns Pizza. Seit dem allerersten Zeugnis, das der Große damals heimbrachte bis zum letzten in … Jahren werden wir diese Tradition hochhalten.
Überraschungen gab es keine. Der Jüngste hat in Mathe eine zwei geschafft, die wiegt dreimal so viel wie die vier in Deutsch und Hey! Hab ich es schon erwähnt? Er hat einen Ausbildungsplatz! Zurücklehnen darf er sich nicht, denn die Versetzung muss schon noch klappen. Aber er strengt sich an, das reicht.
Die Tochter hat in Mathe auch eine zwei, was sie schon ein bißchen ärgert, denn hauptsächlich hat sie Einsen in ihrem Zeugnis stehen. Das sieht schon sehr cool aus, dieses Streberzeugnis und wenn ich Ihnen jetzt erzähle, welchen Preis solch ein Zeugnis kostet, verzeihen Sie vielleicht Ihrem Kind die eine oder andere nicht so dolle Note.
Ehrgeiz ist gut. Der Wunsch, gute Leistungen zu bringen, sich zu bilden, voranzukommen, ist toll. Ich freue mich sehr, dass die Tochter nicht die lässige Einstellung zum Lernen mit ihrem großen Bruder teilt. Unglücklicherweise schlägt das Pendel bei ihr bis ins Extreme. Gute Noten reichen nicht, es müssen die besten Noten sein. Nicht nur in den Lieblingsfächern, in allen Fächern. Dies führt dazu, dass sie nach den Hausaufgaben sehr viel Zeit am Schreibtisch verbringt um zu lernen. Oder Bilder für den Kunstunterricht zu zeichnen, Klimadiagramme für Erdkunde auswendig zu lernen und stundenlang irgendwelche Sachen zu recherchieren. Falls Sie jetzt das „Wenn es ihr Spaß macht, warum nicht?“- Argument bringen wollen – Sie haben natürlich recht. Es macht ihr Spaß, sie lernt leicht und hat ein echtes Talent für diesen naturwissenschaftlichen Bereich. Aber die Menge macht es. Da sie neben der Schule aktiv in der Jugendarbeit tätig ist, eine Kindergruppe betreut, Freizeiten plant, zweimal wöchentlich Sport treibt, Freundinnen trifft und den Spaß an Partys entdeckt hat, hat sie langsam zu wenig Stunden am Tag zu Verfügung. Hermines Zeitumkehrer wäre das weltbeste Geschenk für sie.
Und weil auch schöner Stress echter Stress ist und großer Ehrgeiz letztlich auch zu Stress führt, bricht sie in regelmäßigen Abständen zusammen. Dann verwandelt sich mein kluges, aufgewecktes, strahlendes, ausgeglichenes Mädchen in ein elendes Bündel, das weder an sich noch an die Zukunft glaubt, das sich für doof und unfähig hält. Unter unstillbarem Weinen bricht der ganze Druck aus ihr heraus und es braucht sehr viel Zeit und Halt-geben, bis sie sich wieder fangen kann. Während sie schluchzend in meinen Armen liegt und versucht zu erklären, was in ihr vorgeht, möchte ich schreien, weil es nicht möglich ist, die Gaben meiner Kinder so zu mischen, dass für jedes die moderate Mischung zur Verfügung steht. Unbefangenheit, Lässigkeit und Ehrgeiz in einen Pott, umrühren, durch drei teilen. Es wäre so perfekt.
Sie beruhigt sich, wir überlegen, was sie anders machen könnte und letztlich macht sie weiter wie immer: alles, immer mehr, noch besser. Bis zum nächsten Zusammenbruch. So ist sie eben.

„Na. Sie hat doch aber super Noten! Was gibt es da zu klagen? Ich wünschte, mein Kind …“
Nein, wünschen Sie sich das nicht. Es ist nämlich nur offiziell als super Erziehung anerkannt, sein Kind anzufeuern und voranzutreiben, es zu bremsen und ihm zu sagen „dann schreib halt nur zehn Punkte, herrje, ist doch echt egal!“ bringt Sie direkt in die Erziehungsversagerecke.
Spannend wird es übrigens dann, wenn sich die Tochter für ein Studium entscheidet. Derzeit will sie nämlich einfach alles und noch ein bißchen mehr, kann sich nicht entscheiden. Es muss nämlich das beste Studium sein.

Diese Ehrgeizsache hat sie nicht von mir, das dachten Sie sich wahrscheinlich schon. Der beste Vater meiner Kinder hätte im Fach Sport noch ein paar Purzelbäume und Strecksprünge machen können, um seine Einserreihe zu vervollständigen.
Mal wieder würde ich gerne zwei, drei Jährchen in die Zukunft schauen ….

Ende Januar …

29. Januar 2015

hab ich immer so einen kleinen Durchhänger.

