Der Jüngste,
18. Mai 2010
das Sorgenkind, der Sonnenstrahl.
Ich bin hilflos. Mal wieder. (und Sie werden wahrscheinlich denken: „Schon wieder. Die schreibt ja nur noch über den Jüngsten.“)
Wir sitzen derzeit bei den Hausaufgaben. Mathe. Er knobelt, ich sitze am Rechner und tue beschäftigt. Den Raum verlassen kann ich nicht, denn:
„Mamaaa, ich verstehe Mathe nicht“
Fünfstellige Zahlen teilen durch zweistellige Zahlen. Ich persönlich würde dann zum Taschenrechner greifen, doch dies hilft ihm sicherlich nicht weiter. Ich frage also zurück, ganz pädagogisch Hilfe zur Selbsthilfe gebend:
„Ihr habt doch bestimmt heute in der Schule ganz ähnliche Aufgaben gerechnet? Schau doch mal nach.“
Das Kind blättert sein Heft durch, liest und seufzt:
„Nur die da.“
Ok. Fünfstellige Zahlen durch zweistellige, allerdings stets auf null endend und somit „leicht“ zu rechnen. In den Hausaufgaben muss zum Beispiel durch 18 geteilt werden. Und vorher der von mir verhasste Überschlag. Überschlagsrechnung ist eine teuflische Erfindung, jedenfalls für den Jüngsten, denn der braucht Fakten und kein „ungefähr“. Ungefähr verunsichert ihn.
Ich halte eine längere Rede über das „sich etwas Zutrauen“ und „den Willen, etwas Herauszuknobeln“, ermutige und halte Ärger und Ungeduld (weil „schon wieder muss ich Mathe erklären“) im Zaum. Mein Bemühen führt zu einer merklich zitternden Unterlippe des jüngsten Kindes und die Augen schwimmen verdächtig.
„Auf in den Kampf, du schaffst das!“ (Hurra, Hallalli und stürmt die Aufgabe, Männer!), ich verwandele mich in eine spaßige Animateurin. Und drucke dem Kinde das große Einmaleins aus.
(in der Zwischenzeit schlurft das große Kind mehrmals durch die Küche und murmelt Unverständliches. Ich beschließe unverständliches Murmeln zu ignorieren und schicke ihn an seine Hausaufgaben: „Sofort! Geh! Tu was!“ Mein Bemühen führt hier zu einem ausgesprochen schmollenden Blick unter blonden Strähnen hervor und ein genuscheltes Irgendwas, wahrscheinlich „keiner versteht mich“ oder „immer ich“.)
*****
Man soll ja Kinder nie vergleichen. Weder mit den eigenen, noch mit fremden. Aber ach. Das ist so schwer. Und am Schwersten ist es, wenn das Kind selbst mit dem Vergleichen beginnt und beängstigend klar interpretiert:
„Der J. will jetzt nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich bin zu langsam.“
Daran ist nichts zu rütteln, denn das ist eben so. Gleichaltrige verlieren rasch das Interesse, haben nicht die Geduld zu warten, bis langsames Sprechen und nach Worten suchen zum Gegenpart im Dialog werden. Gemeinsame Interessen werden knapp, zu sehr lebt der Jüngste noch in der kindlichen Welt, spielt Rollenspiele und baut Lego. Die Gleichaltrigen … reden über Mädchen. Und Musik. Oder im Internet Entdecktes. Oder über Bücher, die der Jüngste noch nicht liest. Oder über Sport.
Die Schere klafft immer weiter auseinander und das wird mir bewusst wenn ich erlebe, wie er den Kontakt zu den Jüngeren sucht. Prima mit fünf, sechs, sieben Jahre alten Kindern zurecht kommt und hingebungsvoll mit diesen herumalbert und spielt.
****
„Warum ist er anders?“, fragt Töchterlein und ich kann das nicht beantworten, zucke mit den Schultern.
„Macht ja nix.“, sagt sie. Und das ist wohl wahr.
Aber. Weil ein Aber bleibt eben immer.
