Erziehung, beendet.

31. Juli 2016

Die Kindelein sind groß, nahezu er- und unserem Einfluss entwachsen, was liegt da näher, als hier endlich mal einen umfassenden, ausführlichen und vor allem allgemeingültigen Text darüber zu schreiben, wie wir den beschwerlichen Weg bis hierhin erfolgreich hinter uns brachten. ;-)

Erfolgreich in unseren Augen, denn irgendwie wurden diese Kinder trotz oder wegen ihres Aufwachsens in unserer Familie zu freundlichen, aufgeschlossenen, vielseitig interessierten, hilfsbereiten, engagierten und vor allem klugen Menschen. Dafür klopfen wir uns gerne gegenseitig und selbst auf die Schultern und Ihnen verrate ich unsere Super-Methode.

Auffällt wahrscheinlich direkt, dass ich das Wort „Erziehung“ elegant umschifft habe, denn die jungen Eltern von heute erziehen ja nicht mehr. Nicht im Sinne von Laissez-faire (lasse mache, die Kinner. Alla.), sondern im Sinne von begleiten, sachte führen, anbieten, auf Augenhöhe leben und das Ganze nennt sich dann „unerzogen“. Bitte nicht verwechseln mit „ungezogen“ im alten Wortsinn. Warum genau man nicht mehr „erziehen“ sagen oder machen darf, will sich mir nicht so recht erschließen, aber ich bin eben nicht mehr ganz in der Materie, lese nur ab und an einen dogmatischen Blogartikel und denke mir meinen Teil. Weil nämlich:

Neulich las ich (sinngemäß), dass dieses ganze Eingehen auf´s Kind und dieses „das Nein des Kindes akzeptieren“ ja schon sehr anstrengend sei, zumal das eigene „Nein“ kaum fruchte und wo denn die eigene Persönlichkeit bliebe, wenn sie immer hinter der des Kindes zurückstecken müsse, was das Kind denn daraus lernen würde. Man einigte sich irgendwann darauf, dass es vermutlich dem Kind keine bleibenden seelischen Schäden verursachen würde, hin und wieder doch in Grenzen geführt oder sogar nachdrücklicher darauf hingewiesen werden müsse. Wie gesagt, ich gebe dies sinngemäß wieder und der latente Sarkasmus blitzt mir in die Tasten, weil hier mit viel Getöse angeblich das Rad neu erfunden wird, letztlich ein alter Schuh aber einfach nur einen neuen Namen bekommt. Denn stellen Sie sich vor, genau so haben wir unsere Kinder großbekommen, nur nannten wir das schlicht „erziehen“. Mit „wir“ spreche ich vom besten Vater meiner Kinder und seinem holden Weib, aber auch von befreundeten Elternpaaren, deren Kindern mit unseren großwurden.

Wir überlegten oft und viel, wie ein Zusammenleben sein könnte, so dass sich alle gleichermaßen wohlfühlen. Nein, wir setzten uns nicht zusammen brainstormend an einen Tisch, das ergab sich einfach. Wenn wir uns etwa nicht dabei wohlfühlten, dass ein Kind die Wand oder den Boden bemalte, dann durfte das Kind weder den Boden noch die Wand bemalen, aber weil es vielleicht gerade ein großes Bedürfnis verspürte, großflächig zu malen, bekam es dafür eben eine Rolle Tapete. Und wenn wir uns nicht dabei wohlfühlten, weil ein Kind auf Schränke kletterte, wurde das Kind darauf hingewiesen und wir wussten dass es Zeit ist, den Bewegungsdrang zu erfüllen. Wenn hingegen ein Kind den Wunsch verspürte auf die Straße zu rennen oder spitze Gegenstände in Steckdosen zu stecken, mutierten wir zu Erklärbären, nach einem sehr klaren und unbedingt befolgbaren „Nein!“. Jede Lebensphase der Kindelein brachte die Notwendigkeit der Neuanpassung und des Überdenkens. Der Einjährige, der wirklich gerne beim Kochen helfen wollte, durfte, endlich als Zweijähriger feinmotorisch etwas fitter, statt nur Kartoffeln in den Topf zu werfen, diese auch schälen, der Zweijährige, der in Reichweite an der Straße sein musste, durfte als Dreijähriger bis zur nächsten Ecke vor laufen. Der Siebenjährige hatte nach Logo! Feierabend, der Achtjährige durfte die Tagesschau dranhängen. Spitze Gegenstände dürfen sie übrigens noch immer nicht in Steckdosen stecken, es sei denn, sie haben einen triftigen Grund und vorher die Sicherung rausgedreht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses „unerzogen“ gar nicht so weit von unserem „bedürfnisorientierten Ansatz mit klarer Ansage bei Bedarf“ abweicht. Außer dass es vielleicht anders heißt und sich aufgrund seiner schwammigen „nichtneinsagenweildasKindsonstirgendwieblabla“-Regeln für mich ziemlich stressig liest.