Ich brauche Schnee oder Sonne, irgendetwas Helles. Etwas, dass meine Stimmung aufhellt. Das sind die wenigen Tage im Jahr, in denen ich nicht gerne hier lebe, in denen ich dieses milde Rheintal mit seinen viel zu warmen, grauen Wintern nicht mag.
In knapp zwei Wochen ist das wieder vorbei, denn wahrscheinlich laufe ich ab dann schon wieder barfuß und trinke meinen Nachmittagskaffee im Wintergärtchen.
Bis dahin: ablenken, zusammenreißen und die Feste feiern, wie sie fallen. Heute mit der ehemaligen Freitagsfreundin, morgen abend im Katharinenblick und am Samstag mit Freunden bei uns. Reden, lachen, gutes Essen. Das hellt ja auch auf.

Reduzieren.

28. Januar 2015

Wir haben eine große, schöne Küche. Der Mittelpunkt unseres Hauses, Treffpunkt für alle Familienmitglieder und Besucher zieht es selten die paar Schritte weiter ins Wohnzimmer, die meisten bleiben am Küchentisch hängen. Wir haben uns mit dieser Küche einen echten Traum erfüllt.
Aber wie das so ist, irgendwann beginnt eine Küche zuzurumpeln. Die Schränke füllen sich mit mit Impulskäufen („Oooh! So eine hübsche/r Schüssel/Teller/Tasse/Schale, muss ich haben!“) und mit den Resten von Komplettservices, weil – ich erwähnte das schon – ich ein bißchen zwanghaft bin und es nicht mag, wenn das Geschirr nicht zusammenpasst. Im schlimmsten Fall verstopfen unnötige Küchengeräte die Schränke, im allerallerschlimmsten Fall sind es unzählige Tupperdosen. Auf die komme ich gleich zurück.
Zuerst möchte ich aber erzählen, dass ich einmal im Jahr sehr gründlich in meine Schränke schaue. Alles, was ich ein Jahr nicht in der Hand hatte, rückt entweder ganz nach vorne, um ein weiteres Jahr eine Chance zu bekommen oder muss umgehend Weg. Eine Popcornmaschine und ein Joghurtbereiter flogen schon vor ein paar Jahren raus, die einzigen wirklich benötigten Elektrogeräte in unsere Küche sind nun die große Küchenmaschine samt Blender, Eisbereiter und Raspelaufsatz, der Pürierstab, ein Handrührer, ein Wasserkocher, der Toaster, die Kaffeemaschine und ein Elektromesser, dass wir von meiner Omi geerbt haben und das nur zwei-, dreimal im Jahr genutzt wird. Dann ist es aber Gold wert!
Heute habe ich sehr, sehr viel Geschirr ausgeräumt. Ein ganzer Wäschekorb voller Geschirr und die Schränke sind immer noch voll, das ist erstaunlich. Geerbte Teller, Teller aus der ersten gemeinsamen Wohnung, Teller, die irgendjemand irgendwann vergessen hat, ich weiß nicht, wann und wie sich das so ansammeln könnte. Große Tassen, kleine Tassen, Tassen mit „lustigen“ Beschriftungen, Tassen mit Erinnerungswert – nur ganz wenige durften bleiben. Der Rest kommt zusammen mit den Tellern, vielen Müslischalen und Schüsseln in den großen Schrank in der Halle. Dort, wo schon sehr viele Weingläser stehen. Es ist großartig, so viel Geschirr zu haben, wenn ein großes Fest gefeiert wird, noch großartiger ist es, die Halle zu haben, um es lagern zu können. Wegwerfen mag ich es nämlich nicht, denn die Tochter bekam heute sehr glänzende Augen und sprach: „Wer zuerst auszieht, darf sich das beste Geschirr aussuchen, oder?“ Und dann wird dieses aussortierte Geschirr den Grundstock für einen eigenen Haushalt bilden, so wie bei uns schon. Ich mag den Gedanken.
Morgen werde ich mich den Tupperschränken widmen. Ja, Sie lesen richtig: TupperSCHRÄNKE. Es handelt sich um zwei Küchenunterschränke, die gestopft voll mit bunten Plastikdosen in allen Farben sind. Die ältesten sind über vierzig Jahre alt, die neueste Errungenschaft ist ein Austauschdeckel für meine Salatschleuder. Die allerbeste Freundin brachte mir diesen am letzten Wochenende mit.
Angefangen hat es mit dieser Dosensammlerei, als ich mit dem besten Vater meiner Kinder zusammen in eine WG zog. Von daheim nahm ich eine kleine Auswahl an Dosen mit, weil die hat man halt. Irgendwas tut man da bestimmt rein. Ich kann mich nicht erinnern, damals so etwas wie Vorratshaltung betrieben zu haben, in meiner Erinnerung haftet nur die sich in verschiedenen Verwesungszuständen befindende Fleischsalatdosensammlung des Mitbewohners im Kühlschrank.
Als wir dann in unsere kleine Wohnung zogen und zum ersten Mal eine relativ große Küche hatten, kam die Lust am Kochen und Nichtaufgegessenes wurde für später „eingetuppert“.
Meine Omi starb und ich nahm sehr viele ihrer Tupperdosen mit, teilweise auch aus sentimentalen Gründen. („in dieser Dose hat sie immer ihre gemahlenen Nüsse aufbewahrt!“)
Und dann kam der Tag, als wir Gastgeber einer Tupperparty waren. Als einzige Ausrede habe ich nur: die Kommilitonen des besten Vaters meiner Kinder waren neugierig und so kam es irgendwie dazu. Der Gastgeber bei diesen Partys bekommt Sterne, d.h. jede an solch einer Party verkaufte Dose hat einen bestimmten Sternwert. Für diese Sterne kann sich der Gastgeber etwas (= eine Dose) aussuchen. Ich hatte ein Auge auf die Salatschleuder geworfen, die ich schon für etwa drei Millionen Sterne umsonst bekommen würde. Die armen Kommilitonen staunten nur und kauften nicht, Sterne kamen erst zusammen, als der beste Vater meiner Kinder spontan beschloss, unser gesamtes Vorratshaltungssystem auf Tupper umzustellen und drei, vier Monatsgehälter in dreißig Dosen investierte. Und damit bekam ich meine Salatschleuder ganz kostenlos. Quasi.
In den folgenden Jahren erlebten wir einige Tupperpartys, sackten die geschenkten Gastdosen ein und erstanden unzählige Schulbrotdosen. Irgendwann ertappte ich mich während einer dieser Tupperpartys bei dem Gedanken: „Wow! Tolle Farbe! Was könnte ich nur in diese Dose hineintun? Vielleicht ein halbes Eigelb oder so?“ Und das war dann die letzte Tupperparty.
Morgen will ich also reduzieren.
Die größte Hürde dabei wird allerdings sein, den besten Vater meiner Kinder von der Nutzlosigkeit der aussortierten Schüsseln zu überzeugen. Denn wenn Sie beim Lesen der obigen Zeilen schon spöttische Bemerkungen über plastikdosensüchtige Hausfrauchen auf den Lippen hatten … schlucken Sie die schnell runter. Der beste Vater meiner Kinder wird um seine geliebte Tuppervielfalt kämpfen und ist jetzt schon ganz blass ums Näschen, weil ich etwa die Hälfte des Tupperzeugs aussortieren will. Ich versprach ihm aber, die Dosen in den großen Schrank in der Halle zu räumen. Falls zufällig einmal eine Dose, in die das letzte Viertel einer Zwiebel passt, fehlt.
Oder eben für einen zukünftigen Haushalt der Kinder. Weil diese Dosen hat man halt.