18. Mai 2010 um 15:17
Frau Mutti, ich kann gut verstehen, daß Sie sich in einer für Sie und alle Ihre Kinder schwierigen Lage befinden. Ich bin aber ganz sicher, daß sich Ihr Bemühen um das Kind und der stabile häusliche Hintergrund in seinem Erwachsenenleben auszahlen werden. Er wird/man wird einen Weg für ihn finden, der für ihn paßt und dem er gewachsen ist und er wird auf dieser Ebene durch Qualitäten, die er jetzt durch Sie und mit Ihnen und bei Ihnen erwirbt bestehen können. Aber das Wichtigste ist momentan, daß er nicht alleingelassen wird und daß er sich in seiner Familie aufgehoben fühlt.
Alles Gute, Christine
18. Mai 2010 um 15:20
Ach. (Hilft nix, wenn ich sage, dass er für Little Q. der grosse Held ist? Dass der gerne so einen grossen Bruder hätte?) Ich durfte ihn ja ein bisschen kennenlernen (er war ja meistens beschäftigt ;-)) und finde ihn wundervoll. Aber ich verstehe Ihre Sorgen so gut….
18. Mai 2010 um 15:49
Soweit ich weiß gibt es Literatur und Lernblätter speziell zu Dyskalkulie. Vielleicht wäre das hilfreich, wenn die „herkömmliche“ Schulmethode nur zu Verzweiflung bei Mutter und Kind führt? Denn es ist ganz ganz schwierig für jemanden, der Mathe logisch findet, zu verstehen, was dem anderen eben nicht logisch oder anders logisch ist.
Ich habe schon öfter 11jährige ins Feriencamp begleitet. Manche sind noch so arg verspielt und „klein“, während die anderen sich pseudoerwachsener gebärden als manche 16jährigen, ich denke, das ist eben so und verwächst sich aber auch wieder ein wenig in den kommenden Jahren.
18. Mai 2010 um 15:51
Frau Mutti, Sie sprechen mir aus der Seele. Auch ich habe genauso ein Kind hier sitzen. Ein Kind, was wunderbar mit 2-3 Jahre jüngere und ältere Kinder spielen kann. Was intelligent, kreativ und vielseitig interessiert ist. Was aber mit 9 Jahren kaum lesen kann und ewig lange für Rechenaufgaben braucht.
Nicht hilfreich ist, dass die grosse Schwester Klassenbeste ist und ihr alles zufliegt.
Als Mutter bleibt einem nichts anderes übrig, als still und leise mit dem Kind zu leiden…
18. Mai 2010 um 16:08
Ich möchte gerne was Tröstliches schreiben, stelle aber fest, dass mir alles, was ich schreiben möchte, besserwisserisch vorkommt, obwohl ich es ganz anders meine. Hm. Ich möchte aber trotzdem festgehalten habe, dass die Entwicklungsschere im Alter Ihres Jüngsten generell sehr groß ist. Ich meine sogar, dass seine Lernschwäche (grausliches Wort, wo er doch dafür andere Stärken besitzt – aber die gehen schulisch vermutlich unter) hierbei das kleinste Problem ist; zumindest erinnere ich mich an schaurige Diskussionen mit meiner damals ungefähr zehnjährigen Tochter, die nicht verstand, warum sie von Mitschülern verspottet wurde, weil sie deren pubertären Gehabe nichts abgewinnen konnte, und sich zeitweise sogar in den Kindergarten zurückwünschte.
Lassen Sie sich eines gesagt sein:
Ihr Jüngster hat das große Glück, in einer liebevollen Familie aufzuwachsen, die ihn so mag wie er ist. Der Rest ergibt sich, ganz sicher !
18. Mai 2010 um 16:34
Ach ja. Nicht mehr, und nicht weniger, einfach nur: ach ja
18. Mai 2010 um 16:40
Ruft mal sehr zuversichtlich:
IHR SCHAFFT DAS – GARANTIERT!!!
Schiebt tonnenweise Geduldsfäden für alle hinterher und Humor – alles wird gut!!!
18. Mai 2010 um 16:45
Ui. Mathe.
Kann ich nicht erklären, steh ich auf Kriegsfuß mit.
Ich wünsche viel Geduld!