Von „sanfter Einschlafbegleitung“ las ich neulich übrigens auch. Und dass das Kind einfach selbst entscheidet, wann es schlafen will. Da zuckte es doch sehr in meinem Augenlid, denn ich bin ja nun stolze Mutter von drei Kindern, die alle drei höchst unterschiedliche Schlafgewohnheiten pflegten und hätten sie diese ausleben können, wären meine Schlafgewohnheiten leider komplett untergangen, bzw. einfach abgeschafft worden.

Nähkästchen auf:

Als ambitionierte Neumutter hatte ich beschlossen, dass mein frischgeborenes Baby nirgendwo besser schlafen würde als ganz nahe bei mir. In meinem Bett. Nicht bedacht dabei hatte ich, dass ich nicht schlafen kann, wenn jemand mit in meinem Bett liegt. Also ganz unmittelbar neben mir. Der beste Vater meiner Kinder und ich können prima auf unserer zwei Meter breiten Matratze nebeneinander schlafen, bei geringerem Abstand wird es aber kritisch, denn da atmet dann jemand neben mir. Oder röchelt oder schnorchelt oder im Falle des neugeboren Großen: macht all diese niedlichen Babygeräusche, die Neugeborene eben tun. Die Folge war, dass ich nicht mehr schlief, weil ich zuhören musste, ich daraufhin sehr gestresst war, was wiederum das Baby und den besten Vater meines Babys stresste, was wiederum dazuführte, dass das Stillen schrecklich wurde, weil ich nur noch müde und schlechtgelaunt war und so weiter und so weiter. Und dann schlief das Baby im Stubenwagen und siehe da: Frieden und Stille(n). Trotzdem wollte ich das Baby sanft in den Schlaf geleiten und trug es deshalb, wenn es aussah, als wolle es längere Zeit am Stück schlafen (der Große schlief nicht allzu viel), bis zu einer Stunde lieblich vor mich hin singend, bis es endlich an meiner Schulter einschlief und ich es sachte ablegen konnte. Als ich meinen ziemlich großen Anderthalbjährigen über meinen recht stattlichen Zweitbabybauch drapierte und ihn singend eine Stunde durch die Gegend schleppte, verlor ich etwas die Geduld mit der sanften Einschlafbegleitung und deshalb taten wir das, was heutzutage wirklich, wirklich schlimm ist und zartfühlende Gemüter mögen erst nach dem nächsten Absatz weiterlesen: wir lasen das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ und folgten den Empfehlungen. Ab dem dritten Abend schlief unser großer Sohn nach Geschichte und Gute-Nacht-Kuss friedlich in seinem Bett ein und tut das bis heute so, minus Geschichte und Kuss, aber ohne Alpträume oder unaufgearbeitete Traumata. Die Mittlere schlief von Anfang an in Stubenwagen und Bett, immer dann, wenn der Große dies tat und der Jüngste schlief einfach überall, mit zwei Geschwistern vermutlich froh, wenn er mal ein ruhiges Stündchen hatte.