Wir werden reifer.

27. Januar 2015

Da der Jüngste zum Beginn seiner Ausbildung noch nicht volljährig ist, verlangt das Jugendarbeitsschutzgesetz eine Untersuchung, die die Arbeitstauglichkeit bestätigt. Diese Untersuchung nahm heute unser Kinderarzt vor: der Knabe ist fit und darf auch schwer körperlich arbeiten.
Zum Abschied gratulierte der Kinderarzt ihm und uns zum Ausbildungsplätze und umarmte den schwer verdutzen Jüngsten. „Wir werden reifer…“, sagte er zu mir, fest meine Hand haltend und seufzte.
Dieser Kinderarzt hat den Jüngsten nun sein Leben lang begleitet. Er sah ihn zum ersten Mal bei uns daheim im Schlafzimmer, als der Jüngste gerade ein paar Stunden alt war. Nächstes Jahr wird er ihn zum letzten Mal sehen, wenn diese Arbeittauglichkeitsuntersuchung wiederholt und gleichzeitig die J2 gemacht wird. Dazwischen hat er unzählige Male Mittelohrentzündungen diagnostiziert, Klartext gesprochen, ermutigt, gelobt, meiner Einschätzung geglaubt und sich über jeden Entwicklungsfortschritt gefreut. Hat immer interessiert und geduldig dem Jüngsten zugehört und zu ihm heute wie vor fast 16 Jahren „alles dran, alles perfekt“ gesagt.

Ich habe heute gelernt, dass man nicht nur bei so normalen Sachen wie „letzter Kindergartentag“, „Einschulung“, „jeder Geburtstag“ und „irgendein Bühnenauftritt“ Tränen in den Augen haben kann, sondern auch bei der Vorstellung, dem Kinderarzt nicht mehr „bis zum nächsten Mal!“ sagen zu können.