18. Mai 2010 um 16:58
ach frau mutti… manche brauchen eben länger, aber dann holen sie so schnell auf das man selber nicht so schnell hinter her komt, ich seh es bei meinem großen, frühchen… immer hinten an und dann kam der schub, erst in der größe und nun auch im wesen
wird schon alles
18. Mai 2010 um 17:10
Liebe Frau Mutti, ich schenk mir heute mal das … äh … in der Anrede, weil‘ s grad so gut passt. Das schönste an diesen psychologisch kniffligen Situationen wäre ja, wenn man ein paar Tage/Wochen/Monate/Jahre weiter wäre, denn dann blickte man LOCKER zurück und könnte schmunzeln über die Sorgen, HACH! Nur leider eben mittendrin, da is Essig mit Schmunzeln und auch die Aussicht auf das, was da noch an Schmunzeln in der Zukunft liegt, hilft nur wenig. Liebe Grüße von Iris ohne Patentrezept aber mit Mitgefühl
18. Mai 2010 um 17:38
Das glaub ich. Haben Sie Vertrauen in die Wurzeln, die Sie ihren Kindern gegeben haben. Das was ich hier immer lese, zeugt von guten Wurzeln und darum können die Kinder sicher auch stürmische Zeiten gut aushalten.
Und klugscheißerisch zu DorisL gesprochen: Nicht mitleiden! Das ist sicherlich ein einfacher, aber meiner Meinung nach der unproduktive Weg!
18. Mai 2010 um 17:39
Hach, wie liest sich denn mein Kommentar. Bitte eine Prise Weichzeichner drüberstreuen, danke. Lieben Gruß!
18. Mai 2010 um 17:57
Das sagt sich so leicht, so akzeptieren wie sie sind. Kein Zweifel dass unsere Kinder wunderbar und einzigartig sind, aber wenn sie mit sich selbst nicht klarkommen oder wenn man (ich) sich (mich) erwischt, wie man andere Kinder beobachtet, wie die was machen und wie deren Eltern damit umgehen um zu sehen ob daheim „alles normal“ ist…
Aber ich habe hier das Beispiel (m)einer wunderbaren Schwester, damals ganz anders als andere Kinder, Legasthenikerin, wunderbar im Umgang mit kleinen Kindern aber ungeschickt mit Gleichaltrigen. Als sie 10 oder 11 war, haben wir uns alle gefragt, was aus diesem Kind nur mal werden soll. Da war kein Weg ersichtlich, einfach nichts. Und nun? Erwachsen, erfolgreich, mit einem tollen und interessanten Job, den ihr niemals jemand zugetraut hätte. Sie hat ihren Weg doch noch gefunden, aus eigener Kraft. Und unsere Kinder werden das auch, da bin ich ganz sicher ;-)
18. Mai 2010 um 18:03
Nun, ich red dann mal als Lehrerin – lach
Nein, als MENSCH:
Könnte man das Kind denn nicht entsprechend seinem persönlichen Alter (vielleicht ist er da erst 10 oder so..)behandeln und nicht entsprechend dem biologischen???
Vielleicht würde es dem Kind guttun, mal nicht der „Kleinste“ „Jüngste“ und „Langsame“ zu sein???
1 Jahr zurückstufen und ihm Gelegenheit geben, sich auch mal anders zu fühlen („Kann ich schon“, bin nicht der Langsamste…“)
Ist sowas für sie denkbar oder wurde das schon mal in Erwägung gezogen???
Könnte eine Entlastung sein.
ich kenne aber die Vorgeschichte nicht, da ich noch nicht soo lange hier lese….
Ist mir aber trotzdem wichtig, das mit dem persönlichen und dem biologischen Alter
Kann man auf jeden Fall mal drüber nachdenken…..
Alles Gute, ich bewundere ihr „Gelassenheit“…
NETTE
19. Mai 2010 um 10:59
Nette, ja, das wurde schon in Erwägung gezogen. Es ist bereits ein Jahr später eingeschult. Seine Noten sind derzeit zu gut, um eine Wiederholung der Klassenstufe zu rechtfertigen. „Das Langsame“ (ich fasse seine Besonderheit jetzt mal so zusammen) verschwünde nicht und würde auch bei der Wiederholung der Klasse zum „Problemchen“. Denn dann wäre er der Älteste und trotzdem langsam in den meisten Bereichen. Doch sowie er sich in der Schule quält und das Lernen für uns alle zur Belastung wird, werden wir wieder über eine Zurückstufung oder Klassenwiederholung nachdenken.