Weiterhin las ich, dass man Kinder nicht mehr mit Brei füttert, sondern ihnen irgendwas in die Hand drückt, an dem sie herumlutschen können. Vermutlich ist das ganz super begründet und irgendwie auch total wichtig, aber wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich für solche Experimente wenig Zeit und Nerven. Der Große stieg von Milch auf Karottenbrei und irgendwann auch Griesbrei um, Kartoffeln, Fleisch und andere Gemüse kamen nach und nach hinzu. Er hielt Löffel in der Hand, während ich im Löffel in den Mund schob, er patschte Löffel in den Brei und schob sich Breilöffel ins Haar und Ohr, aber letztlich wurde er immer satt und das zügig, was prima war, weil das Neugeborene nach Milch krähte. Vielleicht ist es für Kinder wirklich eine Super-Erfahrung, ihr Essen zu entdecken, doch für uns war es keine erstrebenswerte Erfahrung, kostbare Lebensmittel unter Tisch und Stuhl und in Klamotten und Haare geschmiert zu finden oder angelutscht irgendwann zu entsorgen. Aber das ist wohl Einstellungssache, genauso wie die faszinierende Idee, Babys ohne Windeln großzuziehen. Das wäre mir wirklich, wirklich zu anstrengend gewesen, meine Kräfteressourcen verteilte ich lieber anders. (und experimentierte mit Stoffwindeln zum Beispiel. Kurz.) Die Geschwister des Großen stiegen übrigens quasi von der Milch auf Butterbrot um, der schiere Futterneid ließ sie alles haben wollen, was der vergötterte große Bruder da bekam.

*****

Ich gebar ein Kind stationär im Krankenhaus, eines ambulant und eines daheim. Eins wurde sehr viel früher eingeschult, eines kurz vor sechs und eines deutlich später. Ein Kind stillte ich vier Monate, eines acht und eines über ein Jahr. Ein Kind bekam im ersten Lebensjahr keinen Zucker, ein anderes Kind nuckelte im zarten Alter von fünf Monaten an einem Schokocroissant, ein Kind konnte mit drei Radfahren, ein anderes erst mit neun.

Keines meiner Kinder war beim Babyschwimmen, Babyyoga, wurde massiert oder mit Mozart zur Hirnbildung beschallt, wir besuchten keinen PEKIP-Kurs oder den Kurs zur musikalischen Frühförderung. Alle lernten früh schwimmen, standen früh auf Inlinern. Der Große besuchte mit vier einen Kurs, in dem getöpfert und gleichzeitig Englisch gelehrt wurde. Das hatte damals seine Berechtigung, ist aber schlimmstenfalls die Erklärung, warum er Fremdsprachen nicht wirklich super findet, wer weiß das schon. Worauf ich hinaus will nach diesem langen, vielleicht doch ein bißchen „seht mal, wie toll das bei uns lief“- Text (Verzeihung, war nicht alles rosig und richtig. Echt!): allein meine drei Kinder sind mit verschiedensten Ansätzen, Ideen und Vorstellungen großgezogen und erzogen worden, hoffentlich immer so, wie sie oder eben auch wir es gerade brauchten. Kein Erziehungsratgeber, kein Blog, keine andere Mutter (und sei sie noch so super, souverän, kompetent oder erfahren) kann umfassend und allgemeingültig _DIE_ Methode benennen und definieren, wie das Zusammenleben mit Kindern erfüllend, schön und letztlich auch zielführend gestaltet werden muss. Und genauso kann niemand beurteilen, und sei er noch so super, souverän, kompetent und erfahren oder denkt, er sei dies alles, ob irgendjemand alles falsch oder richtig macht. Erziehung – und ja, ich bleibe bei diesem Begriff – erfordert Phantasie, Selbstbewusstsein, Aufmerksamkeit und jede Menge Liebe. Kein Tipps, Ratschläge und Vorschriften. Und keine „Mommy Wars“. Es ist großartig, dass es so viele Ansätze und Ideen gibt, doch niemand muss sich unter Druck setzen, um einem gerecht zu werden, denn niemand passt genau in das Förmchen der super-souveränden-kompetente und erfahrene Blogkollegin* oder deren Kinder, es gibt nicht den einen Stil, die eine Methode. Das wäre auch wirklich langweilig. :)

 

Wir, der beste Vater meiner Kinder und ich, sind übrigens fertig mit diesem Erziehungsdings. Unsere Erfahrung ist, dass mit ca. 14 Jahren der Zug abgefahren war. Alles, was wir bis dahin nicht „verankert“ hatten, lief ins Leere. Danach begann unsere Zeit auf Augenhöhe, nicht nur körperlich. (ein tolle Zeit! Lassen Sie sich bloß keine Angst vor dieser Pubertätsunkerei einjagen!)

 

*sorry Blogkollegen, aber Ihr seid mir bisher einfach noch nicht so „ich weiß es echt besser, wirklich“- schreiend aufgefallen.

Zwei große Pakete standen gestern im Weltladen, beide voller Geschirr, das wir noch für die Wiedereröffnung bestellt hatten. Ich musste auspacken, die Ware überprüfen, auszeichnen und zuletzt hübsch ins Regal packen.

Eine zeitaufwändige Sache, doch meistens geht mir so etwas schnell von der Hand. Gestern aber nicht, denn gestern musste ich ganz viel aus dem Schaufenster schauen und amüsiert grinsen. Weil: gegenüber des Weltladens ist ein Pokétreff. Und weil gestern das Spiel pokémonGO epidemieartig auch Nierstein überschwemmte, konnte ich sehr viele Jugendliche beim Pokémonfangen beobachten. Praktischerweise wurde halbstündlich ein Lockmodul geschaltet, so dass ich nicht nur beobachten, sondern auch viele tolle Pokémons selbst fangen konnte.

Die Epidemie hat mich nämlich auch erwischt und ich verfalle ihr nur allzu gern! Es ist einfach zu witzig, diese merkwürdigen Pokémons aufzustöbern und letztlich auch zu fangen. Dass man sich dabei draußen auch noch bewegen muss, ist ein erfreulicher Nebeneffekt und sollte doch der „die Jugend von heute versauert vor ihren Endgeräten“-Fraktion den Wind aus den Segeln nehmen.

Früher (2005) jagte man Pokémons übrigens so:

Fernsehen war zu dieser Zeit weitestgehend uninteressant, am Computer spielen oder mit dem Gameboy zu versacken hingegen das Allergrößte. Es begann also das Thema „Medienerziehung“ bei uns und wenn ich heute Artikel zu „unerzogen“ und „selbstbestimmt“ lese, muss ich schon sehr kichern, denn ohne Reglementierung und Einmischung von uns Eltern wären die Kindelein hinter diesen Geräten vor Faszination vermutlich schlicht verhungert. (Wir beschlossen übrigens: eine Stunde Medien, welcher Art auch immer, ansteigend mit wachsendem Alter, Hausaufgabenrecherche am Rechner zählt nicht. Falls es Sie interessiert.)

Wenn die Kindelein in ihren Betten lagen, durfte endlich ich auf dem Gameboy Pokémons jagen. Allerdings niemals meinen Spielstand speichern, denn ich spielte ja das Spiel der Kinder weiter, mehrere Accounts konnte man nicht anlegen. Angefangen zu spielen hatte ich, weil ich natürlich wissen wollte, was die hinreißenden Bestien da so fesselte, weitergespielt hatte ich, weil es mich gleichermaßen fesselte. Gameboy/Pokémon-Verbot gab es übrigens auch zwei,dreimal für den Großen, als jeder seiner Sätze mit dem Namen eines Pokémons begann und sein Leben nur noch um dieses Thema kreiselte. Die anderen beiden stiegen nie so exzessiv ins Thema ein. Ich schon, ich bekam eine Sehnenscheidenentzündung vom Daddeln und das war mir dann auch eine Lehre.