(es ist ja auch nicht immer nur Problembeladen. Viele Tage flutschen wie geschmiert und auch die Hausaufgaben werden nicht zum Alptraum. Aber darüber schreie ich halt nicht, weil … es klappt dann ja )
18. Mai 2010 um 20:11
*lach* liebe Frau Mutti, der letzte (in Klammern gesetzte) Teil des ersten Absatzes hat mich schlagartig 30 und ein bisschen Jahre zurückgeworfen. Da war ich die Schlurfende, und meine Mutti sass mit dem Schwesterchen und deren Freundin am Esstisch… und erklärte die Unterschiede zwischen Gramm, Pfund und Kilo mit Hilfe von Zucker und Mehl aus der Küche. Stundenlang.
Und ansonsten schicke ich eine ganz grosse Portion Geduld rüber (Liebe braucht man nicht schicken, da ist offensichtlich genug davon da) und würde dieses wunderbare Kind zu gerne mal persönlich kennenlernen – die restliche Familie natürlich auch – aber Ihr Jüngster scheint ein sehr spezieller Mensch zu sein, obwohl und gerade weil er nicht in die üblichen Raster passt und alles auf seine eigene Weise angeht.
18. Mai 2010 um 21:25
Ich wünsche Ihnen und Ihrem Sohn eine viel, viel Geduld!!
18. Mai 2010 um 22:02
Das Aber bleibt nur jetzt. Nicht für immer.
Eines Tages ist er derjenige, der seinen Weg meistert, vielleicht eben deshalb weil er seine Kindheit als Kind gelebt hat und nicht versucht hat älter zu sein, als er tatsächlich war.
Unsere Große ist irgendwie ähnlich. So anders als die Mädels in ihrer Klasse, die Make-up und Jungs bereits mit 12 zu den Themen mit oberster Priorität erklärt haben. Sie will davon nichts wissen. Und das sagt sie auch deutlich. Was natürlich nicht gerade für Verständnis sorgt. Ist ihr aber egal. Und deshalb bin ich so stolz auf sie. Ihr Kleiner wird eines Tages kein ABER mehr im Raum stehen lassen. Da bin ich sicher.
LG
Heike
18. Mai 2010 um 22:18
Hallo Sie,
ich weiß nicht, wie voll die Tage und Wochen Ihres Jüngsten sind, aber wäre es nicht vielleicht auch eine (zusätzliche) Möglichkeit, ihn in einer wasauchimmer thematisierende _altersgemischte_ Gruppe teilnehmen zu lassen? Seien es Umweltgruppen, Pfadfinder, irgendetwas? Ich komme aus der Pfadfinderecke, und kann nur sagen, dass es in solchen außerschulischen Gruppen möglich ist, Dinge ohne Leistungsdruck mit anderen zu unternehmen (wenn man gut auswählt auch mit pädagogischem Anspruch der Gruppenleiter, die die Kinder so nehmen und unterstützen, wie sie sind) und die Kinder/Jugendlichen, wenn die Gruppen altersgemischt sind, auch nicht unbedingt auf einen Schuljahrgang festgelegt sind, sondern eben in Altersverbünden zusammengeschlossen sind. Da ist es dann egal, ob man ein Jahr älter oder jünger ist…
Hach ja, ich wünsche Ihnen viel Kraft und Ausdauer. Und dem Jüngsten noch ein bisschen mehr. ;-)
Und dem Großen, nun ja, Kraft, Zeit und Ruhe, die ganzen neuen Dinge in seinem Leben verarbeiten zu können, sich und die Umwelt kennenzulernen und neu zu entdecken, bis er sich wieder in die Welt einordnen kann. (ich empfehle hier gerne die GEO Wissen \Pubertät\. Die lässt einen einen guten, verständnisvollen Blick auf die Jugendlichen in dieser Lebensphase werfen)
(ps: \and frustrated\ sagt das Captcha, und ich hoffe, das ist nicht dauerhaft so eingestellt.)
19. Mai 2010 um 00:37
Liebe Frau Mutti,
mir kam sofort auch der gleiche Gedanke wie Lehrerin Nette….