Damals war das neu, dieses Spielen an Gameboy oder Computer. (am Computer übrigens die grandiosen Spiele von Terzio. „Klopf an!“ als Einstieg, später die verschiedenen „Max und …“-Spiele. Oder die witzigen „Petterson und Findus“-Spiele.) Wir Eltern hatten keine Ahnung, was das mit unseren Kindern macht. Ob sich nun alle Kinder plötzlich in zappelige Hibbelkinder ohne Konzentrationsvermögen verwandeln würden, sie früher oder später erblinden könnten oder von Stund an einsam, als bleiche Made, sich nur noch von Pizza ernährend vor dem Rechner versacken würden. Im Freundeskreis diskutierten wir heiß, letztlich suchte jede Familie die für sich beste Lösung. Unsere – schnell zusammengefasste – Lösung war: Faszinierendes Zeug, Zugang ermöglichen, immer am Ball bleiben und ein bißchen darauf achten, dass der Stellenwert nicht zu hoch wird, Alternativen finden. Und auf gar keinen Fall verteufeln oder verspotten, stattdessen interessiert und tolerant für vielleicht Neues/Merkwürdiges sein.

Damit lebten wir prima.

Ein paar Jahre später boomte geocaching. Mit dubiosen Kästchen in der Hand wanderten Menschen durch teils unwegsames Gelände, um Plastikdosen zu finden und sich in ein Logbuch einzutragen. „Kann man nicht einfach nur wandern?“, fragten viele Menschen, „Immer muss alles irgendwie mit Computern zu tun haben.“ Wir cachten mit Begeisterung und befanden: „Ja, dank Computer macht dieses Rumwandern noch viel mehr Spaß! Auch – und gerade – den Kindern.“

Die Kinder bekamen eigene Rechner, eine Wii zog ein. Die Kinder kauften sich neue, bessere Computer und jedes besaß plötzlich ein Smartphone. Sie verbrachten und verbringen sehr viel Zeit an und mit diesen Geräten, genauso wie wir Eltern. Nebenbei haben sie es aber trotzdem geschafft, lebenstüchtige, kluge junge Erwachsene mit stabilem Freundeskreis zu werden. (wir klopfen uns dafür selbstverständlich auf die Schulter und ich werde demnächst ultimative und allgemeingültige Ratgeber schreiben, um mir endlich eine goldene Nase damit zu verdienen)

Ich spiele nicht mehr jedes Conputerspiel um mitreden zu können, halte aber beim Internetgeschehen ganz gut mit. Und versuche weiterhin tolerant und interessiert Neuem/Merkwürdigem gegenüber zu sein. Weil es nämlich neu ist und wir noch gar nicht wissen können, ob es wirklich so furchtbare Dinge mit uns Menschen anstellt, wie man befürchten könnte. Gestern habe ich erlebt, wie sich verschiedenste Jugendliche an der frischen Luft (!) trafen, die einzige Schnittmenge der Gruppen war ein ziemlich schlichtes Computerspiel. Alle freuten sich, als ein Enton auftauchte, alle waren sich einig, dass es viel zu viele Taubsis und Zubats gibt. Team Rot saß bei Team Blau und als einer von Team Gelb vorbei kam, wurde er bemitleidet, weil er so alleine war.

Es klingt merkwürdig, was diese Pokémonspieler da sprechen und ein bißchen dämlich sieht es auch aus, wie sie da rumstehen und mit dem Zeigefinger über eine Glasplatte zu wischen, um ein virtuelles Wesen zu fangen. Das muss aber niemandem Angst oder Sorge bereiten, denn da haben Menschen einfach nur Spaß an etwas Neuem. Kein Grund zu spotten oder abwertende Bemerkungen zu machen.

Morgen freuen sich wieder alle über Fußball. Oder das Dschungelcamp.

12 von 12, verspätet

13. Juli 2016

12 Bilder am 12. eines jeden Monats, hier gesammelt. 

Der Niersteiner Weltladen wurde saniert/renoviert und neu möbliert. Das Einräumen und Dekorieren des Ladens lag und liegt in meinen Händen, seit Montag bin ich damit beschäftigt. (deswegen auch die Verspätung)

Der Tag begann wie die meisten Tage mit einer Tasse Kaffee im Bett.

Die Mückenplage ist in diesem Jahr wieder sehr groß. Ich versuche das gemeine Mückensirren vor dem Einschlafen und das noch gemeinere Jucken der vielen Stiche zu ignorieren – es fällt mir schwer. Außerdem macht es mich irrational wütend, dass man abends nicht draußen sitzen kann. Oder tagsüber im Weltladen arbeiten möchte, denn auch dort wimmelt es von Stechmücken. Deshalb musste ich nach dem #wanderspiegel – Bild 


und einer kurzen Runde durch den Garten zu diesem Mittel greifen:


Ich mag es nicht, doch es ist das Mittel, das mir am Besten hilft. Oma Eis schwört auf eine Mischung aus Olivenöl und Nelken, die aber nicht nur Stechmücken sondern auch mich abhält, sie verursacht mir Brechreiz.

Ich schwang mich aufs Rad und war kurze Zeit später vor Weltladen.


Weder von außen noch von innen war der Laden besonders einladend,


sehr viel Arbeit wartete auf Oma Eis und mich. Grund genug, erstmal im Chaos zu frühstücken.


Ein paar Stunden später, nach einer Menge Hin- und Herräumerei, Staubwischerei und Etikettenschreiberei sah es fast perfekt aus!

Die Lebensmittel fein säuberlich aufgereiht auf der einen Seite,


Handwerk, Geschirr und Schnickeldi hübsch dekoriert auf der anderen Seite. Heute kamen noch drei weitere sehr große Pakete voller Handwerk, weswegen ich die Regale größtenteils nochmal umräumen musste. Tja.

Am späten Nachmittag beendeten wir das Einräumen vorerst und aus einem „daheim lege ich ganz kurz die Beine hoch“ wurde ein „huch, eine Stunde tief und fest geschlafen.“ (ich schlafe nachts sehr, sehr schlecht im Moment, vermutlich gab es da Nachholbedarf.)

Jetzt aber zackzack. Der gar nicht mehr so kleine Hund verlangte nach der abendlichen Hunderunde,


der Garten braucht Wasser. 


Das Gemüse sieht relativ zufrieden aus, die Blumen bräuchten mehr Wasser. Doch da ich jeden Liter mühsam aus der Erde pumpen muss, setze ich da Prioritäten und baue auf Regenschauer für die Blumen.

Nach dem Gießen in #ernelsgarten, waren noch die Ländereien zu versorgen. 


Der Salat im Hochbeet schießt, schmeckt aber prima. Leider nicht zur geplanten Pizza, da sich der Lieblingsitaliener im Urlaub befindet und die Alternative Dienstags Ruhetag hat. So gab es eben nur gebackene Nudeln auf dem Sofa (und Salat dazu).


Außerdem begann es zu regnen und das war dann ja für die Blumen prima.

Gestern war in Wallerfangen ein Keramikmarkt. Wallerfangen ist bekannt für sein (altes) Villeroy&Boch – Geschirr und auf diesem Markt lassen sich echtenSchätze erjagen. Die Oppenheimer Freundin kommt ursprünglich aus dieser Kante und freut sich jedes Jahr auf den ersten Sonntag im Juli, wenn der Markt stattfindet. Und dieses Jahr nahm sie mich mit. Zum Glück!

Ich mag schönes Geschirr sehr gerne und jetzt, wo die Familie endlich, endlich aus dem zerbrechlichen Alter heraus ist, gedenke ich mir auch schönes Geschirr zu gönnen. Ein paar Stücke jedenfalls.

Angefangen habe ich gestern mit diesen wunderschönen Terrinen, der Kaffeekanne und dem Milchkännchen.


„Burgenland“ in blau, passt prima zu meinem blauen Friesland. :) Gelernt habe ich gestern, dass die Stempelfarbe etwas über die Qualität des Geschirrs aussagt. Die Terrinen haben einen blauen Stempel, sie sind also zweite Wahl. Die Kannen haben einen grünen Stempel, sie sind perfekt. Perfekt sind alle Stücke für mich, noch perfekter auch deshalb weil jedes Stück nur zwei Euro kostete.