Könnten sie den Jungen nicht ein Jahr zurück stufen?
Sowas hat schon oft Wunder gewirkt…und dem Kind vieles leichter gemacht!
Wenn einer immer nur strampeln und kämpfen muß, da haben nicht alle den langen Atem und so viel Kraft, und in der Pubertät wird es nochmal komplizierter….
Ich würde mir das mal überlegen und evtl mit dem Klassenlehrer besprechen, die haben oftmals noch eine bessere Einschätzung der Lage….
LG
Kate :)
19. Mai 2010 um 07:50
Als ich ihren Post gestern las, war ich ein paar Minuten davor, einen sehr ähnlichen zu schreiben….aber ich ließ es dann, sollte ja nicht abgeguckt wirken!!
Unser Jüngster hat jetzt bald Klasse 5 und 6 Hauptschule hinter sich, und will nun auf die Realschule wechseln….gestern Gespräch mit der Lehrerin, und unsere Ansichten decken sich.
Mit dem Ergebnis, dass es vielleicht doch keine so gute Lösung sei….die Rechnung haben wir aber ohne das Kind gemacht. Eine Welt brach zusammen.
Und der will unbedingt!!!!
Evt. hätte er mal ein bißchen früher drüber nachdenken sollen. Ach was red ich….ein Kind mit ebenso zitternder Unterlippe forderte mich auf nochmals mit der Lehrerin zu telefonieren.
Gesagt, getan.
Nun kommt es auf die Klassenkonferenz an, und ich verharre der Dinge die da kommen, und habe ständig Bauchweh.
Nachdem das Bauchweh und der Schock wegen des Töchterleins noch gar nicht gewichen sind, da sie am Wochenende ihr Auto zusammengefaltet hat. Zum Glück mit Schutzengeln….
War das ne schöne Zeit, als die Brut noch süß im Buggy saß……
Sie sind nicht allein!
LG Claudia
19. Mai 2010 um 08:46
Liebste Frau Mutti, mein mittleres Kind ist da genauso. Er lebt eben in seiner eigenen Welt. Aber langsam beginnt sich auch wieder die Schere zu schließen. Nur Geduld mit dem jüngsten Kind bei Ihnen, er wird schon keinen seelischen Schaden davontragen. ;)
19. Mai 2010 um 09:49
Frau Mutti, dazu eine schöne Geschichte (von Natascha Schuster.. glaub ich)
Willkommen in Holland
Ein Kind zu bekommen, ist wie die Planung einer wunderschönen Reise.
Sagen wir, du planst, nach Italien zu reisen. Dazu beginnst du, ein wenig die Sprache zu lernen, dich über die Sehenswürdigkeiten zu informieren, kaufst dir Reiseführer, sprichst mit Leuten, die schon in Italien waren, überlegst, welche Kunstwerke du dir anschauen und welche Städte zu besuchen willst. Du malst dir deine Reise in den schönsten Farben aus. Ev. wünscht du dir diese Reise schon sehr lange und als es endlich so weit ist, ist die Vorfreude riesengroß.
Als deine Reise nach einigen Monaten endlich beginnt, bist du bestens vorbereitet und freust dich sehr. Du steigst ins Flugzeug und nach einigen Stunden landest du in Holland. Ja, Holland! Zuerst bleibst du einmal sitzen, denn da wolltest du ja nicht hin. Das kann sich nur um einen Irrtum handeln und du bist überzeugt davon, dass die Reise bald weitergehen wird.
Doch schließlich kommt die Stewardess und sagt „Auch Sie müssen aussteigen! Wir sind in Holland und fliegen nicht nach Italien!“ Du bist völlig überrascht und verwirrt. Du wolltest nicht nach Holland. Kein einziges Mal in deinem Leben hast du daran gedacht, nach Holland zu reisen. Du kennst die Sprache nicht, du hast für das Klima nichts eingepackt, du wirst vom Flughafen nicht abgeholt, du hast das einfach nicht geplant.