Etwas ausgefallener und ein klitzekleines Bißchen teurer war dieses Geschirr:


Ziemlich alt, Ende Jugendstil vermutlich. Ich schlich ziemlich lange um den Stand herum, vermutlich so lange, bis der Verkäufer hinreichend eingeschüchtert war und mir das Geschirr für 60,-€ verkaufte. Ein Blick ins hilfreiche Internet zeigte, dass ich damit wohl ein echtes Schnäppchen geschossen habe. Obendrein bin ich sehr verliebt in meine Fischteller.

Am allerallertollsten war aber der Fund dieser Schüssel aus Glas.


„Unser täglich Brot gib uns heute“ steht auf dem Rand und naja, das ist irgendwie kitschig und so sehr habe ich es ja nicht mit der Religion. Aber lassen Sie mich ausholen:

Meine Großeltern wurden als Banatdeutsche von Tito aus ihrer Heimat – Jugoslawien – vertrieben. Nach Internierungslager und Entbehrungen kamen sie zusammen mit meiner damals fünfjährigen Mutter in ein winziges Dorf in Rheinhessen. Nur mit dem was sie am Leib trugen und was in den kleinen Koffer passte. (ein Nudelholz zum Beispiel, mit dem der beste Vater meiner Kinder am Samstag den Pizzateig ausrollte) Eine Nachbarin war in Sorge: „Was wärd dann dess jung Fraasche ihrm Kind schunn koche kenne?“ und brachte zur Begrüßung Kartoffelsalat in einer Glasschüssel. 

Diese Glasschüssel war bei Oma Eis täglich in Gebrauch und sie zersprang vor ein paar Wochen in tausend Scherben, als ein Gewürzglas darauffiel. Man kann wegen einer zerbrochenen Glasschüssel weinen, wenn sie so viele Erinnerungen trägt.

Die „neue“ Glasschüssel ist nicht die, die ursprüngliche Erinnerungen trägt. Sie ist jetzt zuständig für die Erinnerung an die Erinnerung. Das klingt kompliziert, aber vielleicht verstehen Sie ja was ich meine.

(und genau wegen solcher Geschichten, werden wir hier immer zwischen Krusch, Kram und Krempel leben. „Unwichtige“ Dinge, die Erinnerungen tragen und die Geschichten erzählen. Bleiben Sie mir weg mit diesem reduzierten Wohnen!)

Zweieinhalb Tage hatten wir noch Zeit in und für Dublin. Da sämtliche meiner Knie nach Pause und Erholung riefen, verfielen wir endlich den Verlockungen der „hopp-in, hopp-off“-Busticketverkäufer und erstanden ein Ticket für die _grüne_ Touristenbuslinie. Es gibt auch noch eine rote, aber man hatte uns ausdrücklich die grüne empfohlen, warum auch immer. Diese Touristenbusse sind schon eine nette Sache, denn wie der Name schon verspricht: man kann an sämtlichen Bushaltestellen aus- oder einsteigen, mit Tages-, 2-Tages- oder Mehrtagestickets. Und wenn man ganz großes Glück hat, erwischt man einen Bus, der nicht nur auf die touristischen Attraktionen der Stadt vom Band (mehrsprachig per Kopfhörer) hinweist, sondern einen, in dem ein gut gelaunter, äußerst witziger Busfahrer live kommentiert und dazu Schwänke aus seinem Leben erzählt.


 Für wundgelaufene Gliedmaßen die beste Erholung, erst eine Tour durch die Docks und später dann direkt noch die ganz große Stadtrundfahrt, die zwei Stunden dauert. Irgendwo sehr weit außerhalb mussten wir dann den Touristenbus wegen einer Panne verlassen, doch der direkt hinter uns fahrenden Bus sammelte uns auf und somit mussten wir keine Angst haben, in der fremden Stadt verloren zu gehen.


 Außer Busfahren fand an diesem Tag nur noch ein bißchen Shoppen statt. Da meine Softshelljacke nach der Wanderung eher unangenehm roch und ich dubiose Erfrierungsängste hatte, hatte ich mir in den Kopf gesetzt,eine Fleecejacke als Ersatz kaufen zu müssen. Ich fand keine und ein Blick auf die Wettervorhersage für Deutschland machte mir klar, dass ich auch keine brauchen würde. Aber Mitbringsel für Kinder und Freunde fanden sich und der Tag endete mit den zweitbesten Fish&Chips Dublins. (Und einem Bier im Hotelbett, zu müde und verfroren für Livemusik in Pubs)

Am nächsten Tag wurde mein Urlaubswunsch erfüllt! Einmal ans Meer! Mit dem Dart, einer Art S-Bahn fuhren wir ein knappes Stündchen bis Killiney. Kurz nach Eintreffen an der irischen See, knapp nachdem ich Schuhe und Socken abgeworfen und barfuß ins Wasser gestürmt war, kam die Sonne. Unverhofft, aber gerne gesehen!


Wir spazierten den Strand hoch und runter, sammelten sehr viele wunderschöne Steine und genossen Meerwind und Sonnenschein. Wie gerne wäre ich schwimmen gegangen, aber es war einfach zu kalt. Um wenigstens ein bißchen Sport zu machen, kraxelten wir 150 Höhenmeter nach oben, zum Obelisken.


Der steht da halt so rum, vermutlich damit man einen Grund hat, den Strand zu verlassen. Um den Obelisken herum gab es Gegend, alte Gemäuer, das burgähnliche Haus von Enya und Bonos erschreckend spießiges Anliegen. Und einen wahrhaftig phantastischen Ausblick, an klaren Tagen angeblich bis nach Wales.


Wir stiegen wieder runter und in den nächsten Dart, der uns zurück in die Stadt fuhr. Viel frische Luft, ein längerer Spaziergang und auch an diesem Abend kein Livegesang in einem Pub für mich. (Livegesang hatten wir genug, denn unser Hotelzimmerfenster ging in Richtung eines Casinos, das links und rechts von Pubs gerahmt wurde. Sehr viel Livegesang, in unterschiedlichsten Sprachen. Zu später Nachtstunde auch untermalt von Rotz- und Kotzgeräuschen. Doch dazu in einem anderen Artikel mehr)

Der letzte Tag in Dublin brach an. Letzte Tage sind schwierig für mich, weil ich den ganzen Tag auf die Uhr schauen muss, um ja nicht irgendwelche Buss, Züge oder Flüge zu verpassen. Trotzdem gelang es uns prima den Tag mit Kaffee und Kuchen, einer Ausstellung zu dem Aufstand, der vor 100 Jahren in Dublin stattfand und der Besichtigung des „Book of Kells“ zu füllen. Ich kaufte mir schrecklich kitschige Lederarmbändchen mit silbernen Kleeblattanhängern und einen Flaschenöffner auf dem „Guinness“ steht zum an die Wand schrauben für das Rosa Gartenhüttchen. Und schon war es Zeit, unser im Hotel deponiertes Gepäck zu holen und mit dem Bus zum Flughafen zu fahren. Mit einer halben Stunde Verspätung ging es mit dem Airbus aus der „Sendung mit der Maus“ nach Frankfurt, mit der S-Bahn nach Mainz, wo uns der große Sohn um 23:00 Uhr dann abholte.

Daheim freuten sich sämtliche Kinder und Haustiere über unsere Heimkehr und ich freute mich vor allem auf mein Bett. Irische Betten … ich sag’s Ihnen! In denen kann man nur schlafen, wenn man mindestens 20 Kilometer vorher gewandert ist.

Ein grandioser Urlaub! Und demnächst empfehle ich Ihnen, die Sie jetzt auch dringend den Wicklow Way wandern wollen, in welchen B&Bs es hübsch ist und verrate super geheime Geheimtipps!