Völlig überrumpelt stehst du am Flughafen. Du schnappst dir den nächsten Angestellten deiner Fluglinie und fragst ihn, wann der nächste Flug nach Italien geht. Doch seine Auskunft ist ein Schock für dich: Es gibt keine Flüge nach Italien. Es gibt überhaupt keine Flüge. Auch nicht nach Hause. Es gibt auch keine andere Möglichkeit, Holland zu verlassen. Du denkst dir: „Das muss ein Irrtum sein – ein böser Traum!“
Monatelang versuchst du alles, um Holland zu verlassen. Du suchst Schuldige, klagst abwechselnd dich und andere an. Du glaubst zu wissen, dass es sich nur um einen Irrtum handeln kann und außerdem wolltest du nie nach Holland. Du wolltest doch nach Italien!
Monate- oder jahrelang versuchst du, nach Italien zu kommen. Manche Leute fangen an, sich über dich zu wundern und sagen dir, dass du dich damit abfinden musst, jetzt in Holland zu sein und dort zu bleiben. Außerdem: So schlecht ist es in Holland ja auch wieder nicht. Es gibt auch in Holland Sehenswürdigkeiten und Kunstwerke und nette Leute und die Sprache kann man auch lernen – genauso, wie Italienisch. Du willst das aber nicht.
Es dauert lange, bis du bereit bist, dich in Holland umzuschauen. Schließlich siehst du, dass es in Holland tatsächlich auch schön ist.
Du entdeckst die Windmühlen, die Tulpen und Rembrandt. Dann fängst du an, Niederländisch zu lernen. So schwer ist das gar nicht. Vor allem, da du nun neue Leute kennen lernst.Manche von ihnen werden zu deinen Freunden.
Schwierig ist aber, dass du immer wieder sehr viele Leute triffst, die von Italien, seinen Kunstschätzen und ihren Erlebnissen dort schwärmen und sich nicht vorstellen können, dass eine Reise dorthin nicht klappen könnte. Für sie ist es selbstverständlich, nach Italien zu reisen.
Das tut dir weh und macht dich traurig. Denn du hast mittlerweile verstanden, dass du niemals nach Italien reisen kannst. Du denkst dir: „Ja, da wollte ich auch hin. So hatte ich es geplant. Darauf habe ich mich so gefreut. Warum kann ich da nicht hin….!?“
Mit der Zeit erkennst du, dass dieser Schmerz nie ganz vergehen wird. Denn du musst einen Traum aufgeben, der dir so viel bedeutet hat. Das ist ein schmerzlicher Verlust.
Doch du lernst Holland kennen und lieben und triffst dort Menschen, die du sonst nie kennen gelernt hättest.
Du schließt Freundschaften, die du sonst nie geschlossen hättest. Du merkst, dass es nicht selbstverständlich ist, nach Italien zu reisen. Du erfährst und lernst Dinge, die du in Italien niemals erfahren oder gelernt hättest. Mit der Zeit erkennst du, dass es trotz aller Schwierigkeiten auch in Holland schön ist.
MMag.Natascha Schuster
19. Mai 2010 um 10:47
Mein Gedankenansatz steht hier schon.
Ich unterschreibe bei Frau Nette.
19. Mai 2010 um 12:14
die geschichte mit italien und holland find ich super.
ansonsten: stellen sie schön weiter eis her, damit alle durchhalten :)
balsam für die seele, sagt man doch so schön!
lg und ganz viel durchhaltevermögen von auch einem seeehr langsamen und stillen lernkind früher, aus mir ist trotzdem was geworden ;)
eva
19. Mai 2010 um 12:25
Diese Kind in einer Familie wie der Ihren hat großes Glück! Das wird schon…. ganz bestimmt!!!
19. Mai 2010 um 13:41
Ach ach… ich kann mich immer nur wiederholen.
Ich bin keine Mutter, kann also muttertechnisch überhaupt nicht mitreden, wissen Sie ja, und ich habe an diesem jüngsten Kind einen Narren gefressen, wissen Sie auch, haben Sie schon bis zum Erbrechen von mir gehört :-)) und ich schreibe zum zwölfunddrolfzigsten Male: das jüngste Kind ist klasse.
(’schulligung, wenn ich langweilig bin…)
19. Mai 2010 um 18:59
oh, diese Holland-Italien-Geschichte, die ist ja wunderbar. Vielen Dank fürs (mit-)teilen, Svenja!